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Duvnjak führt neuformierten THW zum Sieg über VfL

Der neue Kapitän hat das Ruder übernommen: Domagoj Duvnjak führte die neuformierte Zebraherde mit neun Treffern zum 31:26 (14:11)-Erfolg über den VfL Gummersbach, für den Europameister Julius Kühn acht Mal traf. In einer keineswegs überharten Partie, in dem beide Teams aufgrund einer Zeitstrafen-Flut selten mit sechs Feldspielern agieren durften, lagen die Zebras bis zur 20. Minute zurück. Zur Pause hatten sie sich einen Drei-Tore-Vorsprung herausgeworfen, die Entscheidung fiel allerdings erst in der Schlussphase.  

Ehrung für zehn EM-Teilnehmer

EM-Atmosphäre vor dem Anpfiff: Alle Halbfinalisten der Europameisterschaft in Polen wurden nach dem Einlaufen in die ausverkaufte Sparkassen-Arena geehrt. Viel Arbeit für Frank Dahmke und Olaf Berner aus dem THW-Aufsichtsrat, galt es doch mit dem EM-Vierten Erlend Mamelund, den Bronzemedaillen-Gewinnern Domagoj Duvnjak und Ilija Brozovic, Silbermedaillen-Gewinner Joan Canellas und den Europameistern Carsten Lichtlein, Julius Kühn, Simon Ernst (alle VfL Gummersbach) sowie den Kieler Gold-Zebras Rune Dahmke, Steffen Weinhold und Christian Dissinger gleich zehn Spieler mit einer Doppel-Magnum-Flasche Sansibar-Sekt zu bedenken. Die Europameister wurden mit stehenden Ovationen gefeiert.

Drei Neue im THW-Kader

Drei Treffer und tolle Anspiele beim Debüt: Blazenko Lackovic
© Sascha Klahn

Danach mussten sich die THW-Fans an viele neue Gesichter im schwarz-weißen Trikot gewöhnen: Durch die langfristigen Verletzungen von Patrick Wiencek, Rene Toft Hansen, Weinhold und Dissinger galt es, die helfenden Neuzugänge Nummer drei, vier und fünf zu begrüßen: Blazenko Lackovic, Brozovic und Dener Jaanimaa - alle in der EM-Pause verpflichtet und erst seit Kurzem im Training beim Rekordmeister - standen gegen den Altmeister aus Gummersbach erstmals im THW-Kader, Lackovic debütierte sogar von Beginn an und traf nach 11:51 Minuten erstmals als "Zebra" ins Tor.

THW läuft Rückstand hinterher

Energiegeladener Auftritt: Dominik Klein traf fünf Mal
© Sascha Klahn

THW-Trainer Alfred Gislason musste sein Team in der EM-"Pause" gleich mehrfach umbauen. Und so stand beim Anpfiff eine Defensive auf dem Platz, die so noch kein Spiel und nur wenige Trainingseinheiten gemeinsam absolviert hatte. Mittendrin auch Igor Anic - allerdings kassierte der Kreisläufer nach 19 Minuten bereits seine zweite Zeitstrafe. Bis zu diesem Zeitpunkt war der THW Kiel, bei dem - verständliche - Abstimmungsprobleme im Angriff zu technischen Fehlern führten, einem Zwei-Tore-Rückstand hinterher gelaufen, hatte beim 7:7 (15.) durch Ekberg erstmals wieder ausgeglichen, geriet dann aber durch zwei verwandelte Siebenmeter von VfL-Neuzugang Kevin Schmidt wieder mit 7:9 ins Hintertreffen. In Unterzahl bediente Lackovic den an den Kreis eingelaufenen Ekberg zum 8:9, und kurz darauf erzielte Klein den Ausgleich (22.). 

Doppelte Unterzahl weckt THW und seine Fans

Überragend: Kapitän Domagoj Duvnjak erzielte neun Treffer
© Sascha Klahn

Kurz nachdem Duvnjak die Zebras in Führung geworfen hatte, wurde es richtig turbulent: Erst musste Brozovic für zwei Minuten auf die Bank, 16 Sekunden später folgte ihm Mamelund. Die doppelte Überzahl war allerdings kein Vorteil für den VfL: Vielmehr weckte sie den THW und dessen bis dato verhaltenen Fans, die nun die numerische Unterzahl mit Unterstützung aufwogen. Erst schnappte sich Duvnjak einen Pass und traf im Gegenstoß zum 11:9, dann hielt Niklas Landin gegen Mark Bult - die Arena kochte. Nur ein Gegentor ließen die "Zebras" in dieser kniffligen Phase zu, und nach Kühns erstem Treffer zum 11:12 sorgten Lackovic und Klein bis zum Wechsel für eine Drei-Tore-Führung.

Mamelund muss früh passen

Drei Zeitstrafen, frühes Rot für Erlend Mamelund
© Sascha Klahn

Mit Ekbergs spektakulärem Dreher in die kurze Ecke starteten die "Zebras" in den zweiten Abschnitt. Mit zwei schnellen Gegenstoß-Toren durch Marko Vujin und Klein erhöhten die Gastgeber die Schlagzahl auf 17:12. Dann musste Gislason erneut nachjustieren: Mamelund kassierte seine dritte Zeitstrafe und musste seinen Defensiv-Platz räumen, jetzt brachte Gislason seinen letzten verbliebenen Mann für die Abwehr-Mittelposition: Joan Canellas, von Rückenbeschwerden geplagt, stellte sich in den Dienst der Mannschaft. Das musste der Spanier auch, denn richtig abschütteln konnte der THW den VfL nicht. Das lag vor allem an Kühn: Der Gummersbacher Rückraumspieler traf im zweiten Abschnitt aus allen Lagen, erzielte sieben seiner acht Tore nach dem Wechsel.

Kühn hält VfL im Spiel

Traf aus allen Lagen: Europameister Julius Kühn
© Sascha Klahn

Kühn war es auch, der Gislason mit seinem Anschlusstor zum 17:19 (43.) zur Auszeit zwang. Dass Alexander Becker kurz darauf nach einem Foul ebenfalls die - zu harte - Rote Karte sah, schien dem THW in die Karten zu spielen: Ekberg verwandelte den fälligen Siebenmeter zum 20:17, und Vujin ließ krachend das 21:17 folgen. Nun hatten die "Zebras" auf jedes VfL-Tor eine prompte Antwort parat, zumal auch die Deckung zunehmend an Sicherheit gewann. Doch auch nach Ekbergs 25:19 (48.) war die Partie nicht vorentschieden: Kühn konterte zwei Mal, und als Duvnjak beim Wurf ungeahndet gefoult wurde und Pevnov den Gegenstoß zum 23:26 (52.) verwandelte, holte sich Gislason wegen Reklamierens die Gelbe Karte ab. 

Kieler Fan-Protest gegen VfL-Strafe

Kurz darauf griff das Schiedsrichter-Gespann Baumgart/Wild wieder ein, schickte den ruhigen Niklas Landin nach einem Hauch von Protest gegen eine Fehlentscheidung für zwei Minuten vom Feld - jetzt brodelten die Emotionen auf den Tribünen, war dies doch nicht die erste überharte Entscheidung des Abends. Es sollte auch nicht die letzte gewesen sein. Als Gummersbachs Christoph Schindler im Zurücklaufen nach einem Pfiff leicht abwinkte, musste auch er runter: Begleitet von lautstarken Protesten gegen diese Entscheidung der Kieler (!) Zuschauer. Handball durfte danach auch noch gespielt werden: Und das war - aus Kieler Sicht - auch gut so. Nikolas Katsigiannis wischte mit spektakulären Paraden letzte Zweifel am THW-Sieg beiseite, und das überragende Duo Duvnjak/Ekberg setzte mit VfL-Shooter Kühn die Schlusspunkte unter eine turbulente Partie. 

Zwei wichtige Punkte

Am Ende hatte der THW mit einer tollen kämpferischen Leistung allen Problemen getrotzt. Der Lohn: Zwei ganz wichtige Punkte im Meisterschafts-Rennen der DKB-Handball-Bundesliga. Jetzt richten die "Zebras" ihr Augenmerk erstmal wieder auf die Königsklasse. Am Sonntag (19:30 Uhr, live bei Sky) steigt das Landes-Derby in der VELUX EHF Champions League bei der SG Flensburg-Handewitt, und am Mittwoch darauf empfangen die Kieler Orlen Wisla Plock zum vorletzten Heimspiel der Gruppenphase. Für diese Partie erhoffen sich die Schwarz-Weißen wieder eine großartige Unterstützung ihrer Fans. "Sie können uns in dieser Phase richtig helfen", sagt Neu-Kapitän Domagoj Duvnjak. Tickets für das Spiel, das um 18.30 Uhr angepfiffen wird, gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen und online im THW-Ticketshop. Auf geht's, Kiel!

Spielstatistik

THW Kiel - VfL Gummersbach: 31 : 26 (14 : 11)
Bundesliga 21. Spieltag, 10.02.2016
THW Kiel
Landin (1.-53., 7 Paraden), Katsigiannis (53.-60., 3 Paraden); Duvnjak (9), Lackovic (3), Mamelund, Sprenger (n.e.), Ekberg (8/1), Anic, Canellas, Dahmke (n.e.), Jaanimaa (n.e.), Klein (5), Brozovic, Vujin (6/1); Trainer: Gislason
VfL Gummersbach
Lichtlein (1.-31., 52.-60., 8/2 Paraden), Puhle (31.-52., 4 Paraden); Ernst (3), Schindler (1), Kühn (8), Persson, Pevnov (2), Zufelde, Jonsson, Bult (2), von Gruchalla (1), Becker, Schröder (2), Schmidt (7/4); Trainer: Kurtagic
Schiedsrichter
Fabian Baumgart / Sascha Wild
Zeitstrafen
THW: 7 (2x Anic (11., 19.), 3x Mamelund (25., 28., 36.), Brozovic (25.), Landin (53.));
VfL: 6 (2x Schindler (14., 55.), von Gruchalla (17.), Becker (29.), Schröder (29.), Bult (47.)

Rote Karten: THW: Mamelund (3. Zeitstrafe, 36.); VfL: Becker (grobes Foulspiel, 44.)
Siebenmeter
THW: 4/2 (Lichtlein hält Vujin (17.) und Ekberg (49.));
VfL: 4/4
Spielfilm
1. Hz.: 1:0 (2.), 1:2 (5.), 2:2, 2:4 (8.), 3:5, 4:6 (11.), 5:7 (12.), 7:7 (15.), 7:9 (19.), 11:9 (25.), 12:11 (28.), 14:11;
2. Hz.: 15:11 (31.), 15:12, 17:12 (35.), 17:14 (38.), 19:15 (41.), 19:17 (43.), 21:17 (45.), 22:19 (46.), 25:19 (48.), 25:21 (50.), 26:23 (51.), 28:23 (54.), 29:25 (57.), 31:25, 31:26.
Zuschauer
10.285 (ausverkauft) Sparkassen-Arena, Kiel

THW-Trainer Alfred Gislason:

Ich wusste vor dieser Partie wirklich nicht, wo wir stehen. Ich bin ehrlich erleichtert, dass wir gewonnen haben. In den vergangenen Tagen haben wir in vier bis fünf Einheiten versucht, die Neuen einzubauen. Es ist erstaunlich, wie gut Blazenko Lackovic mit all seiner Erfahrung reingekommen ist. Er hat mit viel Übersicht gespielt, auch seine Mitspieler gesehen. Das war wichtig, denn Joan Canellas hat bisher wegen Rückenbeschwerden nicht trainieren können. Als Mamelund dann auch noch runter musste, musste ich Joan doch bringen. Auch Brozovic hat seine Sache gut gemacht. Dule war als Kapitän natürlich überragend.

Beide Seiten waren heute nicht gut, aber trotzdem spreche ich meiner Mannschaft ein Riesen-Kompliment aus: Sie ist nicht eingespielt, und hat trotzdem diesen ganz wichtigen Sieg geholt.

VfL-Trainer Emir Kurtagic:

Glückwunsch an den THW Kiel zu einem verdienten Sieg. Das Team mit der geringeren Fehlerquote hat gewonnen. Wir hatten uns viel vorgenommen und wollten ein gutes Spiel abliefern. Wir haben dann auch gut in die Partie gefunden, aber dann passierten viele kleine Sachen, die das Spiel entschieden. Beide Teams haben nicht gut gedeckt, und beide Teams hatten keine überragende Torhüterleistung, und Kiel hat auch ein wenig Glück. Aber ich war nicht einverstanden mit unserer Abwehr, sie war nicht gut genug, um Kiel ernsthaft gefährden zu können.

THW-Geschäftsführer Thorsten Storm:

Ich bin sehr froh über den Sieg, da wir gefühlt keine Vorbereitung auf dieses Spiel hatten. Dominik Klein hat ein starkes Spiel gemacht, Domagoj Duvnjak war überragend: Wer neun Tore macht, hat viele richtige Entscheidungen getroffen. Das war heute nicht bei allen so. Ich bedanke mich bei meiner Mannschaft für diesen Sieg des Kollektivs!

THW-Neuzugang Blazenko Lackovic in den KN:

Nach dreimal Training lief einiges richtig gut, manches noch nicht. Im Angriff merkte man, dass wir noch nicht so eingespielt sind. Ich freue mich auf die Herausforderung und werde alles geben, um noch besser zu werden.

VfL-Spieler Christoph Schindler in den KN:

Wie im Hinspiel wäre gefühlt mehr drin gewesen. Wir wollten stark in der Abwehr stehen und vorne geduldig auf Chancen warten. Die 6:4-Überzahl, die wir nicht nutzen konnten, war ein Knackpunkt.

Ein irgendwie merkwürdiges Spiel

Kiel. Schon beim Einlaufen der Teams und der anschließenden Ehrung der EM-Helden merkte man den 10 285 Zuschauern in der Sparkassen-Arena an, wie sehr sie darauf gewartet hatten, ihre Zebras wieder begrüßen und feiern zu dürfen. Doch das Bundesligaspiel des THW Kiel gegen den VfL Gummersbach war nur wenige Minuten alt, da wurde es merklich stiller. Der THW begann fahrig und verkrampft, in der Offensive weitestgehend ideenlos und geriet gegen aufmerksame Gummersbacher schnell in Rückstand. Nach acht Minuten führten die Gäste erstmals mit zwei Toren. Die Zebras kamen nicht wie gewünscht aus der EM-"Pause".

In dieser zähen Anfangsviertelstunde war es vor allem Domagoj Duvnjak, der den THW überhaupt in Schlagdistanz hielt. Die Kieler, die in ihrer Anfangs-Sieben drei "Noteinkäufe" (Mamelund, Anic, Lackovic) und den wiedergenesenen Dominik Klein aufboten, versuchten mit ihrer 3:2:1-Deckung, die Kreise der Gummersbacher einzuengen, doch die Gäste, bei denen Europameister Julius Kühn zunächst nur in der Abwehr zum Einsatz kam, waren immer wieder über Außen und den Kreis erfolgreich. Erst als Niclas Ekberg in der 15. Minute ausglich, war der THW in der Partie.

Zur eigenen Leistung traten unglückliche Schiedsrichterentscheidungen, die auch dafür sorgten, dass Igor Anic bereits nach 18 Minuten mit der zweiten Zeitstrafe auf der Bank Platz nehmen musste. So kam Neuzugang Ilija Brozovic nach 20 Minuten zu seinem THW-Debüt - und der neu formierte Abwehrblock aus Duvnjak, Lackovic, Mamelund und Brozovic zwang die Gäste immer wieder ins Zeitspiel. Der Lohn war die erste Kieler Führung beim 10:9 (23.). Nicht einmal zwei Zeitstrafen gegen Mamelund und Brozovic innerhalb von 15 Sekunden und die daraus resultierende doppelte Unterzahl schien den Zebras nun etwas auszumachen: Duvnjak erhöhte im Vier gegen Sechs per Tempogegenstoß auf 11:9, der THW ging nach einem Zeitstrafenhagel auf beiden Seiten mit einem 14:11 in die Pause.

In der Kabine hatte der THW die Verkrampfung ganz offensichtlich gelöst, die Kieler legten im zweiten Durchgang los wie die Feuerwehr und zwangen VfL-Trainer Emir Kurtagic schon nach fünf Minuten zur Auszeit (17:12). Die Zeitstrafen saßen bei den Unparteiischen weiter locker - Erlend Mamelund war schon nach 36 Minuten mit der dritten Hinausstellung aus dem Spiel. Doch der deutlich verbesserte Angriff um die Aktivposten Duvnjak und Neuzugang Lackovic, der sich in den vergangenen Tagen bis in die Nächte hinein mit Videostudium auf seinen ersten Auftritt im THW-Trikot vorbereitet hatte, traf nun konstant.

Hatten es die Zebras geschafft, den Knoten zu lösen, gelang es den Schiedsrichtern mit zweifelhaften Entscheidungen, Bruch um Bruch ins Spiel zu bringen - nicht nur auf Kieler Seite. Zunächst ließen sie unnötige Härte in der Partie zu, nur um sie wenige Minuten später mit einer unverhältnismäßigen Roten Karte gegen Gummersbachs Alexander Becker zu bestrafen. Das führte sogar bei den Kieler Fans zu Kopfschütteln und lautstarken Protesten.

Der THW zog ungerührt seine Runden, drückte aufs Gaspedal, lag 13 Minuten vor Schluss mit sechs Toren vorn (25:19). Die Gäste erholten sich nicht mehr, obwohl Julius Kühn in den letzten Minuten als Rückraumschütze glänzte, insgesamt 8 Treffer erzielte. Fragwürdige bis unverständliche Schiedsrichterentscheidungen prägten auch die Schlussphase - und trafen auch den als ruhigen Vertreter bekannten Torhüter Niklas Landin, der wegen Meckerns hinausgestellt wurde. Am Ende siegte der THW in einem irgendwie merkwürdigen Spiel dank eines überragenden Domagoj Duvnjak (THW-Geschäftsführer Thorsten Storm: „Ein echter Kapitän“) und einer deutlichen Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit mit 31:26.

8Von Niklas Schomburg, aus den Kieler Nachrichten vom 11.02.2016)

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