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Neun-Tore-Erfolg: THW mit souveränem Sieg über Leipzig

Der THW Kiel hat in der DKB Handball-Bundesliga zum Tabellenführer Rhein-Neckar Löwen aufgeschlossen: Mit einem 30:21 (18:12)-Sieg gegen den starken Aufsteiger SC DHfK Leipzig zogen die Kieler nach Punkten mit den Mannheimern gleich und taten zudem noch etwas für das Torverhältnis. Beste Schützen in einer Partie, in die der THW anfangs nur schwer hinein kam, waren Domagoj Duvnjak (8) und Marko Vujin (8/4). Niklas Landin erzielte mit dem zwischenzeitlichen 13:9 aus 38 Metern (!) sein zweites Bundesliga-Tor im THW-Dress.

Gäste gehen in Führung

Jubel: Igor Anic freut sich über den doppelten Punktgewinn.
© Sascha Klahn

Die Leipziger hatten sich acht Tage lang auf das erste Pflichtspiel in der Sparkassen-Arena vorbereiten können. Ausreichend Zeit für DHfK-Trainer Christian Prokop, sich eine besondere taktische Variante für das Spiel beim Rekordmeister zu überlegen: Er setzte im Angriff von Beginn an konsequent auf den siebten Feldspieler, das Tor blieb verwaist. Philipp Weber, vor dem fehlenden Philipp Pöter bisher bester Torschütze seines Teams, streifte sich das Leibchen über. Diese Variante war zunächst erfolgreich: Leipzig schaffte es gegen die offensive Kieler Abwehr, Überzahlsituationen zum Torabschluss zu bringen. Die Folge: Mit einer 3:0-Serie, begünstigt durch einige Paraden des Ex-HSVer Jens Vortmann zog Leipzig auf 6:4 davon (10.). Gut, dass Vujin in dieser Phase mit tollen Aktionen die Gäste-Führung konterte. 

Defensive Abwehr überzeugt

Torschütze, Siebenmeter-Killer und Rückhalt: Niklas Landin
© Sascha Klahn

Längst hatte Alfred Gislason seinen Abwehrverband auf die 6-0-Linie zurückgezogen. Eine Maßnahme, die Wirkung zeigte. Gegen die defensive Formation tat sich Leipzig deutlich schwerer, zudem arbeitete die neu zusammengestellte Abwehr aufmerksam. Und auch Niklas Landin kam nun in die Partie: Ilija brozovic verwandelte seinen Pass zum 7:7-Ausgleich. Zwar hinderte Roscheck nach einem erneuten Ballgewinn der Kieler Abwehr Duvnjak am Wurf aufs leere Tor, doch so langsam kamen die "Zebras" auf Betriebstemperatur: Joan Canellas bediente Igor Anic am Kreis zum 8:7, und nach Zhediks Ausgleich zum 9:9 war es Zeit für die besonderen Treffer.

Landin trifft aus dem eigenen Torbereich

Der Ball ist drin: "Ersatzkeeper" Philipp Weber holt nach Niklas Landins Tor zum 13:9 den Ball aus dem Netz.
© Sascha Klahn

Erst traf Duvnjak nach der "Schnellen Mitte" zum 10:9, dann erkämpfte sich die THW-Abwehr den Ball, und erneut traf der Kieler Motor: Dieses Mal aus der eigenen Hälfte ins leere Leipziger Tor. Offenbar ein Brustlöser für die Fans und die "Zebras": Jetzt nahm der THW-Express Fahrt auf, Canellas traf nach erneutem Steal zum 12:9. Leipzig suchte nun überhastet den Weg zum Tor - Zhedik verfehlte den Kasten von Niklas Landin, und der Kieler Torhüter traf gedankenschnell aus 38 Metern zum 13:9 - dafür gab es Sonderlob von den Mitspielern und stehende Ovationen auf den Rängen. Prokop nahm die Auszeit, doch mehr als das 11:14 sprang für die Gäste dabei nicht heraus: Dener Jaanimaa erzielte mit seinem ersten THW-Heimtor das 15:11, Duvnjak ließ es beim 16:11 krachen, und als Christian Sprenger in Überzahl zum 17:11 einnetzte, war der Weg zur komfortablen 18:12-Pausenführung geebnet.

Tor-Duo Vujin/Duvnjak überragend

Erneut nicht zu stoppen: Domagoj Duvnjak war Antreiber und Torschütze in einer Person
© Sascha Klahn

Doch der Vorsprung war trügerisch: Leipzig kam besser aus der Kabine und hatte in Vortmann nun einen starken Rückhalt. Die Folge: Mit drei schnellen Toren verkürzte der Aufsteiger auf 15:18 (34.), ehe Duvnjak die Kieler Torflaute beendete und Canellas mit seinem Rückraum-Treffer in den Winkel wieder für ruhigere Mienen sorgte. Bis zum 18:22 (46.) blieben die Messestädter aber dran, dann traf Vujin mit einem Hammer-Schlagwurf unter die Latte und war auch vom Siebenmeterpunkt sicher: Der Doppelschlag des Linkshänders stellte beim 24:18 den Halbzeit-Vorsprung wieder her, den er nach Duvnjaks 25:19 sogar auf sieben Treffer ausbaute. Die Partie war zehn Minuten vor dem Ende entschieden.

Katsigiannis nagelt den Kasten zu

Joan Canellas und Christian Sprenger bedankten sich für die großartige Unterstützung bei den Fans.
© Sascha Klahn

Und das, obwohl Landin nach einer Parade über Schmerzen an der Hand klagte: Ein Finger war bei der Abwehraktion nach hinten umgeknickt, für ihn kam Nikolas Katsigiannis. Der brauchte nicht lange, um die Fans zu begeistern: Er kassierte ab der 56. Minute lediglich noch einen Strafwurf-Treffer, dann nagelte die "Katze" ihren Kasten komplett zu. Die Folge: Duvnjak, Blazenko Lackovic und Rune Dahmke schraubten das Ergebnis auf 30:21 - was natürlich für Riesenjubel auf den Rängen sorgte. Denn somit verkürzten die Kieler den Rückstand auf den Tabellenführer aus der Rhein-Neckar-Region auf nur noch vier Tore.

Weiteste Reise der Saison steht an

Für die "Zebras" steht jetzt die weiteste Auswärts-Reise der Saison an: Am Dienstag geht es für den Kieler Tross mit dem Flugzeug von Hamburg aus ins rund 2.100 Kilometer entfernte Istanbul, wo die Mannschaft des Rekordmeisters am Mittwoch um 18:30 Uhr MEZ (live in Sky Sport und im Ticker auf der THW-Homepage) mit einem Sieg Platz vier in der Vorrunden-Gruppe A der "VELUX EHF Champions League" festigen will, bevor der direkte Verfolger RK Zagreb am 3. März zum Gruppenfinale in Kiel erwartet wird (jetzt Tickets sichern!). Platz vier ist wichtig für den THW, weil dieser im Achtelfinale das Heimrecht im Rückspiel garantiert. Auf geht's, Zebras!

Spielstatistik

THW Kiel - SC DHfK Leipzig: 30 : 21 (18 : 12)
Bundesliga 22. Spieltag, 21.02.2016
THW Kiel
Landin (1.-56., 15/2 Paraden, 1 Tor), Katsigiannis (56.-60., 4 Paraden); Duvnjak (8), Lackovic (2), Mamelund, Sprenger (2), Ekberg (n.e.), Anic (1), Canellas (2), Dahmke (2), Jaanimaa (1), Klein (2), Brozovic (1), Vujin (8/4); Trainer: Gislason
SC DHfK Leipzig
Vortmann (1.-54., 14 Paraden), Storbeck (54.-60., 4 Paraden); Semper, Steinert (4), Herth (1), Jurdsz (3), Binder (3), Janke, Roscheck (1), Weber (1), Zhedik (6/4), Strosack, Meschke, Milosevic (2); Trainer: Prokop
Schiedsrichter
Moles / Pittner
Zeitstrafen
THW: 3 (Lackovic (13.), Canellas (29.), Brozovic (56.)) ;
Leipzig: 5 (Steinert (12.), Roscheck (17.), Weber (28.), Strosack (44.), Milosevic (53.))
Siebenmeter
THW: 4/4;
Leipzig: 6/4 (Landin hält 2x Weber (1., 28.))
Spielfilm
1. Hz.: 1:0, 2:1 (3.), 3:2, 4:3 (7.), 4:6 (10.), 5:7 (13.), 8:7 (17.), 9:9 (20.), 13:9 (23.), 14:11 (24.), 17:11 (28.), 18:12;
2. Hz.: 18:15 (34.), 20:15 (36.), 21:16, 22:18 (46.), 24:18 (48.), 26:19 (50.), 27:21 (56.), 30:21.
Zuschauer
10.285 (ausverkauft) Sparkassen-Arena, Kiel

THW-Trainer Alfred Gislason:

Glückwunsch an Leipzig zu dieser Saison, der SC DHfK ist eine Bereicherung für die Liga. Spätestens nach dem Leipziger Sieg in Magdeburg wussten wir, wie gefährlich dieses Spiel heute sein würde. Aber wir haben gut gespielt, auch wenn die Abwehr noch nicht eingespielt ist und ein wenig wackelig war. Doch nach 15 Minuten begann Landin stark zu halten, und wir haben auch vorne gut gespielt. Ich bin erleichtert, dass wir gewonnen haben - auch wenn das Ergebnis vielleicht ein bisschen zu hoch ausgefallen ist und nicht ganz das Spiel widerspiegelt.

Leipzigs Trainer Christian Prokop:

Das Resultat war ein klein wenig zu hoch. Wir hatten genug Zeit, uns auf diese Partie vorzubereiten. Wir sind vollstes Risiko gegangen mit der Taktik, das Tor freizulassen und mit dem siebten Feldspieler zu agieren. Das hat bravourös geklappt, und wir sind in Führung gegangen. Dann haben wir vor allem über den linken Rückraum zu früh abgeschlossen, und Kiel hat uns einfache Tore eingeschenkt. Landin war auch sehr stark. Wir wollten das Spiel eigentlich lange offen halten, da waren sie sechs Tore Rückstand zur Pause zu hoch. Wir kämpfen uns dann noch einmal auf drei heran, aber letztlich hat es zu mehr nicht gereicht. Ich wollte allen Spielern in dieser tollen Arena Anteile geben.

THW-Geschäftsführer Thorsten Storm:

Wir haben mit Leipzig den stärksten Aufsteiger seit langem zu Gast gehabt. Obwohl wir gerade zu Hause immer der Favorit sind, fühlt sich das in dieser schwierigen Situation anders an. Hut ab vor der Mannschaft und dem Trainerteam, das unter diesen Bedingungen tolle Arbeit abliefert. Wenn wir es schaffen, den Februar und den März zu überstehen, ist mit uns zu rechnen. 

Leipzigs Geschäftsführer Karsten Günther:

Wir haben versucht, alles reinzuschmeißen, was ging - auch wenn heute ein paar gestandene Jungs, die mit dieser Atmosphäre vielleicht noch einen Tick besser umgehen können, gefehlt haben. Aber wir nehmen heute viele Erfahrungen mit und können erhobenen Hauptes in Kiel bleiben. Denn wir spielen am Mittwoch bereits in Flensburg und fahren deshalb heute nicht zurück nach Leipzig. Vielen Dank an den THW Kiel, dass er uns dabei mit der Bereitstellung von Trainingszeiten so unterstützt. Jetzt wollen wir in Flensburg genauso unbekümmert auftreten wie heute. Das Spiel in der Sparkassen-Arena war ein Erlebnis. 

THW-Haupttorschütze Marko Vujin:

Anfangs hatten wir ein paar Probleme mit dem siebten Feldspieler, aber als Niklas Landin dann sein Tor gemacht hat, ging es aufwärts. Es ist noch zu früh, auf die Tordifferenz zu schauen. Wichtig ist erst einmal, dass wir unsere Spiele gewinnen.

THW-Rückraumspieler Blazenko Lackovic in den KN:

Für mich ist es nicht leicht, ich habe nicht den gleichen Rhythmus wie die anderen, die auch Champions League spielen. Aber ich bin dadurch auch ein bisschen frischer. Ich schaue einfach, wo und wie ich helfen kann. Wir haben beide Halbzeiten recht langsam angefangen, aber insgesamt sehr gut gespielt. Vor allem in der Abwehr - nur 21 Tore zu kassieren, ist sehr stark.

Leipzigs Spielmacher Philipp Weber in den KN:

Wir haben am Anfang mit dem siebten Feldspieler erfolgreich gespielt, aber als der THW auf die 6:0-Deckung umgestellt hat, wurde es schwieriger, Abschlüsse zu finden. Wir haben vor allem in der zweiten Halbzeit zu viele einfache Fehler gemacht, hatten auch kein Glück mit Schiedsrichterentscheidungen. Aber insgesamt können wir relativ zufrieden sein.

Kunterbunter Nachmittag

Kiel. Da waren's nur noch vier: Nur noch vier Tore trennen Spitzenreiter Rhein-Neckar Löwen und Verfolger THW Kiel in der Handball-Bundesliga voneinander. Am Sonntagnachmittag bezwangen die Zebras den starken Aufsteiger SC DHfK Leipzig mit 30:21 (18:12). "Das Ergebnis spiegelt den Spielverlauf nicht wider", musste nach dem Abpfiff auch THW-Trainer Alfred Gislason eingestehen. Neun Tore Vorsprung - das war in der Tat etwas zu deutlich. Ein kunterbunter Handball-Nachmittag in der ausverkauften Sparkassen-Arena war es trotzdem.

Dafür sorgen nicht nur Frauen, Freundinnen und Kinder der Handball-Zebras, die die allzu seltene Gelegenheit einer Nachmittags-Begegnung nutzen, um "ihren" Kieler Helden zuzujubeln. Nein, besonders Aufsteiger Leipzig und die glänzende taktische Ausrichtung seines jungen Trainers Christian Prokop tragen zum Unterhaltungswert des Bundesliga-Spektakels bei. Der 37-Jährige nennt seine Taktik später "vollstes Risiko", nimmt von Beginn an im Angriff den Torwart zu Gunsten eines siebten Feldspielers aus dem Spiel, liefert einen Überraschungseffekt und erzeugt so eine permanente Überzahlsituation. Das geht lange gut, weil Alen Milosevic und Bastian Roschek am Kreis Räume schaffen, die Akteure der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) schnell spielen, rasant kreuzen, gegen die zunächst in 3:2:1-Formation deckenden Kieler diszipliniert in dem ihnen auferlegten Korsett bleiben. Die Folge: Leipzig führt mit 7:5 (13.).

Dann nimmt die - so muss man es sagen - spielentscheidende Wendung ganz schnell ihren Lauf. Gislason stellt die Abwehr um, lässt Erlend Mamelund und Domagoj Duvnjak (später Blazenko Lackovic) jetzt im Mittelblock einer defensiven 6:0 "abräumen". Leipzig wird so zu Würfen aus dem Rückraum gezwungen, zeigt Nerven, leistet sich immer wieder Fehler auf Halblinks. Das ist tödlich für den langen Torhüterwechsel. Duvnjak trifft das leere Tor (11:9; 21.), Torhüter Niklas Landin trifft das leere Tor (13:9; 22.), Dener Jaanimaa ersetzt nach zwei kapitalen Abspielfehlern Marko Vujins den Serben auf Halbrechts und trifft zum 15:11 (25.), Landin legt mit tollen Paraden den Grundstein für eine komfortable 18:12-Pausenführung.

Vujin steht nach der Pause erneut neben sich, Leipzig kommt heran (18:15; 34.), doch Gislason ("Jaanimaa wird seine Chance bekommen") hält an seinem Linkshänder fest, und Vujin dankt es - trotz schlechter Quote - mit vier sicheren Siebenmetern und wichtigen Toren aus dem Rückraum, trifft ebenso wie der starke Domagoj Duvnjak achtmal. Drei Minuten, drei Tore, darunter ein sensationeller Schlagwurf (23:18; 47.) - so verzeihen die Kieler Fans Vujins kritische Momente gern. Beim 26:19 (50.) bricht der bravouröse Aufsteiger ein. Gislason gönnt seinem kroatischen Spielmacher Duvnjak eine Pause, der von Dominik Klein in der Rückraum-Mitte adäquat vertreten wird. Gelingt jetzt sogar der Sprung an die Tabellenspitze? Nein, vier Tore fehlen am Ende, aber ein Statement in Richtung Rhein-Neckar Löwen ist das 30:21 allemal. Der Schlusspunkt gehört Europameister Rune Dahmke, der sehenswert per Tempogegenstoß trifft.

Alfred Gislason hatte vor dem Spiel betont: Nicht das Torverhältnis stehe im Fokus, man müsse gegen Leipzig erst einmal gewinnen. Jetzt ist er "erleichtert", lobt den Gegner ("Eine Bereicherung für die Liga, ein taktisch starker Trainer"). Und auch Marko Vujin, der Mann mit dem Licht und dem vielen Schatten, spricht nicht von Toren oder Löwen, sagt aber: "Ich kämpfe immer für den THW. Ich kämpfe für den Titel."

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 22.02.2016)

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