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Kontrollierter Sieg in Istanbul: THW sichert sich Platz vier!

Der THW Kiel hat sich mit einem kontrolliert herausgespielten Sieg bei Besiktas JK Istanbul vorzeitig Platz vier in der Gruppe A der "VELUX EHF Champions League" gesichert. Vor der Kieler Vorrunden-Minuskulisse von nur rund 150 Zuschauern im 15.000 Fans Platz bietenden "Sinam Erdem Spor Salonu" holten sich die "Zebras" durch den 32:27 (17:14)-Erfolg beim türkischen Meister so das wichtige Heimrecht im Achtelfinal-Rückspiel. Bester Torschütze in einem Kieler Team, in dem alle 16 mitgereisten Spieler zum Einsatz kamen, war Marko Vujin mit 6/2 Treffern. 

Nur rund 150 Zuschauer

Auch am 13. Spieltag der Gruppenphase konnte THW-Trainer Alfred Gislason nicht auf alle "Zebras" des aktuellen Kaders bauen. Blazenko Lackovic ist in der Königsklasse nicht spielberechtigt und war wie die verletzten Christian Dissinger, Steffen Weinhold, Patrick Wiencek und Rene Toft Hansen erst gar nicht mit an den Bosporus gereist. Zudem plagte sich Niklas Landin mit einer Fingerverletzung aus dem Leipzig-Spiel herum, und auch Dener Jaanimaa war angeschlagen nach Istanbul gereist. Im schicken "Sinam Erdem Spor Salonu", der größten und modernsten Arena der Türkei, verirrten sich indes nur rund 150 Zuschauer. Geisterspiel-"Atmosphäre" in der "VELUX EHF Champions League", in der man zu jeder Zeit jedes Wort der Beteiligten hören konnte.

Frühe Führung beinahe eingebüßt

Die Kieler ließen sich davon nicht beirren, führten schnell mit 3:0 und legten nach dem 2:3-Anschluss der Gastgeber durch tolle Canellas-Anspiele auf Ilija Brozovic und Rune Dahmke sowie einen von Vujin verwandelten Siebenmeter auf 6:2 (8.) nach. Die Kieler blieben spielbestimmend, auch wenn THW-Trainer Alfred Gislason früh durchwechselte und vor allem dem unermüdlichen "Zebra"-Motor Domagoj Duvnjak Pausen gönnte. Beim 10:5 (14.) durch Niclas Ekberg schienen die Kieler einem ganz ruhigen Abend auch auf dem Parkett entgegen zu streben. Doch einige technische Fehler und Abstimmungsprobleme brachten die Gastgeber zurück: Nur ein Treffer gelang den Kielern in sechs Minuten, während vor allem die beiden Besiktas-Haupttorschützen Döne und Djukic ihr persönliches Trefferkonto aufstockten. Beim 10:11 (20.) durch einen Konter von Djukic, nachdem sich Dahmke bei einem ungeahndeten Foul einen Cut über dem rechten Auge zugezogen hatte, hofften die Gastgeber wieder auf eine Überraschung. 

Katsigiannis mit starken Paraden

Doch eines der drei Canellas'-Tore vor dem Wechsel und ein Rückraum-Tor des Rechtsaußen Ekberg brachten wieder Ruhe, und ein starker Nikolas Katsigiannis trug ebenfalls seinen Teil dazu bei, dass der THW mit einer 17:14-Führung in die Pause gehen konnte. So entschärfte der Kieler Keeper in Unterzahl, Brozovic war ein Wechselfehler unterlaufen, einen freien Ball von Kreisläufer Özbahar, der so das mögliche 14:16 verpasste. Großen Anteil an der Pausenführung hatte auch Marko Vujin: Der Linkshänder glänzte in den ersten 30 Minuten als fünffacher Torschütze und exzellenter Anspieler.  Auch nach dem Wechsel ließen die "Zebras" nichts anbrennen, legten immer dann einen Zahn zu, wenn es nötig wurde. Dener Jaanimaa glänzte als fünffacher Torschütze nach dem Wechsel, und Torsten Jansen erzielte mit seiner ersten Chance sein Königsklassen-Debüt-Tor im THW-Dress zum Endstand.

THW kontrolliert das Spiel

Auch nach dem Wechsel ließen die "Zebras" nichts anbrennen, legten schnell nach einem Duvnjak-Steal durch Ekbergs Gegenstoß und Dahmkes inzwischen berühmtem "90-Grad-Trickwurf" das 19:14 nach und immer dann einen Zahn zu, wenn es nötig wurde. Wie beispielsweise in der 36. Minute, als Igor Anic nach verbüßter Zeitstrafe von der Bank kam und gleich das 20:16 erzielte. Oder wie in der 41. Minute, als der inzwischen für Vujin spielende Dener Jaanimaa sich in Unterzahl zum 23:17 durchsetzte. Jaanimaa war der Mann der zweiten Hälfte: Fünf Treffer erzielte der Este nach seiner Einwechslung in der 38. Minute.

Alle Spieler eingesetzt

Gut auch, dass Katisigiannis weiter in bestechender Form hielt, reihenweise Gegenstöße und freie Bälle der Istanbuler parierte. Die verließen sich vor allem auf die Treffer des Duos Döne/Djukic, und hatten ab der 43. Minute in Neuzugang Nikolay Sorokin ebenfalls einen starken Rückhalt im Tor. Dieser entschärfte acht Bälle in 17 Minuten und war mit dafür verantwortlich, dass Besiktas den THW nicht vorzeitig deutlicher ziehen lassen musste. Und ein wenig fehlte bei den "Zebras", bei denen alle Spieler zum Einsatz kamen und beispielsweise Erlend Mamelund und Alexander Williams auch im Angriff spielten und Rogerio Ferreira und Brozovic den Mittelblock bildeten, in der ein oder anderen Szene auch die Feinabstimmung. 

Jansens Königsklassen-Comeback

Doch in echte Gefahr gerieten sie nie - auch nicht nach Djukics feinem "Kempa" zum 25:28, den Jaanimaa postwendend konterte. Urplötzlich wurde es nach Demirezens 26:29 (58.) dann doch noch einmal ansatzweise laut im weiten, leeren Rund. Erlend Mamelund erstickte den Hauch von Stimmung mit dem 30:26, Jaanimaa zeigte ein ganz starkes Eins-gegen-Eins vor seinem 31:27, und die letzten beiden Aktionen waren ebenfalls besonders: Erst krönte Torsten Jansen sein Champions-League-Comeback mit einem spektakulären Gegenstoß-Treffer, und dann hielt Katsigiannis auch noch den letzten Wurf. Abpfiff, 32:27 für den THW Kiel, Platz vier gesichert und die Viel-Spieler geschont. Das Ende eines erfolgreichen Kieler Tages am Bosporus.

Spitzenspiel gegen die Füchse wartet

Die Kieler verlassen die Stadt am Bosporus am frühen Donnerstagmorgen, um die 2.500 Kilometer weite Heimreise anzutreten. In Kiel beginnt dann sofort die Vorbereitung auf das Spitzenspiel in der Handball-Bundesliga: Am Sonnabend ist der Tabellenfünfte Füchse Berlin zu Gast in der seit Wochen restlos ausverkauften Sparkassen-Arena. Anwurf für die Top-Partie des 23. Spieltags ist um 19 Uhr, die Partie wird live im Internet unter tv.sport1.de und auf Sport1+ gezeigt. Zeitnahe Informationen liefert wie gewohnt der Liveticker auf der THW-Homepage. Am 3. März folgt dann der finale Gruppenphasen-Akt in der "VELUX EHF Champions League", wenn RK Zagreb zu Gast in Kiel ist. Für das Duell mit den Kroaten, die das Hinspiel gegen die "Zebras" klar gewannen, gibt es noch Karten (Jetzt Tickets sichern!). Auf geht's, Kiel!

Spielstatistik

Besiktas JK - THW Kiel: 27 : 32 (14 : 17)
Champions League 13. Spieltag, 24.02.2016
Besiktas JK
Demir (1.-43., 8 Paraden), Sorokin (43.-60., 8 Paraden), Kocic (n.e.); Mercan, Arifoglu, Pribak (1), Güney, Boyar, Buljubasic (1), Sorokin, Karamyshev, Demirezen (3), Özbahar (4), Dacevic, Coban (1), Djukic (9/2), Döne (8); Trainer: Arin
THW Kiel
Landin (1 Siebenmeter, 0 Paraden), Katsigiannis (1.-60., 20 Paraden); Duvnjak, Jansen (1), Ferreira, Mamelund (1), Sprenger, Ekberg (4), Anic (2), Canellas (4), Dahmke (4), Jaanimaa (5), Williams, Klein (2), Brozovic (3), Vujin (6/2); Trainer: Gislason
Schiedsrichter
Jesper Kirkholm Madsen / Henrik Mortensen (DEN)
Zeitstrafen
Besiktas: 3 (Buljubasic (16.), Döne (23.), Pribak (25.));
THW: 5 (2x Mamelund (24., 40.), Brozovic (29.), Anic (33.), Ferreira (52.))
Siebenmeter
Besiktas: 2/2;
THW: 2/2
Spielfilm
1. Hz.: 0:3 (2.), 1:3 (3.), 2:3, 2:6 (8.), 3:7, 4:8 (11.), 4:9, 5:10 (14.), 7:10, 8:11 (18.), 10:11 (20.), 10:13 (21.), 11:13, 11:15 (25.), 13:15, 13:17 (30.), 14:17;
2. Hz.: 14:19 (32.), 15:19 (34.), 16:20 (36.), 17:21, 17:23 (41.), 18:24, 19:24, 19:26 (47.), 21:26, 21:27 (49.), 23:28 (51.), 25:28 (56.), 26:29 (58.), 27:30, 27:32.
Zuschauer
150 Sinam Erdem Spor Salonu, Istanbul

THW-Geschäftsführer Thorsten Storm:

Hier waren heute mehr gefühlt Spieler als zahlende Zuschauer in der Halle. Aber für uns zählen heute nur die beiden Punkte und dass alle gesund durch das Spiel gekommen sind. Jetzt gilt die gesamte Konzentration dem nächsten Heimspiel gegen Berlin vor einer Kulisse, die unsere Mannschaft pushen wird!

In den KN:

Wenn hier 100 Zuschauer sind, habe ich gut gezählt. Besiktas wäre in Gruppe C oder D besser aufgehoben gewesen.

THW-Trainer Alfred Gislason:

Wir haben sehr gut gespielt. Wichtig war, dass diejenigen, die in den vergangenen Wochen viel auf dem Platz standen - wie Marko Vujin und Domagoj Duvnjak - heute ihre Pausen bekommen konnten. Zudem ging Niklas Landin angeschlagen ins Spiel, dafür hat Nikolas Katsigiannis überragend gehalten. Wir wollten heute auch die "Neuen" ein wenig besser einspielen. Dener Jaanimaa ist natürlich ein wilder Typ, aber er hat eine unglaubliche Dynamik und einen super Anzug. Gefreut hat mich auch das Champions-League-Comeback von Torsten Jansen. Alexander Williams war heute ein wenig nervös, aber das ist auch normal für einen jungen Spieler. Die zwei Stürmerfouls, die ihm abgepfiffen wurden, fand ich ein wenig zu streng gesehen. Gut war, dass wir jetzt den vierten Platz sicher haben. Deshalb werden wir im letzten Spiel gegen Zagreb aber nicht die Handbremse anziehen, denn wir haben mit denen noch eine Rechnung aus dem Hinspiel offen. Wir werden Vollgas geben - egal, was auf dem Papier steht!

In den KN:

Eine Schande, Besiktas ist ein sympathischer Verein, der mehr Zuschauer verdient hätte. Gut, dass meine Spieler es geschafft haben, sich vor dieser Kulisse zu motivieren. So konnten wir den Spagat meistern, einerseits Spieler zu schonen und andererseits Spielern eine Chance zu geben. "Katze" war überragend, Jaanimaa hat seine Sache sehr gut gemacht, und auch "Toto" Jansen hatte wieder ein kleines Comeback.

THW-Linksaußen Torsten Jansen:

Das heute war eine Premiere für mich, ich bin froh und glücklich, wieder auf dem Parkett zu stehen. Für das Tor habe ich mir einen besonderen Wurf überlegt, da man nie weiß, ob dies nicht vielleicht der letzte Wurf auf der ganz großen Bühne gewesen sein könnte (er schmunzelt). 

Besiktas-Coach Müfit Arin in den KN:

Meine Spieler sollten ab und zu mal auf die Anzeigetafel schauen, dann hätten sie zwischendurch gesehen, dass wir nur mit drei Toren zurücklagen, und hätten nicht so viele Chancen leichtfertig vergeben.

THW-Spielmacher Domagoj Duvnjak in den KN:

Diese Kulisse? Eine Katastrophe! Das habe ich zum ersten Mal in der Champions League erlebt.

THW-Torwart Nikolas Katsigiannis in den KN:

Bei jedem Testspiel herrscht eine bessere Stimmung. Vielleicht wäre es für Besiktas besser gewesen, in einer der anderen Gruppen zu starten. Es war komisch, aber ich konnte mich motivieren, will der Mannschaft helfen, wenn sie mich braucht. Da war mir die Kulisse ehrlich gesagt egal.

Das Schmatzen des Balles

Istanbul. Ein Geisterspiel: Vor weniger als 100 Zuschauern sichert sich der deutsche Handball-Rekordmeister THW Kiel am Mittwochabend in Istanbul Platz vier in der Champions-League-Gruppe A. Das 32:27 (17:14) gegen Besiktas ist ungefährdet. Im Achtelfinale der Königsklasse treffen die Zebras nun auf den Fünften der Gruppe B und haben im Rückspiel Heimrecht in der Sparkassen-Arena.

Drei Taxifahrer in Folge verweigern ihren Dienst. Der Weg von der Metrostation zum Sinan Erdem Spor Salonu sei zu kurz, und außerdem sei dort heute sowieso nichts los. Sagen sie, mit Händen und Füßen. Als ich höflich um Transport bitte, verstehen sie mich nicht mehr. Lost in translation. Nach 20 Minuten Fußmarsch liegt der Sinan Erdem Dome, der 16 500 Zuschauern ein Dach geben kann, traurig wie ein gestrandeter Wal im trüben Niesel an einer achtspurigen Verkehrsader im Stadtteil Bakirköy. Einsam weht eine türkische Flagge. Würde kein Licht brennen, man würde sich fragen, ob überhaupt jemand zu Hause ist.

Was nicht aussieht wie Königsklasse und sich schon gar nicht so anfühlt, ist ein Gruppenspiel in einer der Top-Gruppen in der Luxusliga des Welthandballs. Auf den 16 500 Plätzen verlieren sich gerade einmal 80 Menschen. Ein unwürdiges Schauspiel. An diesem regnerischen Mittwochabend in Istanbul wird die Champions League des europäischen Handballverbandes EHF samt ihrem intransparenten und willkürlichen Modus ad absurdum geführt.

Handball gespielt wird auch. Im hallenden Grusel der leeren Arena ist jedes klebrige Schmatzen des aufprellenden Balles zu hören. Das Geschehen mutet an wie eine Testspielanalyse irgendwo zwischen Edgar-Meschkat- und Hein-Dahlinger-Halle. Selten sind die Kommandos von Alfred Gislason an der Seitenlinie so deutlich zu hören. Viele müssen es an diesem Abend nicht sein. Anfangs holpert die Deckung mit Ilija Brozovic und Erlend Mamelund im Mittelblock noch, lässt dem Kreisläufer-Spiel der Türken zu viel Raum. Später wird - auch im Zusammenspiel mit Igor Anic - in der Defensive gut verdichtet.

Gislason schont seine Stammspieler, lässt Niklas Landin auf der Bank. Nikolas Katsigiannis nutzt seine Chance zwischen den Pfosten, avanciert mit 20 Paraden zum besten Kieler. Nach einer Viertelstunde darf auch Marathon-Mann Domagoj Duvnjak auf die Bank, Alexander Williams kommt rein, mit ihm Pech im Abschluss und ein kleiner Schlendrian bis zum 11:10 (20.). Panik kommt nicht auf. So knapp wird es nie wieder. Die Zebras sind im Positionsspiel und in der Abwehr überlegen, erfreuen sich zuweilen an ihrer Spielkultur. Sie treffen zu selten das Tor, zugegeben. Aber wie sollen sie auch in der Stille die nötige Spannung bewahren?

Versprengte Besiktas-Fans singen. Sie sind gekommen aus ihrem schillernden Stadtteil zwischen den Kontinenten am Bosporus. "Die Stadtteile sind hier so etwas wie Religion, und eigentlich hat Besiktas eine eigene kleine Halle mit guter Atmosphäre", sagt Alfred Gislason. Im Geisterdome ist alles, nur das nicht. Da sind freche Tore von Niclas Ekberg und Manuel-Neuer-Paraden von "Katze" Katsigiannis. Da trifft ein stark verbesserter Marko Vujin traumwandlerisch sicher, bekommen neben Williams auch Rogerio Ferreira und Dener Jaanimaa Spielanteile. Der Este ist bester Kieler Feldtorschütze mit fünf Toren, setzt sich wuchtig durch, als Besiktas noch einmal Oberwasser bekommt, sich nie aufgibt, mit den Linkshändern Ramazan Döne und Darko Djukic auffällige Protagonisten in seinen Reihen weiß. "Ganz ehrlich, so etwas habe ich selbst in Estland nie erlebt", sagt Jaanimaa nach Spielende mit einem Blick ins verwaiste Obergeschoss. Da sind die 80 (achtzig!) Zuschauer schon in den Nieselregen von Istanbul verschwunden. Kurz nachdem Torsten Jansen mit einem feinen Tempogegenstoß-Trickwurf seine Torpremiere im Zebra-Dress gefeiert und die "Katze" mit der Schluss-Sirene ihren 20. Ball pariert hat - und es laut und deutlich zu hören war, das Schmatzen des Balles.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 25.02.2016)

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