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Vier-Tore-Hypothek für das Rückspiel: THW verliert in Szeged

Der THW Kiel geht am Mittwoch mit einer Vier-Tore-Hypothek in das Achtelfinal-Rückspiel der "VELUX EHF Champions League": Im ausverkauften Hexenkessel "Varosi Spotcsarnok" zeigten die Kieler bei MOL-Pick Szeged bis zur 52. Minute eine ganz starke Partie, verloren dann aber in der Schlussphase den Faden und kassierten mit einem 1:7-Negativlauf noch eine 29:33 (14:16)-Niederlage. Damit verpassten die "Zebras" eine bessere Ausgangssituation vor der entscheidenden Partie in der Sparkassen-Arena. Beste Torschützen in Ungarn waren Joan Canellas (6) und Marko Vujin (6/2), Ilija Brozovic krönte seine starke Leistung mit fünf Treffern.

THW geht in Führung

Die Kieler erlebten in einem schnellen, über weite Strecken aber auch hektischen Spiel einen ebenso schnellen 0:2-Rückstand. Gut, dass die Kieler durch Brozovic und Canellas dranblieben. Nach sieben Minuten gelang ihnen eben durch Brozovic, der einen Abpraller verwandelte, erstmals der Ausgleich, den der vor dem Wechsel überragende Domagoj Duvnjak mit einem Doppelschlag sogar zur 6:4-Führung veredelte. Doch die Gastgeber blieben dran: Angefeuert von einem frenetischen Publikum, das die verhältnismäßig kleine Arena in einen ohrenbetäubenden Hexenkessel verwandelte, kamen sie beim 7:7 wieder zum Ausgleich. Vor allem Gabor Ancsin und Vladimir Vranjes nutzen die Lücken im Kieler Deckungsverband. Weil aber Niklas Landin gleich zwei Siebenmeter parierte, lag der THW Kiel weiterhin vorn. Wie bei Niclas Ekbergs tollem Dreher zum 9:8 (19.) oder Dissingers erstem Treffer nach der EM-Verletzung zum 10:9 (22.).

Szeged mit Rückenwind in die Pause

Doch urplötzlich riss der Faden im Kieler Spiel: Jose Manuel Sierra im Szeged-Tor entwickelte sich mehr und mehr zum Schreckgespenst, und in Überzahl markierte Garcia Parrondo das 11:10 für die Ungarn. Dann schnappte sich Sierra einen Wurf von Rune Dahmke und kurz darauf auch noch einen Konter von Duvnjak - das Szeged-Tor schien wie vernagelt. Mit einem 6:1-Lauf zogen die Gastgeber bis auf 15:11 (27.) und 16:12 (28.) davon. Gut nur, dass Dominik Klein vom Kreis und Ekberg mit einem Last-Second-Tor nach Klein-Steal bis zum Wechsel noch auf 14:16 verkürzen konnten.

Zebras bleiben cool

Nach der Pause liefen die Kieler zunächst einem Drei-Tore-Rückstand hinterher, kämpften sich aber großartig zurück: Beim 20:20 (39.) durch Canellas' grandiosem Treffer war der THW wieder dran, ackerte in der Abwehr und spielte im Angriff mit kühlem Kopf. Das auch, weil Marko Vujin grandios aus der Kabine kam: Alle sechs Treffer erzielte der Linkshänder nach dem Wechsel, sorgte mit seinem 24:22 aus der halblinken Position auch wieder für eine Kieler Führung (43.). Die hielt allerdings nicht lange vor, aber auch nachdem Bombac per Siebenmeter zum 26:24 für die Gastgeber getroffen hatte, blieben die "Zebras" cool: Dissinger traf zum Anschluss und holte dann einen Siebenmeter heraus, den Vujin zum 26:26 verwandelte.

Bittere Schlussphase

Ganz stark präsentierte sich in dieser Phase die Kieler Abwehr, die in Brozovic ihren herausragenden Aktivposten hatte. Weil Niklas Landin zudem einige Bälle parieren konnte, schien der THW einem Auswärtssieg entgegen zu steuern: Dissinger traf im Gegenstoß zum 27:26, und Ekberg verwandelte einen Konter ebenfalls sicher zum 28:26 (52.). Dann aber folgten ganz bittere Minuten: Sierra im Tor der Ungarn fand zu seiner starken Form der ersten Hälfte zurück, und den Kielern gingen die Lösungen gegen eine zunehmend aggressiver zu Werke gehende Szeged-Abwehr aus. Die THW-Fehlerquote stieg, und die Gastgeber bekamen noch einmal ihre zweite Luft: Nur noch Marko Vujin schaffte es in den letzten acht Minuten, einmal an Sierra vorbeizukommen. Pick Szeged hingegen tankte Selbstbewusstsein und drehte die Partie mit einem 7:1-Lauf in diesen acht Minuten noch in einen 33:29-Sieg, der das Rückspiel am Mittwoch Dramatik verspricht.

Rückspiel am Mittwoch: Jetzt Tickets sichern!

Denn jetzt wird es richtig spannend: Bereits am Mittwoch steht in der Sparkassen-Arena das Rückspiel an, mit einem 0:4-Rückstand starten die "Zebras" in diese entscheidende Partie. Noch am Abend kehrten die Kieler nach Budapest zurück, von wo aus sie am Montagvormittag die Heimreise antreten. Die Zeit drängt -  Anwurf zum finalen Achtelfinal-Akt in der Sparkassen-Arena ist um 18:30 Uhr, noch gibt es Tickets in nahezu allen Kategorien (Jetzt Karten online sichern!). "Jetzt geht es um alles: Wir wollen mit unseren Fans im Rücken die nächste Runde erreichen", hofft Domagoj Duvnjak auf eine lautstarke Kieler Kulisse. "Dafür muss Kiel alles geben: Wir Spieler auf dem Feld, und die THW-Fans auf der Tribüne!" Auf geht's, Kiel!

Spielstatistik

Pick Szeged - THW Kiel: 33 : 29 (16 : 14)
Champions League Achtelfinale Hinspiel, 20.03.2016
Pick Szeged
Sierra Mendez (1.-60., 19 Paraden), Wyszomirski (n.e.); Mindegia Elizaga (1), Källmann (1), Garcia Robledo (4), Dos Santos, Ilyes, Balogh (4), Blazevic, Prodanovic (3), Hegedüs, Bombac (4/3), Garcia Parrondo (4), Curuvija, Vranjes (6), Ancsin (6); Trainer: Pastor
THW Kiel
Landin (1.-60., 10/2 Paraden), Katsigiannis (n.e.); Duvnjak (4), Jansen (n.e.), Ferreira (n.e.), Mamelund, Sprenger (n.e.), Dissinger (3), Ekberg (3), Anic, Canellas (6), Dahmke, Jaanimaa, Klein (2), Brozovic (5), Vujin (6/2); Trainer: Gislason
Schiedsrichter
Matija Gubica / Boris Milosevic (CRO)
Zeitstrafen
Szeged: 0;
THW: 2 (2x Klein (22., 39.))
Siebenmeter
Szeged: 6/3 (Landin hält Bombac (11.), Garcia Parrondo (12.), Balogh an die Latte (39.));
THW: 2/2
Spielfilm
1. Hz.: 2:0 (2.), 2:1 (3.), 3:1, 4:2 (5.), 4:4 (7.), 4:6 (11.), 5:6 (15.), 5:7, 7:7 (17.), 7:8, 8:9, 9:10 (22.), 12:10 (24.), 12:11, 15:11 (27.), 16:12 (28.), 16:14;
2. Hz: 17:14 (31.), 17:16 (33.), 19:16 (36.), 20:17 (37.), 20:21 (40.), 21:21 (41.), 22:22 (42.), 22:24 (43.), 26:24 (48.), 26:28 (52.), 29:28 (54.), 29:29 (55.), 32:29 (58.), 33:29 (60.).
Zuschauer
3.200 (ausverkauft) Varosi Sportcsarnok, Szeged

THW-Comebacker Christian Dissinger:

Das war heute nicht unser Wunsch-Ergebnis, jetzt gehen wir mit einem 0:4 in das Rückspiel. Wir haben zu viele einfache Fehler gemacht, das müssen wir abstellen. Wir haben aber heute auch gute Sachen gezeigt, diese müssen wir nur über 60 Minuten auf die Platte bringen. In beiden Halbzeiten waren wir eine Viertelstunde richtig gut, haben dann aber zu viele Treffer aus dem Gegenstoß kassiert. Aber: Alles ist möglich, und vier Tore Vorsprung musst Du in Kiel erst einmal halten. Persönlich fühle ich mich topfit, auch wenn ich noch ein wenig Zeit brauche. Aber ich schaue dem positiv entgegen.

THW-Geschäftsführer Thorsten Storm:

Wir haben zu viele individuelle Fehler gemacht, und deshalb verliert man dann auch ein Achtelfinalspiel in der VELUX EHF Champions League. Aber das war Teil eins, und wenn Mannschaft und Zuschauer im Zusammenspiel eine ähnliche Stimmung erzeugen wie es hier in Szeged der Fall war, werden wir unsere Chance haben. Unsere Fans werden am Mittwoch ein entscheidender Faktor sein.

THW-Trainer Alfred Gislason in den KN:

In der 55. Minute steht es 29:29, dann machen wir bis zum Schluss kein Tor mehr. Auch darum hat Szeged heute den Sieg verdient. Trotzdem haben wir die Chance, das Viertelfinale zu erreichen. Aber dafür müssen wir im Rückspiel viel besser spielen als heute.

Szeged-Trainer Juan Carlos Pastor in den KN:

Wir wissen, was uns in Kiel erwartet. Es wartet viel Arbeit auf uns, und um mit dem THW mitzuhalten, müssen wir viel, viel besser spielen als heute. Jetzt geht es darum, dass die Spieler ihre Energie zurückgewinnen.

THW-Linkshänder Marko Vujin in den KN:

Wir waren zweimal 15 Minuten richtig gut und zweimal 15 Minuten nicht so gut. Es war so schwer, wie es hier in Szeged immer ist. Ich bin enttäuscht. Am Mittwoch müssen wir unsere Fehler abstellen.

Szegeds Torwart Jose Manuel Sierra in den KN:

Wir wussten, dass es ein sehr hartes Spiel werden würde, und haben unsere Sache wirklich gut gemacht. Aber vier Tore Vorsprung sind im Handball praktisch nichts. Darum wird es am Mittwoch ein neues, schweres Spiel, und wir müssen wieder eine solche Leistung abrufen.

Bis an die Grenzen

Szeged. Der Weg für den THW Kiel ins Viertelfinale der Handball-Champions-League ist steinig. Beim ungarischen Vizemeister Pick Szeged unterlagen die Zebras am Sonntagabend mit 29:33 (14:16). Eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel am Mittwoch (18.30 Uhr) in Kiel sieht anders aus. Zu viele Fehler im Angriff, zu große Lücken in der Deckung - ein besseres Resultat rann der Mannschaft von THW-Trainer Alfred Gislason in den Schlussminuten durch die Finger.

Von der ersten Minute an: Das ist K.o.-Stimmung, das ist Champions-League-Atmosphäre in einem blau-weißen Hexenkessel von Szeged. Die 3200 ungarischen Fans veranstalten ein Dezibel-Gewitter mit Fahnenschwung, dass es eine Art hat. Später wird sich Aggression in die frenetische Stimmung mischen. Die Kieler Zebras unter dem heißen Blechdach der Arena Varosi Sportcsarnok halten in einer von fehlerhafter Nervosität geprägten Anfangsviertelstunde robust dagegen. Hier, wo die Nachwehen des Ostblocks ihr tristes Grau über eine ganze Stadt gehüllt haben, muss Joan Cañellas früh an der Hand behandelt werden, gibt Christian Dissinger sein Comeback im THW-Dress. Dissinger will viel, überdreht gegen die flinke, irgendwie unorthodoxe 5:1-Deckung der Ungarn. Jonas Källmann an der Spitze und Roberto Garcia Parrondo versiegeln die linke Angriffsseite der Kieler phasenweise förmlich.

Niklas Landin wird so zum Faktor. 60 Minuten lang wird der THW-Torhüter Schlimmeres verhindern. Seine 16 Paraden bilden am Ende einen Gegenpol zu 14 technischen Fehlern. Der Däne entschärft zwei Siebenmeter. Vorne am Kreis schuftet Ilija Brozovic. Der THW führt 7:5 (16.). Sieht doch gut aus!? Jetzt soll Erlend Mamelund neben Cañellas den Mittelblock verdichten, Dener Jaanimaa im rechten Rückraum für Entlastung sorgen. Klappt beides nicht. Auch die 3:2:1-Deckung zündet nicht. Kurz vor der Pause zieht Szeged zum ersten Mal davon - 15:11 (27.). Cañellas spielt bärenstark, ist bester Kieler, ringt nach Luft, muss auf die Bank. Rinnt da Kondenswasser an den Scheiben herunter? "Wir haben viel trainiert, waren alle müde", sagt der Spanier und geht an seine Grenzen. Cañellas könnte nach der Pause zum Schlüssel werden, in der 6:0-Deckung mit Brozovic oder Dissinger neben ihm läuft es gut, sein leidenschaftlicher Übersteiger mit anschließendem 20:20 (39.) trotz bandagierten Daumens ist beispielhaft für den Kieler Kampf. Vorzuwerfen haben sich die Zebras nichts.

Endlich trifft auch Marko Vujin, der meistgehasste Mann in der Halle. "Ich kenne das, es stört mich nicht, das habe ich schon so oft erlebt", sagt der Serbe, der Pick Szeged einst mit Veszprem den Titel stahl, den stolzen "Majestic Ultras" aus der 160 000-Einwohner-Stadt das Herz aus dem Leib riss. Einmal, zweimal, dreimal, viermal Vujin - Rune Dahmke spendet auf der Bank Ovationen, die Menge pfeift ohrenbetäubend, der THW liegt wieder vorn (24:22; 43.). Hinter Landins Tor spielen sich unschöne Prügelszenen im Ultras-Block ab. Mittelfinger werden gestreckt, im Glück, wer die ungarischen Schimpfwörter nicht versteht.

Landin lässt das kalt. Er pariert und pariert und kann doch nicht verhindern, dass am Ende alles den Bach runtergeht. Als Vujins Ball zuerst in Källmanns Hände und Dominik Kleins Tempogegenstoß-Finish auf Sierras Füße fliegen. Das Kondenswasser läuft an den Scheiben herunter, die Halle kocht unter dem heißen Blechdach. "Die Stimmung hat heute etwas ausgemacht", sagt Alfred Gislason. Vier Minuten, vier Tore - wieder gelingt den Ungarn ein Halbzeit-Endspurt. "Die sollen sich hier jetzt ruhig abfeiern", sagt Rune Dahmke nach dem Schlusspfiff. "Und in drei Tagen kommen sie dann zu uns."

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 21.03.2016)

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