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KN: Bundesweite Kritik an "kartoffeldeutscher Sehnsucht"

Kiel/Berlin. Es ist ein Dilemma. Eigentlich wollten die Kieler Nachrichten Wolfram Eilenberger und seinem Beitrag auf "Zeit.de" ("Die Alternative für Deutschland") nicht mehr Aufmerksamkeit schenken als mit der unten stehende Glosse in der Ausgabe der Zeitung am Donnerstag ("Hättest du geschwiegen ..."). Der Philosoph und Fußball-Kolumnist hatte die Sportart Handball (und ihre Fans) in eine rechte Ecke gestellt, in der sie eine "kartoffeldeutsche Sehnsucht" bediene. "Blutnah und widerständig" sei der Handball. Oder anders: "Wenn Fußball Merkel ist, ist Handball Petry". Gemeint ist die AfD-Chefin Frauke Petry, die zuletzt mit umstrittenen Äußerungen über den Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Auch DHB zeigt sich empört

Nach Eilenbergers Herleitung über die ausnahmslos deutschen Vornamen der deutschen Europameister wusste man nicht, ob man nun lachen oder weinen oder dem Autor das Prinzip einer Nationalmannschaft erklären soll. Ob man ihm einen Blick in die Bundesliga, den erweiterten Nationalkader (Evgeni Pevnov hatte sich vor der EM verletzt) oder die Jugendabteilungen der Vereine empfehlen soll. Wir wollten schweigen, doch die Wellen schlagen einfach zu hoch.

Christian Ciemalla vom Handball-Portal "handball-world.com" beispielsweise entschied sich dafür, Wolfram Eilenberger eine eigene Kabinenpredigt als Replik zu halten. "Mensch, Wolfram: Kleiner Tipp, in Nationalteams gibt es oftmals nicht so viele Ausländer", heißt es da. Oder: "Du hast aus einigen oberflächlichen Betrachtungen eine abstruse 'gesellschaftlich-politische Alternative' konstruiert und die eine Sache vermissen lassen, die sportartübergreifend alternativlos ist: Respekt." Die "Welt" fragt sich: "Wer gerne Handball guckt, ist ein halber Nazi? Das dürfte besonders gut ankommen bei den Klubs, die seit ein paar Monaten nicht trainieren können, weil ihre Halle zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde." Der Deutsche Handball-Bund (DHB) äußerte sich auf seiner Facebook-Seite "empört". Facebook-User "Claus Diehl" fragt auf der Seite der Kieler Nachrichten: "Warum nimmt der Eilenberger nicht gleich den ganzen Wintersport aufs Korn?"

Den Wintersport lässt der "Zeit"-Autor zwar links liegen, setzt auf seinem Twitter-Account unter der Hashtag #ehrlichsein allerdings noch einen drauf, verweist auf die Sportarten Hockey und Volleyball und zählt die ausnahmslos deutschen Vornamen der Volleyball-Nationalspieler auf.

Während "Zeit.de"-Chefredakteur Jochen Wegner nun ankündigte, das Thema "Handball und Diversität" aufgrund der bundesweit um sich greifenden Kritik noch einmal aufgreifen zu wollen, sonnt sich Eilenberger via Twitter in den Reaktionen auf seinen diskursöffnenden "kalkulierten Tabubruch". Es bleibt ein Dilemma.

(Von Niklas Schomburg, aus den Kieler Nachrichten vom 12.02.2016, Foto: Sascha Klahn)

KN-"Einwurf": Hättest du geschwiegen...

Die Handball-Welt ist zu Recht erschüttert. Wolfram Eilenberger, Philosoph und Kolumnist für "Zeit Online", hat den EM-Titel zum Anlass genommen, statt über Fußball mal über Handball zu schreiben.

Und prompt seine Ahnungslosigkeit bewiesen. Der Handball sei die AfD des Sports, so Eilenberger, sozialdynamisch vor 30 Jahren stehen geblieben. Es gibt ja nicht mal Nationalspieler mit Migrationshintergrund! Das macht Wolfram an den deutschen Vornamen fest. Und der einzige Ausländer im Nationalteam (!) ist Isländer, das passe perfekt ins nordisch-arisierte Bild. Laut Eilenberger mögen die Deutschen Handball deshalb so gern, weil er so "kartoffeldeutsch" ist. Handball als Nazisport.

Diesen Mist muss und kann man gar nicht ernsthaft kommentieren. Es scheint, Eilenberger hat Angst. Davor, dass es wirklich egal ist, woher Menschen kommen. Und davor, dass der Handball dem Fußball einiges voraus hat. Fairness zum Beispiel. Maßnahmen gegen Homophobie. Ehrlichkeit. Armer Wolfram. Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben.

(Von Niklas Schomburg, aus den Kieler Nachrichten vom 11.02.2016)