Erneuter Handballkrimi mit Happy-End: THW besiegt Wetzlar

Bundesliga
Mittwoch, 18.09.2013 // 22:40 Uhr

Bundesliga, 6. Spieltag: 18.09.2013, Mi., 20.15: THW Kiel - HSG Wetzlar: 26:25 (11:14)

Update #2: KN-Artikel und Stimmen ergänzt

Riesenjubel: Filip Jicha ballt nach seinem Siegtreffer gegen Wetzlar die Fäuste. © Sascha Klahn

Die Heimspiele des THW Kiel sind derzeit nichts für schwache Nerven! Eine Woche nach der dramatischen Aufholjagd gegen den VfL Gummersbach ließen die "Zebras" am Mittwochabend gegen die HSG Wetzlar einen weiteren Handballkrimi folgen. Vor 10.285 Zuschauern in der Sparkassen-Arena lagen die Kieler in der 28. Spielminute mit 9:14 zurück. Dann stabilisierte sich die Deckung des Rekordmeisters, hinter der sich Torhüter Johan Sjöstrand zur Galaform aufschwang und damit den Weg zur zwischenzeitlichen 19:15-Führung für den THW ebnete. Doch es wurde zum Ende hin wieder dramatisch: Tobias Hahn erzielte 23 Sekunden vor dem Schlusspfiff den Ausgleich, Filip Jicha aber behielt die Nerven und sorgte mit seinem achten Treffer für das 26:25 (11:14) und ein schwarz-weißes Happy-End.

Wetzlar mit Balic

Ivano Balic führte von Beginn an Regie bei der HSG Wetzlar. © Sascha Klahn

Viermal bislang war Superstar Ivano Balic in Kiel zu Gast: 1998 verlor der Kroate als 18-jähriges Talent mit RK Split mit 26:29 gegen den THW, und auch mit Portland San Antonio (2007) und RK Zagreb (2009 und 2012) zog der zweimalige Welthandballer in der Sparkassen-Arena jeweils den Kürzeren. Dass es nun ausgerechnet mit der HSG Wetzlar beinahe gereicht hätte, das hätte sich Balic wohl selbst nicht träumen lassen. Denn die Mittelhessen durchleben derzeit eine unvergleichliche Verletzungsmisere, und auch gegen den THW Kiel fehlte mit Magnus Dahl, Daniel Valo, Florian Laudt, Adnan Harmandic sowie der Flügelzange Tobias Reichmann und Kevin Schmidt fast eine gesamte Formation.

Ausgeglichene Anpfangsphase

Doch der THW Kiel ist derzeit eine Wundertüte, was sich bereits beim 31:30-Zittersieg gegen Gummersbach in der Vorwoche angekündigt hatte und aufgrund des radikalen Umbruchs beim Rekordmeister auch nicht verwundert. Alfred Gislason konnte gegen Wetzlar zumindest wieder mit Rasmus Lauge planen, der nach seiner Schulterverletzung von Beginn an mit dabei war. Die Anfangsphase gehörte dennoch den Gästen: Nationalspieler Steffen Fäth erzielte per Sprungwurf den ersten Treffer, Dominik Klein scheiterte an Torhüter Wolff, und Routinier Klesniks erhöhte auf 2:0 für die Grün-Weißen. Es dauerte fast fünf Minuten, ehe die Kieler Fans endlich jubeln durften, als Marko Vujin den Ball in den Torwinkel drosch. Und nachdem Rasmus Lauge in einen Pass von Ivano Balic sprintete und per Gegenstoß den Ausgleich markierte, waren die Kieler drin in der Partie.

Überragender Vujin

Marko Vujin erzielte gegen Wetzlar fünf seiner sieben Treffer im ersten Durchgang. © Sascha Klahn

Indes: Die HSG Wetzlar legte zunächst weiter vor. Dies lag einerseits daran, dass Torhüter Andreas Wolff eine sensationelle erste Halbzeit spielte und die Hälfte der Kieler Würfe parieren konnte. Andererseits auch daran, dass Ivano Balic zwar kaum Torgefahr ausstrahlte, dafür aber überlegen Regie führte und seine Nebenmänner in Szene setzte. So legten Linksaußen Rompf zum 4:3 und Rechtsaußen Tobias Hahn mit einem Doppelschlag vom Kreis das 6:4 vor. Immerhin konnten sich die "Zebras" aber auf Marko Vujin verlassen: Kiels serbischer Linkshänder hielt seine Farben fast im Alleingang im Spiel, auch wenn Andreas Wolff einige seiner "Fackeln" entschärfen konnte. Bis zum 8:6 - erneut durch den gut aufgelegten Reichmann-Ersatz Hahn - legte Wetzlar weiter vor, und da Dominik Klein eine Zeitstrafe abbrummen musste, drohte dem Gastgeber weiteres Ungemach. Doch in Unterzahl glänzten die "Zebras" nun: Andreas Palicka parierte einen Klesniks-Wurf, der in der ersten Halbzeit ansonsten glücklose Filip Jicha tankte sich zum Anschlusstreffer durch, und nachdem Zeitz in der nun im 3:2:1-Verbund agierenden Deckung den Ball eroberte und Wael Jallouz per Gegenstoß den 8:8-Ausgleich markierte, wurde es richtig laut in der Sparkassen-Arena.

Mit unglaublichem Wolff legt Wetzlar vor

Andreas Wolff im Wetzlarer Tor spielte eine grandiose erste Halbzeit. © Sascha Klahn

Doch Wetzlar ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Trainer Kai Wandschneider schickte mit dem jungen Norweger Tönnesen eine neue Trumpfkarte aufs Parkett, und der Linkshänder brillierte sofort mit seinem Treffer zum 9:8 und einem feinen Anspiel auf den am Kreis lauernden Balic, der das 10:8 für Wetzlar erzielte. Als der in dieser Phase unüberwindbare Andreas Wolff nacheinander Jallouz, Jicha und Vujin zum Verzweifeln brachte und Tönnesen auf 11:8 für die Mittelhessen erhöhte, hatte Alfred Gislason genug gesehen. Der Isländer trommelte seine Mannschaft zusammen, stellte wieder auf die 6:0-Deckung zurück und brachte Sjöstrand für den glücklosen Palicka. Doch es änderte sich zunächst wenig am Spielverlauf: Während Wolff im Wetzlarer Tor weitere Glanztaten gegen Vujin, Klein und Jicha zeigte, erhöhte die HSG durch Tönnesen, Fäth und Weber gar auf 14:9 - und das, obwohl Sjöstrand bei einem Rompf-Gegenstoß sensationell zur Stelle war.

Ergebniskosmektik bis zum Seitenwechsel

Alfred Gislason stellte erneut um und brachte mit Patrick Wiencek für die letzten zweieinhalb Minuten des ersten Durchgangs einen zweiten Kreisläufer. Und dies zahlte sich aus: Marko Vujin traf fast von linksaußen zum erlösenden 10:14, wenig später bediente Jicha Toft Hansen, der auf 11:14 verkürzte. Und nachdem Tobias Hahn einen Dreher am Kieler Tor vorbei setzte und Jicha kurz vor der Pausensirene noch einen Siebenmeter erkämpfte, hatte Vujin per Strafwurf sogar noch die Chance zum 12:14. Jedoch scheiterte der Serbe an Andreas Wolff, dem überragenden Mann der ersten Halbzeit.

Aufholjagd mit Anlaufschwierigkeiten

Die Kieler 3:2:1-Deckung rührte gegen die HSG nach Wiederanpfiff Beton an. © Sascha Klahn

Mit sehr viel Entschlossenheit kehrten die Kieler nach der Halbzeitpause aufs Parkett zurück. Die 3:2:1-Deckung mit Filip Jicha auf der Spitze stand nun felsenfest, und vorne führte nun ein Mann Regie, der eigentlich geschont werden sollte: Aron Palmarsson musste also wie schon gegen Gummersbach das Ruder rumreißen, in der Abwehr wurde er durch Patrick Wiencek vertreten. Die Kieler Aufholjagd begann allerdings stockend: Zwar parierte der bärenstarke Sjöstrand nicht nur einen Siebenmeter Fäths, sondern auch die folgenden Rückraumwürfe Tönnesens und Fäths, doch im Angriff taten sich die "Zebras" immer noch schwer - so war Andreas Wolff einmal mehr gegen Vujin sowie bei einem Sigurdsson-Siebenmeter zur Stelle. Wieder dauerte es fast fünf Minuten, ehe den Kielern der erste Treffer gelingen wollte, und wieder war es Marko Vujin, der mit seinem bereits sechsten Treffer das 12:14 markierte.

Starker THW spielt sich in einen Rausch

Das Tor wirkte wie ein Befreiungsschlag für die gesamte Mannschaft und auch für das Publikum in der Sparkassen-Arena. Denn nun legte Filip Jicha per Gegenstoß nach, und auch auf den Schlagwurf Tönnesens zum 15:13 hatten die Gastgeber eine postwendende Antwort durch Christian Sprenger parat. Als Sjöstrand dann gegen Fäth erneut zur Stelle war und Jicha nur wenige Sekunden später zum 15:15 hochstieg, bebte die Sparkassen-Arena. Und dies tat sie wenig später gleich noch einmal, als Kiels nun aufdrehender Tscheche in der Abwehr den Ball eroberte und Marko Vujin zur ersten THW-Führung der Partie auf die Reise schickte.

10:1-Lauf in 16 Minuten

Rene Toft Hansen wird von der Wetzlarer Abwehr mit Jens Tiedtke und Steffen Fäth in die Mangel genommen. © Sascha Klahn

Kai Wandschneider reagierte sofort und legte die grüne Auszeitkarte auf den Zeitnehmertisch. Der THW-Express allerdings konnte dadurch nicht aufgehalten werden. Die 3:2:1-Deckung stand weiterhin glänzend und ermöglichte Sjöstrand weitere Paraden gegen Fäth, Rompf und Tiedtke. Nach zwei Treffern Jichas und einem sehenswerten Heber Sigurdssons gegen den mittlerweile in die Partie gekommenen Jose Hombrados waren die "Zebras" gar auf 19:15 (44.) enteilt. Mit einem fantastischen 10:1-Lauf binnen 16 Spielminuten hatte der THW scheinbar für klare Verhältnisse gesorgt.

Wetzlar gibt sich nicht geschlagen

Dies allerdings war ein Trugschluss. Mit einem weiteren wahnsinnigen Sprungwurf brach Kent Robin Tönnesen den achtminütigen Torbann für die HSG Wetzlar, die weiterhin an ihre Chance glaubte und sich auch durch die Entlastungstreffer von Jicha zum 20:16 und Palmarsson zum 21:18 davon abbringen ließ. In dieser Phase sahen die 10.285 Zuschauern eine muntere Partie mit schönen Ballstafetten auf beiden Seiten, wie beispielsweise beim artistisch mit dem Rücken zum Tor abgeschlossenen 22:19 durch Toft Hansen oder dem von Sprenger abgeschlossenen Spielzug zum 23:20. Und als Krause fünf Minuten vor Spielende ein technischer Fehler unterlief und Wiencek sofort Jicha per Konter zum 24:21 auf die Reise schickte, waren die Kieler Fans bereits in Feierlaune - hier schien nichts mehr anzubrennen.

Dramatische Schlussphase

Kent Robin Tönnesen hielt Wetzlar mit seinen Treffern in der Partie. © Sascha Klahn

Doch weit gefehlt: Wandschneider trommelte noch einmal seine Mannschaft zusammen und verordnete eine offensive 3:3-Deckung. Diese schien zunächst nicht zu fruchten, da Toft Hansen nach einer Parade Hombrados' gegen Palmarsson zur Stelle war und das 25:22 erzielte. Der THW bekam sogar die Chance, wieder auf vier Treffer davonzuziehen, doch Zeitz scheiterte per Hüftwurf an Hombrados, auf der Gegenseite war Tönnesen zum achten Mal zur Stelle. Dann sorgte das Schiedsrichtergespann Behrens/Fasthoff gleich zweimal für Unverständnis auf den Rängen. Bei den Kieler Abschlüssen von Jicha und Palmarsson warteten nicht nur die Zuschauer auf einen Freiwurf- oder gar Siebenmeterpfiff zugunsten der Gastgeber. Die Unparteiischen aber ließen jeweils weiterlaufen, und Wetzlar bekam tatsächlich noch einmal die Chance zum Ausgleich. 

Jicha lässt Kiel jubeln

Wandschneider brachte einen siebten Feldspieler aufs Parkett, und Tobias Hahn behielt die Nerven und sorgte 23 Sekunden vor dem Spielende für den 25:25-Ausgleich. Der THW wollte per schneller Mitte auf das noch verwaiste Tor der Gäste werfen, doch Ivano Balic verhinderte diesen Schachzug regelwidrig und sah daher folgerichtig die rote Karte. So mussten es die Kieler aus dem gebundenen Spiel richten. Fünf Sekunden vor der Schlusssirene nahm sich Filip Jicha ein Herz und wuchtete den Ball zum umjubelten 26:25 in die Maschen, während der letzte Verzweiflungswurf Wetzlars von der Mittellinie ein gefundenes Fressen für den aufmerksam gebliebenen Sjöstrand wurde. 

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(Sascha Krokowski)

 

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