THW am Mittwoch zu Gast in Balingen

Vorbericht
Montag, 01.09.2014 // 12:50 Uhr

Was für ein Auftaktprogramm für den THW Kiel: Nur drei Tage nach dem mühsamen 20:19-Derbysieg beim HSV Hamburg geht es bereits am Mittwoch mit dem nächsten schweren Auswärtsspiel weiter. Die Partie beim HBW Balingen-Weilstetten wird um 20.15 Uhr angepfiffen, zeitnahe Informationen bekommen Sie unter anderem unter kiel-liveticker.de.

Sportlich abgestiegen

Zurück aus Nettelstedt: Dennis Wilke spielte bereits von 2006 bis 2012 für den HBW.

Beinahe wäre die achte Bundesliga-Spielzeit der „Gallier von der Alb“ die vorerst letzte gewesen. In der vergangenen Saison lieferte sich der HBW ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Bergischen HC um den Klassenerhalt. Nach einer schwachen Hinrunde wurde die Reißleine gezogen und Trainer Dr. Rolf Brack, der ohnehin bereits seinen Abschied zum Saisonende verkündet hatte, nach neuneinhalb Jahren vor die Tür gesetzt. Unter dem neuen Coach Markus Gaugisch setzte Balingen tatsächlich zu einer Aufholjagd an, die aber durch die bittere 27:29-Heimniederlage im „Vier-Punkte-Spiel“ gegen den BHC jäh gestoppt wurde. Die Baden-Württemberger konnten sich davon nicht mehr erholen, und als die Bergischen Löwen am vorletzten Spieltag sensationell in Berlin gewannen, war am 21. Mai der sportliche Abstieg besiegelt.

Langes Warten auf das HSV-Urteil

Talent Matej Asanin kam von Ademar Leon.

Es folgten Wochen des Hoffens und Bangens für die Mannschaft, die Geschäftsführung und natürlich auch die Fans, da das Schicksal. Als der HSV Hamburg Anfang Juni auch in zweiter Instanz keine Lizenz für die DKB Handball-Bundesliga erhielt,  begann der Verein endgültig, für seine neunte Spielzeit in der Erstklassigkeit zu planen: „Der Tanz zwischen beiden Ligen war bisher schwer genug, jetzt müssen wir ab sofort für die erste Liga planen – vor allem was die Spielerverträge angeht“, stellte Geschäftsführer Bernd Karrer klar. „Um ehrlich zu sein, habe ich nicht daran geglaubt, dass der HSV keine Lizenz bekommt. Ich habe Hochachtung vor dem Präsidium und all denen, die diese Entscheidung getroffen haben. Daran sieht man, dass beim neuen Lizenzverfahren alle Vereine gleich behandelt werden.“

Allerdings blieb auch danach noch ein Funken Ungewissheit, da der HSV vor das Schiedsgericht zog. „Bis endgültig entschieden wird, ob der HSV die Lizenz nun erhält oder nicht, stecken wir in einer Hilflosigkeit fest“, konstatierte Karrer konsterniert. Einen Tag, bevor die Hansestädter am 1. Juli doch noch für die DKB Handball-Bundesligs zugelassen wurden, erstritt sich der HBW per einstweiliger Verfügung seinen Startplatz zurück. Und als die DKB Handball-Bundesliga letztlich bestätigte, dass die Spielzeit 2014/15 tatsächlich mit 19 Vereinen gespielt werden sollte, konnte man an der Schwäbischen Alb endlich die letzten Personalplanungen vollziehen.

Riesiger personeller Umbruch

Yann Polydore spielte zuletzt für Grand Nancy ASPTT in der zweiten französischen Liga.

Die meisten seiner Hausaufgaben hatte der HBW indes schon viel früher erledigt, denn immerhin galt es, gleich acht Spieler zu ersetzen. Mit Bastian Rutschmann (Rhein-Neckar Löwen) und Nikolas Katsigiannis verließ nicht nur das starke Torhüterduo den Verein, denn auch Rückraumshooter Roland Schlinger (Alpla Hard), Linksaußen Manuel Liniger (Kadetten Schaffhausen), Rechtsaußen Florian Billek (HSC Coburg), Nationalspieler Kai Häfner (Hannover-Burgdorf), Abwehrstratege Daniel Wessig (TV Neuhausen) und Christian Zeitz' Lieblingsgegner Frank „Litti“ Ettwein (Karriereende) stehen Gaugisch nicht mehr zur Verfügung. Die ersten Neuzugänge präsentierte man in Balingen bereits, als der sportliche Abstieg noch gar nicht besiegelt war: Der 32-jährige serbische Torhüter Radivoje Ristanovic wurde von Partizan Belgrad verpflichtet, und aus der zweiten französischen Liga kommend unterschrieb der 25-jährige Linkshänder Yann Polydore ebenfalls bereits im Mai einen Dreijahres-Vertrag. Die Rückkehr von Rechtsaußen Dennis Wilke vom TuS N-Lübbecke war sogar bereits seit Monaten beschlossene Sache. Zudem half es, dass trotz der Ungewissheit der Ligazugehörigkeit Spieler wie die Strobel-Brüder, Fabian Böhm, Felix König, Dragan Tubic und Christoph Theuerkauf dem Verein die Treue schworen.

Weiterer Linkshänder im Anflug

Linksaußen Niklas Ruß kam aus Leutershausen, spielte zuvor bei den Rhein-Neckar Löwen.

In der Sommerpause legte Balingen personell nach: Mit Denni Djozic und Niklas Ruß wurden gleich zwei ehemalige Linksaußen der Rhein-Neckar Löwen unter Vertrag genommen, der 20-jährige Kroate Matej Asanin kam aus der spanischen Liga Asobal, und mit Olivier Nyokas wurde der Zwillingsbruder des französischen Weltmeisters Kevynn, der ab dieser Saison ebenfalls in der Bundesliga für Frisch Auf Göppingen am Ball ist, als Schlinger-Nachfolger für die „Königsposition“ im linken Rückraum unter Vertrag genommen. Zudem wurde mit Gianluca Lima ein Schweizer „Rohdiamant“ (Gaugisch) verpflichtet, der allerdings bereits vor Saisonbeginn „aus privaten Gründen“ in die Heimat zurück kehrte: „Es tut uns außerordentlich leid, dass das jetzt alles so gelaufen ist, aber Gianluca hat mit uns gesprochen und wir konnten seine Gründe nachvollziehen“, so Karrer, der eine Nachverpflichtung für Lima plant. „Die Gespräche stehen vor dem Abschluss. Wir wollen noch in dieser Woche Vollzug melden“, so der Geschäftsführer am Sonntag – nicht ausgeschlossen, dass der Neuzugang bereits im Heimspiel gegen den THW Kiel sein Debüt feiert.

Erste Punkte am Wochenende eingetütet

Olivier Nyokas soll für die "einfachen" Tore aus dem Rückraum sorgen.

Doch obwohl der HBW als erster Bundesligist in die Vorbereitung startete, bleibt für Trainer Gaugisch noch viel zu tun, um aus der komplett umgekrempelten Mannschaft ein erstligareifes Team zu formen. Beim 20:31 zum Auftakt bei der MT Melsungen lag Balingen bereits zur Pause (6:17) aussichtslos hinten. Am Sonntag zur Heimpremiere indes besiegte der HBW GWD Minden verdient mit 28:25 (11:9) und sammelte damit die ersten beiden Punkte, um am Ende der Saison mindestens vier Mannschaften hinter sich zu lassen. „Heute waren wir mental auf der Höhe und haben es geschafft, unser Spiel durchzuziehen“, so Linksaußen Niklas Ruß. „Eine enge und volle Halle, eine tolle Stimmung. Das hat einen Riesenspaß gemacht.“

THW mit fast makelloser Bilanz

Dies wird gegen den THW Kiel am Mittwoch nicht anders sein, wenn die „Gallier von der Alb“ nach dem ersten Sieg um so freier aufspielen können. Die Favoritenrolle ist klar verteilt, gewannen die „Zebras“ doch 16 der bislang 17 Pflichtspiele gegen Balingen. Die Hausherren werden aber alles versuchen, noch einmal für ein „Handballwunder“ zu sorgen wie beim rasanten 39:37-Erfolg am 23. Dezember 2009 gegen den späteren Meister und Champions-League-Sieger.

Kieler Nachrichten: Auftritt bei den Unberechenbaren

Kiel. Der THW Kiel ist mitten drin im Bundesliga-Terminstress. Nach dem Gastspiel in Hamburg muss der deutsche Handball-Meister heute (20.15 Uhr) auf der Schwäbischen Alb antreten, um danach sofort nach Hessen zur HSG Wetzlar weiterzureisen. Und die Aufstockung der Liga auf 19 Teams gleicht auch noch einer Rechnung mit einigen Unbekannten.

So folgt dem knappen Sieg beim Fast-Zwangsabsteiger Hamburg nun der Auftritt bei den Unberechenbaren. Die SG HBW Balingen-Weilstetten blieb nur durch das Lizenzgerangel der Hamburger und auf dem Klageweg in der Ersten Liga und musste sich ganz neu strukturieren.

Für das Video-Studium des heutigen Gegners konnte sich THW-Trainer Alfred Gislason auf zwei Stunden Material von den beiden ersten Saisonspielen der Balinger konzentrieren. Denn Archivmaterial aus der Vorsaison hat nur noch wenig Aussagekraft, haben die Gallier von der Alb doch acht Abgänge auffangen müssen. Erkenntnis aus dem dünnen Anschauungsmaterial: Geblieben ist die taktisch zweigeteilte Ausrichtung der Schwaben. „Es sind bei Auswärts- und Heimspiel komplett andere Mannschaften. In eigener Halle ist die Abwehr sehr aggressiv. Und diese Reihe ist auch zusammengeblieben. Im vergangenen Jahr hatten wir Glück, dass wir ohne Verletzte abgereist sind“, sagt Gislason. Eine ähnlich harte Gangart erwartet der THW-Trainer erneut und hofft, dass der angeschlagene Spielmacher Aron Palmarsson weitere Schritte nach vorn macht. „Er braucht noch ein bisschen Zeit, um reinzukommen, aber das letzte Training war schon gut.“

Mit deutlich ansteigender Formkurve hatte in Hamburg Marko Vujin großen Anteil am Sieg der Kieler, als er für den verletzten Steffen Weinhold in die Bresche sprang. Resultat einer geminderten Konkurrenzsituation für den Serben? „Das hat damit gar nichts zu tun. Marko war schon im Training davor überragend und hat das in Hamburg umgesetzt“, sagt Gislason.

Für Balingen ist die neue Saison, obwohl seit acht Jahren in der Ersten Liga, ein Neuanfang. Und Trainer Markus Gaugisch, der ohnehin zum 1. Juli hätte kommen sollen, dann aber schon zur Saisonmitte Rolf Brack ablöste, hatte bei der Zusammenstellung des Kaders mit vielen Absagen zu kämpfen. Die Abstiegsfrage ließ viele Spieler zögern, die Hängepartie nach Saisonende verschlimmerte die Situation. Und als dann zum 1. Juli der Status geklärt war, hatten einige Wunschverpflichtungen bereits anderenorts Verträge. „Ich habe zwar früh Gespräche geführt, aber fast immer die gleiche Antwort bekommen: Balingen sei interessant, das Konzept reizvoll, aber die Ungewissheit zu groß“, berichtet Gaugisch. „Auch die Situation in der Saisonvorbereitung war dann alles andere als optimal. Wir haben zwar früh am 1. Juli begonnen und wollten intensiv an der Physis arbeiten, hatten aber immer wieder Verletzungsausfälle.“

Dennoch sei es gelungen, aus den verbliebenen Spielern und den Neuverpflichtungen einen „verschworenen Haufen“ zu kreieren. „Bundesliga ist in Balingen keine Normalität. Und auch für viele Spieler ist es einzigartig. Daher erwarte ich, dass sie alles geben“, so Gaugisch, der gegen Kiel mit dem Problem kämpft, keinen Stammspieler für den rechten Rückraum zu haben. „Uns sind durch Verletzungen die Linkshänder abhanden gekommen. Da würden wir uns gern verstärken. Aber der Markt ist dünn, und wir brauchen jemanden, der uns sofort helfen könnte.“ Daher gehe es für die SG HBW gegen Kiel um ein „Super-Erlebnis“, die Ambition, „möglichst lange dranzubleiben“, und die Chance, sich für die nächste Partie am Sonntag gegen TuS N-Lübbecke weiterzuentwickeln.

(von Ralf Abratis, aus den Kieler Nachrichten vom 03.09.2014)

 

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