KN: Der Sinn des Siebten

Bundesliga
Freitag, 09.10.2015 // 12:49 Uhr

Mannheim. Das Spitzenspiel verloren, in der Bundesliga sechs Punkte Rückstand auf die Rhein-Neckar Löwen - der THW Kiel ist so schlecht gestartet wie seit 13 Jahren nicht mehr. Damals hatten die Zebras nach neun Spielen 6:12 Punkte auf dem Konto, nun ist der Stand immerhin umgekehrt. Dabei hatten die Zebras in Mannheim eigentlich vieles richtig gemacht, belohnten sich aber nicht für eine taktische Raffinesse.

Überzahltaktik des THW Kiel reichte bei den Löwen nicht zum Sieg

"In den vorherigen Spielen hatten wir große Probleme mit der 3:3-Deckung der Löwen", erinnerte sich THW-Kapitän René Toft Hansen. "Deshalb haben wir anders gespielt." Anders, überraschend, einfallsreich - die Kieler Variante, der offensiven Löwen-Deckung mit einem siebten Feldspieler zu begegnen, hatte niemand so richtig auf dem Zettel. Auch der Coach der Badener, Nikolaj Jacobsen, nicht: "Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet, das hat Alfred noch nie gemacht." THW-Trainer Alfred Gislason und seiner Mannschaft gelang es durch diese Maßnahme, die Löwen in eine 6:0-Formation zurückzudrängen. Dass es am Ende trotzdem nicht zum Sieg reichte, lag nicht daran, dass die Zebra-Taktik des siebten Mannes fehlgeschlagen wäre, sondern an der zu hohen Fehlerquote und der auch in ungewohnter Deckung unbestrittenen Qualität der Gastgeber.

In der ersten Halbzeit orientierte sich Christian Sprenger im schwarzen Leibchen an den Löwen-Kreis. Der etatmäßige Rechtsaußen war nicht ins Spiel eingebunden und sorgte für keine echte Überzahlsituation, doch die Rechnung ging zunächst auf: Die Löwen wichen an die Sechs-Meter-Linie zurück, der THW hatte Platz im Rückraum. "Das hat die Löwen gestört, aber uns auch ein bisschen", beschrieb Gislason. Sein Kapitän Toft Hansen analysierte später: "Wir haben zu viel Stress gehabt. Sie sind zurückgegangen, aber dann haben wir falsch reagiert." Trotz der entstandenen Räume entfalteten die Zebras keinen Druck, sondern fabrizierten technische Fehler und unsaubere Abschlüsse wie am Fließband. "Wenn wir aus den drei Tempogegenstößen, die wir vor der Pause wegwerfen, drei Tore machen, kommen wir gar nicht in die Situation, einem so hohen Rückstand hinterherlaufen zu müssen. Das hat uns den Sieg gekostet", ärgerte sich Gislason über den "enttäuschenden Halbzeitstand".

Nach der Pause war es Dragos Oprea, der als siebter Feldspieler immer wieder mit Torhüter Niklas Landin wechselte. Es mutete zwischenzeitlich etwas merkwürdig an, wie der 33-Jährige von der Bank zum gegnerischen Kreis sprintete, nur um auf dem Fuß Kehrt zu machen und den Weg zurückzulaufen. Doch wieder zogen sich die Löwen zurück, wieder hatten die Zebras Räume. Bis zur 45. Minute wurde offenbar, dass die THW-Taktik einen Weg darstellte, die unangenehme Löwen-Deckung auszuhebeln. "Da hätten wir das Spiel drehen können, aber wir haben wieder zu viele Fehler gemacht", sagte Gislason.

Zudem leisteten Stefan Kneer und Gedéon Guardiola im Mittelblock der Löwen-6:0 hervorragende Abwehrarbeit, und die Zebras wurden zunehmend müde. "Wegen Patrick Wienceks Verletzung bekam Domagoj Duvnjak keine Pause in der Abwehr", erklärte Toft Hansen. Joan Canellas musste neben dem Dänen im Mittelblock decken, dem Meister schwanden die Kräfte. "Da müssen wir Mamelund und Dissinger noch besser einbauen, um den anderen mehr Pausen zu geben. Wir werden in den nächsten beiden Spielen noch mehr rotieren", zog Gislason die ersten Schlüsse aus dem höchst interessanten Taktikkampf.

Das Experiment trug in Mannheim durchaus Früchte, zwei Punkte brachte es nicht ein. Der siebte Mann wird nicht nur deshalb vorerst wohl wieder in der isländischen Taktikkiste verschwinden. "Das ist kein dauerhaftes Mittel, es war nur für die Löwen-Deckung gedacht", sagte der THW-Coach. Beim kommenden Spiel in Plock wird es kein schwarzes Leibchen geben. Zeit, um sich auf den Champions-League-Gegner einzustellen, haben die Zebras bis Sonnabend. Der Tross machte sich gestern direkt aus Mannheim via Flughafen Frankfurt auf den Weg nach Polen.

(Von Niklas Schomburg, aus den Kieler Nachrichten vom 09.10.2015, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

Mehr zum Thema

Gummersbach. Der THW Kiel hat nach der Niederlage gegen den SC Magdeburg wieder zurück in die Erfolgsspur gefunden. Am Donnerstagabend eroberten die Zebras beim 35:22 (20:8) in der Handball-Bundesliga (siehe THW-Spielbericht) das Revier des Altmeisters VfL Gummersbach im Sturm.

22.02.2019

Der THW Kiel ist in der DKB Handball-Bundesliga in die Erfolgsspur zurückgekehrt: Beim Altmeister VfL Gummersbach gewannen die Zebras am Donnerstagabend deutlich mit 35:22 (20:8) und holten damit zwei wichtige Auswärtspunkte. Bester Torschütze gegen die in allen Belangen unterlegenen Oberbergischen war Niclas Ekberg mit 9:5 Treffern, Nikola Bilyk war aus dem Feld sechs Mal erfolgreich. Den...

21.02.2019

Kiel. Gute Laune herrschte zu Wochenbeginn nicht im Trainingszentrum des THW Kiel. "Die Stimmung war nicht so gut", berichtet Trainer Alfred Gislason. "Aber das ist normal, wenn man eine Niederlage so selbst verschuldet hat wie wir gegen Magdeburg."

21.02.2019

Gummersbach. Der VfL Gummersbach ist das einzige Gründungsmitglied der Handball-Bundesliga, das niemals abgestiegen ist. Aus der Gründungssaison 1966/1967 sind heute neben den Oberbergischen nur die Füchse Berlin im Oberhaus dabei, doch die damaligen Reinickendorfer Füchse haben zwischenzeitlich so manches Jahr in der Zweiten Liga verbracht. Der VfL ist der Handball-Dino, und der schwebt in großer...

20.02.2019

Die Zebras haben nach dem Rückschlag vom vergangenen Sonntag längst den Blick nach vorn gerichtet: Am Donnerstag ist der THW Kiel beim VfL Gummersbach gefordert, der in der DKB Handball-Bundesliga um jeden Zähler für den Klassenerhalt kämpft. "Wir wollen zu unserem Spiel zurückfinden und die zwei Punkte holen", fordert THW-Kapitän Niklas Landin. "Einen Vorteil hat der enge Spielplan: Wir müssen...

19.02.2019

Kiel. Sechs Minuspunkte Rückstand auf den Spitzenreiter, eine gerissene Siegesserie, Probleme im Angriff - einen Tag nach der 25:28-Niederlage gegen den SC Magdeburg (siehe THW-Spielbericht) herrscht Katerstimmung bei den Handballern des THW Kiel. Denn der Blick auf die Bundesliga-Tabelle spricht eine deutliche Sprache: Flensburg 42:0 Punkte, THW Kiel 36:6. Nach der Schlappe am Sonntag musste auch...

19.02.2019

Kiel. Die Serie (22 Siege in Folge) gerissen, die Laune verhagelt: Der THW Kiel hat am Sonntagmittag einen herben Rückschlag im Titelrennen der Handball-Bundesliga erlitten und die zweite Niederlage der Saison gegen den SC Magdeburg kassiert. Am Ende bedeutet das 25:28 (13:14, siehe THW-Spielbericht) die Minuspunkte fünf und sechs, während sich Spitzenreiter SG Flensburg-Handewitt (28:18 gegen...

18.02.2019

Der THW Kiel hat gegen den SC Magdeburg die Revanche für die Hinspiel-Niederlage verpasst: Vor 10.285 Zuschauern in der Sparkassen-Arena unterlagen die "Zebras" den Bördestädtern verdient mit 25:28 (13:14). Beste Torschützen in einer umkämpften Begegnung beider Traditionsvereine waren Domagoj Duvnjak und Albin Lagergren mit je sieben Treffern. Für die Kieler endete mit der Heim-Niederlage eine...

17.02.2019