Topspiel am Sonntag: Füchse fordern die Zebras

Bundesliga
Freitag, 30.10.2015 // 08:37 Uhr

Spitzenspiel am Sonntag in der Hauptstadt: Der "Weltmeister" fordert den Rekordmeister ab 17.15 Uhr im "Fuchsbau" zum heißen Tanz auf. Sport1 überträgt das Gastspiel des THW Kiel beim aktuellen "Super Globe"- und EHF-Pokal-Gewinner Füchse Berlin live, zeitnahe Informationen liefert der Live-Ticker auf der THW-Homepage. Die Begegnung in der ausverkauften Berliner Max-Schmeling-Halle ist das Topspiel des zwölften Spieltages in der DKB Handball-Bundesliga, und die "Zebras" wollen sich mit einem wichtigen Sieg in die Nationalmannschafts-Pause verabschieden.

Isländer folgt auf Isländer

Wechselte aus Eisenach nach Berlin: Linksaußen Bjarki Elisson.

Bei den Berlinern wurde vor dieser Spielzeit ordentlich durchgekehrt: Mit Pavel Horak (nach Erlangen), Konstantin Igropulo (zu KIF Kolding-Kopenhagen nach Dänemark), Evgeni Pevnov (nach Gummersbach) und dem seine galnzvolle Karriere beendenden Iker Romero verließen gleich vier Leistungsträger den Hauptstadtclub nach dem Gewinn des EHF-Pokals. Und auch an der Seitenlinie gab es Neues: Für Dagur Sigurdsson, der sich seit dieser Saison nur noch um den wichtigen Posten des Bundestrainers kümmert, kam dessen isländischer Landsmann Erlingur Richardsson. "Der Wechsel zu einem der größten Handballclubs in Europa ist für mich eine große Chance", sagte der 42-Jährige, der vom österreichischen Erstligisten West Wien in die Hauptstadt wechselte. "Das Konzept passt sehr gut, und ich arbeite gerne mit jungen Menschen."

Neuer Abwehrchef Jakov Gojun

Abwehr-Stratege: Jakov Gojun

Das ist eine der Grundvoraussetzungen bei den Füchsen, die weiterhin auch auf Nachwuchsspieler setzen. "Wir werden hier nicht jeden Stein umdrehen", hatte Richardsson vor der Spielzeit erklärt, "aber kleine Taktik-Details und eine neue Abwehrformation einführen." Frühzeitig war der neue Coach deshalb auch in die Personalplanungen der Reinickendorfer eingebunden. Mit Bjarki M. Elisson wurde ein Wunschspieler Richardssons verpflichtet: Der Linksaußen vom ThSV Eisenach ist nicht nur torgefährlich und ein sicherer Siebenmeter-Schütze, sondern kann auch auch als vorgezogene Spitze in einer offensiven Deckung für Ballgewinne sorgen. Als neuen Abwehrchef holten sich die Berliner eine richtige Kante: Der kroatische Nationalspieler Jakov Gojun, der bei RK Zagreb, Atletico Madrid und zuletzt Paris Saint Germain die Defensive organisiert hatte, schloss sich dem EHF-Pokalsieger an. Ein Paukenschlag, zeigte doch auch dieser Transfer, wie sehr sich Berlin in den vergangenen Jahren im europäischen Handball etabliert hat.

Sieben Minuspunkte und das Aus im Pokal

Linkshänder: Kent Robin Tönnesen kam aus Wetzlar.

Gojun und die neue Berliner Defensive scheinen ihre Arbeit gut zu machen, denn wie der THW Kiel kassierten auch die Füchse bisher im Schnitt weniger als 26 Gegentreffer pro Partie. Nach der Auftaktpleite gegen Melsungen verloren die Füchse acht Spiele in Folge nicht und holten unter anderem in Flensburg (30:30) und Magdeburg (24:24) wichtige Auswärtspunkte. Zuletzt allerdings gaben die Berliner gegen Hannover den ersten Heimpunkt ab, und bei den starken Göppingern verlor der Hauptstadtclub mit 23:25, sodass sich die Füchse in der Tabelle erstmals in dieser Saison direkt hinter dem THW einreihten. Am Mittwoch dann schieden die Berliner beim bisher gegen deutsche Mannschaft ungeschlagenen Tabellenführer Rhein-Neckar Löwen im DHB-Pokal aus. "Wir haben gekämpft und alles versucht", erklärte der sportliche Leiter Volker Zerbe. "Aber die Löwen waren einfach das schwerste Los, was wir ziehen konnten."

"Zebras" wollen Erfolge der Vorsaison wiederholen

Bisher trafen die "Zebras" in der DKB Handball-Bundesliga 28 Mal aufeinander. 22 dieser Begegnungen entschieden die Kieler für sich, zwei Mal gab es ein Unentschieden zwischen den Kontrahenten (siehe auch Gegnerstatistik im THW-Archiv). In der vergangenen Saison stürmte  der THW mit einer der stärksten Vorstellungen der Spielzeit beim 38:27 den Fuchbau, in Kiel gab es einen noch klareren 32:18-Sieg für den Gastgeber. "Die Partie am Sonntag wird ein richtig hartes Stück Arbeit", sagt Kapitän Rene Toft Hansen. "Die Berliner spielen bisher eine klasse Saison. Auch wenn es nicht leicht wird: Wir werden alles geben, um dort zu gewinnen!" Schiedsrichter der Begegnung, die ab 17.15 Uhr live auf Sport1 gezeigt wird und im Internet-Ticker auf der THW-Homepage verfolgt werden kann, sind Andreas und Marcus Pritschow. Auf geht's, "Zebras"!

Neuformierter Rückraum

Kam vom TuS N-Lübbecke: Mittelmann Drago Vukovic.

In den beiden letzten Spielen wurde deutlich, dass auch die Füchse mit Offensivproblemen zu kämpfen haben. Kein Wunder, sind doch auch die Hauptstädter im Umbruch und haben ihre Mannchaft deutlich verjüngt. Neben dem 29-jährigen Gojun und dem 25-jährigen Elisson holten sie für den rechten Rückraum den 24-jährigen norwegischen Nationalspieler Kent Robin Tönnesen von der HSG Wetzlar. Am Kreis unterstützt nun der 21-jährige Spanier Ignacio Plaza Jesper Nielsen. Für die Romero-Rolle verpflichtete Manager Bob Hanning allerdings Erfahrung: Drago Vukovic (32) kam aus Lübbecke. Ein neuer Rückraum, der Zeit benötigt - zumal die Entdeckung der vergangenen Saison, Paul Drux, bis nach der Europameisterschaft unfreiwillig zuschauen muss: Der Nationalspieler verletzte sich in der Saison-Vorbereitung schwer an der Schulter und wird aller Voraussicht nach erst im Februar wieder im bunten Berliner Trikot auflaufen können. So ist Petar Nenadic so etwas wie die "Lebensversicherung" der Berliner: 81 Treffer, Platz eins in der Torjäger-Statistik der DKB Handball-Bundesliga. Nenadic erzielte bisher mehr als ein Viertel aller Füchse-Tore. 

Coup in der Wüste

Wie stark Berlin aber auch mit der neuformierten Mannschaft auftrumpfen kann, bewies die Richardsson-Truppe ausgerechnet in der Wüste: Per Wildcard durfte der EHF-Pokalsieger in Qatar beim "Super Globe" antreten und besiegte dort nicht nur den Champions-League-Sieger FC Barcelona (26:25), sondern im Finale auch den letztjährigen Königsklassen-Favoriten MVM Veszprem (27:26 nach Verlängerung). Der Lohn: Der "Weltmeister"-Titel für Vereinsmannschaften und mehrere hunderttausend Euro Preisgeld, die den Füchsen bei der Suche nach einem immer noch fehlenden Hauptsponsor Zeit verschafften. "Wer zwei Weltklasse-Mannschaften so bespielt, der hat den Titel verdient. Das ist eine der größten Sensationen im Handball überhaupt", jubelte Hanning über den "Coup in der Wüste".

KN: THW als Weltpokalsiegerbesieger?

Kiel/Berlin. Für den THW Kiel geht es gleich am ersten Tag mitten hinein in einen heißen November. In der Berliner Max-Schmeling-Halle warten am Sonntag die Füchse auf die Zebras. Für den Klub-Weltmeister ist es das zweite Topspiel innerhalb von fünf Tagen, am Mittwoch verloren die Berliner im Pokal mit 23:29 bei den Rhein-Neckar Löwen. Dass sie bis zur 50. Minute die Überraschung zumindest nicht aus den Augen verloren hatten, lässt für die Bundesligapartie eine schwere Aufgabe für die Kieler erwarten.

Es ist ein Duell der Tabellennachbarn: Der THW rangiert nach drei Niederlagen auf Rang sieben, die Füchse nur einen Punkt dahinter auf Rang acht. Geht es in diesem Spiel bereits um die Champions League? "Für den THW mit Sicherheit, für uns mit Sicherheit nicht", sagt Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. Der 47-Jährige hat für diese Saison das Ziel EHF-Pokal-Qualifikation ausgegeben. "Wir trauen uns Platz sechs zu - für ganz oben reicht es einfach nicht."

In der Bundesliga vielleicht nicht, dafür aber bei der Klub-WM. Überraschend gewannen die Füchse als EHF-Pokalsieger den Titel gegen die hoch favorisierten Teams aus Veszprem und Barcelona. "Das war toll und wichtig für uns. Wir waren vorher etwas bequem geworden und mussten Veränderungen vornehmen. Es war wichtig zu sehen, dass das funktioniert", sagt Hanning rund sieben Wochen nach dem Coup, der dem Verein 400 000 Dollar in die Kasse spülte. Wichtig auch, um zu sehen, wie konkurrenzfähig das Team ist, nachdem mit dem deutschen Shootingstar Paul Drux und Mattias Zachrisson gleich zwei Leistungsträger mit einer Schulterverletzung ausgefallen sind. "Eigentlich haben wir einen Rückraumspieler zu wenig", klagt Hanning. Nachwuchsakteure wie Fynn-Ole Fritz und Kevin Struck seien im linken Rückraum gefordert, obwohl sie eigentlich hinter Drux nur Erfahrung sammeln sollten. "Aber mögliche Ersatzverpflichtungen sind entweder zu teuer oder nicht gut genug. Manchmal sind sie auch zu teuer und zu schlecht", beschreibt Hanning das Dilemma aus seiner Sicht.

Auf Kieler Seite herrscht dennoch keineswegs der Anschein einer geschwächten Berliner Mannschaft vor. "Der Ausfall von Drux hat Auswirkungen in der Breite", sagt THW-Coach Alfred Gislason. "Aber man muss sich nur anschauen, wie viele Tore Petar Nenadic gemacht hat. Und dann gibt es noch Drago Vukovic und Fabian Wiede. Das ist eine große Qualität." Eine Zahl, die Gislason Recht gibt: Nenadic führt die Bundesliga-Torjägerliste mit 81 Toren aus zehn Spielen an.

Nach der Auftaktniederlage in Melsungen lieferten die Füchse starke Leistungen ab, reihten Sieg an Sieg, holten Anfang Oktober einen Punkt in Flensburg, waren elf Spiele ungeschlagen. Am Mittwoch vergangener Woche riss die Serie, Göppingen machte sich zum Weltpokalsiegerbesieger, nachdem die Hauptstädter zuvor in Magdeburg und gegen Hannover auch nur jeweils einen Punkt mitgenommen hatten. "Niederlagen gehören dazu, mich ärgert der Punktverlust gegen Hannover viel mehr", sagt Hanning. Eine abfallende Formkurve also? Gegen den THW wird es nicht gerade leichter. "Wir können den THW nur einmal in zehn Spielen schlagen", schätzt der Füchse-Chef die Chancen ein. "Ich wäre froh, wenn es am Sonntag der Fall wäre."

Der THW ist sich der Aufgabe bewusst. "In Berlin ist es immer schwierig, gegen diese Mannschaft und eine volle Halle", sagt Gislason. "Das wird sehr schwer, wir müssen wieder alles geben", sagt auch Domagoj Duvnjak. Sollte der THW weitere Punkte liegen lassen, wäre der Zug in Richtung Meisterschaft wohl abgefahren, auch die Champions-League-Plätze rückten in weitere Ferne. "Wir konzentrieren uns auf das Spiel, das wir jetzt haben. Bis Entscheidungen fallen, wird es noch lange dauern, es ist alles sehr eng beieinander", weist der Coach auf den entscheidenden Fokus hin. Für das Spiel in Berlin steht ihm mit Ausnahme der Langzeitverletzten Klein, Jansen und Wiencek der gesamte Kader zur Verfügung. Wie in Coburg steht hinter Christian Dissinger ein kleines Fragezeichen, weshalb auch Alexander Williams und Kreisläufer Rogerio Ferreira an der Spree mit von der Partie sein könnten.

(Von Niklas Schomburg, aus den Kieler Nachrichten vom 31.10.2015)

 

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