KN-Hinrunden-Bilanz: Alfred Gislason: "Mein letzter Neuaufbau"

Bundesliga
Freitag, 30.12.2016 // 11:04 Uhr

Kiel. Zweiter Weihnachtstag: Interview mit Alfred Gislason zwischen Jahresabschluss gegen den Bergischen HC und Abreise in den Winterurlaub. Der 57-jährige Isländer sieht müde aus - 31 Pflichtspiele sind auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen. Noch am Abend will der Chefcoach des THW Kiel mit dem Auto losfahren in Richtung Osten, abschalten, die Systeme herunterfahren. Vorher zieht er Bilanz, nimmt zu aufflammender Kritik Stellung und zeigt sich ganz sicher: Die titellose Saison werde sich nicht wiederholen.

GIslason über Umbruch, Titelchancen und ein schwarzes Musikjahr

Kieler Nachrichten: Herr Gislason, Sie sind ein großer Musikliebhaber. War 2016 ein schwarzes Jahr für die Musik?
Alfred Gislason: Ich habe George Michael 2006 in Köln zum ersten Mal live gesehen. Phänomenal! George Michael, Prince und David Bowie waren sehr wichtige Bausteine in meinem Musikgeschmack.

Wie fällt Ihre Bundesliga-Hinrundenbilanz aus?
Es war eine schwierige Hinrunde mit einem Katastrophenstart: Nach Olympia hatten wir nur eine Woche Vorbereitung, hatten neue junge Spieler im Kader, Dissinger kehrte verletzt zurück, Duvnjak konnte in Wetzlar kaum spielen. Das hat dazu geführt, dass wir schon früh Punkte verloren haben. Trotzdem hat es die Mannschaft insgesamt sehr, sehr gut gemacht, die Neuzugänge haben bewiesen, dass sie gut zu uns passen. Platz zwei mit nur vier Minuspunkten ist nicht so schlecht. Trotzdem ist es ein Vorteil für Flensburg, dass sie gegen uns und die Löwen noch zu Hause spielen.

Etwas düsterer dürfte Ihr Champions-League-Resümee angesichts Platz fünf in der Gruppe ausfallen ...
Nein, wieso? Uns fehlen zwar einige Punkte, aber wir waren in Barcelona und Veszprem klar besser, haben Paris geschlagen – ich bin stolz auf die Mannschaft, sie hat ihr Potenzial gezeigt. Man darf auch nicht vergessen, dass unsere Gruppe noch einmal stärker ist als in der Vorsaison. Unser Ziel bleibt Platz drei, dafür müssen wir alle Heimspiele gewinnen - mindestens.

Hat sich durch die erste titellose Saison seit 13 Jahren der Spirit im Verein noch einmal verändert?
Diese Saison war ja kein Zufall. Wir gewinnen nicht automatisch Titel, weil wir der THW sind. Spieler wie Mikkel Hansen können wir nicht bezahlen, also haben wir uns für einen anderen Weg entschieden, holen junge Spieler. Dissinger hat gut eingeschlagen, war - ebenso wie Weinhold - leider viel verletzt. Dann riss erst das Kreuzband von Wiencek, dann das von Toft Hansen. Außerdem verzichten bei unseren Titelkonkurrenten mehr Spieler auf die Nationalmannschaft als bei uns. Auch die Fans müssen begreifen, dass die Welt eine andere ist als vor 13 Jahren, als Spieler entweder zum THW oder zum FC Barcelona wechselten.

Sie haben zu Beginn der Saison gesagt, dass Sie eine Mannschaft formen, die ähnlich charakterstark wie die um Lövgren, Ahlm und Jicha werden könnte ...
... und diese Mannschaft zeigt schon jetzt einen super Charakter, die Stimmung ist gut, da wächst ein echt starkes Team zusammen. Wenn wir alle Spieler so zusammenhalten - mit ein paar Ergänzungen -, könnte hier wieder eine große Ära anfangen. Aber es liegt noch viel Arbeit und Geduld vor uns.

Sie meinen also, dass der Umbau des Teams noch Zeit braucht?
Es ist schön, schon dieses Jahr um die Meisterschaft mitzuspielen. Und wir können sicher auch einen Titel holen, sind wieder in Hamburg beim Pokal-Final-Four dabei. Aber wir sind nicht mehr so dominant. Ehrlich gesagt halte ich diese und auch die nächste Saison für extrem wichtig, um zu wachsen. Es ist garantiert mein letzter kompletter Neuaufbau in diesem Verein, darum möchte ich, dass diese junge Mannschaft zusammenbleibt. Dafür brauchen wir sicher noch mehr Unterstützung von Sponsoren. Unser Anspruch auf Dauer ist immer die Meisterschaft und immer Champions League zu spielen. Da wollen wir wieder hin.

Wie reagieren Sie auf Kritik an der Spielweise des THW, die von vielen Fans und Experten als weniger attraktiv als beispielsweise die der SG Flensburg-Handewitt angesehen wird?
Zuerst einmal: Wir haben eine ganz andere Spielweise als Flensburg, was auch an den jeweils vorhandenen Spielern liegt. Aber ja, wir wollen flüssiger spielen, das ist klar. Das wird kommen, wenn die Mannschaft länger zusammenbleibt. Das ist jetzt mein Job. Bis wir wieder eine Spielweise wie beispielsweise 2012 haben werden, wird es eine Weile dauern. Und einige Entscheidungen passieren ja auch mit Absicht. Ich weiß beispielsweise, dass ein Lukas Nilsson Probleme gegen eine offensive Deckung hat, lasse ihn gegen den Bergischen HC aber dennoch fast 40 Minuten lang spielen. Wie soll er es denn sonst lernen? Hätte ich gleich mit Nikola Bilyk angefangen, wäre es sicher der leichtere, aber nicht unbedingt der bessere Weg gewesen.

Und wie reagieren Sie auf Kritik an Ihrer Person? Zuletzt waren vereinzelte "Alfred raus!"-Rufe auf den Rängen zu hören.
Ich bin davon überzeugt, dass ich meine Arbeit für den Klub mache. Und ich bin nicht bekannt dafür, leicht aufzugeben. Wenn der Klub oder die Mannschaft an mir zweifeln, kriegen wir das schnell geregelt. Wenn aber die Fans mich loswerden wollen, ist mir das egal. Als Trainer bin ich immer verantwortlich und werde am Erfolg gemessen. Aber ich bin nicht hier, um Freunde, sondern um Spiele zu gewinnen. Die meiste Kritik überhaupt habe ich 2004 in Magdeburg erfahren. Auch das war damals ein Komplettumbau - wir erreichten das Final Four in Hamburg und wurden Vierter in der Bundesliga. Das war die beste Arbeit meiner Karriere - aber die Fans wollten mich am liebsten selbst aus der Halle fahren. Mir ist es lieber, die Fans rufen "Alfred raus!" als dass sie "Vujin raus!" rufen.

Spieler wie Wiencek und Duvnjak mussten wieder einmal weit über ihre Belastungsgrenze gehen. Muss die Belastung besser verteilt werden? Und welche Auswirkungen wird die WM im Januar auf die Meisterschaft haben?
Wie gesagt, ich will Spiele gewinnen. Darum ging es teilweise nicht anders, darum musste Duvnjak so viel spielen. Patrick Wiencek spielt eine überragende Saison, ist für mich der beste Kreisläufer der Liga. Die Frage wird sein, wann Christian Zeitz wieder Angriff spielen kann? Und wann ist Dissinger wieder ganz da? Die EM im Januar dieses Jahres hat die Meisterschaft für die Rhein-Neckar Löwen entschieden. Auch die WM wird die Meisterschaft entscheiden. Ich mache mir große Sorgen um meine Spieler und hatte gehofft, dass vielleicht noch der eine oder andere auf die WM verzichtet, aber das war leider nicht der Fall.

Im Sommer hatten Sie sich optimistisch gezeigt, dass Sie mit Aron Palmarsson ( Gerüchten zufolge wechselt der Isländer aus Veszprem zum FC Barcelona, d. Red . ) Ihr "fehlendes Puzzleteil" zurück nach Kiel holen können ...
Das Thema hat sich erledigt. Wir haben jetzt erst einmal alle Puzzleteile beisammen.

Wie sehen Ihre Pläne für den Winter aus?
Ich verbringe Silvester mit der Familie in unserem Haus in Wendgräben. In meine isländische Heimat fliege ich dieses Mal nicht, weil ich mich Anfang Januar an meinem linken Knie operieren lassen muss.

Was macht Sie sicher, dass sich die titellose Saison nicht wiederholen wird?
Weil meine Jungs - egal wie jung oder alt - mehr Mannschaft sind als in der Saison davor.

(Das Interview führte Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 29.12.2016, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

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