Spitzenspiel in der Hauptstadt: Füchse empfangen die Zebras

Bundesliga
Montag, 03.10.2016 // 11:20 Uhr

Barcelona, Berlin, Bjerringbro-Silkeborg: Das "Programm B" der "Zebras" in den ersten Oktober-Tagen gegen A-Klasse-Gegner hat es in sich. Nach der Rückkehr vom Champions-League-Klassiker am Mittelmeer reisen die Kieler am Dienstag an die Spree. Dort erwartet sie dann am Mittwoch um 19 Uhr der zweifache "Super Globe"-Sieger und Tabellenführer der DKB Handball-Bundesliga. Das Spitzenspiel des THW Kiel bei den bisher verlustpunktfreien Füchsen aus Berlin wird live bei Sport1 gezeigt, zeitnahe Informationen liefert der Ticker auf der THW-Homepage.

Viel Selbstbewusstsein an der Spree

Neuzugang aus Wetzlar: Nationalspieler Steffen Fäth

Das Selbstbewusstsein des erneuten Erfolges beim "Super Globe" in Qatar, bei dem die "Füchse" im Finale gegen das Star-Ensemble von Paris Saint-Germain gewannen, und die Rückkehr der in der vergangenen Saison lange verletzten Leistungsträger Drux und Zachrisson beflügeln die Berliner und sorgen für Euphorie in der Hauptstadt: Die Max-Schmeling-Halle wird aller Voraussicht nach beim Topspiel gegen den THW ausverkauft sein, noch gibt es allerdings Karten für kurzentschlossene Kieler Fans an allen bekannten Vorverkaufsstellen und im Internet auf der Füchse-Homepage.

Eingespielte Mannschaft

Kam aus Flensburg: Kroatiens Nationalspieler Kresimir Kozina

Dass die Berliner in der DKB Handball-Bundesliga von Beginn an eine starke Rolle spielen werden, hatten viele Handball-Experten schon vor der Saison prognostiziert. Denn Füchse-Coach Erlingur Richardsson kann auf eine eingespielte Truppe bauen - ein wichtiges Detail in einer Saison, deren Vorbereitung maßgeblich durch die Olympischen Spiele beeinflusst war. Mit Jesper Nielsen, der dänische Kreisläufer ging nach Paris, verließ nur ein Leistungsträger den Club. Dafür kam mit Kresimir Kozina ein kroatischer Nationalspieler, der sich zuvor in Flensburg bereits an die harte Bundesliga-Luft gewöhnen konnte. Zudem verpflichteten die Berliner mit Steffen Fäth von der HSG Wetzlar einen Europameister. "Zuletzt hing die Last in unserem Angriffsspiel an zu wenigen Spielern, jetzt können wir diese auf mehr Spieler verteilen. Dadurch sind wir schwerer auszurechnen", so Richardsson. 

Druck aus dem Rückraum

In bestechender Form: Europameister Fabian Wiede

Bereits zum 31. Mal begegnen sich die beiden Mannschaften am Mittwoch in der "stärksten Liga der Welt" (Bilanz: 24 THW-Siege bei zwei Unentschieden, siehe auch Gegnerstatistik im THW-Archiv). Doch so voller Vorfreude auf den Rekordmeister war man in Berlin selten. Aus gutem Grund: Denn nach den Siegen in Wetzlar und beim Bergischen HC sowie den Heim-Erfolgen gegen Minden, Balingen und Stuttgart begrüßen die Füchse die "Zebras" als Tabellenführer. Großen Anteil haben daran Fabian Wieder (26 Tore) und Petar Nenadic (25 Treffer), die gemeinsam mit Paul Drux (16) großen Druck aus dem Rückraum ausüben, während Torhüter Silvio Heinevetter hinter der drittbesten Abwehr der Liga die schnellen Außen Bjarki Elisson (22) und Mattias Zachrisson (29 Treffer) in Szene setzt und so auch das Gegenstoßspiel zu einer gefährlichen Berliner Waffe macht.

Wolff: "Wir sind bereit!"

"Wichtig ist, dass wir Mittwoch zwei Punkte mit zurück nach Kiel nehmen", geht THW-Torhüter Andreas Wolff topmotiviert in die Begegnung, die am Mittwoch um 19 Uhr von Robert Schulze und Tobias Tönnies angepfiffen und live auf Sport1 gezeigt werden wird. Dass auf der Gegenseite mit dem momentan in der Form seines Lebens haltenden Heinevetter Wolffs Torwart-Partner aus der Nationalmannschaft steht, ist für den Kieler Keeper zweitrangig: "Die Füchse spielen bisher eine starke Saison. Wir müssen in Berlin alle an unsere Grenzen gehen, um das Spiel zu gewinnen." Vor allem müssten sich die "Zebras" in der Defensive auf ihre Stärken besinnen, so Wolff: "Dazu will ich meinen Teil beitragen. Wir sind bereit für dieses Spitzenspiel!" Auf geht's, Kiel! 

KN-Interview mit Bob Hanning: "Wir sind jetzt wirklich einen Schritt weiter"

Berlin. Bob Hanning (48), Geschäftsführer der Füchse Berlin, hat gern "mehr Träume als platzen können". Einer davon ist, irgendwann mit einem Füchse-Team mit sechs, sieben Eigengewächsen in der Champions League zu spielen. Immerhin, Tabellenführer sind die Berliner vor dem heutigen Spitzenspiel gegen den THW Kiel (19 Uhr, Max-Schmeling-Halle) schon mal, und das sogar mit 12:0 Punkten. Gelingt dem Hauptstadt-Klub und Vereinsweltmeister heute der erste Sieg gegen die Zebras seit sechs Jahren?


12:0 Punkte, Platz eins, Ihre Füchse steuern auf einen Vereins-Startrekord zu (sieben Siege, d. Red.). Es sieht so aus, als hätte die Mannschaft nach einer wenig konstanten Saison die nächste Stufe ihrer Entwicklung erreicht.
Ja, wir sind deutlich ausgeglichener. Junge Spieler wie Fabian Wiede und Paul Drux werden von Jahr zu Jahr besser, und die Torhüter zeigen mehr Stabilität.

Jetzt fehlt nur noch ein Sieg gegen den THW.
Bis jetzt war es immer so, dass einzig und allein der THW Kiel das Ergebnis bestimmt hat. Mittlerweile würde ich fast sagen: Wenn wir im Heimspiel alles im Griff haben, können wir auf Augenhöhe mitspielen. Wir sind jetzt wirklich einen Schritt weiter. Aber mit Kent Robin Tønnesen (Waden-OP, d. Red.) und Fabian Wiede (Schulter, d. Red.) haben sich zwei Spieler auf einer Kernposition verletzt. Die sind schwer zu ersetzen.

Die Füchse gehen mit einem Etat von 5,5 Millionen Euro in die Saison. Wenn Ihnen eine Etatsteigerung von zwei Millionen gelänge und sie langfristig um Drux und Wiede eine Mannschaft formen würden, sagen Sie, "kann uns kaum mehr jemand schlagen"...
... und momentan liegen wir genau zwei Millionen dahinter. Wir wollen uns nicht drei Spieler leisten, die wir uns nicht leisten können. So etwas hat uns der HSV gerade vorgemacht. Wir haben seit zwölf Jahren keine Schulden gemacht, das soll in den nächsten zwölf so bleiben. Vielleicht finden wir zwei, drei, vier Firmen, die in unser Projekt investieren wollen. Aber im Moment ist das nicht im Ansatz da.

Auch darum setzen Sie verstärkt auf die Jugend?
Tønnesen und Wiede verletzen sich, aber wir reagieren mit einem Spieler aus der eigenen Jugend. Ohne Christoph Reißky hätten wir gegen Burgdorf nicht gewonnen. Das allein rechtfertigt unsere intensive Jugendarbeit. Darum investieren wir die 400 000 Euro Preisgeld vom Super Globe nicht in einen neuen Spieler, sondern in ein Videosystem für den Nachwuchs. Um dort einfach noch besser zu sein. Darum wechselt ein Nils Lichtlein, der 14-jährige Neffe von Carsten Lichtlein, aus Regensburg zu uns nach Berlin. Weil wir seiner Meinung nach die besten Perspektiven bieten. Vielleicht wird er ein Teil meines Traumes.

Welcher Traum?
Man muss immer mehr Träume haben als platzen können. Ich träume davon, dass wir irgendwann mit sechs, sieben Eigengewächsen wieder in der Champions League spielen, träume von einer Philosophie wie bei Ajax Amsterdam damals oder dem FC Barcelona heute.

So wollen Sie sich von der Konkurrenz abheben?
Ich verstehe den Weg, den Melsungen geht. Sie müssen aber auch viel Geld zahlen, denn sonst würde dort niemand hingehen. Wer Großes erreichen will, geht entweder nach Kiel, dem Klub mit der größten Tradition, Aushängeschild unserer Sportart, Vorbild für alle. Was der THW geschafft hat, wird nie ein anderer Verein schaffen. Oder er folgt dem Geld zu den Löwen oder nach Melsungen. Oder er orientiert sich an Begriffen wie Familie und Herz. Dann möchte ich da sein, darum stehe ich von 6 bis 7.30 Uhr morgens in der Halle und trainiere die Talente. Wir sind ein Familienunternehmen, eine andere Chance haben wir gar nicht. Ein Petr Stochl kommt nach dem Burgdorf-Spiel um 22.30 Uhr nach Hause und macht am nächsten Morgen um 7.30 Uhr Torwart-Training mit den Jugendlichen. Würde es das in einem anderen Verein geben?

THW-Manager Thorsten Storm hat jetzt seinen Profis indirekt nahegelegt, im Fall von Überlastung dem Beispiel Christian Dissingers zu folgen und auf Einsätze in der Nationalmannschaft zu verzichten. Wie stehen Sie als Füchse-Manager einerseits und Vizepräsident des Deutschen Handballbundes andererseits dazu?
Man muss sicher nicht so weit ins Risiko gehen wie wir, als wir Steffen Fäth mit seiner Handverletzung für Olympia freigegeben haben. Aber: Der Erfolg unserer Sportart hängt langfristig vom Erfolg der Nationalmannschaft ab. Bleibt der aus, droht alles wie ein Kartenhaus zusammenzustürzen. Wenn jetzt auf einmal Egoismen der Funktionäre, Vereine oder Spieler greifen, ist alles zum Scheitern verurteilt.

Dissinger wusste sich nicht anders als mit einem Verzicht zu helfen. Mit Wiede hat sich gerade ein Berliner Nationalspieler ebenfalls verletzt.
Wiedes Verletzung hat mit Überlastung nichts zu tun. Überlastet sind nur die Spieler der Vereine, die Champions League spielen - und sich auch einen entsprechend großen Kader gönnen können, um Spielern Pausen zu geben. Oder anders: Gegen Coburg zu Hause müssen nicht alle spielen. Der FC Bayern setzt Robben auch mal auf die Tribüne. Die Entscheidung Christian Dissingers für einen Verzicht, die auch so besprochen ist, halte ich für richtig. Er muss fit werden, damit überhaupt wieder jemand auf die Idee kommt, ihn zur Nationalmannschaft einzuladen. Aber wir dürfen nicht zu einer Aussuch-Mentalität der Spieler kommen. Ich sehe mich als Mittler zwischen Liga und Verband. Ich würde meinen Spielern bei den Füchsen auf gar keinen Fall dazu raten, auf Einsätze im Nationalteam zu verzichten.

(Das Interview führte Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 05.10.2016)

 

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