KN: THW Kiel lässt sich bei Rhein-Neckar Löwen vorführen

Bundesliga
Freitag, 02.06.2017 // 11:09 Uhr

Mannheim. Wie geschlagene Hunde trotteten die Spieler vom THW Kiel am Mittwochabend in der Mannheimer SAP Arena in die Kabine. In der Saison 2016/2017 ist ihnen der Nimbus der Unantastbarkeit endgültig abhandengekommen. Paris, Lemgo, Leipzig, Mannheim heißen die Koordinaten der Kieler Krise. Beim 19:28 (10:11) ließen sich die Zebras am Mittwoch nach der Pause von den Rhein-Neckar Löwen abschlachten, rollten den Badenern den roten Teppich für ihre spontane Meisterfeier aus.

Koordinaten der Krise

Um kurz vor elf - eine bemerkenswerte Geste - wollte Ex-Zebra Gudjon Valur Sigurdsson am Rande überbordender Emotionen, Champagner-Fontänen und "Ein Hoch auf uns"-Chören seinen Kieler Freunden einen Besuch abstatten, doch die Kabine war - früher als gewöhnlich - längst verlassen, der THW hatte irgendwie die Flucht ergriffen, deprimiert, geschlagen, ratlos. Einige hatten sich tapfer den Fragen gestellt. "Wir haben in der Saison viel Kraft gelassen. Die Löwen waren in der Abwehr überragend, Appelgren im Tor auch. Mit nur 19 Toren kannst du hier nicht gewinnen", sagte Rechtsaußen Niclas Ekberg, der wie Routinier Blazenko Lackovic, der im Handball schon alles erlebt hat, nach Ursachen suchte. "Ich finde, dass wir in der ersten Halbzeit sehr gut waren, außer vielleicht phasenweise im Angriff", erklärte der Kroate. "Jetzt ist es mir egal, dass die Löwen hier feiern und was sie feiern. Ich denke an den THW, und es tut mir sehr leid. Wir waren nach der Pause im Angriff zu statisch. Es hat einfach nicht gereicht. Leider."

Die Löwen hatten es nach der Pause meisterhaft angestellt, zuerst eine temporeiche Andy-Schmid-Show auf die Bretter gezaubert, den angeknockten Gegner dann defensiv kommen lassen, jeden Fehler bestraft, blitzschnell umgeschaltet und sofort erkannt, dass da nicht mehr viel war in der Kieler Deckung. Der THW, ohnehin personell überstrapaziert und dezimiert, brach auseinander wie schon so oft in dieser Saison. Zu allem Überfluss verletzte sich Rune Dahmke in Halbzeit eins an der Achillessehne, obendrein verließ Steffen Weinhold die Platte nach der Pause mit größeren Adduktorenproblemen, als er sie vor dem Spiel hatte. Es kam, wie man so schön sagt, wieder einmal dicke für das Team von Coach Alfred Gislason. Und dennoch mussten nach ernüchternden 60 Minuten kritische Worte von den Verantwortlichen kommen. Gislason zürnte ob der spielerischen Defizite: "Die erste Halbzeit war sehr gut. In der zweiten Halbzeit haben die Spieler geworfen wie die Idioten. 21 Aktionen von meinen Rechtshändern und nur vier Tore sprechen eine deutliche Sprache. Das war unter aller Sau."

Keiner seiner Rechtshänder im Rückraum, so der Isländer zu seinen Schützlingen Lackovic, Christian Dissinger, Nikola Bilyk oder Lukas Nilsson, habe an diesem Tag Bundesligaformat erreicht. Das musste auch THW-Geschäftsführer Thorsten Storm schmerzvoll einsehen: "So wie in der zweiten Halbzeit dürfen wir nicht auftreten. Glückwunsch an die Löwen, die sich sehr positiv entwickelt haben, mit zehn Spielern so stark durch die Saison gehen. Wir haben zum Glück weiterhin den Joker, liegen mit zwei Punkten vor den Füchsen, die anderen haben für uns gespielt. Darum zählt jetzt nur eins: dass wir die zwei Spiele, die wir noch haben, gewinnen, denn es geht nur um die Qualifikation für die Champions League." Zahlen wollte Storm nicht bestätigen, doch das Verpassen der Königsklasse, verbunden mit den Einnahmen durch eine weitgehend fast ausverkaufte Sparkassen-Arena sowie Preis- und Antrittsgelder, würde ein finanzielles Loch in Höhe von 1,5 bis zwei Millionen Euro in den Zebra-Etat sprengen. "Darum müssen jetzt alle alles tun und alles dem THW unterordnen."

Allein hinter dem Verletzungspech wollte sich Storm nach der krachenden Niederlage gegen den alten und neuen deutschen Meister indes nicht verstecken. "Es war bei uns heute keiner auf dem Feld, der ein Leader sein kann", so Storm. "Ich mache mir die ganze Zeit Sorgen, auch nach dem Kraftakt Pokalsieg. Wir mussten danach in den meisten Spielen zittern. Eine Erklärung sind die verletzten Spieler. Ohne Toft Hansen und Duvnjak zu spielen, ist so, als würde man bei den Löwen Schmid und Pekeler rausnehmen", ergänzte der Kieler Manager, sagte aber dazu: "Auch die anderen spielen nicht das, was sie vorher gespielt haben. Dissinger ist nach seiner Verletzung nicht mehr zu Form aufgelaufen. Weinhold schleppt sich durch die Saison. Wir haben zu wenig gesunde Spieler." Erlangen und Balingen heißen die letzten Gegner des THW in dieser Saison. Es ist noch nicht lange her, als es in Handball-Deutschland hieß: "Da kann nichts mehr schiefgehen."

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 02.06.2017, Foto: Marco Wolf)

 

Neue News

KN: Schon wieder Magdeburg

18.02.2019 // Bundesliga

KN: Kiel muss sich entscheiden

14.02.2019 // Bundesliga

KN: Chaos und Wildwest

08.02.2019 // Bundesliga

Mehr zum Thema

Kiel. Die Serie (22 Siege in Folge) gerissen, die Laune verhagelt: Der THW Kiel hat am Sonntagmittag einen herben Rückschlag im Titelrennen der Handball-Bundesliga erlitten und die zweite Niederlage der Saison gegen den SC Magdeburg kassiert. Am Ende bedeutet das 25:28 (13:14, siehe THW-Spielbericht) die Minuspunkte fünf und sechs, während sich Spitzenreiter SG Flensburg-Handewitt (28:18 gegen...

18.02.2019

Der THW Kiel hat gegen den SC Magdeburg die Revanche für die Hinspiel-Niederlage verpasst: Vor 10.285 Zuschauern in der Sparkassen-Arena unterlagen die "Zebras" den Bördestädtern verdient mit 25:28 (13:14). Beste Torschützen in einer umkämpften Begegnung beider Traditionsvereine waren Domagoj Duvnjak und Albin Lagergren mit je sieben Treffern. Für die Kieler endete mit der Heim-Niederlage eine...

17.02.2019

Nach dem Erfolg gegen Pulawy, der gleichbedeutend mit der Verteidigung der Tabellenspitze in der Vorrunden-Gruppe D war, richteten die Kieler den Fokus schnell wieder auf die DKB Handball-Bundesliga: Bereits am Sonntag wartet mit dem Top-Spiel gegen den Tabellen-Vierten SC Magdeburg ein richtig schweres Kaliber in der heimischen Liga auf die Zebras. "Wir freuen uns riesig auf die Partie, denn wir...

15.02.2019

Kiel. Michael Spiegel muss sich am Sonntag entscheiden. Einigen seiner Freunde und Bekannten geht es genauso. Einem Fan schmeckt das nicht. Aber am Sonntag kollidieren sie: Zebras und Störche. Der THW Kiel und die KSV Holstein. Erste Handball-Bundesliga und Zweite Fußball-Bundesliga. Die Zebras empfangen in der Sparkassen-Arena den SC Magdeburg im Titelrennen. Holstein hat Greuther Fürth im...

14.02.2019

Göppingen. Seriensieg Nummer 20 ist unter Dach und Fach. Handball-Rekordmeister THW Kiel hat sich gestern Abend in der Bundesliga mit 29:25 (17:12, siehe THW-Spielbericht) bei Frisch Auf Göppingen durchgesetzt und musste dabei zehn Minuten vor dem Ende noch um die Punkte bangen. Der 16. Erfolg in der Liga in Folge sorgt weiterhin für viel Druck auf dem Kessel bei der Verfolgung von Spitzenreiter...

08.02.2019

Die Zebras haben die lange WM-Pause offenbar gut verdaut und ihre Siegesserie in der DKB-Handball-Bundesliga auf 16 Erfolge ausgebaut: Am Donnerstagabend feierte der THW Kiel bei Frisch Auf Göppingen ein verdientes 29:25 (17:12). Dabei gerieten die Kieler nach einer ganz starken ersten Hälfte im zweiten Durchgang gleich zweimal in ernsthafte Gefahr, spielten dann aber ruhig und konzentriert...

07.02.2019

42 Tage ruhte in der DKB Handball-Bundesliga der Ball. 42 Tage, in denen ein Großteil der Zebraherde aber nicht untätig war. Gleich zwölf Spieler des THW Kiel verbrachten die Zeit mit dem intensiven Programm der Handball-Weltmeisterschaft, elf Tage nach dem Finale in Herning müssen sie nun den Hebel wieder auf Schwarz-Weiß umstellen: Zum Auftakt 2019 wartet mit dem Spiel bei Frisch Auf! Göppingen...

05.02.2019

Der THW Kiel hat gemeinsam mit 10.285 ekstatischen Fans in der Sparkassen-Arena zwei ganz wichtige Punkte in der DKB Handball-Bundesliga geholt: Im Duell gegen den direkten Verfolger Rhein-Neckar Löwen drehten die Kieler einen zwischenzeitlichen Drei-Tore-Rückstand in eine 16:15-Halbzeitführung, am Ende rangen sie in einem leidenschaftlich geführten Spitzenspiel die Mannheimer mit 31:28 nieder....

27.12.2018