KN: Eine Frage des Gefühls

Bundesliga
Dienstag, 04.04.2017 // 11:38 Uhr

Kiel. Es ist das elementare Duell im Handball: Mann gegen Mann, Aug' in Aug', Schütze gegen Tormann, gefangen in einer Zeitblase, in der es für Sekunden um einen Blick, einen Wurf, einen Reflex geht. Handball-Rekordmeister THW Kiel steckt in einer Mini-Siebenmeter-Krise. Insgesamt acht Strafwürfe in den vergangenen zwei Partien zappelten nicht im Netz.

Ekberg: "Ich mache mir keine Sorgen"

Am Montag und heute haben die Zebras von Trainer Alfred Gislason zwei freie Tage bekommen, ehe am Mittwoch die Vorbereitung auf das Final Four im DHB-Pokal am Wochenende in Hamburg beginnt. "Die Jungs haben sich zwei Tage Erholung verdient, diese haben sie auch bitter nötig", sagte Alfred Gislason. Freie Tage, an denen einige Spieler gewiss die eine oder andere Szene der zurückliegenden Spiele bei den Rhein-Neckar Löwen und gegen den TVB Stuttgart noch einmal im Kopf Revue passieren lassen werden. Im Achtelfinal-Rückspiel in Mannheim verfehlten alle vier Siebenmeter (je zweimal von Niclas Ekberg und Marko Vujin) ihr Ziel. Am Sonntag gegen Stuttgart waren es vier von fünf (Vujin, Raul Santos, Christian Sprenger, Rune Dahmke).

Vier erfolglose Siebenmeter in einem Spiel gab es zuvor in dieser Saison noch nie. Alle drei waren es bei der ersten Saisonniederlage in Wetzlar (24:27), ebenfalls drei (von sechs) im Pokal-Achtelfinale in Magdeburg (22:21) - die Gesamtquote in dieser Spielzeit ist mit 105 von 157 verwandelten Bällen (66,9 Prozent) ziemlich durchwachsen. Dennoch will Alfred Gislason die Sache "nicht zu hoch hängen. Am besten gar nicht viel drüber reden - die Jungs müssen einfach nur wieder locker werden".

Die beste Quote vom "Strich" mit 53 von 74 versenkten Bällen (71,6 Prozent) hat Rechtsaußen Niclas Ekberg. Manchmal, so der 28-jährige Schwede, sage Alfred Gislason auch nach einem verworfenen Siebenmeter, er solle es einfach weiter versuchen, und manchmal winke er selbst lieber ab. "Bei mir ist es immer eine Frage des Gefühls. An manchen Tagen fühlt es sich bei jedem Siebenmeter an wie 'Pfosten, rein', zum Beispiel in Hannover, wo ich alle fünf verwandelt habe. Mit jedem verworfenen Strafwurf im Spiel wächst der Druck für den nächsten Schützen. Als Vierter möchtest du nicht nach vorne gehen und werfen."

So war es auch gegen Stuttgart: Marko Vujin scheiterte an Jogi Bitter (3.), Raul Santos hatte mit einem Pfostentreffer Pech (24.). Nach einem humor- und schnörkellosen Treffer (33.) warf Christian Sprenger bei seinem zweiten Versuch ebenso über das Tor (52.) wie Rune Dahmke bei seinem ersten Strafwurf in dieser Saison (54.). Eine extra Übungseinheit wolle Linksaußen Dahmke trotzdem nicht anberaumen. "Das war heute natürlich extrem schlecht - aber das wird sich schnell wieder ändern. Die Löwen haben auch fünf Siebenmeter in Folge verworfen, das passiert manchmal einfach. Ich hoffe, dass ich auch mal wieder einen werfen darf."

Zweimal hatten die Siebenmeter am Ende keinen negativen Einfluss auf das Resultat. Doch am kommenden Wochenende in Hamburg könnte sich das ändern. "Wenn man die Siebenmeter nicht macht, hat man ein Problem", weiß auch Kreisläufer René Toft Hansen. "Beim Final Four könnte es drauf ankommen. Ich werfe ja selber nicht, aber ich denke, dass es eine mentale Sache ist. Die Torhüter schauen so viel Video, wissen genau, wer wie wirft."

Das bekommt auch Niclas Ekberg, Kiels Siebenmeter-Schütze Nummer eins, zu spüren. "Ich studiere die Torhüter schon per Video, und sie mich. Und von mir, weil ich so viel werfe, gibt es natürlich unzählige Clips. Beim Final Four oder gegen Barcelona können auch die Siebenmeter zum Faktor werden, aber einen Kopf mache ich mir nicht", sagt der schwedische Nationalspieler, der in Mannheim zweimal an Landsmann Andreas Palicka (Gislason: "Die beiden kennen sich einfach zu gut") scheiterte. Ekberg wirkt am Montag gelassen. Ganz sicher wird er am Wochenende wieder zum Strich schreiten. Alles eine Frage des Gefühls. "Nein, ich mache mir keine Sorgen. Aber gut genug für meinen Anspruch ist meine Quote nicht, ich würde schon gern bei 80 Prozent liegen."

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 04.04.2017, Foto/Archiv: Sascha Klahn)

 

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