KN: Schwarz-Weißes Ausrufezeichen

Bundesliga
Montag, 26.03.2018 // 11:55 Uhr

Kiel. Jetzt weiß es auch das Millionenpublikum, das am Sonnabend zur besten "Sportschau"-Zeit vor den Fernsehschirmen saß: Der THW Kiel lebt, hat sich mit dem Sieben-Tore-Achtelfinalcoup gegen Szeged und jetzt mit einem bemerkenswerten 27:22 (17:9, siehe Spielbericht) gegen Tabellenführer und Meister Rhein-Neckar Löwen im Weltniveau zurückgemeldet. 30 Minuten lang bändigten die Zebras die Löwen mit sensationellen Peitschenhieben. Dann schaltete der Rekordmeister auf Verwaltungsmodus, doch der Ausgang aus dem Käfig blieb für das Team von Trainer Nikolaj Jacobsen versperrt.

Entfesselt aufspielende Zebras weisen die Löwen in die Schranken

Mühe, die eigene Marschroute - dem Gegner wehtun, ihm die Lust am Spiel nehmen - zu verbergen, gibt sich niemand. Es dauert genau 1:43 Minuten, da muss Christian Dissinger schon auf die Strafbank. „Disko“ hatte trotz aufkeimender Grippe das Vertrauen im linken Rückraum bekommen, muss fortan aber nicht ins Spiel zurückkehren, weil Nikola Bilyk ("Es war schon komisch, dass ich so früh doch rein musste") nach wenigen Sekunden zum 1:1 (3.) trifft und auch danach stark auftritt.

Nach zehn Minuten haben die Kieler Nadelstiche ihre Wirkung erzielt. Die 6:0-Deckung hat maßgeblichen Anteil an der bis dato besten Saisonleistung, Patrick Wiencek und Sebastian Firnhaber glänzen im Innenblock mit Timing, Firnhaber tritt immer wieder weit raus, um Rückkehrer Kim Ekdahl du Rietz früh zu attackieren. Und Linkshänder Alexander Petersson - der Isländer erwischt einen schwarzen Tag - ist schnell vom starken Niklas Landin im Tor (13.) und Wiencek (Block, 15.) entnervt. Genervt ist auch Löwen-Coach Nikolaj Jacobsen: Erste Auszeit 12. Minute, zweite Auszeit 22. Minute, da steht es auch schon 11:4 für den THW durch ein Raketen-Tor Bilyks. Zwischen dem 2:3 (9.) und dem 9:3 (18.) gerät die Arena mit ihren wieder lautstarken Fans in rauschartige Zustände.

Die schwarz-weiße Überlegenheit ändert sich auch nicht, als die Mannheimer im Rückraum mit Mads Mensah Larsen und dem potenziellen THW-Neuzugang Harald Reinkind agieren. Hinten sind Hendrik Pekeler und Filip Taleski als Organisatoren der Löwen-Deckung zuweilen überfordert, die Gäste kommen gar nicht in ihr ansonsten gefürchtetes Tempospiel, während der THW auf allen Ebenen sticht: mit leidenschaftlichen Einzelleistungen (Vujin), toller Übersicht (Zarabec) und wirkungsvollen Assists (Bilyk, Vujin), Tempospiel und beherzter zweiter Welle (Santos), Treffsicherheit (Ekberg). Hauptzutaten aber sind Siegeswille, Einstellung, Harmonie. Wiencek hechtet nach dem Ball, Zarabec stürzt sich in die Wellen der gestaffelten gegnerischen Deckung, das 17:9 zur Pause ist fast eine Untertreibung.

Erkenntnis des Tages: Mit den genesenen Domagoj Duvnjak und Steffen Weinhold hat der THW wieder eine breite Bank, hat THW-Coach Alfred Gislason jede Menge Optionen. Nach Wiederanpfiff bleibt Marko Vujin in der Deckung auf dem Feld (um den langen Wechselweg zu vermeiden), kommt Ole Rahmel auf Rechtsaußen ins Spiel. Doch Vujin schwächelt offensiv, mit Ekdahl du Rietz an seiner Seite bildet Pekeler einen guten Mittelblock. 19:10 (33.), 19:14 (38.), 20:16 (43.) - geht da doch noch was schief? "Gott sei Dank bewahren wir in dieser Phase die Ruhe", sagt Alfred Gislason später. Wiencek trifft gegen die im 7:6 starken Löwen das leere Tor (21:16/45.), facht die Menge auf den Rängen mit einem Urschrei noch mal an. Vujin und Rahmel müssen weichen, Gislason erkennt den Ernst der Lage, bringt offensiv Duvnjak und Weinhold neben Zarabec, doch die Ideen gehen irgendwie flöten. Zum Glück steht Niklas Landin zwischen den Pfosten.

Also noch ein Wechsel: Lukas Nilsson, gerade erst fieberfrei, kommt von der Bank, trifft zum 23:17 (50.) und 24:19 (53.) und 26:21 (56.). Immer dann, wenn es drauf ankommt. Michael Jackson singt "Beat it" über die Hallenlautsprecher, und jetzt sind die Löwen bezwungen. "Immer, wenn wir auf drei Tore herankommen können, machen wir einen technischen Fehler - typisch!", sagt Nikolaj Jacobsen. Und Löwen-Spielmacher Andy Schmid ergänzt sportlich fair: "Der THW war in der ersten Halbzeit einfach unglaublich gut. Und uns haben ein paar Prozent gefehlt. Das reicht dann hier nicht."

(Von Tamo Schwarz und Niklas Schomburg, aus den Kieler Nachrichten vom 26.03.2018, Foto: Sascha Klahn)