KN: Niederlage bei den Löwen: Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Bundesliga
Donnerstag, 05.10.2017 // 08:49 Uhr

Mannheim. Hält die Krise beim deutschen Handball-Rekordmeister THW Kiel an - oder hat die 28:30-Niederlage bei den Rhein-Neckar Löwen (siehe auch THW-Spielbericht von Sonntag) sogar für eine Verschärfung gesorgt? Das Saisonziel Titelgewinn ist in wohl unerreichbare Ferne gerückt. Erst recht, wenn man auch statistische Faktoren ins Kalkül zieht. Die Meister der vergangenen zehn Jahre hatten am Saisonende zwischen null (THW Kiel, Saison 2011/2012, 68:0 Punkte) und neun (THW, 2013/14, 59:9) Minuspunkte auf dem Konto, die Champions der vergangenen drei Spielzeiten sieben (Löwen, 2016/2017, 61:7), acht (Löwen, 2015/16, 56:8) und sieben (THW, 2014/2015, 65:7). Bei den Zebras sind es in dieser Saison bereits acht - nach nur sieben Spielen.

Ungenügend

Nach einem kämpferisch überzeugenden, spielerisch überschaubaren und insgesamt erneut zu fehlerhaften Auftritt mischte sich hinter vorgehaltener Hand sogar Mitleid in die Aussagen der Konkurrenz. Der Abschied von Löwen-Coach Nikolaj Jacobsen und THW-Trainer Alfred Gislason fiel besonders herzlich aus. Und bei den geschlagenen Zebras redete nun auch wirklich niemand mehr drumherum. "Momentan sind wir kein Meisterschaftsanwärter. Aber wir können ja jetzt nicht aufhören zu spielen. Und bis zum Saisonende kann noch viel passieren. Wir haben in letzter Zeit extrem viel gesprochen und hatten uns vorgenommen, nicht mehr so viele technische Fehler zu machen. Wir haben einfach nicht mehr das Selbstvertrauen wie vorher", sagte etwa der ewig breitschultrige Patrick Wiencek. Linksaußen Rune Dahmke, in Mannheim mit wenig Wurfglück gesegnet, aber auch von undankbaren Chancen gequält, erteilte der unentwegt dräuenden Diskussion um einen möglichen Rauswurf (oder Rücktritt?) von Alfred Gislason eine entschiedene Absage: "Die Diskussion um Alfred ist in der Mannschaft kein Thema. Wir sind eine Einheit, und wir wollen nicht, dass er geht. Der Unterschied zu den Top-Teams ist momentan, dass die nicht sofort Fehler machen, wenn sie ein bisschen in Rückstand geraten. Aber wir stehen auf der Platte, nicht Alfred."

Gislason selbst beantwortete die Frage, ob er angesichts der Ergebniskrise irgendwann einem Rauswurf durch Rücktritt zuvorkommen werde, knapp mit "Nein". Geschäftsführer Thorsten Storm nahm einerseits ein weiteres Mal die Mannschaft in die Pflicht, stellte sich zugleich aber auch der Kritik an seiner Person. Ernüchternd fiel zumindest seine Analyse des vermeintlichen Spitzenspiels beim deutschen Meister aus: "Weinhold hatte keinen Zugriff, Bilyk traut sich zu wenig zu, Nilsson macht einfache Fehler, und unsere Linksaußen machen die Bälle nicht so konsequent rein wie Sigurdsson bei den Löwen. In Addition ist das einfach zu viel. Um in einem solchen Spiel eine Chance zu haben, musst du vier, fünf direkte Duelle gewinnen. Das Torwart-Duell haben wir vielleicht knapp gewonnen, Aber die Duelle auf Linksaußen, in der Rückraum-Mitte, am Kreis oder auf Rechtsaußen nicht."

Spurlos sei die Kritik der vergangenen Wochen nicht an dem 52-Jährigen vorbeigezogen. "Es ist schwierig, in einer handballverrückten Stadt wie Kiel mit dieser großen Fanbasis Ruhe zu bewahren, in der immer die maximalen Ziele ausgerufen werden. Im Moment werden im Verein alle kritisch hinterfragt. Ich selbst stehe auch für den sportlichen Bereich und muss mich der Kritik stellen. Manchmal ist das in diesen Tagen schon sehr heftig. Es ist doch logisch, dass sich die Kritik auf Alfred und mich fokussiert." Storm bremste wiederholt eine aufkommende Trainerdiskussion: "Ich sehe Alfreds Arbeit, aber ich sehe auch die individuellen Fehler. Wir müssen die Champions-League-Plätze im Auge behalten, das ist wichtig. Der Trainer kann ja von Linksaußen die Bälle nicht selbst reinmachen. Im Moment steht er darum nicht zur Diskussion", so Storm. Alle Akteure seien in Abstimmung mit Gislason zum THW geholt worden. Ob die Qualität des Kaders den Anforderungen genüge? Storm: "Die Frage kann man stellen. Im Moment tut er es nicht. Alle müssen eine Schippe drauflegen."

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 05.10.2017, Foto: Angela Grewe)

 

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