KN: Zu weit weg

Bundesliga
Montag, 02.10.2017 // 13:35 Uhr

Mannheim. Ein Spiel wie zwei Welten. Es gibt die ersten zehn Minuten, und die restlichen 50. Am Ende verliert der THW Kiel das "Spitzenspiel" in der Handball-Bundesliga bei den Rhein-Neckar Löwen mit 28:30 (11:13, siehe auch THW-Spielbericht von Sonntag). Klingt knapper als es war. Klingt besser als es war. Die mit Meisterschaftsambitionen in die Saison gestarteten Zebras haben nun sechs Punkte Rückstand zur Tabellenspitze.

THW Kiel rutscht nach 28:30-Niederlage ab

Löwen-Spielmacher Andy Schmid zelebriert eine echte Gala an diesem Sonntagnachmittag, der so launig beginnt, mit Comedian Bülent Ceylan als Anheizer und den in der SAP Arena gefeierten Ex-Löwen Uwe Gensheimer und Kim Ekdahl du Rietz, die zur Zebrajagd gern mal vorbeischauen. Doch die Gehetzten sind zehn Minuten lang erst einmal die Löwen, weil die Kieler loslegen wie Großwildjäger, Christian Dissinger und Rune Dahmke in der Deckung gegen den genialen Schweizer Schmid betont robust zupacken und Niklas Landin an alter Wirkungsstätte erst mal ein paar ganz schwere Bälle hält. Kiel liegt mit 4:2 (8.) und 5:4 (12.) vorn. Auch weil Zarabec mit viel Chuzpe auf die 5:1-Formation der Löwen mit Gudjon Valur Sigurdsson an der Spitze reagiert.

Denn da, wo Alexander Petersson und Hendrik Pekeler hoch stehen, schafft Zarabec' Dynamik Räume für die eigenen Halben, sind die Badener verwundbar. Wird das hier vielleicht doch noch ein echtes Top-Match? So eines wie die Champions-League-Achtelfinals in der Vorsaison? Nein, weil Kieler Vorsätze zu Staub zerfallen wie bei Rauchern nach Silvester. "Wir wollten unbedingt weniger technische Fehler machen", sagt Patrick Wiencek. "Wir wollten unbedingt gewinnen", sagt Rune Dahmke. Aus beidem wird nichts. Der eingewechselte Lukas Nilsson lässt die Partie mit einem Dreiklang aus Fehlpass, Fehlwurf, Fehlpass erstmals zum 5:8 kippen (17.). Landin und Dissinger haben mit Würfen auf das leere Tor Pech und treffen nur das Gebälk. Leer ist es, weil Löwen-Coach Nikolaj Jacobsen auf Dahmkes Manndeckung gegen Schmid mit dem siebten Feldspieler reagiert, alle Bemühungen der Gäste wieder aushebelt. Landin entnervt Patrick Groetzki, entschärft einen Gegenstoß nach dem anderen. Das wirft einen weichgezeichneten Schleier über eine zusehends einseitige Partie.

Moralisch, kämpferisch ist dem THW nichts vorzuwerfen. Keiner steckt auf. Und trotzdem ist beim 24:18 (47.) alles entschieden. An Stelle von Sigurdsson gibt jetzt Groetzki den offensiven Zerstörer. Und vorne beginnt eine Gala von Andy Schmid und dem künftigen Kieler Hendrik Pekeler. Zehn der 17 Löwen-Tore nach der Pause gehen auf ihr Konto. Es ist ein kongeniales Duo aus Schmids Intuition, gepaart mit Dynamik und einem exzeptionellen Schlagwurf sowie Pekelers Stellungsspiel, sein blindes Verständnis mit seinem Spielmacher, das ihn am Kreis immer wieder freispült. Da, wo Kim Ekdahl du Rietz, dieser Überspieler der vergangenen Jahre, fehlt, verschmelzen Schmid und Pekeler zu etwas Neuem, nehmen die Kieler Deckung regelrecht auseinander.

Dass sich der zuletzt so gehemmte Nikola Bilyk mit sechs Toren ab der 29. Minute mit viel Herz und Mut widersetzt, ist schön zu sehen. Dass sich Wiencek und Christian Zeitz irgendwann in der 51. Minute, als das Spiel längst verloren ist, in einer Mischung aus Ratlosigkeit und gegenseitigem Vorwurf verheddern, weniger. Schmids No-Look-Pass auf Pekeler zum 30:24 (57.) stellt den genialen Schlusspunkt dar, danach stellt der deutsche Meister sein Spiel ein, kann der THW Ergebniskosmetik betreiben. Die rund 60 treuen Kieler Fans, die sich am frühen Morgen um 5:54 Uhr in den Zug (oder Bus) Richtung Mannheim gesetzt haben, ziehen traurig von dannen. Spät in der Nacht werden sie in Kiel ankommen - mit dem Gefühl, dass es für ihre Zebras momentan zur Spitze einfach nicht reicht.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 02.10.2017, Foto: Angela Grewe)

 

Mehr zum Thema

Basel. Die Internationale Handball-Föderation (IHF) hat einen neuen Vermarkter für die weltweiten Medienrechte für die Weltmeisterschaften 2019 bis 2025 gewonnen. Das in Hamburg ansässige Unternehmen Lagardère Sports übernimmt ab sofort den Vertrieb der TV-Verträge unter anderem für die WM im kommenden Jahr in Deutschland und Dänemark. Damit ist das drohende Szenario eines TV-Blackouts vom Tisch.

21.08.2018

Göttingen. Der THW Kiel steht wie erwartet im Achtelfinale des DHB-Pokals. Beim "First Four" in Göttingen - eines von insgesamt 16 Erstrunden-Turnieren setzten sich die Zebras im Halbfinale zunächst am Sonnabend mit 39:23 (19:11) gegen Zweitligist TuSEM Essen durch. Im Finale am Sonntag wartetete Zweitliga-Aufsteiger TSV Bayer Dormagen. Und auch diese Hürde meisterte der Rekord-Pokalsieger mit...

20.08.2018

Handballfans in Gettorf und Umgebung aufgepasst: Am Mittwoch, 22. August, werden gleich drei Zebras zur Autogrammstunde anlässlich der großen Neueröffnung des REWE-Supermarktes in der Süderstraße 4 erwartet. 

20.08.2018

"Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns", hatte THW-Trainer Alfred Gislason am Vortag der "sky-goes-REWE"-Cup-Premiere vor allzu viel Euphorie nach zuletzt zwei Testspiel-Erfolgen gegen Flensburg und den FC Barcelona gewarnt. Der erfahrene Isländer sollte einmal mehr Recht behalten: Der THW Kiel hat die Generalprobe für die am Sonnabend mit dem Pokal-Wochenende in Göttingen beginnende Saison...

15.08.2018

Mit einer guten Atmosphäre und einer großen Portion Optimismus startet der THW Kiel mit dem DHB-Pokal-Erstrundenturnier am Wochenende in die Saison. "Wir wollen uns in der Meisterschaft für die Champions League qualifizieren und in beiden Pokal-Wettbewerben das Final Four erreichen", gab der Sportliche Leiter Viktor Szilagyi die Ziele für die Saison aus. Trainer Alfred Gislason äußerte sich bei...

14.08.2018

Drei Tage nach dem 31:22-Erfolg gegen Flensburg hat der THW Kiel auch das zweite von drei intensiven Testspielen gewonnen: Vor 8056 Zuschauern bei "Helden des Handballs" in der Hamburger Barclaycard-Arena besiegten die "Zebras" im Europa-Duell den spanischen Titelträger FC Barcelona mit 28:24 (15:11). Bester Torschütze der Partie, in der die Kieler über weite Strecken das Geschehen...

12.08.2018

Neumünster. Die neue 6:0-Deckung: läuft wie geschmiert. Die Abläufe im Angriff: sehenswert, jetzt schon. Die Harmonie im Innenblock: frappierend. Der erste Härtetest des THW Kiel am Donnerstagabend in Neumünster gegen die SG Flensburg-Handewitt verlief hervorragend. Die Protagonisten des Handball-Rekordmeisters versuchten nach dem 31:22 (siehe THW-Spielbericht) dennoch, die Euphorie zu bremsen.

11.08.2018

Herzogenaurach. Drei gelbe Reaktionsbälle - also unförmige, beulige Flummis, die widerspenstig in alle Richtungen wollen - prallen vom Boden ab. Vier Hände schießen in die Mitte, fuchteln hektisch ins gelbe Gewusel. Niklas Landin hat in jeder Hand einen, Andreas Wolff greift ins Leere. Mattias Andersson lacht. Der 40-Jährige ist neuer Torwarttrainer beim THW Kiel - und der Schwede holt so manchen...

11.08.2018