KN: GWD klasse, Duvnjak weltklasse!

Bundesliga
Montag, 05.11.2018 // 09:27 Uhr

Minden. Der THW Kiel hat seine Serie auf neun Pflichtspiel-Siege in Folge ausgebaut. Beim 37:29 (19:17, siehe THW-Spielbericht) bei GWD Minden in der Handball-Bundesliga am Sonntagnachmittag kehrten dabei auch die lange ausgefallenen Linkshänder Steffen Weinhold und Marko Vujin in den Kader zurück. Getrübt wurde der Erfolg durch eine Blessur bei Nikola Bilyk, der die Heimreise mit dem Verdacht auf eine Bänderverletzung im Fuß antrat.

Achterbahnfahrt in Minden

Letzter Halt Minden. So fühlt es sich an in der ostwestfälischen 80 000-Einwohner-Stadt, die am Sonntag trübe daliegt, auch wenn von der Kampa Halle aus das Riesenrad der Mindener Messe bunt am Horizont leuchtet. 3800 Menschen ziehen den Spitzensport vor, die Mindener Arena ist zum ersten Mal in dieser Saison ausverkauft.

"Ausverkauft waren wir auch in der Vorsaison nicht ein einziges Mal, nicht einmal gegen den THW", wird GWD-Geschäftsführer Frank von Behren später freudig zu Protokoll geben. Für die Kieler Zebras ist Minden eine Reise wert. Auch wenn das zur Pause (19:17 für den THW) noch nicht alle so genau wissen. Nicht die Mannschaft und auch nicht der respektable und ohrenbetäubend laute schwarz-weiße Fanblock. Zur Kirmes passt’s dann aber doch irgendwie, denn nach 60 Minuten werden Lukas Nilsson und Harald Reinkind die Partie als "Rollercoaster ride", also als Achterbahnfahrt beschreiben.

Hendrik Pekeler (Beckenprellung) ist an der Förde geblieben, darum startet THW-Coach Alfred Gislason an der Weser mit einer 3:2:1-Deckungsformation. Steffen Weinhold muss sofort wieder ran, macht offensiv für Harald Reinkind Platz. 3:0 (4.), 8:4 (12.), 11:6 (15.) - jeder darf mal ran, Domagoj Duvnjak führt klug Regie, und Minden agiert kopflos, sucht sein Heil teilweise in schlecht vorbereiteten Schlagwürfen. Mindens Coach Frank Carstens stellt um, bringt den siebten Feldspieler, agiert mit zwei Kreisläufern. Bitte nehmen Sie Platz, die Achterbahnfahrt beginnt!

Auf der einen Seite (GWD) führt Schweden-Oldie Dalibor Doder (39) fortan klug und vor allem in seinem Tordrang zurückhaltend Regie, nutzen die Hausherren Kieler Fehler eiskalt aus, kommen zu leichten Tempogegenstoß-Toren. Auf der anderen Seite (THW) kann Miha Zarabec an diesem Tag nicht reüssieren, geht ungestüm in die gegnerische Deckung, wirft unplatziert, sorgt für Pass-Schnelligkeit, die verpufft. Niklas Landin im Tor macht erst eine ziemlich gute, dann eine nicht so gute Figur. Zuerst knickt Nikola Bilyk bei einer missglückten Rettungstag (13:14/22.) übel um, dann gleicht Minden erstmals aus (16:16/27.). Alfred Gislason gibt den Klinsmann, nur ohne Tonne, und tritt wütend gegen die Bande, als Weinhold das leere Tor verfehlt.

Reicht nicht, dass Patrick Wiencek wie eine Ein-Mann-Zeche am Kreis die Schaufelräder am Laufen hält, mustergültig bedient wird und trifft und trifft. Die Schussfahrt geht auch zu Beginn des zweiten Abschnitts weiter bis zum 24:22 für GWD (40.). Wer schickt denn jetzt eigentlich wen in den Looping?

Die Kraft von Nationalspieler Marian Michalzczik (Halblinks) und Christoffer Rambo (Halbrechts) können die Kieler Defensive kaum bremsen. Niclas Ekberg scheitert an Kim Sonne, die Halle tobt, alle stehen. Dem THW fehlt irgendwie die Initialzündung. Denkt sich auch Kapitän Duvnjak, trifft, peitscht den Fanblock an (23:24/40.), trifft wieder und wieder (25:25, 26:25/44.) und wieder (29:26/49.). "Er hat dem THW die Emotionen zurückgegeben", sagt Frank Carstens. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn zu ihr gehören auch neun Wolff-Paraden ab der 35. Minute, hinter einer jetzt defensiveren 6:0-Abwehr, der ausgerechnet der geduldige Ersatzmann Sebastian Firnhaber Halt gibt. Zu ihr gehören neben Duvnjaks acht Toren ebenso viele von Lukas Nilsson - eins schöner und winkelgenauer als das andere. Das letzte zum 36:27 (59.), als längst alles entschieden ist. Und so ist es am Ende eine dieser Achterbahnfahrten, aus der man aussteigt - und sich am liebsten sofort wieder anstellen würde.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 05.11.2018, Foto: Angela Metge)

Stimmen zum Spiel in den Kieler Nachrichten

Alfred Gislason, THW-Trainer, in den KN:  So ein Spiel wie heute hätten wir höchstwahrscheinlich letztes Jahr verloren. Aber wir sind nicht in Hektik verfallen. Die Mannschaft hatte ein paar Hänger, hat aber ab der 40. Minute richtig gut gespielt. Dule ( Domagoj Duvnjak, d. Red. ) war in den wichtigen Momenten überragend. Patrick Wiencek und Andi Wolff waren auch super. Das war schon ein richtig schweres Spiel.

Frank Carstens, GWD-Coach, in den KN: Meine Mannschaft hat über weite Strecken Moral und Qualität bewiesen. Wir haben gezeigt, warum wir zuletzt vier Spiele in Folge gewonnen haben. Wenn bei acht Toren Rückstand zwei Minuten vor Schluss die Zuschauer in der Halle aufstehen, bringt das die Gefühlswelt ganz schön durcheinander. Darum war das trotz der Niederlage heute etwas sehr Schönes für uns.

THW-Rückraumspieler Lukas Nilsson in den KN: Wir wollten nach der Pause mehr Tempo im Angriff zeigen und enger in der Abwehr stehen. Aber dann lief es erst mit den Paraden von Andi Wolff im Tor so richtig. Auch bei mir, aber meine Nebenleute haben mir ja auch sehr geholfen, die Abwehr runtergespielt, mich mit gutem Kreuzen in Position gebracht. Wir müssen aber unbedingt weiter an uns arbeiten.

Viktor Szilagyi, Kiels Sportlicher Leiter, in den KN: Wir sind mit viel Respekt angereist, und es haben schließlich auch beide ein sehr gutes Spiel abgeliefert. Das Ergebnis spiegelt diesen harten Kampf nicht wider. Besonders unsere Spieler, die von der Bank kamen, haben für positive Impulse gesorgt - Wolff, Firnhaber, Nilsson. Mit den Paraden und Ballgewinnen haben wir dann auch unser Tempospiel wiedergefunden.

GWD-Geschäftsführer Frank von Behren, in den KN: Heute ist kein Zuschauer unzufrieden aus der Halle gegangen, und darum bin auch ich nicht enttäuscht. Ich sehe eine Entwicklung, die Mannschaft hat teilweise wie aus einem Guss gegen einen Weltklasse-THW gespielt, bei dem Spieler wie Duvnjak und Wolff einfach den Unterschied ausmachen. Ab der 45. Minute waren wir leider mit unserem Latein am Ende.