KN: "THW kann sich in einen Rausch spielen"

Bundesliga
Dienstag, 30.10.2018 // 12:04 Uhr

Kiel/München. 15 Jahre lang war Dominik Klein Handball-Profi, zehn davon beim THW Kiel. Im Sommer beendete der ehemalige Linksaußen seine aktive Karriere im französischen Nantes, zog mit der Familie zurück in seine bayerische Heimat bei München. Dem Handball bleibt er trotzdem treu - momentan vor allem als Botschafter für den WM-Standort München und als TV-Experte der ARD. Für diese Zeitung hat er die Nationalmannschaftspause genutzt und einen Blick auf die Bundesliga geworfen, die am Donnerstag wieder startet. Welche ist die Überraschungsmannschaft der Stunde? Von welchem Team hätte man mehr erwartet? Der Liga-Start-Check des Experten.

Der Liga-Start-Check des Experten Dominik Klein

Die Mannschaft der Stunde
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Ganz klar: Magdeburg ist gerade die Mannschaft mit dem größten Selbstbewusstsein. In jedem Spiel sieht man, dass es einen klaren Matchplan gibt, dass sie eine genaue Vorstellung haben, wie man Handball spielt - nämlich schnell, präzise und mit Disziplin. Spannend finde ich die Konstellation mit Bennet Wiegert als Trainer und Sportlichem Leiter in Personalunion. Das ist ligaweit einmalig und bestimmt auch eine Herausforderung. Aber das Beispiel Magdeburg zeigt, wie positiv es sich auswirken kann, wenn eine Vereinsführung ganz klar hinter einem Trainer steht. Bennets Stärke ist die klare Kommunikation. Alle haben mitbekommen, dass Personalentscheidungen wie im Fall Robert Weber schwierig sein können. Aber dann macht der gegen Flensburg im Pokal trotzdem acht Tore in acht Versuchen. Das spricht dafür, dass es ganz klar abgesteckte Leitlinien gibt, die gut funktionieren."

Negativ-Überraschungen
"Leipzig (derzeit Platz 16, d. Red.) hätte wohl keiner so richtig da unten vermutet. Das hat sich zuletzt in der Entlassung von Trainer Michael Biegler niedergeschlagen. Leipzig muss sich erst mal von dieser Unruhe wieder erholen. Aber das Projekt und vor allem das Team hat Potenzial genug, die kämpfen sich da rechtzeitig wieder raus.
Außerdem steht Erlangen ein bisschen zu Unrecht auf Platz 15. Das ist aber auch dem Spielplan geschuldet. Sie haben schon gegen die Füchse, den THW, knapp gegen Flensburg und Hannover und in Magdeburg verloren. Fast alle Großen gleich zu Beginn der Saison - das verzerrt das Bild von dem, was die Mannschaft zu leisten imstande ist."

Der THW Kiel
"Für die Kieler ist es eine neue Situation, dass sie nicht parallel in der Champions League spielen. Da gilt es, den richtigen Rhythmus zu finden. Jeder Spieler spielt lieber als zu trainieren. Jetzt stehen deutlich mehr Trainingseinheiten auf dem Programm. Das Spiel in Mannheim war überragend. Es hat mich gefreut, dass diese Truppe dort mal in einem Top-Spiel gezeigt hat, was sie kann. Vorher hieß es immer, Hendrik Pekeler braucht seinen Andy Schmid - den hat er in diesem Spiel mit Miha Zarabec gehabt
Auch auf der Trainerbank habe ich eine Entwicklung beobachtet. Bei der Niederlage in Magdeburg war da viel Unruhe, weil neben Alfred (Gislason, d. Red.) auch Filip Jicha und Viktor Szilagyi gleichzeitig auf die Schiedsrichter geschimpft haben. Aber daraus scheinen sie gelernt zu haben. In Mannheim hat es sich positiv auf die Mannschaft ausgewirkt, dass sie mehr Ruhe ausgestrahlt haben. Durch den Sieg bei den Löwen ist der THW Stand jetzt in einer guten Ausgangsposition. Flensburg, Magdeburg und die Löwen kommen in der Rückrunde alle nach Kiel - da könnte der THW sich in einen Rausch spielen. Allerdings: Die Meisterschaft gewinnt man nicht zwingend in den Spitzenspielen, sondern eher in Minden oder Erlangen. Spannend wird auch, zu sehen, wie Flensburg und die Löwen die Belastung mit der Champions League wegstecken. Bei der SG sieht man gerade, dass sie viele neue Spieler dabei hat, die sich an diesen Rhythmus erst gewöhnen müssen."

Die Aufsteiger
"Dass der Bergische HC (Platz 5, d. Red.) den besten Start eines Aufsteigers seit Jahren hinlegt, wundert mich nicht. Sie haben viele Spieler mit Bundesliga-Erfahrung und sich gleich am Anfang mit Siegen über Ludwigshafen und Erlangen Selbstvertrauen geholt. Bietigheim hat da eine ganz andere Ausgangslage. Bei ihnen ist klar: Sie schnuppern in die Liga rein, sammeln Erfahrung und genießen Highlights wie den Heimsieg gegen Göppingen. Grundsätzlich ist mir aufgefallen, dass viele der Mannschaften, die in den letzten Jahren lange gegen den Abstieg gekämpft und bis in die zweite Saisonhälfte um jeden Punkt gezittert haben, jetzt von Anfang an ein Bewusstsein dafür zeigen, wie wichtig jeder Punktgewinn ist. Das ist meiner Meinung nach auch eine Erklärung dafür, dass Mannschaften wie der BHC (Platz 5) oder Minden (Platz 7) gerade dort oben auftauchen. Im Umkehrschluss heißt das: In dieser Liga kann jeder überall Punkte verlieren. Deshalb ist die Bundesliga für mich auch immer noch die stärkste Liga der Welt."

(Von Merle Schaack, aus den Kieler Nachrichten vom 30.10.2018, Foto: Sascha Klahn)