KN: Achterbahnfahrt mit Happy-End

Bundesliga
Freitag, 12.10.2018 // 04:57 Uhr

Kiel. Der THW Kiel hat seinen HSG-Wetzlar-Fluch besiegt und die Hessen in der Handball-Bundesliga mit 29:19 (12:12, siehe THW-Spielbericht) geschlagen. In einem Spiel mit zunächst mehr Tiefen und schließlich doch noch vielen Höhen meisterten die Kieler eine Pflichtaufgabe, bevor es am Sonnabend zum Top-Spiel bei den Rhein-Neckar Löwen (Vorbericht auf der THW-Homepage) geht.

Weinhold fällt wohl gegen Löwen aus

Der THW war vorbereitet. Zweimal hatte Wetzlar die Zebras vergangene Saison besiegt. Nun, im 350. Bundesligaspiel von Trainer Alfred Gislason auf der Bank der Kieler, sollte der Knoten platzen. Doch zunächst wirkte er dicker denn je. Acht torlose Minuten musste der THW überstehen, in denen er nicht nur gegen einen Underdog kämpfte, der fleißig in der Abwehr und geduldig im Angriff war, sondern auch gegen sich selbst. Domagoj Duvnjak, Harald Reinkind, Nikola Bilyk und Lukas Nilsson - alle bis dato eingesetzten Kieler Rückraumspieler leisteten sich einen nervösen Fehlwurf, Wetzlar zog treffsicher auf 5:0 davon. Gislason musste ohne Linkshänder Steffen Weinhold auskommen, der sich im Abschlusstraining den Oberschenkel gezerrt hatte und voraussichtlich auch gegen die Löwen ausfallen wird. Der THW-Trainer beorderte Lukas Nilsson für Duvnjak auf die Mittelposition und stellte die Deckung um. Aus einer 3:2:1-Abwehr, gegen die die Gäste gute Lösungen fanden, wurde eine starke 6:0 in der spanischen Variante. Ein Schachzug, der sich zunächst auszuzahlen schien. Wetzlars Kreis-Anspiele blieben zunehmend in Kieler Händen hängen, und nun war es der THW, der schnell nach vorne spielen konnte. Magnus Landin per Gegenstoß, Niclas Ekberg von der Siebenmeter-Linie, Patrick Wiencek vom Kreis, wieder Ekberg - nach 13 Minuten war der Ausgleich geschafft, die zuvor erstaunt verstummten Fans wieder hörbar. Wiencek bedeutete ihnen armwedelnd: "Wir brauchen eure Unterstützung!" Jetzt aber, so das Signal.

Doch in den Händen von Lukas Nilsson verpuffte es. Dreimal in Folge leistete der Schwede sich im Angriff ohne Not einen Fehlpass und leitete so den nächsten 5:0-Lauf der Wetzlarer ein. Linksaußen Emil Frend Öfors, Ex-Zebra und mit fünf Toren bester Gäste-Schütze, freute sich über die Gegenstoß-Vorlagen. 5:10 (17.) lag der THW zurück, als Gislason Nilsson wutschnaubend auf die Bank zurück pfiff. "Ich hatte gedacht, einige Spieler hätten aus solchen Situationen gelernt", schimpfte er noch nach dem Abpfiff. "Aber offenbar haben sie es nicht." Auch Nikola Bilyk erwischte einen schwachen Tag im Angriff, blieb in der ersten Halbzeit torlos. Sechs Minuten vor der Pause beim Stand von 7:11 schickte Gislason Miha Zarabec aufs Feld, um das Spiel zu ordnen. Das gelang dem Slowenen, der dem THW-Angriff gleichzeitig Struktur und Tempo verlieh. Der zweite Rettungsanker der Kieler hieß Magnus Landin. Der Linksaußen, derzeit der treffsicherste Kieler Schütze, erzielte sieben Tore in ebenso vielen Versuchen - vier davon in der ersten Halbzeit. Kurz vor der Pause war der Anschluss geschafft, mit einem energischen Gegenstoß traf Hendrik Pekeler zum 12:12 - jetzt aber.

Nach der Pause waren die Kieler endgültig im Spiel. Wetzlar fehlte inzwischen auch Rechtsaußen Lars Weissgerber, der gut angefangen hatte, dann aber vom Feld humpelte, nachdem er einen Tritt auf den Fuß bekommen hatte. "In der zweiten Halbzeit war Kiel einfach zu gut", fasste Öfors zusammen, was dann doch noch zu einer gelungenen Generalprobe für das Löwen-Spiel wurde. Niklas Landin trug mit zehn Paraden, darunter einem gehaltenen Siebenmeter, dazu bei, dass Wetzlar im zweiten Durchgang nicht mehr als sieben Tore erzielen konnte. Dafür war nun der Kieler Knoten im Angriff geplatzt. Der Vorsprung, den Pekeler und Co. herauswarfen, wuchs weiter und weiter. Den Schlusspunkt durfte Youngster Gisli Kristjansson mit seinem Treffer zum 29:19 setzen. "So riesige Unterschiede im eigenen Spiel habe ich noch nicht erlebt", sagte Gislason. "Erst schlecht, dann gut, dann Katastrophe. Und am Ende hat sich meine Mannschaft zusammen gerissen und doch noch ein gutes Spiel gemacht."

(Von Merle Schaack, aus den Kieler Nachrichten vom 12.10.2018, Foto: saschaklahn.com)