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KN: Leipziger Allerlei

Bundesliga

KN: Leipziger Allerlei

Leipzig. Das war ein ganz schönes Leipziger Allerlei für den THW Kiel in der Handball-Bundesliga am Sonntagnachmittag beim SC DHfK Leipzig. Allerlei Klasse, allerlei Krampf, allerlei Gegenwehr, allerlei Auf und allerlei Ab – und am Ende ein glücklicher 25:24 (15:12, siehe ausführlicher THW-Spielbericht)-Sieg durch einen finalen Stein-vom-Herzen-Hüftwurf des mega coolen THW-Kapitäns Domagoj zwei Sekunden vor der Schluss-Sirene.

Domagoj Duvnjak erlöst den THW Kiel

Können einem ganz schön leidtun, die Sachsen, die wie geschlagene Hunde nach 60 Minuten die Köpfe hängen lassen. "Maximal bitter" findet DHfK-Coach André Haber die Pleite. Nationalspieler Niclas Pieczkowski steht unter Schock: "Ein Spiel dauert eben 60 Minuten und nicht 59 Minuten und 50 Sekunden." Hier der Tabellendrittletzte mit neuem Wir-Gefühl nach dem Trainerwechsel unter der Woche, der sich dem großen THW mit allem, was da ist, in den Weg schmeißt. Da der Rekordmeister aus Kiel, der zunächst vor mehr als 5000 Zuschauern in der Arena Leipzig (darunter rund 200 THW-Fans) über jeden Zweifel erhaben ist und Kurs hält auf Sieg Nummer vier in Serie.

Helene Fischer dröhnt aus den Lautsprechern, aber "Herzbeben" auf der Richterskala verzeichnen zunächst wohl nur die Einheimischen. Die Kieler 3:2:1-Deckung steht mit Domagoj Duvnjak sicher, das Tempo der Gäste ist atemberaubend. Niclas Ekberg trifft bis zum 8:4 (16.) schon fünfmal, wird von Duvnjak überirdisch bedient, ist Geschwindkeits-Profiteur. Die Leipziger haben nach ihren Toren kaum die Arme zum Jubeln hochgerissen, da scheppert's auf der anderen Seite schon wieder. "Unser Rückzugsverhalten war einfach schlecht", klagt Haber später. Und der THW kann sich unter den Augen von Bundestrainer Christian Prokop sogar einen 30-minütigen Totalausfall seiner Torhüter, zahlreiche Fehlwürfe und den partiellen Konzeptverlust leisten und liegt dennoch zur Pause mit 15:12 vorn. Und dann?

Zeitsprung in die 37. Minute. Kiel führt mit 20:14, als unnötigerweise alles zerfasert wie verkochtes Gemüse. Jetzt und in der Folgezeit ist es Andreas Wolff im Tor, der seiner Mannschaft den Komfort der deutlichen Führung mit Paraden gegen Pieczkowski, zweimal Santos und den starken Franz Semper (acht Tore) rettet. "Wir hatten keinen Zugriff auf Semper, haben zu schlecht gedeckt", resümiert THW-Trainer Alfred Gislason später. Zur Bilanz des Isländers gehören auch massive "Rechtshänderprobleme". Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet im Moment der sich zuspitzenden Trennung von Christian Dissinger eben genau der im Rückraum fehlt. Denn Nikola Bilyk macht einiges richtig (sechs Tore) und ebenso viel falsch (sieben Fehlwürfe), Lukas Nilsson hat tagelang mit Fieber im Bett gelegen, Miha Zarabec erwischt einen gebrauchten Tag, und Domagoj Duvnjak ist irgendwann mit seinen Kräften am Ende. Außerdem zaubert Leipzig zehn defensive Weltklasse-Minuten auf das Parkett, dass es die Kieler Anhänger auf der sonderbar entrückten Hintertor-Tribüne das Blut in den Adern gefrieren lässt. Zwischenzeitlich zieht Linkshänder Steffen Weinhold in der Mitte die Fäden.

Nach Hendrik Pekelers 24:20 (49.) gelingt den Zebras zehn Minuten lang kein Tor mehr, schlagen die Grün-Weißen den Favoriten mit seinen eigenen Mitteln, decken spanisch, haben besonders in Bastian Roschek und Max Janke starke, schnelle Kräfte, die weit auf die Kieler Angreifer stoßen, alle Wirkungskreise stören.

Das ist einfach nur stark, jetzt glänzt auch Philipp Weber. Pieczkowski gelingt mit dem 24:24 (55.) der erste Ausgleich in der Partie überhaupt. Bilyk in den Block (55.), Ekberg und Duvnjak scheitern an René Villadsen (57.). Geht das hier doch noch schief? Weber über das Tor, der THW ist in Ballbesitz, noch eine Minute zu spielen. Und was macht Alfred Gislason? Er schickt den 19-jährigen Gisli Kristjánsson aufs Feld ob seiner "Stärken Mann-gegen-Mann". Noch 32 Sekunden, noch 13 Sekunden, noch vier Sekunden - Leipzig verteidigt auch das bärenstark. Dann fasst sich Domagoj Duvnjak ein Herz, zieht einen Hüftwurf durch die Beine der gegnerischen Spieler - und trifft. "Ich bin überglücklich", sagt der Kroate und strahlt.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 08.10.2018, Foto: Angela Grewe)