KN: Roth glaubt: "THW wird nicht Meister"

Bundesliga
Mittwoch, 26.09.2018 // 11:05 Uhr

Kassel. Am Donnerstag (19 Uhr, siehe THW-Vorbericht mit ausführlichen Informationen) empfängt der THW Kiel in der Handball-Bundesliga die MT Melsungen. Zuletzt war das immer ein enges Duell, auch zwischen Trainerfuchs und Trainerfuchs. Denn Melsungen, das war immer auch Michael Roth. Bis zu dessen überraschender Freistellung Anfang April. Mit der Trennung endete bei den Nordhessen nach acht Jahren eine Ära. Eine, in der der ehemalige deutsche Meister (TV Großwallstadt), Pokalsieger (TVG, MTSV Schwabing), Nationalspieler und Olympia-Silbermedaillengewinner (1984) aus dem "Retortenklub" (Roth) einen etablierten Bundesligaverein, Pokal-Final-Four-Teilnehmer und Europapokal-Viertelfinalisten gemacht hat. Im Oktober stürzt sich der 56-Jährige nun in ein ganz neues Abenteuer, übernimmt den australischen Klub Sydney University HC.

"Der Groll ist weg, es waren acht schöne Jahre."

Herr Roth, die MT war doch immer ihr Baby, ...
Michael Roth
: ... und darum konnte ich mir zuerst auch keine Spiele ansehen. Ich kannte das ja nicht, war nie freigestellt worden. Jetzt geht es wieder. Ich war beim ersten Heimspiel gegen Magdeburg in der Halle. Das war auch Eigentherapie - ich wollte Abschied nehmen von den Zuschauern, von der Halle. Jetzt habe ich alles verarbeitet und drücke den Jungs die Daumen. Der Groll ist weg, es waren acht schöne Jahre.

Bis Juni 2020 läuft Ihr Vertrag bei der MT. Eine lange Zeit.
Natürlich hoffe ich, dass ich in der Zwischenzeit eine neue Beschäftigung finde. Ich bin ja am Ende meiner Laufbahn angekommen, zumindest in der Liga. Ich wünsche mir noch einmal ein schönes Projekt. Eines wie in Melsungen, wo ich Struktur reinbringen kann. Das könnte auch ein Feuerwehr-Job sein, denn der kann ja auch zum Projekt werden. So war es auch in Melsungen, und dann ist aus der MT eine Spitzenmannschaft geworden.

Apropos Spitzenmannschaft - Experten sehen die MT Jahr für Jahr in der Rolle des Geheimfavoriten. Wann kann denn der Sprung nach vorne gelingen?
Die Mannschaft ist ja noch von mir zusammengestellt, mit all ihren Neuzugängen. Die Wandlung vom Retortenklub zu einer Mannschaft, die ernst genommen wird, war der erste Schritt. Wir haben viel für das Image getan und konnten so Spieler wie Kühn, Lemke, Reichmann holen. Das lag ja nicht nur am Geld, sondern auch am Trainer, an der Philosophie, am gesamten Image eben. In der Vorsaison war natürlich niemand zufrieden. Mit Domagoj Pavlovic wurde eine wichtige Lücke geschlossen. Müller, Kühn und Mikkelsen sind eine eingespielte Rückraum-Achse. Der nächste Step wäre jetzt eine Platzierung in den Top Fünf, der Sprung nach Europa. Dann muss man die wichtigen Säulen halten.

Welche Bedeutung hat die Partie am Donnerstag in Kiel?
Die Niederlage zu Hause gegen Magdeburg im ersten Spiel hängt einem noch nach. Kiel kann zeigen, wohin die Reise geht. Gewinnt die MT, wäre die Magdeburg-Scharte ausgewetzt. Die Duelle waren immer Nervenspiele. Der THW hingegen muss gewinnen, sonst ist die Saison in Sachen Meisterschaft ja schon wieder gelaufen.

Gehören Sie zu den Experten, die die Zebras wieder ganz oben sehen?
Ich glaube: Der THW Kiel wird nicht deutscher Meister. Irgendetwas passt nicht so, wie es passen sollte. Ich weiß nicht, ob es nur die Zusammenstellung der Mannschaft ist, aber für mein Gefühl läuft da etwas unrund. Wenn ich zum Beispiel an unser Spiel letzte Saison zu Hause gegen den THW denke (die MT hat mit 29:25 gewonnen, d. Red.) - da stand die Kieler Abwehr überhaupt nicht, dabei waren Abwehr und Torhüter des THW vorher immer so stark gewesen, dass man eigentlich gar nicht gewinnen konnte. Da hatte ich den Eindruck, dass nicht alle Rädchen ineinander greifen.

Ihnen droht jetzt ein Kulturschock. Haben Sie Ihre neue Mannschaft Sydney University HC schon kennengelernt?
Ich habe Videos gesehen, fliege am 1. Oktober nach Sydney. Dann werde ich die Mannschaft dort zwei Wochen trainieren und anschließend vom 16. bis 19. Oktober beim Super Globe ( Vereins-Weltmeisterschaft, d. Red. ) in Doha betreuen.

Was reizt Sie insbesondere an dieser Aufgabe?
Ich mag solche Abenteuer. Und ganz ehrlich: Zum Super Globe zu kommen, schaffen ja nicht viele Trainer. Da musst du sonst schon deutscher Meister werden oder den Europapokal gewinnen. Ich hoffe, dass ich in der kurzen Zeit Impulse setzen kann. Das ist ja wie die zweite Mannschaft vom THW, auch wenn der Deutsche Pascal Winkler Struktur reingebracht hat. Ein guter französischer Drittligaspieler wäre schon fast der beste Mann im Team. Also: Im Prinzip sind wir chancenlos, aber vielleicht können wir ja das Viertelfinale gegen Al-Sadd gewinnen.

Sie gelten als Entdecker von Ex-Nationalspieler Christian Zeitz. Haben Sie das Ende seiner Zeit in Kiel verfolgt?
Ich habe mich in all den Jahren immer für ihn gefreut, denn er ist ja kein ganz einfacher Charakter. Ich habe immer gesagt: Christian Zeitz funktioniert nur in Kiel, weil Fans und Verein das so immer mitgetragen haben. Zu den Details kann ich nichts sagen, finde es aber schade, dass es so geendet hat.

(Das Interview führte Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 25.09.2018, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

Noch Tickets erhältlich

Für die Partie, die am Donnerstag um 19 Uhr von Lars Geipel und Marcus Helbig angepfiffen und von Sky live übertragen wird, gibt es noch Sitz- und Stehplätze (ab 14,50 Euro) an allen bekannten Vorverkaufsstellen - unter anderem bei CITTI, in den famila-Märkten, bei den Kieler Nachrichten und im Ticketcenter der Sparkassen-Arena-, im Online-Ticketshop des THW Kiel unter www.thw-handball.de/tickets sowie unter der telefonischen Hotline 01806 / 300 234 (gebührenpflichtig: 0,20 Euro/Anruf aus dem dt. Festnetz, max. 0,60 Euro/Anruf aus dem dt. Mobilfunknetz). Die Tageskasse hat am Donnerstag bis zum Anpfiff geöffnet, dort können THW-Fans auch noch Karten für das Pokalspiel gegen Leipzig am 17. Oktober und das EHF-Pokal-Quali-Spiel im November (nur freier Verkauf, kein Vorkaufsrecht) erstehen.