Mit Spielfreude und Willen: THW Kiel distanziert die Löwen

Bundesliga
Mittwoch, 23.12.2020 // 20:00 Uhr

Was für ein Abend in der Kieler Wunderino Arena: Der THW Kiel hat im letzten Heimspiel des Jahres den Tabellenzweiten Rhein-Neckar Löwen mit 32:23 (15:11) distanziert. Dabei geriet der Erfolg zum Start-Ziel-Sieg - von Beginn an waren die Zebras spielerisch und kämpferisch tonangebend in diesem Spitzenspiel. Und das, obwohl mit Magnus Landin (Virusinfekt) und Rune Dahmke (Knieprobleme) beide etatmäßigen Linksaußen passen mussen: Malte Voigt sprang in die Bresche und teilte sich mit sieben Treffern Platz zwei in der internen Torschützenliste mit dem furiosen Harald Reinkind. Bester Werfer auf Kieler Seite war das Geburtstagskind: Niclas Ekberg, am Spieltag 32 Jahre alt geworden, traf 9/3 Mal. 

Auch Dahmke musste passen

Malte Voigt jubelt über einen seiner sieben Treffer

Freud und Leid gab es vor dem Anpfiff in Sachen Personal zu vermelden: Während Domagoj Duvnjak nach den eingehenden Untersuchungen am Vormittag grünes Licht für einen Kurzeinsatz bekam, muss Pavel Horak weiterhin zuschauen. Magnus Landin konnte die Zebras nur vor dem heimischen Fernseher unterstützen, sein Pendant auf Linksaußen, Rune Dahmke, musste mit Knieproblemen passen. Für die beiden Linksaußen rückte Malte Voigt, noch nicht einmal eine Woche im schwarz-weißen Dress, in die Startformation. Sein Einstanf geriet holprig, weil Andreas Palicka gleich den ersten Wurf des 27-Jährigen hielt. Im weiteren Verlauf wurde Voigt aber immer sicherer - beim Gegenstoß zum 4:2 traf er das erste von insgesamt sieben (!) Mal.

Dominante Abwehr-Reihen

Jubel über das 6:3: Patrick Wiencek

Die ersten Minuten dieses Top-Spiels gaben schon ein wenig die Richtung vor: Beide Mannschaften beackerten sich in der Abwehr, ließen kaum Raum zur Entfaltung. Der Kieler Mittelblock mit Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler verhinderte weitestgehend die gefürchteten Kreis-Anspiele von Andy Schmid, die THW-Defensive verschob auf schnellen Beinen und setzte so auch den ehemaligen Kieler Lukas Nilsson unter Druck. Vorn hatten die Zebras gute Lösungen parat, spielten geduldig, wenn Geduld gefragt war. Und drückten, wann immer es ging, auch auf die Tempo-Tube. Nachdem Niklas Landin einen freien Wurf von Nielsen entschärft hatte, gelang Patrick Wiencek nach feinem Reinkind-Anspiel per Heber beim 6:3 die erste Drei-Tore-Führung. Die sollte Bestand haben, weil die Schwarz-Weißen sich auch von Palicka-Paraden nicht beirren ließen und zudem kaum technische Fehler produzierten. 

Vier-Tore-Führung zur Pause

Ausdruck puren Willens und großer Freude: Sander Sagosen

Wie gefährlich die Löwen sein können, zeigten sie nach dem 11:8 von Niclas Ekberg: Zwei Kieler Fehler nutzten sie durch Gensheimer und Kirkelökke zum 10:11-Anschluss innerhalb einer Minute. Jicha zog sofort die Auszeitkarte, und das mit Erfolg: Der starke Harald Reinkind jagte den Ball zum 12:10 in die Maschen, der unermüdliche Antreiber Sander Sagosen verwandelte kurz darauf zum 13:10, und als Miha Zarabec mit einem Zauberanspiel Voigt bediente, waren die Kieler erstmals mit vier Toren vorn (29.). Drei Minuten, drei Treffer ins Mark der Löwen, die nach Ekbergs sicher verwandeltem Siebenmeter nach der Sirene mit dem 11:15 in die Pause gingen. Nur elf Gegentreffer in 30 Minuten - Beweis für die Kieler Abwehrstärke auf flinken Beinen an diesem Tag.

Kaum zu stoppen: Harald Reinkind

Mit zwei furiosen Schlagwürfen meldete Schmid die Mannheimer Anfang der zweiten Hälfte zurück im Spiel. Doch die Antwort der Kieler durch Zarabec, Ekberg und Sagosen ließ nie lange auf sich warten. Das änderte sich allerdings in Unterzahl: Pekeler musste für zwei Minuten auf die Bank, das nutzten die Löwen durch Patrail und Groetzki zum 17:19 (38.). Jicha reagierte und brachte Dario Quenstedt: Eine gute Entscheidung, führte sich der Keeper doch mit einer Parade gegen den freien Gislason gleich gut ein. Nach Schmids Geniestreich aus elf Metern zum 18:20 waren es Sagosen und Voigt, die Ruhe in die Partie brachten. Dann hielt Quenstedt auch gegen Patrail - und der THW Kiel war wieder in der Spur. 

Deutlicher Sieg zum Liga-Jahresausklang

Duvnjak feierte nach seiner Corona-Infektion ein Kurz-Comeback

Denn jetzt war auch die Abwehr in fire: Zwei Monsterblocks von Pekeler und Wiencek nervten Schmid, und Reinkind netzte zum 23:18 ein - wieder hatten sich die Kieler innerhalb von drei Minuten aus der Löwen-Klammer befreit. Und ließen sich jetzt auch nicht mehr aufhalten: Nach Groetzkis Anschluss suchten die Zebras die Entscheidung. Ekberg klaute einen für Gensheimer gedachten Pass, Sagosen traf nach überragendem Eins-Gegen-Eins. Die Löwen machten unter dem Dauer-Druck der Schwarz-Weißen Fehler, die eiskalt bestraft wurden. Fehlpass, Reinkind zum 25:19. Parade Quenstedt gegen Gensheimer - Reinkind zum 26:19. Neun Minuten vor dem Ende nahm der Kieler Sieg Konturen an - und die Löwen hatten der Spielfreude des Deutschen Meisters nun kaum noch etwas entgegenzusetzen. Steals, Blocks, Paraden hinten - Gegenstöße, Traum-Anspiele wie bei Sagosens Pass auf Pekeler und Duvnjaks No-Look-Pass auf Ekberg, Tempo vorn: Drei Minuten vor dem Ende erzielte Ekberg beim 31:21 sogar eine Zehn-Tore-Führung, Voigt legte nach - der Rest war Kieler Jubel. Endlich einmal auch wieder im berühmten Kreisel - durch den Erfolg bleiben die Zebras zum Jahreswechsel bei nur zwei Minuspunkten!

Highlight nach Weihnachten: VELUX EHF Final4 in Köln

Dank an die Kieler Fans auf Fernseh-Distanz: Nach dem Schlusspfiff applaudierten die Zebras in die Kameras

Die Zebras gegen nach dem Spiel in eine kurze Weihnachtspause: Bereits am ersten Weihnachts-Feiertag erwartet Filip Jicha seine Mannschaft zum Training wieder in Altenholz. Aus gutem Grund, steht für die Kieler doch noch ein echter Höhepunkt im schwierigen wie besonderen Jahr 2020 an: Am 28. Dezember treffen sie beim VELUX EHF Final4 im Halbfinale auf Telekom Veszprem. Der Kampf um Europas Krone wird live im Free-TV bei Eurosport zu sehen sein. Die Begegnung gegen die Ungarn wird um 20:30 Uhr in der Lanxess-Arena angepfiffen. Weiter geht's in Köln, Kiel!

LIQUI MOLY HBL, 15. Spieltag: THW Kiel - Rhein-Neckar Löwen: 32:23 (15:11)

THW Kiel: N. Landin (1.-39., 5 Paraden), Quenstedt (39.-60. und ein Siebenmeter, 6 Paraden); Ehrig (n.e.), Duvnjak, Sagosen (5), Reinkind (7), Sunnefeldt, Weinhold, Wiencek (1), Ekberg (9/3), Ciudad, Wäger, Zarabec (1), Schmidt (n.e.), Voigt (7), Pekeler (2); Trainer: Jicha
Rhein-Neckar Löwen: Palicka (1.-60., 10 Paraden), Katsigiannis (1 Siebenmeter, keine Parade); Schmid (3), Gensheimer (7/4), Kirkelökke (2), Lagarde, Patrail (1), Tollbring, Ahouansou (1), Abutovic, Groetzki (4), Petersson (2), Gislason, Nielsen, Nilsson (3), Kohlbacher; Trainer: Schwalb

Schiedsrichter: Robert Schulze / Tobias Tönnies
Zeitstrafen: THW: 3 (2x Sunnefeldt (15., 23.), Pekeler (37.)) / RNL: 4 (Kirkelökke (17.), Lagarde (30.) Gislason (33.), Gensheimer (53.))
Siebenmeter: THW: 3/3 / RNL: 4/4
Spielfilm: 1:1, 3:1 (6.), 4:3, 6:3 (11.), 8:5 (16.), 11:8 (22.), 11:10 (26.), 14:10 (29.), 15:11;
17:13 (35.), 19:15 (37.), 19:17, 20:18 (41.), 23:18 (44.), 23:19, 26:19 (51.), 27:21, 31:21 (57.), 32:23.
Zuschauer: keine (Wunderino Arena, Kiel)

Stimmen zum Spiel:

THW-Trainer Filip Jicha: Wir wollten uns heute mit Laune präsentieren, wir wussten um die Stärke der Rhein-Neckar Löwen mit ihrer Weltklasse-Mannschaft. Deshalb muss und will ich meiner Mannschaft ein Lob aussprechen: Wir haben heute nicht nur gut gespielt, sondern haben auch richtig gearbeitet, um jeden Zentimeter gekämpft und waren immer vorn. Trotzdem haben wir uns von dem Vorsprung nicht täuschen lassen, sondern haben immer weiter gemacht. Und das ohne etatmäßigen Linksaußen, weshalb ein Riesen-Kompliment an Malte Voigt geht: Er hat nur ein paar Trainingseinheiten mit uns absolviert, kennt einige Taktiken in Abwehr und Angriff und war sofort zur Stelle - und das gegen den Weltklasse-Torhüter Palle! Das heutige Spiel war heute auch im Hinblick auf Köln wichtig, wo wir endlich wieder den deutschen Handball bei einem VELUX EHF Final4 repräsentieren können: Dieses Spiel hat ihnen gezeigt, dass wir da sind, dass wir bereit sind!

Löwen-Trainer Martin Schwalb: Ich bin verärgert, dass wir so hoch verloren haben. Das war nicht verdient. Wir hatten 43 Minuten die Hand dran, vergeben dann aber bei 18:20 einen Gegenstoß. Wenn wir den machen, wird es noch einmal richtig eng. So aber war der THW Kiel in den letzten 15 Minuten nicht zu stoppen.
gegenüber Sky: Das ist das, was den THW Kiel ausmacht, immer wieder in die Zweikämpfe zu gehen. Das haben wir nicht mehr aufhalten können und verdient verloren. Die Kieler haben sich in der Quarantäne schön erholen können. Sie sind fokussiert und der Auftritt war schon ein Statement. Das muss man neidlos anerkennen.“

THW-Kreisläufer Patrick Wiencek bei Sky: Wir haben in der Quarantäne ziemlich viel Zeit gehabt, um uns auf die Spiele vorzubereiten. Man hat gesehen, dass wir unbedingt gewinnen wollten. Wir wussten, dass es unser letztes Heimspiel sein würde, leider ohne Zuschauer. Aber irgendwann muss man sich auch dran vielleicht ein bisschen gewöhnen - auch wenn es weh tut. Das erste Training nach der Quarantäne war schon eigenartig. Jeder hat nach einer halben Stunde schon ordentlich gepumpt. So eine Quarantäne kann ziemlich gefährlich sein, das haben wir auch gemerkt: Klar kann man vom Kopf her runterschalten, und der Körper bekommt mal eine Auszeit. Aber von null auf gleich wieder voll in den Hallensport zu gehen, das ist nicht so einfach. Jetzt haben wir noch ein Großereignis vor uns - und darauf freuen wir uns riesig!

THW-Rückraumspieler Sander Sagosen bei Sky: Die Löwen haben nur 23 Treffer gegen uns erzielt. Wir haben eine verrückt gute Abwehr gespielt und müssen jetzt so weitermachen. Wir sind einfach eine Mannschaft und kämpfen zusammen. Aus der Quarantäne sind wir mit Energie zurückgekommen und freuen uns nun auf die letzten beiden Spiele im Jahre 2020.

Löwen-Regisseur Andy Schmid bei Sky: Wir sind auf einen sehr starken Gegner gestoßen. Wir haben gewusst, dass wir eine sehr starke Leistung benötigen, damit wir um den Sieg mitspielen können. Das haben wir nicht gemacht. Wir sind gut aus der Halbzeit gekommen, liegen mit zwei Toren hinten und hätten auf ein Tor verkürzen können. Am Ende verlieren wir dann mit neun Treffern. Die letzten 20 Minuten waren so, wie wir es in den letzten Spielen mehrfach hatten. Wir sind hinten und vorne komplett eingebrochen, sodass nichts mehr ineinandergegriffen hat. Deswegen war es eine Lehrstunde vom THW.

THW-Linksaußen Rune Dahmke (vor dem Spiel) bei Sky: Wir haben uns im Dezember immer wieder gesagt, dass wir am Ende des Monats die Chance haben, um Titel zu spielen. Aber wir müssen unsere Aufgaben erfüllen. Wir hatten eine kleine Zwangspause, die uns nicht in die Karten gespielt hat. Aber ich glaube, da kann jede Mannschaft ein Lied von singen. Es läuft nicht alles nach Plan, insbesondere in diesem Jahr. Es geht nur darum, die Sachen zu kontrollieren, die man kontrollieren kann. Alles andere muss man so akzeptieren, wie es ist.