Furioser Endspurt: THW gewinnt Krimi gegen Celje

Champions League
Mittwoch, 21.10.2015 // 20:30 Uhr

Was für ein Handball-Abend in der Sparkassen-Arena! 30 Minuten lang schien der THW Kiel in der "VELUX EHF Champions League" gegen den slowenischen Rekordmeister RK Celje Pivovarna Lasko alles unter Kontrolle zu haben. Im zweiten Abschnitt wurden die "Zebra"-Beine indes immer müder, und sechs Minuten vor dem Ende schienen die Gäste beim 31:28 auf dem Weg zu einem unerwarteten Sieg. Doch mit einer unglaublichen Energieleistung von Fans und Spielern, dank 17 Paraden von Niklas Landin, spektakulären Gegenstößen von Rune Dahmke (6 Tore) und dem unbändigen Willen von Domagoj Duvnjak (8 Tore) drehten die Kieler die Partie noch und gewannen den Mittwochabend-Krimi mit 35:32 (16:14).

Dissinger scheidet nach erstem Angriff aus

Nach seinem ersten Tor war die Partie für ihn zu Ende: Christian Dissinger musste verletzt passen.

Das Spiel begann für den THW Kiel mit einer weiteren Hiobsbotschaft: Nachdem mit Joan Canellas und Duvnjak beide Mittelmänner angeschlagen in die Partie gingen, musste nach der ersten Offensivaktion auch noch Christian Dissinger passen: Der Halblinke hatte sich stark zum 1:0 durchgetankt, und war dann noch gefoult worden. Die Folge: Eine schwere wie schmerzhafte Rippenprellung, und für Dissinger war die Partie zur Ende. Für den Youngster im Rückraum sprang Duvnjak in die Bresche: Er drückte der Partie in der Anfangsphase seinen Stempel auf und traf zum 2:1 und 3:2. Die Gäste agierten indes wie erwartet: Mit schnellem Spiel und einem guten Auge für den Kreis blieben sie dran. Es dauerte bis zur zwölften Minute, ehe sich der THW erstmals mit drei Toren absetzen konnte: Duvnjak bediente erst Toft Hansen und dann im Gegenstoß Niclas Ekberg per spektakulärem Bodenpass zum 9:7. Nachdem Duvnjak gefoult worden war, der Pfiff aber ausblieb, profitierte der Kroate von Canellas' Ballgewinn und traf sogar zum 10:7.

16:14 zur Pause

Weil Niklas Landin weiterhin stark hielt und nach seiner bereits siebten Parade Ekberg mustergültig zum 12:8 bediente (16.), schien der Handballabend ein ruhiger für die 8.500 Fans zu werden. Doch weit gefehlt. Nach einer Auszeit bekam Celje wieder Oberwasser, hatte in Ivan Gajic einen guten Rückhalt und nutzte die sich bietenden Chancen konsequent: Drei Minuten nach der Kieler Vier-Tore-Führung war der Anschluss beim 10:12 und 11:13 wieder hergestellt. Trotz klarer Überlegenheit und vieler guter Chancen nahmen die Kieler eben nur diese zwei Treffer Vorsprung beim 16:14 mit in die Pause - auch, weil die Abwehr mit dem quirligen Angriffsspiel der Slowenen ihre Probleme hatte.

Donnerstag Gala - Mittwoch DHB-Pokal

Diesen Tag begehen die Kieler auf besondere Art: Erstmals seit dem Saisonstart am 15. August haben die "Zebras" jetzt mehr als vier Tage Pause bis zum nächsten Pflichtspiel. Eine Pause, die dringend nötig ist. Erst am Mittwoch sind sie wieder gefordert - dann geht es aber bereits um alles: Im DHB-Pokal-Achtelfinale erwartet mit dem Zweitligisten HSC 2000 Coburg einer der Aufstiegsfavoriten die "Zebras" zum K.o.-Duell um den Einzug in die nächste Runde. Zuvor wagen sich die Kieler Handballer aber auf unbekanntes Terrain: Bei der schwarz-weißen THW-Gala mit dem Philharmonischen Orchester Kiel im Opernhaus (siehe Extra-Artikel) werden sie am morgigen Donnerstag (Tickets an der Abendkasse und online: www.theater-kiel.de) ihre Fähigkeiten als Chor-Sänger unter Beweis stellen - und bauen auch dabei ebenfalls auf die lautstarke Unterstützung ihrer Fans. Auf geht's, Kiel!

Celje gleicht aus

Motor und Mittelpunkt des Kieler Angriffsspiels: Domagoj Duvnjak.

Nach dem Wechsel verkürzte Razgor direkt auf 15:16, was aber Canellas vom Siebenmeterstrich und Dahmke, der mit seinem Zauberwurf das 18:15 erzielte, umgehend konterten. Doch dann riss der Faden im Kieler Spiel: Der immer stärker werdende Blaz Janc verkürzte, dann parierte Gajic einen Wurf und schickte Kapitän Zivzej auf die Reise, ehe sich Mlakar mit einem Gegenstoß für den ausbleibenden Pfiff nach einem deutlichen Foul an Toft Hansen mit dem 18:18-Ausgleich "bedankte" (35.). Duvnjak trieb den Ball nun nach vorn, und der Kieler Kapitän erzielte die erneute THW-Führung - es sollte für mehr als 20 Minuten die letzte gewesen sein. 

Celje plötzlich vier Tore vorn

Starke Paraden: Niklas Landin hielt 17 Bälle und war ein wichtiger Part des furiosen Endspurtes.

Was folgte, war ein Fehlerfestival auf Kieler Seite. In Reihe verloren die "Zebras" vorn den Ball, verpassten in der Abwehr die Sicherung der Abpraller oder scheiterten mit ihren Würfen. Ganze zwei Minuten benötigten die Gäste, um mit einem Gegenstoßfestival das 22:19 (40.) zu erzielen. Selbst in Unterzahl fand Razgor den Weg durch die Kieler Deckung, und als Mlakar eines seiner platzierten Geschosse ins lange Eck abfeuerte und Zvizej erneut einen Konter versenkte, führte Celje urplötzlich mit 25:21 (43.) und hatte in Ballbesitz sogar die Chance, zu erhöhen. Doch genauso plötzlich ging ein Ruck durchs Kieler Team, das in der Abwehr fortan viel mehr investierte und den Gegner ins Zeitspiel trieb, was Dahmke zum Kontern nutzte. Und auch Celje machte unter Druck nun Fehler: Duvnjak verwandelte einen Gegenstoß, Mamelund spitzelte Razgor den Ball aus der Hand, und Weinhold versenkte den Konter zum 24:25 (46.).

Toft Hansen wird in der Kabine genäht

Gezeichnet von den kraftraubenden vergangenen Wochen und von der harten Partie gegen Celje: Rene Toft Hansen bedankte sich nach dem Sieg bei den Fans.

Längst waren da die THW-Fans wach: Sie versuchten, ihrer sichtlich am körperlichen Limit agierenden Mannschaft zu helfen. Doch der Erfolg blieb zunächst aus, und als Vujin nur den Pfosten anvisierte und Babarskas durch die Beine von Katsigiannis zum 27:25 traf und dabei auch noch - unbeabsichtigt - Rene Toft Hansen eine Platzwunde über dem rechten Auge verpasste, schien sich das Blatt endgültig zugunsten der Slowenen zu wenden. Toft Hansen wurde in die Kabine gebracht, mit zwei Stichen nähte Mannschaftsarzt Dr. Frank Pries die Wunde. Der Kieler Abwehr fehlte trotz des schnellen Eingreifens minutenlang der Chef - elf Minuten vor dem Ende wurden bereits die THW-Archive auf der Suche nach der letzten Heimniederlage in der "VELUX EHF Champions League" durchforstet. 

Celje führt kurz vor Schluss mit drei Toren

Ein unfassbarer Treffer von Rune Dahmke brachte die Stimmung dann wieder nach oben - und die Hoffnung zurück: Der Kieler Youngster griff sich einen ungenauen Pass, drehte sich in den Kreis fliegend um die eigene Achse und schloss mit einem beherzten Wurf ins kurze Eck ab - Wahnsinn! Doch selbst davon ließen sich die Gäste nicht nachhaltig beeindrucken - sie glaubten längst an ihre Chance und hatten nun auch das Glück auf ihrer Seite: Innenpfosten - Tor. Lattenunterkante - Tor. Als Babarskas nach Gajics Parade gegen Ferreira für den inzwischen zurückgekehrten Landin zum 31:28 einnetzte (54.), setzten viele Experten nicht mehr viel auf ein Comeback der "Zebras".

"Zebras" spielen sich in einen späten Rausch

"Es geht doch!" Rune Dahmke schreit nach seinem Tor zum 29:31 seine Freude heraus.

Doch die mobilisierten ihre letzten Kräfte. Toft Hansen kam mit einem dicken Pflaster über der frisch genähten Wunde zurück, Alfred Gislason stellte seine Abwehr auf die 3-2-1-Variante um, und jedes "Zebra" kämpfte nun für seinen Nebenmann mit. Canellas bediente Dahmke mit einem No-Look-Pass hinter dem Rücken: 29:31. Dahmke fing einen eigentlich schon in Richtung Tribüne segelnden Pass und setzte den Ball zum 30:31 in die Maschen. Die Halle tobte. Dann holte Toft Hansen einen Siebenmeter heraus, den Canellas zum nicht mehr für möglich gehaltenen Ausgleich verwandelte (57.). Und wie aus dem Nichts war er da - der berühmte Kieler Rausch. 

6:0-Lauf bringt die Entscheidung

Die Emotionen müssen raus: Canellas feierte sein 31:31 in bester Sprenger-Manier.

Angefacht von klasse Landin-Paraden, unterstütz durch nervös werdende Gäste, durchgesetzt mit dem unbedingten Siegeswillen von Duvnjaks 32:31 (58.), angestachelt durch Mlakars Foul gegen den nach vorn stürmenden Dahmke, wofür es zwei Minuten für Celje und Siebenmeter für Kiel gab. Wie aus dem nichts waren sie da, die Emotionen. Auf dem Platz und auf den Tribünen. Dahmke feierte den herausgeholten Siebenmeter trotz Schmerzen, Canellas das 33:31 in bester Sprenger-Manier, und als Landin Zvizej den Ball abkaufte und Toft nach 58:25 Minuten zum 34:31 einnetzte, riss es die Fans von den Sitzen. Mit einem unglaublichen 6:0-Lauf zwischen der 55. und 59. Minute hatten die Kieler das Spiel gedreht. Und die Statistiker packten ihre gesammelten Heimniederlagen-Informationen wieder ins Archiv. Der THW Kiel bleibt in der Königsklasse seit dem 9. Oktober 2011 ungeschlagen und wird am Donnerstag den 1474 Tag in Folge ohne Niederlage in der "VELUX EHF Champions League" sein.  

 

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