KN: "Minis Märchen"

Champions League
Dienstag, 08.12.2015 // 09:35 Uhr

Kiel. Eine Geschichte wie ein Märchen, zu schön, um wahr zu sein. Emotionen, die sich Bahn brechen: auf dem Feld, auf den Rängen. Drei Minuten, die alles auf den Kopf stellen. Vor dem Spiel gegen Veszprem: Gänsehaut, als Dominik Klein nach acht Monaten Leidenszeit und überstandenem Kreuzbandriss zum ersten Mal ins Dunkel der Sparkassen-Arena einläuft. Jubel brandet auf, die Fans erweisen "Mini", dem Publikumsliebling, der den THW am Ende der Saison nach Nantes verlassen wird, ihre Ehre. Nach dem 25:24-Sieg: Gänsehaut nach drei Minuten, die sich ein Drehbuchautor nicht dramatischer, zugespitzter, fantastischer hätte ausdenken können.

Comeback: Die (fast) perfekten fünf Minuten

Etwas mehr als 55 Minuten sind gespielt, als Dominik Klein das Spielfeld betritt. "Nach 40 Minuten hatte mir der Trainer signalisiert, dass ich kommen werde", sagt Klein. Der 31-Jährige sitzt auf glühenden Kohlen. "Ich habe es nicht ausgehalten." Alfred Gislasons Plan geht auf: Die Halle kocht, als der Routinier nach einer Umarmung mit Rune Dahmke plötzlich wieder da ist. "Beim Einlaufen hatte ich schon feuchte Augen, als 10 000 aufgestanden sind. Dass ich wieder da bin, ist mein erster persönlicher Titelgewinn für diese Saison", sagt Klein. Er wirkt ergriffen. Die Zeit der Schinderei ist vorbei. Dann schiebt er nach: "Das heißt nicht, dass wir in Sachen Titel nicht noch nachlegen wollen."

56:34 Minuten sind um: Klein hat seinen ersten Ballkontakt - und verwirft. "Zu viel Kleber", der Ball geht in der kurzen Ecke ans Außennetz. Klein bleibt cool. "Die Entscheidung war richtig. Auch mental macht sich die harte Arbeit bezahlt." Dennoch, wieder geht Veszprem durch Renato Sulic in Führung (22:23; 57.). "Aber die Jungs haben unglaublich gekämpft", sagt Klein später.

57:27 Minuten zeigt die Anzeigetafel an, als Klein erneut einen langen Ball bekommt, zum 23:23 trifft. Der Lärmpegel von den Rängen erreicht ganz neue Dezibel-Sphären. Ungläubiges Staunen macht die Runde. Einer sagt: "Warte mal ab! Der macht gleich das entscheidende Tor." Spricht aus, was sich nur Hollywood ausdenken könnte.

59:17 Minuten, nur noch 43 Sekunden zu spielen, und Veszprem ist beim Stand von 24:24 in Ballbesitz. Der starke, begeisternde Laszlo Nagy wirft. Niklas Landin im Kieler Tor pariert den Ball. Steffen Weinhold zieht im Angriff die Fäden, sagt einen Spielzug an, doch was macht Dominik Klein, dieser Instinkt-Handballer? Gerade einmal vier Minuten ist er zurück auf dem Feld der Träume, das er so sehr vermisst hatte, und widersetzt sich den taktischen "Anweisungen" seines Interims-Regisseurs. "Der Spielzug war anders angesagt. Ich dachte mir, ich mache mal etwas anderes als sonst, bin hinten stehen geblieben."

Nach 59:50 Sekunden spielt Marko Vujin einen langen Pass auf Dominik Klein, der drei Sekunden später zum entscheidenden 25:24 trifft. Klein macht den "Flieger", sprintet in die Abwehr zurück, um festzuhalten, was ihm niemals mehr jemand entreißen kann. Nach den 60 Minuten: partielle Entgeisterung. "Diese Story, die ist doch erfunden, oder?", fragt Klein. "Würde man mir diese Geschichte erzählen, ich würde sagen: 'Das ist doch ein Märchen'."

60:00 Minuten: Das Spiel ist aus, die so arg dezimierten Kieler haben den großen Favoriten besiegt. "Wie geisteskrank" (Klein) rasen seine Mitspieler aus der Abwehr, von der Bank auf ihn zu. "Ich habe mich nur noch in Sicherheit gebracht." Alles endet in einer Jubeltraube. Wenig später gibt Klein einen Teil seines Triumphes an die Fans weiter: "Sie tragen uns auf den Rathausbalkon."

Da will der Weltmeister und Champions-League-Sieger hin, will Titel feiern, will sich auch vom "Weg nach Köln" (zum Final Four in der Königsklasse, d. Red.) nicht abbringen lassen. "Jeder steht für den anderen ein", sagt Klein. Nach zehn Jahren will sich "Mini" nicht ohne Titel nach Frankreich verabschieden. Seit Sonntagnachmittag kommt es darauf nicht mehr an. Dieses Comeback vor dem endgültigen Abschied wird ihn unvergessen machen.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 07.12.2015, Foto: Sascha Klahn)

 

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