KN: Die Kraft aus der Weißwurst

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Freitag, 29.04.2016 // 10:14 Uhr

Kiel. Der Tag nach dem historischen Tag. Der Tag nach dem 29:24 gegen den FC Barcelona im Viertelfinale in der Handball-Champions-League. Die Zebra-Helden des THW Kiel treffen sich zum Auslaufen auf dem Uni-Sportplatz. Der Rest des Tages ist frei, der Dienstag auch. Am Mittwoch geht es mit Video-Studium und Training weiter. Am Mittag trifft sich Neun-Tore-Teufelskerl Dominik Klein mit Ehefrau Isabell zum Handball. Die muss dann los: Training in Buxtehude. Im Café "Mum&Dad" zeichnet der 32-Jährige mit Sohn Colin auf dem Schoß den Weg nach Köln: zum Final Four in der Königsklasse.

Dominik Klein weiß, worauf es jetzt ankommt

Die Kraft

Wo kam diese Kraft eigentlich her, Dominik Klein? Balingen und Barcelona will der Kieler ungern vergleichen, sagt: "Schon am Sonntagvormittag kribbelte es." Und dann das Weißwurst-Frühstück mit den besten Freunden um den Kieler Volleyballer Florian Huth. "Damit hat es eigentlich immer geklappt - ein gutes Omen! Schon auf dem Weg von zu Hause zur Halle wusste ich, dass es ein besonderer Tag ist." Die Kraft aus der Weißwurst und anschließend ein perfekter Start ins Match: "Auch für mich persönlich. Das kann man sich nicht ausmalen. Das erste Tor über den Rückraum. Diese Bälle gehen dann rein, weil sie reingehen sollen."

Der Wille

"Ich habe das noch nie so sehr gespürt wie vor dem Einlaufen in die dunkle Halle. Wir feuern uns dann vorher immer noch an." Auf einmal sprach nur noch Klein in die Stille hinein: "Fokus ist gut, aber wir müssen einfach Emotionen reinbringen." Immer wieder riss der THW-Publikumsliebling in den folgenden 60 Minuten die Arme in die Höhe, und die 10 285 folgten ihm. "Am Ende sind es ja auch nur sieben Leute gegen sieben Kieler, und es geht um die Frage: Wer hat mehr Leidenschaft?"

Patrick Wiencek

Klein schwärmt: "Diese Aggressivität, die Bamm-Bamm reingebracht hat, merkt auch ein Ilija Brozovic sofort. Für ihn ist es dann geil, neben so einem zu spielen." Wie Wael Jallouz der Zahn gezogen wurde, habe man dem Abwehrchef zu verdanken, der nach überstandenem Kreuzbandriss sein umjubeltes Comeback feierte. "Er hat deren gefährlichste Waffe entschärft."

Filip Jicha

Klein glaubt: "Er war eher wegen seiner Physis verunsichert, weil er nicht all das abrufen kann, was er gerne möchte. Nicht so sehr wegen der Halle. Aber es ist gut, dass er das volle Vertrauen vom Verein bekommt, sich wieder zu alter Stärke zurückzukämpfen."

Die Emotionen

Ein Schluck grüner Tee zur Entspannung, Colin erforscht das "Mum&Dad". Als Klein, der am Saisonende nach zehn Kieler Jahren und 13 Duellen mit dem FC Barcelona nach Nantes wechselt, nach dem Viertelfinal-Hinspiel auf dem Feld interviewt wurde, stieg das Wasser in seine Augen. "Ich wurde drauf angesprochen, dass es mein letztes Champions-League-Heimspiel für den THW war." Ein emotionaler Vorgeschmack auf "Minis" Abschiedsspiel am 16. Juli.

Der Titel

Natürlich sei es auch für Klein Antrieb, nicht ohne Titel gehen zu wollen. "Aber mehr noch bei den anderen, die sagen: 'Wir können Dich doch nicht ohne Titel gehen lassen'. Das ist schön, zeigt Respekt."

Der Weg nach Köln

Längst hat Klein angefangen, mit seinen Mitspielern zu sprechen, als Motivator mit feinen Antennen zu fungieren: "Es ist jetzt wichtig, die Erfahrungen darüber auszutauschen, was uns im Palau Blaugrana erwartet. Kaum einer hat schon dort gespielt, nicht einmal Duvnjak oder Weinhold. Jedem muss klar sein: Die fünf Tore Vorsprung bedeuten gar nichts." Man müsse die Katalanen wieder "zum Nachdenken zwingen darüber, dass es weh tut, wenn sie gegen uns 'eins gegen eins' gehen".

Die Chancen

"50:50 - das habe ich immer gesagt. Das war erst die erste Halbzeit." Klein zitiert Mitspieler Erlend Mamelund: "Er sagte mir am Sonntag beim Warmmachen: 'Weißt Du, in Norwegen sagt man: Arbeit schlägt Klasse'. Wir haben so viele schlaue Spieler, die wissen, wie man in welchen Phasen agieren muss. Dann möchte ich am liebsten nach einem Sieg den 200 mitgereisten THW-Fans zujubeln."

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 26.04.2016, Foto: Sascha Klahn)

 

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