KN: Schwarzer Sonntag

Champions League
Dienstag, 16.02.2016 // 11:31 Uhr

Kiel. Der Tag danach, Bilanz ziehen. Was war passiert? Der THW Kiel hat am Sonntag das 87. Nordderby gegen die SG Flensburg-Handewitt - eine der Ur-Konfrontationen des deutschen Handballsports - verloren. Aber wie? Das 27:37 in der Champions-League-Gruppe A war die höchste Kieler Niederlage in der 22-jährigen Königsklassen-Geschichte überhaupt. Seit dem 20. Dezember 2006 (24:39 in Magdeburg) hatten die Zebras kein Pflichtspiel mehr ähnlich hoch verloren. Ein Debakel. Der Tag danach, Bilanz ziehen bei den beiden Kieler Derby-Veteranen Dominik Klein (seit 2006 beim THW) und Alfred Gislason (seit 2008). Trotz auf der einen, Enttäuschung auf der anderen Seite.

Die Zahlen sind bemerkenswert: Das Spiel in der Flens-Arena war für den 32-jährigen Linksaußen Klein das 32. Landesderby insgesamt, das 13. in der "Hölle Nord". Seine letzte Reise in Richtung dänische Grenze vor seinem Wechsel nach Nantes hatte sich "Mini" Klein anders vorgestellt. "Ein schwieriger Tag", sagt der Familienvater, bevor am Montag mit dem gemeinsamen Videostudium die Vorbereitung auf den nächsten THW-Gegner eingeläutet wird - Orlen Wisla Plock am Mittwoch (18.30 Uhr) in der Sparkassen-Arena. "Über dieses Spiel müssen wir uns ärgern, werden es analysieren. Man muss sagen, dass man normalerweise in einer solchen Atmosphäre wie in Flensburg auf viele Automatismen zurückgreift. Aber das können wir in unserer jetzigen Situation, in der wir so viele neue Spieler einbauen müssen, einfach nicht."

Beispiel Abwehr: Weil René Toft Hansen und Patrick Wiencek verletzt sind, muss Erlend Mamelund die Rolle des Abwehrchefs übernehmen. "Eine undankbare Aufgabe", weiß THW-Coach Alfred Gislason. Undankbar, weil Mamelund nur Ungewohntes sieht, wenn er sich nach links oder rechts dreht. Am Sonntag bildeten Igor Anic, Mamelund, Joan Cañellas und Domagoj Duvnjak zunächst einen passablen Abwehrriegel. Später rückte Neuzugang Ilija Brozovic in die Deckung, zwischenzeitlich kümmerte sich der junge Alexander Williams um den überragenden Rasmus Lauge. Cañellas' körperlicher Zustand (Rücken) reicht momentan nicht für 60 Minuten. Er übernahm Verantwortung, traf schnell viermal, doch seine Körpersprache transportierte Schmerzen.

Duvnjak erzielte acht Tore, stand gut in der Deckung. Der Kroate opfert sich auf. Sieht man ihm beim Spielen zu, drängt sich der Gedanke auf: Er wird diese Saison nicht heil überstehen. Gislasons Optionen sind begrenzt. Die 3:2:1 in der Deckung "braucht viel Zeit" (Gislason), er versuchte zwischendurch eine 4:2-Formation, sagt am Montag: "Erst einmal müssen wir eine gute 6:0 schaffen." Als Erlend Mamelund am Sonntag vom Feld humpelte, drohte weiteres Ungemach. Am Montag die Entwarnung: Der Norweger hat nur eine leichte Blessur am Sprunggelenk. "Wir sollen wir das sonst auch noch kompensieren?", fragt Gislason.

Der Isländer macht auch am Montag aus seiner Enttäuschung kein Geheimnis. "Ich habe nicht unbedingt erwartet, dass wir gewinnen. Aber dass jeder bis zum Ende alles gibt. Aber einige haben resigniert. Und ich erwarte, dass jeder, solange er das THW-Trikot trägt, alles gibt." Er selbst betont, er habe nicht resigniert. "Ich habe Alexander Williams auch schon in der ersten Halbzeit gebracht, als es noch gut lief", sagt Gislason. Von einigen sei "zu wenig gekommen". Seine Mannschaft habe die Torhüter im Stich gelassen, zu viele einfache Fehler gemacht. Von Anfang an schenkte er dem Esten Dener Jaanimaa auf Halbrechts das Vertrauen, der für einen indisponierten Marko Vujin auf das Feld kam, gute Ansätze zeigte, drei Tore erzielte.

Doch am Ende fehlte es in der Abwehr an Abstimmung. Sie stand zu defensiv, agierte pomadig. "Wir konnten die unglaubliche Power und Dynamik der Flensburger einfach nicht stoppen", weiß Dominik Klein. Von mentalen Spätfolgen will der Routinier nichts wissen. "Wir hätten uns genauso über eine Niederlage mit zwei Toren geärgert." Klein ist ein Derby-Veteran. Er muss es wissen. Jetzt fordert er "Körpersprache, Aggressivität, Zusammenstehen". Eine Niederlage am Mittwoch gegen Plock könnte fatale Folgen haben.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 16.02.2016, Foto: Sascha Klahn)

 

Mehr zum Thema

Der THW Kiel hat in der "VELUX EHF Champions League" erstmals seit fünf Partien wieder verloren: Nur 45 Stunden nach der harten Bundesliga-Begegnung in Hannover lieferten die "Zebras" vor 10.000 Zuschauern in der Sparkassen-Arena dem polnischen Meister PGE Vive Kielce einen Kampf auf Biegen und Brechen. Selbst der Ausfall von Steffen Weinhold, der mit vier Treffern und etlichen Vorlagen bis zu...

24.02.2018

Donnerstag DKB Handball-Bundesliga, Samstag VELUX EHF Champions League: Im letzten Heimspiel der Königsklassen-Gruppenphase trifft der THW Kiel auf die mit Stars gespickte polnische Top-Mannschaft PGE Vive Kielce. Eine Partie mit finalem Charakter, denn der polnische Meister ist das einzige Team, das dem THW Kiel noch einen Platz unten den besten vier Mannschaften der Gruppe B - und dem damit...

23.02.2018

27:20-Sieg, zwei Punkte im Kampf um eine gute Platzierung im Gepäck und ein gutes Spiel gezeigt: Die "Zebras" hatten nach dem Abpfiff der "VELUX EHF Champions League"-Partie beim dänischen Meister Aalborg Handbold längst ihr Lächeln wiedergefunden, als sie sich auf den Weg in "ihre" Kurve machten. Dort hatten 500 Kieler Fans als "weiße Wand" mehr als 60 Minuten lang ein echtes Spektakel...

19.02.2018

Aalborg. Fünfter Sieg in Folge - der THW Kiel hat am Sonntagnachmittag bei Aalborg Håndbold seine Siegesserie in der Handball-Champions-League ausgebaut. Das 27:20 (15:11, siehe THW-Spielbericht) hievt die Zebras in der Gruppe B der Königsklasse auf Platz zwei und damit in eine glänzende Ausgangsposition im Hinblick auf das Achtelfinale. Die zwei Punkte am Limfjord gerieten nie in Gefahr. So grau...

19.02.2018

Der THW Kiel hat in der VELUX EHF Champions League einen souveränen Sieg errungen: Beim dänischen Meister Aalborg Handbold gewannen die "Zebras" am Sonntagnachmittag klar mit 27:20 (15:11) und rückten durch diesen Erfolg auf Platz zwei der Vorrundengruppe B vor. Überragender Akteur war Niklas Landin, der 19 Würfe auf sein Tor parierte und einmal selbst erfolgreich war. Niclas Ekberg traf mit 7/3...

17.02.2018

Kiel/Aalborg. Donnerstag Wetzlar, Sonntag (16.50 Uhr, siehe Vorbericht) Aalborg. Donnerstag der nächste Nackenschlag, das Ende der neun Spiele währenden Siegesserie, Sonntag der Traum vom Final Four in der Königsklasse. Die Voraussetzungen sind glänzend: Der THW Kiel blickt auf vier Erfolge in Serie in der Gruppe B, hat Platz drei und vielleicht sogar Platz zwei vor Augen und damit einen...

17.02.2018

Wenig Zeit bleibt den "Zebras", um die bittere Heim-Niederlage gegen die HSG Wetzlar zu verabeiten: Bereits am Sonntag ist der THW Kiel wieder in der VELUX EHF Champions League gefordert. Nach der vorzeitig erreichten Achtelfinal-Qualifikation geht es in den ausstehenden drei Begegnungen in der Gruppenphase nun um eine möglichst gute Platzierung,  um in der Runde der besten 16 Mannschaften Europas...

16.02.2018

Kiel. Alfred Gislason, Trainer des THW Kiel, zögerte nach dem 22:20 am Mittwochabend in der Handball-Champions-League gegen Telekom Veszprém (siehe Spielbericht) keine Sekunde: "Platz drei ist unser Ziel." Das erste Spiel nach der Europameisterschafts-Pause hat endgültig einen Wendepunkt im Zebra-Kosmos dieser Saison zementiert: Man orientiert sich selbstbewusst wieder nach oben.

09.02.2018