KN: Erklärungsversuche nach der Niederlage gegen Silkeborg

Champions League
Dienstag, 28.02.2017 // 12:00 Uhr

Kiel. Nach der 21:24-Heimpleite des THW Kiel gegen den dänischen Meister BSV Bjerringbro-Silkeborg in der Handball-Champions-League mehren sich die kritischen Stimmen. Die sechste Niederlage im zwölften Gruppenspiel der Königsklasse ist für viele an sich schon ein Problem - noch schwerer wiegt die Art und Weise.

Schwalb: "Gislason ist ein Weltklasse-Trainer"

Mangelnde Einstellung und fehlende Konzentration sind nur zwei Aspekte, die THW-Trainer Alfred Gislason für die Pleite verantwortlich macht. Technische Fehler und Fehlwürfe in aussichtsreichsten Positionen über fast die gesamte Spieldauer, in der Schlussphase zudem kein echtes Aufbäumen gegen die drohende Niederlage - nach dem Abpfiff gellten Pfiffe und Buh-Rufe durch die Sparkassen-Arena, einige THW-Fans machten ihrem Unmut nach der dritten Champions-League-Heimniederlage in dieser Saison deutlich Luft. Und die kommende Aufgabe am Sonntag wird nicht angenehmer: Mit einer Niederlage gegen den FC Barcelona wären es vier Heimpleiten - so viele wie noch nie.

"Ich habe Verständnis für die Fans und deren Reaktion", sagt Thorsten Storm. "Wir müssen zu Hause anders auftreten." Der THW-Geschäftsführer macht in Bezug auf das Spiel gegen Silkeborg klar: "Das darf uns so nicht passieren - Punkt." Vielleicht müsse jeder Einzelne in solchen Partien noch mehr raus aus der Komfortzone, aber: "Ich werde deshalb jetzt nicht alles über den Haufen werfen und in Frage stellen, was geplant ist und neu aufgebaut wird", erklärt Storm. "Ich glaube an diese Mannschaft und an unseren Weg!"

Auch die Kritik an Trainer Gislason wird unter den Anhängern lauter. Beobachter wollen erkennen, dass der Isländer die Mannschaft nicht mehr erreicht, ausgebrannt ist, sein Team vor allem in Auszeiten nicht mehr wachrütteln kann. "Alfred ausgebrannt? Das sehe ich gar nicht so", sagt Storm. "Die Erfolge der letzten Jahre stehen in engem Zusammenhang mit dem Namen Alfred Gislason. Natürlich kann man sich in der Sportwelt von der Vergangenheit nichts kaufen. Aber Alfred hat mit jungen Spielern einen Neuanfang begonnen, und ich sehe, dass er alles in die Weiterentwicklung des Teams investiert."

In die gleiche Kerbe schlägt Martin Schwalb, ehemaliger Trainer des HSV, dessen Geschicke er mittlerweile als Geschäftsführer leitet, der als Sky-Experte bei vielen Champions-League-Spielen des THW hautnah dabei ist. "Alfred sollte außerhalb jeder Kritik stehen. Er ist ein Weltklasse-Trainer, und ich sehe nicht, dass er die Mannschaft nicht erreicht oder ähnliches. Er tut alles und versucht alles", sagt "Schwalbe", der für Geduld im Umgang mit der neu formierten Zebraherde plädiert. "Die Mannschaft muss ein neues Gesicht und ein neues Selbstverständnis entwickeln, das muss jedem klar sein - auch jedem Fan. Das braucht Zeit."

Gislason selbst lässt Unkenrufe nicht an sich heran. "Ich lese keine Internetkritiken oder sowas", sagt der 57-Jährige, der für die ihm vorgeworfene fehlende Leidenschaft eine Erklärung hat: "Dass ich nicht so brenne wie vorher, hat ganz andere Gründe: Ich kann mich in der Halle kaum bewegen", so Gislason mit Blick auf die Folgen seiner Knie-OP.

Wie aber ist so ein Spiel möglich? Der Leistungsabfall im Team scheint momentan groß - zu groß, um dauerhaft auf europäischem Top-Niveau spielen zu können. Die Leistungsverteilung stimmt nicht. "Die Impulse sind auf einige wenige Spieler verteilt", sagt Ex-THW-Torhüter Henning Fritz, der am Sonnabend als Sky-Experte in der Arena war. "Steffen Weinhold fehlt dem THW aufgrund seiner Spielweise mit Zug zum Tor sehr. Es lastet zu viel auf Domagoj Duvnjak." Lukas Nilsson, Christian Dissinger, Marko Vujin, Nikola Bilyk - sie alle konnten den kroatischen THW-Kapitän nicht ausreichend entlasten.

"Ich habe am Sonnabend anderen Spielern die Chance gegeben - wenn nicht in solchen Spielen, wann dann?", fragt Alfred Gislason. Und Thorsten Storm nimmt die Spieler in die Pflicht: "Sie wollen natürlich zeigen, was sie können. Aber sie dürfen dann auch nicht übermotiviert agieren", so Storm. "Jeder Trainer ist für die Einstellung und Taktik der Mannschaft zuständig, aber er kann nicht die freien Bälle selbst reinwerfen."

Fakt ist: Andere Teams haben zur Zeit die Nase vorn. In Europa Paris, Barcelona, Veszprem, in der Bundesliga die Löwen, vor allem aber der Landesrivale. "Flensburg ist eingespielter und macht es momentan ein bisschen besser als wir", gibt Storm zu. "Sie stehen auf Platz eins, da wollen wir gerne wieder hin." Martin Schwalb macht den THW-Fans Mut: "Da ist so viel Qualität im Kader - manchmal geht es auch ganz schnell, bis der Sprung nach vorne kommt."

(Von Niklas Schomburg, aus den Kieler Nachrichten vom 28.02.2017, Foto: Sascha Klahn)

 

Mehr zum Thema

Der THW Kiel hat in der "VELUX EHF Champions League" erstmals seit fünf Partien wieder verloren: Nur 45 Stunden nach der harten Bundesliga-Begegnung in Hannover lieferten die "Zebras" vor 10.000 Zuschauern in der Sparkassen-Arena dem polnischen Meister PGE Vive Kielce einen Kampf auf Biegen und Brechen. Selbst der Ausfall von Steffen Weinhold, der mit vier Treffern und etlichen Vorlagen bis zu...

24.02.2018

Donnerstag DKB Handball-Bundesliga, Samstag VELUX EHF Champions League: Im letzten Heimspiel der Königsklassen-Gruppenphase trifft der THW Kiel auf die mit Stars gespickte polnische Top-Mannschaft PGE Vive Kielce. Eine Partie mit finalem Charakter, denn der polnische Meister ist das einzige Team, das dem THW Kiel noch einen Platz unten den besten vier Mannschaften der Gruppe B - und dem damit...

23.02.2018

27:20-Sieg, zwei Punkte im Kampf um eine gute Platzierung im Gepäck und ein gutes Spiel gezeigt: Die "Zebras" hatten nach dem Abpfiff der "VELUX EHF Champions League"-Partie beim dänischen Meister Aalborg Handbold längst ihr Lächeln wiedergefunden, als sie sich auf den Weg in "ihre" Kurve machten. Dort hatten 500 Kieler Fans als "weiße Wand" mehr als 60 Minuten lang ein echtes Spektakel...

19.02.2018

Aalborg. Fünfter Sieg in Folge - der THW Kiel hat am Sonntagnachmittag bei Aalborg Håndbold seine Siegesserie in der Handball-Champions-League ausgebaut. Das 27:20 (15:11, siehe THW-Spielbericht) hievt die Zebras in der Gruppe B der Königsklasse auf Platz zwei und damit in eine glänzende Ausgangsposition im Hinblick auf das Achtelfinale. Die zwei Punkte am Limfjord gerieten nie in Gefahr. So grau...

19.02.2018

Der THW Kiel hat in der VELUX EHF Champions League einen souveränen Sieg errungen: Beim dänischen Meister Aalborg Handbold gewannen die "Zebras" am Sonntagnachmittag klar mit 27:20 (15:11) und rückten durch diesen Erfolg auf Platz zwei der Vorrundengruppe B vor. Überragender Akteur war Niklas Landin, der 19 Würfe auf sein Tor parierte und einmal selbst erfolgreich war. Niclas Ekberg traf mit 7/3...

17.02.2018

Kiel/Aalborg. Donnerstag Wetzlar, Sonntag (16.50 Uhr, siehe Vorbericht) Aalborg. Donnerstag der nächste Nackenschlag, das Ende der neun Spiele währenden Siegesserie, Sonntag der Traum vom Final Four in der Königsklasse. Die Voraussetzungen sind glänzend: Der THW Kiel blickt auf vier Erfolge in Serie in der Gruppe B, hat Platz drei und vielleicht sogar Platz zwei vor Augen und damit einen...

17.02.2018

Wenig Zeit bleibt den "Zebras", um die bittere Heim-Niederlage gegen die HSG Wetzlar zu verabeiten: Bereits am Sonntag ist der THW Kiel wieder in der VELUX EHF Champions League gefordert. Nach der vorzeitig erreichten Achtelfinal-Qualifikation geht es in den ausstehenden drei Begegnungen in der Gruppenphase nun um eine möglichst gute Platzierung,  um in der Runde der besten 16 Mannschaften Europas...

16.02.2018

Kiel. Alfred Gislason, Trainer des THW Kiel, zögerte nach dem 22:20 am Mittwochabend in der Handball-Champions-League gegen Telekom Veszprém (siehe Spielbericht) keine Sekunde: "Platz drei ist unser Ziel." Das erste Spiel nach der Europameisterschafts-Pause hat endgültig einen Wendepunkt im Zebra-Kosmos dieser Saison zementiert: Man orientiert sich selbstbewusst wieder nach oben.

09.02.2018