Dezimierte Zebraherde holt sich den Derbysieg!

Champions League
Mittwoch, 29.11.2017 // 19:14 Uhr

Nur mit 14 Spieler nach Flensburg gereist, eine komplette Rückraum-Achse ersetzt, in der hitzigen Atmosphäre kühlen Kopf bewahrt, gekämpft bis zum Umfallen und am Ende das 95. Derby verdient gewonnen: Mit dem 33:30 (16:15)-Sieg bei der SG Flensburg-Handewitt hat der THW Kiel am Mittwochabend zwei ganz wichtige Punkte im letzten "VELUX EHF Champions League"-Spiel des Jahres 2017 geholt. Herausragend in einer starken Kieler Mannschaft war Andreas Wolff, der insgesamt auf 18 Paraden kam und vier Siebenmeter entschärfte. Beste Torschützen waren die beiden überragenden Rückraumspieler: Christian Dissinger (7) und Regisseur Lukas Nilsson (6) erzielten die meisten Treffer.

Bilyks kurzfristiger Ausfall

Kämpfte bis zum Umfallen: Christian Dissinger

Für die "Zebras" startete der Derby-Mittwoch mit einer weiteren Hiobsbotschaft: Neben Linksaußen Raul Santos, Kapitän Domagoj Duvnjak und Linkshänder Steffen Weinhold fiel auch noch Nikola Bilyk aus. Der Youngster hatte sich an seinem 21. Geburtstag im Abschlusstraining einen Teilabriss des Außenbandes im linken Sprunggelenk zugezogen und fällt zwei bis drei Wochen aus. So verkleinerte sich der THW-Tross, der sich am Nachmittag mit dem Mannschaftsbus auf die knapp 80 Kilometer gen Norden machte, auf nur noch 14 einsatzfähige Spieler. Für Bilyk rückte Christian Dissinger in die Startformation - und die Kieler legten los, wie die sprichwörtliche Feuerwehr: Steal Rene Toft Hansen, Dahmke Gegenstoß, Parade Niklas Landin, Ekberg Gegenstoß, Steal Christian Zeitz, Wiencek im Gegenstoß: 3:0 führte die dezimierte Zebraherde 2:30 Minuten. Nach sechs Minuten war diese Führung allerdings passé, Glandorf glich für die Gastgeber, die nun mit Druck aus dem Rückraum agierten und in Andersson einen sich steigernden Torhüter hatten, aus.

Landin bringt Wolff ins Spiel

Führte glänzend Regie: Lukas Nilsson

Flensburg ging dann mit 8:5 und 10:7 in Führung, nutzte erbarmungslos jede Schwäche, die sich die "Zebras" leisteten.  Alfred Gislason reagierte, mahnte seine Spieler in einer Auszeit zu Ruhe und Konzentration. Derweil wechselte sich Niklas Landin, in dieser Phase oft gegen frei vor ihm auftauchende Flensburger glücklos, und wechselte sich selbst aus. Eine große Aktion des Kieler Kapitäns, denn Wolff führte sich gleich mit spektakulären Paraden ein und hielt zudem zwei Siebenmeter. Das gab der Kieler Defensive Rückenwind, während im Angriff vor allem Lukas Nilsson aufdrehte: Der Mittelmann der Kieler traf selbst, wie mit dem Hammer zum 9:10, oder glänzte als Anspieler, wie vor Vujins 10:11-Anschluss (16.). 

Hektik im Derby

Rune Dahmke jubelte über drei eigene Tore

Da hatte das Derby längst Hektik aufgenommen. Im Mittelpunkt: Die beiden serbischen Schiedsrichter Nikolic/Stojkovic, die nach einem Karlsson-Wischer in Dissingers Gesicht eine zu harte Rote Karte gegen den SG-Abwehrchef zeigten und sich in der Folge mit zahlreichen Konzessions-Entscheidung, wie mit den Zwei-Minuten-Strafen gegen Wiencek (19.) und Dahmke (28.), selbst in die Bredouille brachten. Doch der THW behielt bis zum Pausenpfiff einen kühlen Kopf in der Derby-Hitze, machte aus dem 14:13 der Gastgeber mit einem 3:0-Lauf durch Nilssons Treffer in Unterzahl, Dahmkes cleverem Abschluss und Ekbergs verwandeltem Abpraller eine 16:14-Führung, die allerdings nicht bis zum Halbzeitpfiff hielt: Svan verkürzte, und Vujin scheiterte mit der letzten Aktion am Pfosten.

Kühler Kopf und heiße Herzen

Kampfgeist und Wille pur: Patrick Wiencek

Die zweite Halbzeit begannen die Kieler, die nun auf Christian Zeitz auch im Angriff setzten, spektakulär: Nilssons Schlagwurf eröffnete 30 Minuten, in denen jeder Schwarz-Weiße bis an die Belastungsgrenze - und darüber hinaus - gehen sollte. Auch Routinier Zeitz, vor kurzem 37 Jahre alt geworden: Der erfahrenste Derby-Spieler jagte seinen "Hammer" zum 18:16 ins Netz. Aber der THW konnte auch filigran: Dissinger bediente den am Kreis auftauchenden Ekberg zum 19:17, und nach Svans Ausgleich sah die THW-Nummer "15" Wiencek am Kreis, der gemeinsam mit Zeitz' Strich wieder eine Zwei-Tore-Führung herauswarf. Die "Zebras" bewahrten also auch dann einen kühlen Kopf, wenn die SG wieder am Drücker war. Oder trafen mit heißem Herzen - wie Ekberg, der aus dem Rückraum zum 22:20 "fackelte". Flensburg reagierte, brachte Möller für Andersson in den Kasten. Und das entfaltete Wirkung: Der Däne, der nächstes Jahr in Barcelona spielen wird, entschärfte eine THW-Doppelchance - und hielt die Gastgeber im Spiel.

THW mit den richtigen Antworten

Packte vier Mal den "Hammer" aus: Christian Zeitz

Die Flensburger glichen aus, doch der THW fand gegen die Abwehr der SG immer wieder Lösungen, ließen die Heimmannschaft nicht in Führung gehen. Und sie ließen sich auch durch Vujins Aus, der Linkshänder zog sich vermutlich einen Muskelfaser-Riss zu, nicht schocken: Dissinger traf aus zehn Metern zum 28:27, Nilsson bediente Wiencek am Kreis zum 29:28. Und hinten halfen bedingungsloser Kampf sowie Andreas Wolff in Gala-Form: Nachdem er seinen vierten Siebenmeter pariert hatte, traf der starke Zeitz mit einem erneuten "Hammer" zum 30:28. 

Derbysieger!

Leidenschaft: Rene Toft Hansen im Bruderduell mit Henrik

Dann krönte Dissinger seine Leistung mit den Rückraum-Geschossen zum 31:29 und 32:30 (58.) - völlig entkräftet musste der 26 Jahre alte Rückraumspieler danach auf die Bank. Als Wolff dann erneut einen freien Ball vom siebenfachen Torschützen Hampus Wanne hielt und Dahmke mit einem Hechtsprung den Abpraller sicherte, Wolff kurz darauf einen Gegenstoß von Wanne per Fußabwehr in die Zuschauerränge katapultierte und Sebastian Firnhaber einen Steal holte, war das Spiel entschieden: Wiencek machte mit einem Heber das 33:30 - der THW Kiel hatte die Höhle der SG gestürmt und zwei ganz wichtige Punkte im Kampf um die Achtelfinal-Qualifikation errungen. Ein Sieg, den völlig ausgepumpte Zebras trotzdem ausgelassen mit den rund 150 mitgereisten Fans feierten.

Samstag gegen Hüttenberg

Derbysieger!

Mit dem Spiel in Flensburg ist das Königsklassen-Jahr 2017 für den THW Kiel abgeschlossen. Weiter geht's im Februar mit den Heimspielen gegen Veszprem (7.2.18, 19:30 Uhr, jetzt Tickets sichern) und Kielce (24.2.18, 17:30 Uhr, jetzt Karte kaufen) sowie mit der Auswärtspartie am 18. Februar in Aalborg, zu der der THW Kiel eine organisierte Fan-Fahrt anbietet (mehr Informationen dazu gibt es in diesem Extra-Bericht). Ab sofort gilt die Konzentration der "Zebras" voll und ganz den kommenden Aufgaben in der DKB Handball-Bundesliga: Am Samstag empfangen sie um 20:30 Uhr den Aufsteiger TV Hüttenberg in der Sparkassen-Arena. Die Gäste werden von rund 200 Fans an die Förde begleitet. Anwurf für diese Partie ist um 20:30 Uhr, noch gibt es einige Karten für dieses Heimspiel. Weiter geht's, Kiel!

VELUX EHF Champions League, Statistik, 10. Spieltag, 29.11.17: SG Flensburg-Handewitt - THW Kiel: 30:33 (15:16)

SG Flensburg-Handewitt: Andersson (1.-40., 8/1 Paraden), Möller (40.-60., 6 Paraden); Karlsson, Glandorf (7), Mogensen (1), Svan (3), Wanne (7), Jeppsson (4), Steinhauser (1), Heinl (n.e.), Zachariassen (1), H. Toft Hansen (1), Lauge (2), Klein, Mahé (4/1); Trainer: Machulla

THW Kiel: Landin (1.-13., 2 Paraden), Wolff (13.-60., 18/4 Paraden); R. Toft Hansen (2), Firnhaber, Dissinger (7), Wiencek (5), Ekberg (4), Zeitz (4), Frend Öfors, Rahmel, Dahmke (3), Zarabec, Vujin (2), Nilsson (6); Trainer: Gislason

Schiedsrichter: Nenad Nikolic / Dusan Stojkovic (SRB)

Strafzeiten: SG: 1 (Mahe (27.)) / THW: 4 (2x Wiencek (19., 23.), Dahmke (28.), Dissinger (44.))

Rote Karte: Karlsson (grobes Foulspiel (16.))

Siebenmeter: SG: 5/1 (Wolff hält 2x Mahe (23., 55.), Lauge (27.), Jeppsson (44.)) / THW: 1/0 (Andersson hält Ekberg (7.))

Spielfilm: 0:3 (3.), 2:3 (4.), 2:4, 4:4 (6.), 4:5, 8:5 (11.), 10:7 (13.), 10:9 (14.), 11:10 (16.), 11:12 (21.), 13:12 (22.), 14:13 (24.), 14:16 (29.), 15:16;
15:17 (31.), 16:18, 17:19 (34.), 19:19 (37.), 19:21 (38.), 21:23 (41.), 23:23 (43.), 24:24, 24:26 (46.), 25:27 (48.), 27:27 (51.), 28:28, 28:30 (55.), 29:31 (57.), 30:32 (57.), 30:33 (59.).

Zuschauer: 6.300 (ausverkauft) (Flens-Arena, Flensburg)

Stimmen zum Spiel:

THW-Trainer Alfred Gislason: Ich bin sehr stolz auf die Jungs und natürlich sehr zufrieden mit der Leistung. Ich bin dankbar, dass meine Mannschaft angesichts unserer Personalprobleme diesen Charakter gezeigt und sehr schönen Handball gespielt hat. Lukas Nilsson war auf Rückraum Mitte torgefährlich, hat das Spiel aber auch abgeklärt super dirigiert. Christian Dissinger hat bisher kaum gespielt und zieht fast 60 Minuten durch, Christian Zeitz hat in der zweiten Hälfte auch im Angriff gespielt und uns sehr geholfen. Andi Wolff hat eine fantastische Leistung gebracht, nachdem Niklas Landin von selbst rausgegangen ist. Das zeigt, wie gut die beiden zusammenarbeiten. Und dann macht Andi ein phänomenales Spiel... Dieser Sieg ist natürlich eine Erleichterung in einer Phase, in der wir nicht so beständig gespielt haben. Allerdings hat Marko Vujin sich vermutlich eine Zerrung im Oberschenkel zugezogen und wird am Samstag zum ersten Mal überhaupt ein THW-Spiel verpassen. Aber irgendwie passt auch das in die Saison.

SG-Trainer Maik Machulla: Ich bin nicht unzufrieden mit unserer Vorstellung und kann meiner Mannschaft kaum einen Vorwurf machen. Sie hat alles probiert, um dieses Spiel zu gewinnen. Kiel hatte im Tor ein Plus, Wolff hat überragend gehalten. Die Rote Karte war zu hart, aber so ist Sport.

SG-Rückraumspieler Holger Glandorf: Wir haben einfach zu viele Chancen liegen gelassen, das war die einzige Ursache für die Niederlage. Natürlich wiegt es schwer, wenn der Kapitän und Abwehrchef ausfällt, aber so etwas müssen wir verkraften. Heute hat Wolff gut gehalten, in zehn Tagen sehen wir uns hier wieder.

THW-Kreisläufer Patrick Wiencek: Derbys sind geil zu spielen, und es ist umso schöner, diese zu gewinnen. Wir sind hier ohne unseren bisher erfolgreichsten Rückraumspieler hingefahren, Christian Dissinger hat das dann heute überragend gemacht. Gegen Ende waren wir alle ziemlich müde, weil wir soviel in dieses Spiel investiert haben. Es gibt nicht viele Teams, die in Flensburg bestehen können - dieser Sieg gibt uns Rückenwind.

Fernseh-Experte Heiner Brand bei Sky: Hochachtung vor dieser Leistung des THW Kiel!

THW-Torhüter Andreas Wolff: Ich bin sehr froh, dass wir den Kampf derart angenommen haben - so wie es uns Alfred Gislason eingetrichtert hat. Wir haben ein tolles Spiel gemacht, und ich bin froh, dass ich der Mannschaft helfen konnte. Niklas Landin kam zu mir, nachdem er ein paar freie Würfe und Gegenstöße kassiert hat, und hat sich selbst ausgewechselt. Ich bin froh, dass das so gut funktioniert hat - ich bin gerade einfach glücklich über den Derbysieg!

 

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