KN: Lebenszeichen am Balaton

Champions League
Montag, 09.10.2017 // 14:28 Uhr

Veszprém. Über weite Strecken überzeugt, phasenweise begeistert, gekämpft wie die Löwen, am Ende mit leeren Händen auf dem Heimweg: Der THW Kiel hat in der Handball-Champions-League nach dem souveränen Auftritt in der Bundesliga in Erlangen das nächste Lebenszeichen an die Konkurrenz ausgesandt. Beim 24:26 (15:12, siehe auch Spielbericht auf der Homepage) beim ungarischen Meister Telekom Veszprém brachten sich die Zebras am Ende doch wieder einmal selbst um Zählbares.

Wer soll das Vakuum bei den Zebras füllen?

Trist und grau liegen Schwaden über dem Balaton. Ein perfektes Setting für einen Handballnachmittag noir. Doch dann geht es in der Veszprém Arena mit ihren 5000 frenetischen Fans ganz anders los. Der rote Ultra-Block sorgt von Beginn an für Hexenkessel-Atmosphäre. Auf dem Feld drehen die Kieler ihren eigenen Actionfilm mit schnellen Schnitten. Oder ist das gar der falsche Film? Der THW tritt auf wie ausgewechselt, und das nicht nur, weil Lukas Nilsson, Emil Frend Öfors und Andreas Wolff (für den an der Ferse verletzten Niklas Landin) das Vertrauen ihres Trainers Alfred Gislason genießen. Der umstrittene Keeper spielt sich schnell in einen Rausch, entschärft zweimal Andreas Nilsson (7./9.), zweimal Mate Lekai (9.), Cristian Ugalde (14.), schreibt so jede Menge Selbstvertrauen von ganz hinten ins Drehbuch.

Selbstvertrauen, das Wolffs Vorderleute gegen das ungarische Top-Team, das ohne den formschwachen William Accambray antritt, anstachelt. Steffen Weinhold zum Beispiel, bester Akteur auf dem Feld, der mit Schlagwürfen, permanentem Druck auf die gegnerische Deckung und überragenden Eins-gegen-Eins-Aktionen glänzt. Miha Zarabec wählt oft den richtigen Weg, die Kurve von Lukas Nilsson und Nikola Bilyk zeigt auch steil nach oben. Das Umschaltspiel funktioniert, die Deckung mit Patrick Wiencek und Christian Dissinger innen steht. Wären da nicht diese "schwarzen Minuten" (Zarabec). Minuten zwischen dem 10:6 (16.) und 10:10 (24.), als die Partie zum ersten Mal zu kippen droht, Ugaldes Störmanöver Zarabec aus der Ruhe bringen (20.), Nilsson (18.) und Marko Vujin (19.) ungestüm in den Gegner gehen und Stürmerfouls kassieren, Bilyk schlicht am Tor vorbei wirft (22.). Dieses Spiel ist ein defensiver Mega-Fight, der nicht nur Wienceks Arbeitskleidung gegen das Abwehrbollwerk mit Laszlo Nagy und Timuzsin Schuch auf eine harte Probe stellt.

Zur Pause führen energische Kieler mit 15:12, beweisen mit jeder Aktion: Das Ende dieses Films ist völlig offen. "Wir können wirklich viele positive Dinge aus diesem Spiel mitnehmen, nur keine zwei Punkte", sagt Alfred Gislason. Die negativen entscheiden. Schwarze Schwaden nach der Pause bis zum 15:15 (33.). Taktik-Tüftler Ljubomir Vranjes hat an den richtigen Telekom-Schrauben gedreht, stellt seine Abwehr mit nun Blaz Blagotinsek an der Seite von Chef Nagy noch aggressiver, beweglicher, giftiger. Zwar bindet Zarabec die Abwehrspieler, schafft Räume. Einzig, seine Mitspieler nutzen sie nicht. Der Druck aus dem (linken) Rückraum ist verpufft, die Außen treffen nicht, immer mehr Würfe enden bei Roland Mikler. Weil Niklas Landin an Wolffs Leistung anknüpft, bleibt es eng. Obwohl Rune Dahmkes weiter Querpass in Richtung Ekberg auf der Tribüne landet (37.) und auch sonst so manches Missgeschick passiert, die Schiedsrichter zudem ihre Linie verlassen. Und den THW Kiel das nötige Glück: Steffen Weinhold wird gefoult, doch der Pfiff bleibt aus (58.), Nagys Ball landet abgefälscht zum 25:23 im Netz (58.), auf der Gegenseite wirft Ekberg per Siebenmeter am Tor vorbei (59.). Das war's - Abspann!

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 09.10.2017, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

Neue News

Mehr zum Thema

Skopje. Gewonnen – und doch gescheitert. Der THW Kiel hat im Viertelfinal-Rückspiel der Handball-Champions-League nach aufopferungsvollem Kampf beim Titelverteidiger Vardar Skopje mit 28:27 (13:13, siehe Spielbericht) gewonnen und ist nach dem 28:29 aus dem Hinspiel aufgrund der weniger geworfenen Auswärtstore dennoch ausgeschieden. Am Ende eines turbulenten, vom tschechischen...

30.04.2018

120 Minuten gekämpft, 120 Minuten alles gegeben, 120 Minuten dem Titelverteidiger alles abverlangt, 120 Minuten mit heißem Herz gespielt - am Ende aber reichte es für die dezimierte Zebraherde nicht zum ganz großen Wurf. Im Hexenkessel des HC Vardar in Skopje ließ sich der THW Kiel nicht von der unglaublichen Kulisse beeindrucken, kämpfte sich immer wieder zurück in die Partie und hatte trotz...

29.04.2018

Alles oder nichts, Teil zwei: Am Sonntag fällt im Viertelfinale der VELUX EHF Champions League die Entscheidung, wer das Finalturnier Ende Mai in Köln erreicht. Der THW Kiel reist dabei nach der unglücklichen 28:29-Niederlage im Hinspiel als Außenseiter zum bärenstarken Titelverteidiger HC Vardar. 5.500 heißblütige Fans werden im seit Wochen ausverkauften Hexenkessel "Jane Sandanski" für eine...

27.04.2018

Kiel/Skopje. Er stellt die beste Abwehr Europas, ist in seiner heimischen Arena Jane Sandanski in dieser Saison unbesiegt, ist Titelverteidiger in der Handball-Champions-League und will seine Trophäe am liebsten ein weiteres Jahr behalten. Der mazedonische Über-Klub Vardar Skopje ist die wolkenkratzerhohe Hürde, die der THW Kiel am kommenden Sonntag (17 Uhr) überspringen, das 28:29 aus dem...

27.04.2018

Kiel. Der Weg für den THW Kiel ins Halbfinale der Handball-Champions-League ist ein steiniger. Am Sonntagabend unterlagen die Zebras im Viertelfinal-Hinspiel Vardar Skopje mit 28:29 (12:14, siehe THW-Spielbericht) und gaben dabei eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel am kommenden Sonntag (17 Uhr) in den letzten zehn Spielminuten aus der Hand, stehen nun vor dem Aus in der Königsklasse. "In...

23.04.2018

Für die "Zebras" ist der Weg nach Köln noch steiniger als zuvor geworden: Am Sonntagabend verlor der THW Kiel das Hinspiel im Viertelfinale der VELUX EHF Champions League gegen den HC Vardar unglücklich mit 28:29 (12:14). In einem von beiden Seiten hart und mit viel Leidenschaft geführten K.o.-Match verpassten es die Kieler, sich für ihren couragierten Auftritt und die Leistungssteigerung im...

22.04.2018

Kiel/Skopje. In Kiel habe man, sagt Joan Cañellas, "nur selten Spaß". Er muss es wissen. Der frisch gebackene spanische Europameister war von 2014 bis 2016 ein Zebra, spielt jetzt für den Top-Klub Vardar Skopje. Am Sonntag (17 Uhr, Sparkassen-Arena, siehe Vorbericht) empfängt der THW Kiel im Viertelfinal-Hinspiel der Handball-Champions-League den mazedonischen Titelverteidiger. Spaß haben sollen...

21.04.2018

Für den THW Kiel geht es in den beiden Viertelfinal-Partien gegen den HC Vardar um den Traum vom "VELUX EHF Final4" in Köln. Die Vorschluss-Runde vor Köln ist ein Fest für alle Fans in Schwarz-Weiß: Deshalb gibt es vom morgigen Hinspiel-Sonntag bis einschließlich dem Rückspiel-Sonntag, 29. April, eine besondere Trikot-Aktion in der Arena und im Online-Fanshop unter www.thw-fanshop.de!

21.04.2018