Ein Sieg mit viel Leidenschaft: THW startet 2018 mit 22:20 gegen Veszprem

Champions League
Mittwoch, 07.02.2018 // 17:19 Uhr

Der THW Kiel hat das Jahr 2018 mit einem tollen Sieg begonnen: Gegen den ungarischen Titelfavoriten Telekom Veszprem erkämpften sich die "Zebras" nach einem leidenschaftlichen Auftritt vor 9.500 begeisterten Fans im Hexenkessel Sparkassen-Arena einen 22:20 (14:9)-Erfolg. Die ersatzgeschwächte "Zebraherde" sicherte sich nach der unglücklichen 24:26-Hinspiel-Niederlage durch den Erfolg am Mittwoch zwei ganz wichtige Punkte - und den direkten Vergleich mit den Ungarn. Beste Torschützen der Kieler waren die beiden schwedischen EM-Silbermedaillengewinner Niclas Ekberg (7/1) und Lukas Nilsson (7). Den Grundstein zum Sieg legten die Schwarz-Weißen aber vor allem mit einer fantastischen Leistung in der Abwehr, hinter der beide Torhüter ebenfalls ein starkes Spiel ablieferten.

Drei Verletzte und ein Rückkehrer

Sieben Treffer mit Wucht: Lukas Nilsson

Für THW-Trainer Alfred Gislason begann auch das Spieljahr 2018 mit einem Puzzle: Domagoj Duvnjak, Rene Toft Hansen und Christian Dissinger fielen verletzt aus, die ebenfalls angeschlagenen Nikola Bilyk und Lukas Nilsson signalisierten ihrem Coach hingegen, spielen zu können. Zudem rückte Raul Santos erstmals seit dem 29. April 2017 in den Kader: Der 25-jährige Linksaußen feierte damit mehr als acht Monate nach seiner schweren Knie-Operation, bei der ein Teil des Außenmeniskus' entfernt und ein Knorpelschaden behoben worden war, die Rückehr auf die große Handballbühne. Sein Saison-Debüt auf der Bank der "Zebras" feierte Torhüter Tom Landgraf - ihn hatte Gislason als Back-up für Niklas Landin berufen, der quasi jede Minute mit der Geburt seines zweiten Kindes rechnen kann.

Mehr Verantwortung für alle

Acht Paraden bei neun Gegentoren in der ersten Hälfte: Niklas Landin

Viel Verantwortung von jedem - so hatte Steffen Weinhold vor der Partie die Marschroute zur Kompensation der fehlenden "Zebras" ausgegeben. Und so gingen die Kieler mit ganz viel Leidenschaft und einem Mittelblock aus Sebastian Firnhaber und Patrick Wiencek in die Begegnung. 2:35 Minuten benötigten die Schwarz-Weißen, um das erste Tor des Jahres 2018 zu erzielen: Der starke Niclas Ekberg verwandelte einen weiten Pass von Miha Zarabec zum 1:1, dem der Schwede nach einem Firnhaber-Steal das 2:1 folgen ließ. Aber die Kieler machten auch Fehler, scheiterten allein vier Mal in den ersten 30 Minuten am Holz. So blieben die Gäste in der Partie, in Unterzahl glich Ilic zum 4:4 aus (10.). Doch dieser THW hatte sich einiges vorgenommen, konterte mit Weinhold und dem ebenfalls guten Lukas Nilsson zur ersten Zwei-Tore-Führung - in diesem Spiel war richtig Dampf drin. Das lag auch an der großzügigen Regelauslegung der slowakischen Schiedsrichter, die viel laufen ließen. Marguc glich erneut aus: 6:6 nach 18 Minuten.

Jeder springt für jeden in die Bresche

Patrick Wiencek war einmal mehr Ausdruck der Kieler Abwehr-Leidenschaft

Doch die Kieler ließen sich davon nicht schocken, ackerten sich in Unterzahl zum 8:7 durch Bilyk, ehe Landin mit einer Parade gegen den freien Nenadic das 9:7 durch den hefttig umklammerten Weinhold ermöglichte. Als dann Rune Dahmke mit einem artistischen Gegenstoß das 10:7 erzielte, riss es die Fans erstmals von den Sitzen. Auszeit Veszprem - doch die Zebras blieben am Drücker. Weil Firnhaber in der Abwehr neben dem erneut überragenden Wiencek eine klasse Partie ablieferte, weil jedes THW-Spieler seinem Nebenmann half, und weil vorn nun auch Lösungen gefunden wurde. Nach Manaskovs Anschluss schraubte Ekberg mit einem Doppelpack das Zwischenresultat auf 12:8, und nach Marguc' Tor zum 9:12 blieben die "Zebras" drei Minuten lang ohne Gegentor. Nilsson jagte den Ball zum 13:9 ins Netz, Veszprem wollte die Uhr runterspielen und spät treffen. Doch Landin vereitelte diesen Plan, und Nilsson tankte sich mit dem Halbzeitpfiff und seinem fünften Treffer zum 14:9 durch - krönender Abschluss einer ganz starken ersten Hälfte des THW Kiel.

Doppelte Unterzahl unbeschadet überstanden

Alles im Abwehr-Griff: Sebastian Firnhaber machte ein überragendes Spiel

Dass Veszprem aber nicht zu Unrecht als großer Titelkandidat in der VELUX EHF Champions League gehandelt wird, zeigten die Ungarn nach dem Seitenwechsel. Eiskal nutzten sie die Kieler Fehler zum 11:14 und hatten dann die große Chance, noch weiter heranzukommen: Erst hatte Weinhold eine Zeitstrafe kassiert, dann unterlief Marko Vujin ein Wechselfehler: 1:32 Minuten mussten die "Zebras" in doppelter Unterzahl überstehen. Und sie taten das - angfeuert von ihren frenetischen Fans - überragend: Landin hielt einen freien Wurf von Nenadic, Dahmke holte gegen den wild nach vorn stürmenden Tönnesen ein Stürmerfoul, nach Bilyks gehaltenem Wurf sicherte sich Zarabec den Abpraller weit hinter der Mittellinie: Die THW-Fans standen Kopf - erst Recht, als Zarabec mit ganz viel Wucht zum 15:11 abschloss. Der Kieler Mittelmann wurde zum Protagonisten der nächsten Minuten, in denen Veszprem immer dichter heran kam. Weil der THW Fehler machte, Ekberg mit einem Siebenmeter am stärker werdenden Mikler scheiterte und Lekai einen 3:0-Lauf zum 14:15 abschloss (39.). Mit zwei sicher verwandelten Siebenmetern hielt Zarabec seine Kieler halbwegs in der Spur - doch die Kräfte ließen spürbar nach.

Mit Mann, Maus und Wolff verteidigt

Wichtige Treffer: Miha Zarabec

Gislason reagierte und brachte Andreas Wolff - eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte. Zunächst aber jagte Nilsson einen Zehn-Meter-Strich zum 18:16 in die Maschen, doch weiter absetzen konnten sich die wankenden Zebras nicht. Auf der anderen Seite verpassten es die Ungarn aber, zum Ausgleich zu kommen. Wolff hielt gegen Tönnesen, Ekberg veredelte den eigenen Steal mit dem 20:18, drehte kurz darauf nach einem von Christian Zeitz stiebitzten Ball aber am Tor vorbei. Mit einer Doppelparade innerhalb weniger Sekunden gegen Momir Ilic leitete Wolff den Schluss-Spurt der Zebras ein, Gislason nahm eine Auszeit. Nilsson sah bei angedrohtem Zeitspiel den an den Kreis eingelaufenen Ekberg: 21:18 (53.)! Doch weil Nilsson Pech mit einem Wurf an die Lattenunterkante hatte und die Zebras in Überzahl Fehler machten, wurde es noch einmal richtig spannend: Fünf Minuten blieben sie ohne Treffer, kassierten in dieser Phase aber auch nur das 20:21 durch Andreas Nilsson, weil Wolff Nagys Gegenstoß und Nenadic' freien  Ball kassierte. 90 Sekunden vor Schluss verwandelte Zarabec einen Siebenmter zum 22:20 - und die folgenden anderthalb Minuten sollten zum Sinnbild des Spiels werden: Mit Mann und Maus - und natürlich dem Wolff - verteidigten die "Zebras" leidenschaftlich den Vorsprung - und ließen sich nach 60 intensiven Minuten von ihren Fans feiern.

Zwei Heimspiele stehen an: Göppingen und Flensburg

Leidenschaft und sieben Tore: Niclas Ekberg

Durch den Erfolg schlossen die Kieler mit nunmehr 13 Punkten auf Telekom Veszprem auf. Mit acht Punkten Vorsprung auf Platz sieben kann der THW Kiel bei einem Punktverlust von Celje im Heimspiel gegen Paris bereits die Achtelfinal-Qualifikation feiern und sich auf eine optimale Platzierung für die K.o.-Runde konzentrieren. Als nächstes steht für die Zebras aber der Neu-Beginn in der DKB Handball-Bundesliga auf dem Plan: Am Sonntag müssen sie beim Aufsteiger TV Hüttenberg bestehen. Anwurf in der Sporthalle Gießen-Ost ist um 12:30 Uhr, Sky Sport überträgt live. Vier Tage später ist der THW Kiel wieder zurück in heimischen Gefilden: Am Donnerstag empfangen die SChwarz-Weißen die HSG Wetzlar zum Duell, gegen die die Kieler in der Hinserie klar verloren hatten. Anwurf zur "Revanche"-Partie ist um 19 Uhr, für diese spannende Liga-Begegnung gibt es noch Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen und im THW-Online-Ticketshop. Weiter geht's, Kiel!

Statistik: VELUX EHF Champions League, 11. Spieltag: THW Kiel - Telekom Veszprem: 22:20 (14:9)

THW Kiel: Landin (1.-40., 8/1 Paraden), Landgraf, Wolff (41.-60., 7 Paraden); Firnhaber, Weinhold (2), Wiencek, Ekberg (7/1), Zeitz, Frend Öfors (n.e.), Rahmel (n.e.), Dahmke (1), Zarabec (4/3), Vujin, Bilyk (1), Nilsson (7), Santos (n.e.); Trainer: Gislason

Telekom Veszprem: Mikler (1.-60., 14/1 Paraden), Alilovic (n.e.); Manaskov (4), Schuch, Ilic (5), Tönnesen (2), Gajic, Nilsson (1), Nagy (1), Ugalde, Marguc (4/3), Terzic, Blagotinsek, Nenadic (2), Jamali, Lekai (1); Trainer: Vranjes

Schiedsrichter: Peter Brunovsky / Vladimir Canda (SVK)
Zeitstrafen: THW: 4 (Firnhaber (20.), Weinhold (33.), Vujin (33.), Bilyk (47.)) / Veszprem: 4 (Terzic (9.), Blagotinsek (25.), Schuch (38.), Manaskov (55.))
Siebenmeter: THW: 6/4 (Ekberg an den Pfosten (16.), Mikler hält Ekberg (38.)) / Veszprem: 4/3 (Landin hält Ilic (8.))
Spielfilm: 0:1, 2:1 (4.), 3:2 (5.), 4:3, 4:4 (10.), 6:4 (12.), 6:5 (16.), 6:6 (18.), 7:7, 10:7 (23.), 10:8, 12:8 (26.), 12:9 (27.), 14:9;
14:11 (33.), 15:11 (35.), 15:14 (39.), 16:15, 17:16 (42.), 19:18 (47.), 21:18 (53.), 21:20 (57.), 22:20 (59.).
Zuschauer: 9.500 (Sparkassen-Arena, Kiel)

Stimmen zum Spiel:

THW-Trainer Alfred Gislason: Ich freue mich riesig über den Erfolg. Wir hatten heute nur zwei Spieler für den Innenblock, Patrick Wiencek musste fast durchspielen, und der junge Sebastian Firnhaber hat eine sensationelle Leistung abgeliefert. Das war heute ein Abwehr-Sieg, zusammen mit einer guten Torwartleistung. Niklas hat in der ersten Hälfte sehr gut gehalten, und Andi war zuletzt immer besser, wenn er von der Bank kam. Heute wusste jeder: Entweder wir spielen richtig gut, oder wir verlieren. Das hatte meine Mannschaft verinnerlicht.

Veszprems Coach Ljubomir Vranjes: Wir haben eine schlechte erste Halbzeit gespielt - vor allem im Angriff. Dadurch haben wir Gegenstöße bekommen, die fast alle zum Tor führten. Das war zu hektisch. In der Abwehr waren wir hingegen zu nett, hatten kaum Kontakt. Und wenn wir ihn hatten, waren wir hinten dran. In der zweiten Halbzeit haben wir uns zurückgekämpft, dann aber zuviel verworfen. Wenn wir da cooler gespielt hätten, hätten wir gewonnen. So geht der Sieg für den THW in Ordnung.

Momir Ilic, Ex-Zebra von Telekom Veszprém: Wir haben beim Stand von 6:6 zuviele Fehler gemacht, das hat zu Gegenstößen geführt, die wir unbedingt vermeiden wollten. Dann haben wir im zweiten Durchgang vier Angriffe Zeit, um zum Unentschieden zu kommen - das haben wir nicht geschafft, weil wir nicht mit Kopf gespielt haben. Ich freue mich immer, nach Kiel zu kommen. Noch mehr gefreut hätte ich mich aber, wenn wir die zwei Punkte mitgenommen hätten.

THW-Toptorschütze Lukas Nilsson: Wir haben eine lange Pause gehabt, und ich hatte auch deswegen richtig Bock, Handball zu spielen. Es ist richtig schön, jetzt wieder in Kiel zu sein. Heute haben alle überragend gespielt, jeder ist für jeden in die Bresche gesprungen. Ein gutes Beispiel dafür ist unser "Abwehrchef" Sebastian Firnhaber gewesen - überragend, was er geliefert hat. Heute ist ein guter Tag.

THW-Torhüter Andreas Wolff: Mir hat gut gefallen, wie wir heute aufgetreten sind. Wir haben defensiv ein hervorragendes Spiel abgeliefert und vorne auch tolle Spielzüge gezeigt. Lukas Nilsson war von der Quelle der Inspiration genährt (er lacht), und ich denke, heute hatten auch die Fans ihren Spaß. Denn wir haben da weitergemacht, wo wir im Dezember aufgehört hatten: Wir haben eines der besten Saisonspiele abgeliefert. Wir haben auch in der Bundesliga noch Ziele, aber wir sollten jetzt alle auf dem Teppich bleiben und weiter konzentriert unsere Arbeit machen.