41:36 gegen Elverum: Torfestival zum Heimauftakt in der Königsklasse

Champions League
Mittwoch, 22.09.2021 // 20:23 Uhr

Der THW Kiel bleibt in der Erfolgsspur: Nach dem Zehn-Tore-Triumph im Nordderby gegen die SG Flensburg Handewitt hielten sich die Zebras auch in der EHF Champions League schadlos, gewannen nach dem Auswärtssieg in Brest auch die erste Heimpartie auf europäischer Ebene nach einem grandiosen Torefestival mit 41:36 (20:20) gegen Norwegens Meister Elverum Handball. Es war das erwartet schwere Stück Arbeit gegen den Außenseiter, der das Spiel lange Zeit offen hielt und seinen Teil dazu beitrug, dass die 4622 Zuschauer in der Wunderino Arena bis zum Schlusspfiff ein wahres Spektakel zu sehen bekamen. 77 Treffer in 60 Minuten - nichts für Defensiv-Enthusiasten, aber allemal großartige Unterhaltung am Mittwochabend!

Linkshänder erzielen insgesamt 20 Treffer

Bester Torschütze: Harald Reinkind

"Die Erwartungshaltung der Fans war nach dem großartigen Spiel gegen Flensburg hoch", sagte Kiels Torhüter Niklas Landin nach den 60 jederzeit erlebnisreichen und spannenden Minuten. „Wir haben lange Zeit vergeblich nach unserem Energiepunkt gesucht und den nicht gefunden. Erst in der zweiten Halbzeit wurde es besser." Beste Torschützen in Reihen der Kieler waren die Linkshänder im Rückraum: Der Norweger Harald Reinkind traf siebenmal gegen seine Landsleute, Steffen Weinhold war sechsmal erfolgreich, Rechtsaußen Sven Ehrig krönte seine couragierte Leistung mit fünf Toren. Stark trat auch Linksaußen Magnus Landin auf: Erst nach der Pause gekommen, erzielte er ebenfalls fünf Treffer. Für die Gäste war der Halbrechte Eric Johansson mit sieben Toren bester Schütze.

Blitzstart der Gäste

Vier Treffer: Patrick Wiencek

Die Zebras kamen drei Tage nach dem Derbysieg gegen den norwegischen Außenseiter nur langsam in Schwung. Trainer Filip Jicha hatte kleine Umstellungen im Kader vorgenommen, schickte Nikola Bilyk und Youngster Sven Ehrig von Beginn an aufs Parkett. Die junge norwegische Mannschaft - mit 23,66 Jahren jüngstes aller Königsklassen-Teams - ließ sich von dem großen Namen der Kieler überhaupt nicht beeindrucken, legte forsch los und führte nach drei Minuten mit 3:0 Toren. Ausgerechnet Kiels Norweger Harald Reinkind beendete die anfängliche THW-Torflaute mit dem 1:3, Pettersen antwortete postwendend zum 1:4, und als Kasper Lien einen Tempogegenstoß für die Gäste erfolgreich abschloss, lag Elverum mit 7:3 vorn, führte nach dem Treffer von Kreisläufer Solstad auch 8:4.

Kiel findet langsam ins Spiel

Pavel Horak erzielte den ersten Ausgleich für den THW Kiel

Erst jetzt fanden auch die Kieler ins Spiel - allen voran Steffen Weinhold, der sich auf bekannt robuste Art durch die Gästeabwehr kämpfte und wichtige Tore zum Anschluss erzielte. Kiels Linkshänder brachte es in den ersten 30 Minuten auf sechs Tore, avancierte zum gefährlichsten Angreifer. Für den ersten THW-Ausgleich zeichnete indes Abwehr-Ass Pavel Horak verantwortlich, der in der 15. Minute zum 11:11 vollendete. Steffen Weinhold erzielte Kiels erste Führung zum 12:11, die Tore fielen auf beiden Seiten wie reife Früchte von den Bäumen. Wer allerdings geglaubt hatte, das Spiel würde jetzt kippen, sah sich getäuscht. Elverum mischte weiter munter mit. 

40 Tore in Durchgang eins

Sven Ehrig erzielte wichtige Tore

Das 12:13 von Johansson drehte Weinhold aus dem Rückraum und mit einem energischen Wurf aus der eigene Hälfte ins leere norwegische Tor zur 14:13-Führung in der 20. Minute. Längst ließ Elverums Trainer Börge Liund, einst mit den Zebras erfolgreich, auch mit sieben Feldspielern agieren, wechselte munter durch und ließ seine junge Garde weiterhin komplett das Gaspedal durchdrücken. Gäste-Rechtsaußen Christopher Hedberg traf zweimal in Folge zum 17:15, und als Johansson in der 28. Minute zum 18:20 vollstreckte, schien die norwegische Halbzeitführung sicher. Sven Ehrig und Rune Dahmke nutzten ihre Chancen dann aber entschlossen, trafen zum verdienten 20:20-Halbzeitstand - ein Ergebnis, das in nicht gerade wenigen Spielen nach 60 Minuten zu Buche steht.

Torejagd geht weiter

Magnus Landin gehörte mit seinen Treffern zu den Sieggaranten

Kurzes Verschnaufen in den Kabinen, dann ging die wilde Fahrt direkt weiter. Denn der Torewirbel ging nach der Pause in seine Verlängerung, verzückte Zuschauer, die das Offensivspiel lieben, ärgerte jene, die die Defensivarbeit favorisieren. Zwar packte die THW-Hinterreihe, in der jetzt Niklas Landin im Tor "Geburtstagskind" Dario Quenstedt ablöste, deutlich fester zu. Die quirligen und spielfreudigen Norwegen fanden indes weiter oft Lücken im Kieler Abwehrverband. Die entdeckten allerdings auch die Zebras in Elverums Defensive - vor allem mit dem Spiel über Außen: Magnus Landin eröffnete den Torreigen der zweiten Hälfte zum  21:20, Johansson glich in der 34. Minute beim 22:22 erneut aus, doch es sollte der letzte Gleichstand des Außenseiters bleiben. 

Denkwürdiges Offensiv-Spektakel

La Ola und viel Applaus von den Zebras für ihre lautstarken Fans

Harald Reinkind traf zum 26:24, Domagoj Duvnjak ernergisch zum 27:24 (38.). Dann wurde Niklas Landin gegen Rechtsaußen Hedberg zur Wand, hielt gegen Porkelsson und war Vorbereiter zum 28:24 durch Sven Ehrig, der den Ball in der 40. Minute ins leere Tor wuchtete. Die Vorentscheidung? Immer noch nicht: Peterssons 29:31 brachte Elverum in der 47. Minute wieder auf Schlagweite. Dann aber unterliefen den jungen Norwegern - erzwungen durch die nun mit schnellen Händen verteidigenden Kieler - Ballverluste, die Harald Reinkind, Patrick Wiencek und Magnus Landin mit einem Dreier-Lauf bestraften. 35:30  leuchtete in der 52. Minute auf der Anzeigetafel, beim 37:31 in der 55. Minute durch Magnus Landin legten die Kieler sechs Tore zwischen sich und die Gäste. Jetzt war sie gefallen, die Vorentscheidung, der Favorit hatte sich abgesetzt, die Kräfte des Außenseiters erlahmten, auch wenn dieser weiter aufs Tempo drückte. Als schließlich Niklas Landin die 41:36-Führung in den Schlusssekunden mit einer Doppelparade gegen Gröndahl und Porkelsson zementierte, erntete Kiels Schlussmann die lautstarke Huldigung der großartig mitgehenden Fans in einem denkwürdigen Torefestival.

Zwei schwere Auswärtsspiele in Folge

Nach der Partie verabschiedeten sich die Zebras erst einmal von ihren Fans, denn für die Kieler Handballer stehen nun zwei schwere Auswärtsspiele an: Bereits am Freitag reisen sie nach Nürnberg, wo am Samstagabend die Partie beim HC Erlangen um 20:30 Uhr (live bei Sky) angepfiffen wird. Fans des Rekordmeisters, die aus der Region kommen, können ihre Mannschaft noch live in der "Arena Nürnberger Versicherung" unterstützen: Es gibt im HCE-Online-Ticketshop noch Karten (3G) in allen Kategorien. Der HCE ist in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga bisher unbesiegt und zeigte seine ganze Klasse unter anderem beim 27:27-Remis in Flensburg. "Gegen Erlangen ist es immer schwer, zu punkten", weiß THW-Kapitän Patrick Wiencek, "sie werden uns alles abverlangen. Aber natürlich wollen wir aus Nürnberg die Punkte wieder mit nach Kiel nehmen!" Danach geht es für die Zebras nach Montpellier: Das dritte Gruppenphasen-Spiel in der EHF Champions League wird am Donnerstag, 30. September, um 20:45 Uhr angepfiffen. DAZN überträgt die Begegnung der beiden ehemaligen Champions-League-Sieger live im Onlinestream. Doch zunächst gilt alles Augenmerk dem HC Erlangen: Weiter geht's in Nürnberg, Kiel! 

EHF Champions League, 2. Spieltag: THW Kiel - Elverum Handball (NOR): 41:36 (20:20)

THW Kiel: N. Landin (31.-60., 7 Paraden), Quenstedt (1.-30., 4 Paraden); Ehrig (5), Duvnjak (4), Sagosen (1), Reinkind (7), M. Landin (5), Weinhold (6), Wiencek (4), Ekberg (2/2), Ciudad (n.e.), Dahmke (1), Zarabec, Horak (1). Bilyk (2), Pekeler (3); Trainer: Jicha
Elverum Handball: Insgard (17.-46., 7 Paraden), Fries (1.-17., 46.-60., 2 Paraden); Hedberg (5), Larsen, Moen Nilsen (1), Lien (3), Pettersen (5), Fingren, Gröndahl (3/2), Porkelsson (1), Langaas (1), Mathé (4), Johansson (7), Heldal, Solstad (6); Trainer: Lund

Schiedsrichter: Stevann Pichon / Laurent Reveret (FRA)
Zeitstrafen: THW: 1 (Pekeler (32.)) / Elverum: 4 (Lien (23.), Solstad (31.), 2x Fingren (50., 58.))
Siebenmeter: THW: 3/2 (Ekberg vorbei (51.)) / Elverum: 2/2
Spielfilm: 0:3 (3.), 1:4, 3:5 (7.), 3:7 (8.), 4:8, 6:8 (10.), 7:10, 9:11 (13.), 12:11 (16.), 12:13, 14:13 (20.), 14:15, 15:17 (26.), 18:20 (28.), 20:20;
21:20 (31.), 22:22 (33.), 24:22, 25:24 (37.), 28:24 (41.), 29:25, 29:27 (43.), 32:30 (48.), 35:30 (52.), 37:31 (54.), 37:34 (56.), 39:36 (57.), 41:36.
Zuschauer: 4622 (Wunderino Arena, Kiel)

Stimmen zum Spiel

THW-Trainer Filip Jicha: Ich bin nicht ganz so zufrieden wie Börge es zu sein scheint. Wir mussten gegen Ende wirklich alles hineinwerfen, um die zwei Punkte zu holen. Elverums "Young Guns" sind einfach weiter gelaufen, haben Spaß-Handball gespielt und unsere Defensive vor einige schwere Aufgaben gestellt. Wir haben auf diese Aufgaben leider nicht so geantwortet, wie ich es mir gewünscht hätte. So wurde es ein richtig hartes Match für uns. Der Job ist jetzt erledigt, aber wir müssen aus diesem Spiel lernen und uns weiter entwickeln. 

THW-Toptorschütze Harald Reinkind: Wir waren heute nicht fähig, uns in der Abwehr zu steigern. Wir haben einfach zuviele Gegentore zugelassen. Der Angriff war ok, aber die Abwehr war heute einfach nicht gut genug. Aber diese zwei Punkte heute sind genauso wichtig wie gegen jeden anderen Gegner in der Gruppenphase. Und wir haben sie geholt. 

Elverums Trainer Börge Lund: Es war ein gutes Spiel meiner jungen Mannschaft. Und es war eine völlig neue Erfahrung für meine Spieler, in dieser Handball-Kathedrale gegen den THW Kiel kämpfen zu dürfen. In der Offensive haben wir heute überzeugt, aber insgesamt haben wir zu viele Fehler gemacht. In der zweiten Halbzeit hatte unsere Defensive ordentlich zu tun, da haben wir Kiel zu sehr über die Außen spielen lassen. Aber dennoch sollten wir alle stolz auf unsere Vorstellung hier sein. Das heute war ein großer Schritt in die Richtung, wie wir uns in dieser Saison präsentieren wollen.

Elverums Tobias Gröndahl: Es war ein großes Spiel in einer außergewöhnlichen Atmosphäre. Wir haben gezeigt, dass wir jung und hungrig sind - das hatten wir uns für dieses Spiel auf dieser großen Bühne gegen eine der besten Mannschaften der Welt auch vorgenommen. Ich bin wirklich stolz auf unsere Jungs