Erste Saison-Niederlage: THW Kiel verliert deutlich in Montpellier

Champions League
Donnerstag, 30.09.2021 // 21:18 Uhr

Der THW Kiel hat im achten Pflichtspiel der neuen Saison seine erste Niederlage kassiert: Bei Montpellier HB waren die Zebras am späten Donnerstagabend gegen wie entfesselt aufspielende Gastgeber nahezu chancenlos und verloren auch in der Höhe verdient mit 30:37 (14:18). Bester Torschütze auf Seiten der Kieler war Niclas Ekberg, der alle seine neun Treffer von der Siebenmeter-Linie erzielte. Überragender Mann auf Seite der Franzosen war Kyllian Villeminot, der 8/1 Mal traf und mit viel Geschwindigkeit Lücken in die THW-Defensive riss. Folgerichtig wurde Villeminot zum "Spieler des Matches" gekürt. 

4000 Fans aus dem Häuschen

Durch die Niederlage rutschten die Kieler in der Tabelle der Gruppe A nach drei Spielen und mit jetzt 4:2 Punkten hinter Pick Szeged und Vadar Skopje (je 5:1 Zähler) auf Rang drei. 4000 Fans an der französischen Mittelmeerküste waren in der Arena Sud de France dagegen völlig aus dem Häuschen, bot ihr junges Team doch erstmals in dieser Spielzeit Handball vom Feinsten, hatte in der Abwehr Beton gegossen und in ihrem 36-jährigen Torhüter Marin Sego sowie Spielmacher Kyllian Villeminot die herausragenden Kräfte. Villeminot jubelte nach der Partie: "Wir haben heute wie aus einem Guss gespielt. Das macht Mut für die kommenden Aufgaben. Ein großartiger Tag für uns!" Der deutsche Meister fand weder im Angriff noch in der Abwehr zu den Leistungen, die ihn im bisherigen Saisonverlauf zur überragenden Mannschaft werden ließen. 

Klassischer Fehlstart der Zebras

Bester Kieler Torschütze: Niclas Ekberg

Montpellier HB, das aus den ersten beiden EHF Champions League-Spielen nur einen Zähler gefischt hatte, startete furios, legte durch Bos, Pellas, Walliniusund noch einmal Bos einen 4:0-Lauf hin und erwischte die Zebras auf dem falschen Fuß. Kiels Abwehr, in der Regel wichtiger Rückhalt des eigenen Systems, bekam keinen Zugriff auf die schnellen und trickreichen Angreifer der Gastgeber. Dann waren es zwei verwandelte Siebenmeter von Ekberg und das Tor von Linksaußen Rune Dahmke, die die Kieler beim 3:5 in der 8. Minute langsam in die Partie finden ließen. Wirklich Tuchfühlung bekamen die Zebras indes nie, liefen stets einer Zwei- bis Vier-Toreführung der Südfranzosen hinterher. Und der THW-Angriff? Sagosen, Zarabec, Duvnjak und Co. verzettelten sich häufig, hatten zudem Pech mit Holztreffern und verzweifelten vor allem am großartigen Sego, der insgesamt 13 Bälle parierte, zum Rückhalt seiner Abwehr avancierte.

Vier-Tore-Rückstand beim Seitenwechsel

Unterstützung von der Bank: Dario Quenstedt und Filip Jicha

Und es fehlte die Frische: In der Abwehr waren die Zebras häufig einen Schritt zu spät, vorne fehlte die mentale und auch körperliche Beweglichkeit. Als MHB-Kreisläufer Arthur Lenne in der 20. Minute zum 13:9 traf, zog THW-Coach Filip Jicha erstmals die Grüne Karte, nahm eine Auszeit, suchte nach Lösungen, um die Sperre in den Köpfen seiner Spieler zu überwinden. Doch die Worte des Tschechen blieben ohne Wirkung, Montpellier hielt Tempo und Beweglichkeit auf hohem Niveau, und weil auch das Kieler Torhüter-Duo mit Niklas Landin und Dario Quenstedt nicht zum Faktor für ihr Team werden konnten, ging es mit dem 14:18-Rückstand in die Pause.

Entfesselte Franzosen

Die Kieler Abwehr hatte nie Zugriff auf den temporeichen MHB-Angriff

Sieben THW-Fans hatten sich auf die lange Reise ans Mittelmeer gemacht, Freude hatten diese auch nicht an den zweiten 30 Minuten ihres Teams. Im Gegenteil. Montpellier blieb spielbestimmend, drückte der Partie weiterhin den Stempel auf und verzückte die eigenen Fans. Den ersten Fünf-Tore-Vorsprung markierte Rechtsaußen Julian Bos mit einem Doppelschlag in der 41. Minute zum 24:19.  Der THW mühte sich, verteidigte mal defensiv, mal offensiv. Gegen die mit zunehmender Spielzeit immer entfesselnder auftrumpfenden Franzosen gab's indes kein Erfolgsrezept. Auch, weil den Zebras immer dann, wenn sie dem Gegner auf die Pelle zu rücken drohten, Fehler unterliefen oder sie an Sego scheiterten: Seine Paraden gegen Magnus Landin und Ekberg waren die Grundlage für einen weiteren Vier-Tore-Lauf der Franzosen durch Hugo Descat und Villeminot mit jeweils zwei Treffern zum 32:24 - in der 48. Minute war diese Begegnung entschieden. Der Rest war Schaulaufen vor einem begeisterten Publikum, das ihre Helden und den ersten Heimsieg überhaupt über den THW Kiel enthusiastisch feierte.   

Heimspiel am Sonntag

Nach zuletzt zwei weiten und schweren Auswärtstouren haben die Zebras am Sonntag endlich mal wieder eine kurze Anreise: Zum Heimspiel in der Wunderino Arena erwarten sie dann GWD Minden. Das Duell zweier Traditionsmannschaften, die bereits vor gut 60 Jahren erstmals aufeinandertrafen, wird zur familienfreundlichen Zeit um 16 Uhr angepfiffen. Noch gibt es - zum Beispiel in der THW-FANWELT und online unter thw-tickets.de, Karten in nahezu allen Kategorien für dieses Spiel. Einlass (Voraussetzung: 3G) ist ab 14 Uhr, die THW-FANWELT öffnet bereits um 13 Uhr. Weiter geht's zu Hause, Kiel! 

Text: Reimer Plöhn / Fotos: MHB/PatriciaSports

EHF Champions League, 3. Spieltag: Montpellier HB - THW Kiel: 37:30 (18:14)

Montpellier HB: Sego (1.-60., 12/1 Paraden), Bolzinger (1 Siebenmeter, keine Parade), Bonnefoi (2 Siebenmeter, keine Parade); Berthier, Villeminot (8/1), Descat (6/1), Pellas (4), Bos (7), Bataille, Panic (3), A. Lenne (3), Moscariello, Y. Lenne (2), Wallinius (4), Nacinovic; Trainer: Canayer
THW Kiel: N. Landin (1.-17., 41.-60., 5 Paraden), Quenstedt (17.-41., 6 Paraden); Ehrig, Duvnjak (3), Sagosen (5), Reinkind (3), M. Landin (1), Weinhold (2), Wiencek (3), Ekberg (9/9), Dahmke (1), Zarabec, Horak. Bilyk (1), Pekeler (2); Trainer: Jicha

Schiedsrichter: Bogdan Nicolae Stark / Romeo Mihai Stefan (ROU)
Zeitstrafen: MHB: 2 (Bataille (13.), Wallinius (45.)) / THW: 3 (Dahmke (34.), Pekeler (46.), Bilyk (57.))
Siebenmeter: MHB: 1/1 / THW: 10/9 (Sego hält Ekberg (54.)) 
Spielfilm: 4:0 (4.), 5:1, 5:3 (8.), 7:3, 8:5 (13.), 10:7 (15.), 11:9 (18.), 13:9 (19.), 15:11 (23.), 17:13 (29.), 18:14;
19:14, 19:16 (34.), 22:19 (38.), 24:19 (40.), 26:21, 28:24 (46.), 32:24, 33:25, 33:27 (51.), 35:27, 35:29, 37:30.
Zuschauer: 6000 (Sud de France Arena, Montpellier (FRA))

Stimmen zum Spiel

THW-Trainer Filip Jicha: Glückwunsch an Montpellier zu einem fantastischen Spiel. Wir waren heute einfach nicht gut genug und müssen deshalb diese bittere Pille schlucken. Montpellier hatte vor der Partie ein paar Probleme, aber die Spieler haben gekämpft wie Hölle. Wir hingegen schienen ein wenig überrascht. Das ist enttäuschend, aber wir müssen ab morgen weiterarbeiten.  

MHB-Trainer Patrice Canayer: Ich bin sehr zufrieden mit unserer Leistung und dem Resultat. Wir haben eine sehr schwere Woche hinter uns, haben ein neu zusammengestelltes Team und viele Verletzungen. Deshalb bin ich heute sehr glücklich über dieses Spiel. Ich habe meinem Team in der Kabine gesagt, dass der kleine Unterschied zwischen Sieg und Niederlage in der Einstellung und der Körpersprache liegen kann. Dann haben wir beides auf dem Platz gezeigt. Meine Mannschaft hat großes Potenzial, es ist jetzt unsere Aufgabe, das beste aus dieser Mannschaft herauszuholen. Heute hat das gute funktioniert.

THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi: Ein sehr enttäuschender Abend für uns mit einem sehr enttäuschenden Ergebnis. Wir hatten uns natürlich viel, viel mehr vorgenommen. Aber wir sind überhaupt nicht gut ins Spiel gekommen, haben sofort mit 0:4 hinten gelegen. Wir haben dann sehr vieles versucht, verschiedene Abwehrformationen gestellt, haben aber nie die nötige Aggressivität in unser Spiel bekommen. Und jeder Fehler im Angriff wurde so dann doppelt bestraft. Insgesamt sind wir über die kompletten 60 Minuten nicht zu unserer Normalfom gekommen, was natürlich auch am Gegner lag, der ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht hat und teilweise über sich hinausgewachsen ist. Aber so ist Champions League, wir haben es heute nicht auf den Punkt hinbekommen, müssen das jetzt mitnehmen, etwas sacken lassen und unsere Lehren daraus ziehen. Jetzt gilt es, schnell die Konzentration wieder auf die Bundesliga zu richten. 

THW-Kapitän Niklas Landin: Glückwunsch an Montpellier. Wir waren zu keinem Zeitpunkt im Spiel. Das war definitv unser schlechtestes Spiel in dieser Saison. Wir nehmen jetzt den Flieger nach Hause, und morgen startet ein neuer Tag. Dann müssen wir wiederkommen. Denn das heute war nicht die Art, wie wir uns und unseren Verein repräsentieren wollen. Heute sind wir erst einmal sehr enttäuscht.

MHB-Toptorschütze Kyllian Villeminot: Wir wollten uns heute anders als zuletzt präsentieren. Wir standen heute als Mannschaft auf dem Feld, haben jeder für den anderen gespielt. Wir hatten einen guten Torhüter, standen gut in der Abwehr und haben im Angriff stark gespielt. Wir müssen so weitermachen, denn die Saison ist lang.