Pokal-Fight mit Unterbrechung: "So etwas noch nie erlebt"

DHB-Pokal
Mittwoch, 04.12.2019 // 16:29 Uhr

Drei Spiele in drei Städten in drei Wettbewerben innerhalb von sechs Tagen: Die Zebras des THW Kiel haben eine der vielen Hammer-Wochen der aktuellen Saison erfolgreich hinter sich gebracht. Beim HC Erlangen holten sie am Donnerstag zwei wichtige Auswärtspunkte in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga, gewannen dann Samstag zu Hause gegen Montpellier und verteidigten damit dei Tabellenführung in der VELUX EHF Champions League, um schließlich am Dienstag mit dem dramatischen wie denkwürdigen 35:34-Erfolg beim TVB Stuttgart zum 17. Mal die Teilnahme am "REWE Final4" im DHB-Pokal klarzumachen. Die letzten 60 von 180 harten, packenden Minuten in sechs Tagen hatten des dabei besonders in sich - und das nicht nur wegen des Geschehens auf dem Feld. 

Eine Sirene und deren Folgen

Vor der Halle warteten die Fans geduldig auf die Fortsetzung

Wer viel herumkommt in der Handball-Welt, der erlebt auch abseits von Toren und Abwehrformationen eine Menge. Bengalisches Feuer in der Arena von Skopje, verspätete Spielbeginne aufgrund von Mannschaftsbussen im Stau, Rückreisen mit Hindernissen. "Eine vollständige Evakuierung einer Halle habe ich aber noch nicht erlebt", sagt THW-Kreisläufer Hendrik Pekeler, der seine neunte Saison in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga bestreitet, es dabei auf 268 Spiele im Oberhaus brachte und auch mit der Nationalmannschaft in 101 Partien nahezu alle Teile der Welt bereits bereist hat. In der 37. Minute des Pokalspiels in der Stuttgarter Scharrena war mitten in Nikola Bilyks Jubellauf nach dessen Treffer zum 22:19 hinein eine schrille Sirene ertönt, nach der eine Computerstimme aufgrund eines "technischen Defekts" alle Besucher zum sofortigen Verlassen der Halle aufforderte. Unterbrechung des Spiels, kurze Konfusion bei den Zebras, ehe ihnen klar war, dass diese Aufforderung auch für alle auf dem Feld um den Einzug ins REWE Final4 kämpfenden Akteure galt. "Ich hatte das Gefühl, dass die Stuttgarter eher damit vertraut waren, was zu tun ist", erinnerte sich Pekeler an die ersten Sekunden nach dem Alarm, "schließlich gab es einen ähnlichen Vorfall ja bereits vor einigen Wochen beim Heimspiel gegen Lemgo."

Auslöser: Brandalarm im Kiosk

Warten auf eine Entscheidung: Magnus Landin und Patrick Wiencek

Das galt auch für einen Großteil der Zuschauer - darunter rund 100 Kieler Fans -, der sich zügig in Richtung der Ausgänge bewegte, dann bei frostigen Temperaturen vor der Scharrena, die im Bauch einer Kurve des Stuttgarter Fußballstadions untergebracht ist, ruhig auf das Eintreffen der Feuerwehr wartete. Schnell war der Grund für die Evakuierung der Arena ausgemacht: Der Bratwurstgrill im Kiosk der Arena hatte derart viel Rauch entwickelt, dass sich automatisch die Brandschutzklappen schlossen und der Alarm ausgelöst wurde. Auch die Spieler beider Mannschaften verließen zunächst die Halle und sollten im Innenraum des Fußballstadions auf die Fortsetzung des Spiels warten. Ihnen wurde noch gestattet, die Winterjacken aus der Kabine zu holen, um sich im Fall der Fälle mit durchgeschwitzten Trikots und in Shorts wenigstens ein wenig vor der Kälte schützen zu können. Doch auf das Grün des VfB Stuttgart mussten die Handballer nicht lange: Nach Absprache mit der Einsatzleitung wurde den Teams gestattet, im Presseraum (THW Kiel) und VIP-Raum (TVB Stuttgart) mit Fluchtmöglichkeit nach draußen auf den Fortgang der Dinge zu warten.

Schweickardt entschuldigt sich für Unterbrechung

Zurück auf (beinahe) Anfang: Steffen Weinhold macht sich auf den Weg in die Halle

"Es war nicht einfach, den Fokus zu behalten", sagte auch THW-Kreisläufer Patrick Wiencek. "Niemand wusste zunächst, wie und ob es weitergeht. Eine vollkommen ungewohnte Situation." Tatsächlich löste sich diese einigermaßen schnell wieder auf: Nachdem die Halle wieder freigegeben worden war, bekamen beide Mannschaften zehn Minuten Zeit für ein erneutes Aufwärmen, während die Zuschauer wieder auf ihre Plätze strömten. "Ich möchte mich für die Unterbrechung entschuldigen", erklärte TVB-Trainer und -Geschäftsführer Jürgen Schweickart nach der Partie, und ergänzte: "Das ist nun bereits zum zweiten Mal bei uns in dieser Halle vorgekommen. Auch bei anderen Veranstaltungen ist dies bereits vorgefallen. Bedauerlicherweise war kein Verantwortlicher der Stadt bei diesem wichtigen Spiel hier vor Ort. Das ist eine Sache, die so nie wieder passieren darf und enorm peinlich für uns als Verein ist."

Jicha: "Jungs haben sich Pause redlich verdient"

Unterstützung auch von der Bank: Die Zebras sind eine Einheit und fahren wieder nach Hamburg!

42 Minuten nach der Evakuierung wurde das Spiel wieder angepfiffen - und der THW Kiel legte sogleich los wie die Feuerwehr, zog von 22:19 auf 27:20 davon. "Anschließend waren wir vielleicht ein wenig zu heiß", blickte Pekeler zurück auf das, was dann geschah. Tor um Tor kamen die Gastgeber wieder heran, sodass es in der Schlussphase noch dramatisch wurde. Pekeler: "Wir haben weiter den schnellen Abschluss gesucht, wo wir vielleicht die Angriffe hätten länger und konsequenter ausspielen sollen. Und 34 Gegentore in Stuttgart sind natürlich viel zu viel." THW-Trainer Filip Jicha, der die Pause durch die Evakuierung ebenfalls als "ungewöhnliche Situation", beschrieb, war trotzdem nicht unzufrieden. "Wir haben angesichts der Sieben-Tore-Führung leider einen Gang herausgenommen und haben dann gleich drei schnelle Gegentore in 70 Sekunden kassiert. Das hat Unsicherheit in unser Spiel gebracht, war aber auch der einzige Fehler meiner Mannschaft. Die Jungs waren physisch komplett am Ende, aber was zählt: Wir sind in Hamburg dabei!" Und das, ergänzte Pekeler nach diesem denkwürdigen Abend, sei schließlich das Ziel der Zebras gewesen: "Jetzt sind wir richtig glücklich, wieder beim REWE Final4 dabei zu sein. Wir freuen uns jetzt schon riesig auf Hamburg." Zunächst aber freuten sich die Kieler Dauer-Handballer über zwei freie Tage, die Trainer Filip Jicha als Belohnung ausgelobt hatte. Jicha: "Die haben sich meine Jungs redlich verdient."