Kieler Nachrichten: Zu Hause in Islands Sagas

Weitere
Freitag, 25.07.2014 // 17:38 Uhr

Kiel. Alfred Gislason hat nicht viel Zeit. Knappe Begrüßung, eine Flasche Wasser auf den Tisch, dann kann es losgehen. Der THW-Trainer war ein paar Tage in Island, dann auf der Baustelle seines Hauses in Magdeburg; in Kiel geht es jetzt nach dem Urlaub wieder ins Training. Nebenbei hat der Isländer außerdem die Schirmherrschaft für den Literatursommer übernommen. Dabei wirkt der Mann viel weniger gehetzt als einfach effektiv.

THW-Feldspieler Aron Palmarsson hat er vor einiger Zeit mal ein Buch von Einar Karason in die Hand gedrückt. Die Barackentrilogie über das Leben im Arbeiterviertel von Reykjavik ist auch hierzulande Kult. "Karason ist relativ kurz, spannend und findet einen jüngeren Zugang zu Islands Geschichte und Geschichten", sagt Alfred Gislason, "und ich finde es wichtig, dass meine Spieler auch lesen." Bei ihm selbst liegen Bücher selten lange herum. Der THW-Trainer liest, wann immer es die Zeit hergibt. Das kann im Mannschaftsbus zum Auswärtsspiel sein oder in den zehn Minuten vor und nach dem Training. Das macht den Kopf frei, sagt er: "Die besten Ideen kommen, wenn man sich mit etwas vollkommen anderem beschäftigt." Also taucht er ab in Bücherwelten, die nichts mit Handball, Toren, Spielern und Titeln zu tun haben.

Lesen findet der 54-Jährige ganz allgemein wichtig. "Damit lassen sich viele Bildungslücken schließen", sagt er. Lakonisch, schalkhaft. Viele Worte macht er nicht, was Gislason sagt, kommt ganz direkt rüber. Ipad und Computer sind für ihn Zeitfresser, und dass das Lesen weniger wird, nicht mehr so selbstverständlich geschieht, findet er "eine erschreckende Entwicklung". "Lesen bedeutet Spracherhalt", sagt er, "ich sehe das doch an meinen drei Kindern: Da wird gesmst und abgekürzt. Das ist ein Gemisch aus Englisch, Isländisch und Deutsch. Da geht die Sprache rasant verloren."

Für den "Literatursommer 2014" in Schleswig-Holstein hat Alfred Gislason die Schirmherrschaft übernommen.

Meistens zieht es den studierten Historiker zu geschichtlichen Themen - Island, der Finanzcrash oder ganz tief in die Vergangenheit zu den Wikinger-Sagas, die im 13. Jahrhundert Islands Literatur begründet haben und der Sprache bis heute ihre Gestalt geben. Ihrer Entstehung und Geschichte forscht der Handballer nach. Dabei ist er damals als Nationalspieler eher zufällig beim Geschichtsstudium gelandet: "Ich hatte keine Ahnung, was ich studieren soll. Geschichte hatte meine Freundin und jetzige Frau belegt. Und das Fach erschien mir halbwegs mit dem Sport kompatibel. Ich dachte, den Stoff kann ich gut nachholen. Eigentlich bin ich also durch den Handball zur Geschichte gekommen."

Am liebsten liest er die Njals-Saga, die Geschichte einer Familienfehde, die mit einer üblen Brandstiftung endet. "Die erzählt von Island, wie es damals war", sagt Gislason, "und überhaupt vom Leben. Tragisch, abenteuerlich, spannend." Letztens hat er eine antiquarische Ausgabe der Saga-Edition von Halldor Laxness gekauft; sonst kann er mit dem Literaturnobelpreisträger und seiner weitschweifigen Prosa weniger anfangen. An der Ausgabe mag Gislason aber auch den griffigen Lederrücken: "Da spürt man das Handwerk." Irgendwie ist er auch ein Bibliophiler, der im Internet und Antiquariaten nach alten Schätzen stöbert. Ein E-Book würde er nie in die Hand nehmen: "Ich lese nur auf Papier. Ich brauche das Handfeste des Buchs. Und ich muss Dinge, die ich wichtig finde, unterstreichen können oder am Rand Anmerkungen machen."

Zwischendurch greift er auch mal zum Krimi, Arnaldur Indridasson oder so. Einar Karason, der so etwas ist wie ein moderner Saga-Erzähler, kennt er persönlich, auch Andri Snaer Magnason, der zum Literatursommer nach Kiel kommt. Man kommt schließlich aus einem 330000-Einwohner-Land. "Magnasons Traumland war ziemlich genial", sagt Gislason, "er hat die Krise in Island schon ein Jahr vor dem Finanzcrash gesehen und beschrieben." Den Film, den Magnason zum Buch gedreht hat, will er sich auf jeden Fall ansehen (18. August). Zur Eröffnung kommt er sowieso, und auch den Vortrag zu den Island-Sagas von Skandinavistik-Professor Klaus Böldl (1. August) findet er spannend. "Die Sagas sind Islands Geschichte", sagt er, "und für die, die sie gesammelt und erzählt haben, war das ein Beruf - wie heutzutage eine Mischung aus Nachrichtenmann und Entertainer."

Gibt es eigentlich Schnittpunkte zwischen seinem Sport und den Geschichtsbüchern? "Natürlich versuchen wir beim THW auch, Geschichte zu schreiben", schmunzelt der Trainer, "aber nein - das sind zwei unterschiedliche Spielfelder. Ich finde es einfach wichtig, dass man ein Gefühl für Werte bekommt, offen ist für andere Dinge. Sonst steckt man irgendwann in seiner Nische und kommt nicht mehr heraus."

(von Ruth Bender, aus den Kieler Nachrichten vom 25.07.2014)

 

Mehr zum Thema

Mit Beginn der Saison 2019/2020 ist das Ostsee Resort Damp (ORD) neuer Partner des deutschen Handball-Rekordmeisters THW Kiel. "Wir freuen uns, mit dem Ostsee Resort Damp einen klasse Partner an unserer Seite zu wissen. Regional verwurzelt, national und international eine starke Marke: Das trifft auf beide Partner zu und ist die Basis einer spannenden Zusammenarbeit, von der beide Seiten...

25.06.2019

Während im Hintergrund noch fleißig Blumenkränze geflochten wurden, eröffnete Moderator Gerhard Müller die Talk-Reihe zur Kieler Woche in der KN-Medienlounge am Olympiahafen in Schilksee mit einem besonders prominenten Gast: Er sprach mit Viktor Szilágyi, Sportlicher Leiter des THW Kiel, über die Zukunft der Zebras, blickte aber auch auf die vergangene Saison zurück. 

24.06.2019

Während der Kieler Woche ist Schilksee das sportliche Mekka der größten Segelveranstaltung der Welt. Während auf dem Wasser um Medaillen gekämpft wird, ist auch an Land eine Menge los. Einer der Hotspots im Olympiahafen ist in jedem Jahr die KN-Medienlounge. In dem 100 Quadratmeter großen Zelt der Kieler Nachrichten trifft man sich täglich von 10 bis 20 Uhr zum Schnacken, für Aktionen und...

21.06.2019

EHF-Pokal-Gewinner in eigener Arena, elfter DHB-Pokalsieg in Hamburg und in der Meisterschaft bis zuletzt für Spannung gesorgt: Der THW Kiel hat eine äußerst erfolgreiche Saison hinter sich. Mit mehr als 5000 Fans feierte der deutsche Rekordmeister und -pokalsieger auf dem Rathausplatz diese Spielzeit, die nun auch Schwarz auf Weiß mit einem interessanten Rückblick gewürdigt werden wird. Das 52...

20.06.2019

Nach dem letzen Saison-Spiel, der Feier auf dem Rathausplatz und den folgenden EM-Qualifikationsspielen mit den Nationalmannschaften konnten die Zebras endlich ihren wohlverdienten Urlaub antreten. Bereits am 15. Juli versammelt Trainer Filip Jicha die Mannschaft des THW Kiel wieder um sich - dann beginnt die Vorbereitung auf die neue Spielzeit.

19.06.2019

Marko Vujin konnte leider aus gesundheitlichen Gründen beim letzten Saisonspiel nicht in der Halle sein. Trotzdem verneigt sich Kiel vor der Nummer "41" und hofft darauf, Marko alsbald persönlich in der Sparkassen-Arena verabschieden zu können.

17.06.2019

22 Jahre lang hat Alfred Gislason (59) in der Bundesliga gearbeitet, zuletzt elf Jahre als Trainer des THW Kiel. Mit den Zebras gewann der Isländer 20 Titel. Am Sonntag stand er beim 30:26 gegen Hannover-Burgdorf zum letzten Mal in Kiel an der Seitenlinie. Bis ins neue Jahr will Gislason Pause machen, dann eine Nationalmannschaft übernehmen. Im Interview spricht er über den Abschied aus Kiel,...

14.06.2019

Er ist ein Vulkan im Tor: Wohl kaum ein Torwart spielt derart emotional wie Andreas Wolff. Nach drei Jahren im Trikot des THW Kiel verabschiedet sich Deutschlands Nationaltorwart Nummer eins in Richtung Polen, wo er zukünftig für Kielce auflaufen wird.

13.06.2019