Deutschland gewinnt Krimi gegen Russland

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Sonntag, 18.01.2015 // 18:49 Uhr

Die deutsche Mannschaft hat auch ihr zweites Gruppenspiel bei der 24. Handball-Weltmeisterschaft gewonnen. Zwei Tage nach dem 29:26-Erfolg gegen Polen gewann die DHB-Auswahl den Krimi gegen Russland trotz eines Vier-Tore-Rückstandes zur Pause noch mit 27:26 (9:13). Patrick Wiencek erzielte vier, Steffen Weinhold zwei Tore. Bester Torschütze war Uwe Gensheimer mit 9/4 Treffern. Weiter geht es für die deutsche Mannschaft am Dienstag gegen Dänemark (19 Uhr, live in sky). Im zweiten Spiel der Gruppe D besiegte Polen Argentinien mit 24:23, während Dänemark beim 38:18 gegen Saudi-Arabien den ersten Sieg feierte.

Wiencek und Weinhold von Beginn an

Bundestrainer Dagur Sigurdsson hatte vor dem Spiel vor der russischen Mannschaft gewarnt. "Sie spielt einen modernen Handball, wir werden genauso gut wie gegen Polen spielen müssen, wenn wir das Spiel gewinnen wollen." Der Bundestrainer setzte erneut auf Patrick Wiencek und Steffen Weinhold, die ersten Minuten gehörten jedoch der russischen Mannschaft: Vier Minuten dauerte es, bis Wiencek das erste deutsche Tor erzielen konnte. Doch die Russen blieben in der Folge vorn, auch nachdem Gensheimer in Überzahl zum 6:6 getroffen hatte. 

Vier Tore Rückstand zur Pause

Musste einiges einstecken: Steffen Weinhold.

Denn Dibirov schnappte sich einen Pass von Weinhold und markierte in Unterzahl das 8:6 für Russland, die erneut Dibirov nach einem Groetzki-Fehlwurf aus dem Rückraum sogar auf drei Treffer ausbauen konnte. Insgesamt blieb die DHB-Auswahl vor allem im Angriff blass, fand gegen die aggressive russische Deckung kaum ein Mittel. Weinhold und Wiencek wurden hart angegangen, mussten mehrfach behandelt werden. Dennoch erzielten die beiden Kieler vor dem Wechsel gemeinsam drei Treffer. Allerdings: Der DHB-Auswahl fehlte komplett der Rhythmus. Die Folge: Zhitnikov baute die Führung in Überzahl auf vier Treffer aus – mit einem 9:13-Rückstand ging die DHB-Auswahl in die Pause.

Ausgleich nach vier Minuten

Die zweite Hälfte begann vielversprechend: Wiencek versenkte gleich den ersten Angriff zum 10:13 im Netz, für das an ihm begangene Foul erhielt Gorbok eine Zwei-Minuten-Strafe. Patrick Groetzki  verkürzte im Gegenstoß auf 11:13. Kurz darauf bediente Paul Drux Wiencek – die deutsche Mannschaft war nach 34 Minuten beim 13:14 wieder dran. Weil Heinevetter nun auch ins Spiel kam, gelang nach 34:22 Minuten sogar der Ausgleich: Groetzki versenkte den Gegenstoß, Russland nahm eine frühe Auszeit.

"Jetzt geht’s los!"

Die war von Erfolg gekrönt, gingen die Russen doch wieder mit zwei Toren in Führung. Dann bot sich den deutschen 90 Sekunden lang in doppelter Überzahl die Möglichkeit zum Ausgleich, doch nach Gensheimers Siebenmeter machte Kneer im Angriff zu viele Schritte. Allerdings: Hinten passte Weinhold auf, der Gensheimer zum Ausgleich auf die Reise schickte (40.). Als Weinhold dann Dibirov sofort wieder den Ball klaute, ging Deutschland durch Kneer nach 41 Minuten erstmals in Führung. Die rund 500 deutschen Fans skandierten "Jetzt geht’s los!"

Vorteil für DHB-Auswahl

Doch die Russen glichen wieder aus. Kurz nach seiner Einwechslung zeigte Lichtlein bei einer Parade gegen den freien Kreisläufer seine ganze Klasse,  im Gegenzug verwandelte Gensheimer zur erneuten Zwei-Tore-Führung (45.), die Groetzki mit einem tollen Heber sogar auf drei Treffer ausbauen konnte. Die hielt trotz Unterzahl, weil Kraus mit einem Knickwurf zum 25:22 traf – doch es wurde prekär: Nach Strobel musste auch Weinhold für zwei Minuten auf die Bank, 56 Sekunden spielten die Deutschen nun in Unterzahl. 

Statistik: WM 2015, 2. Gruppenspiel: Deutschland – Russland (9:13), 18.01.2015

Deutschland: Heinevetter, Lichtlein; Kneer (1), Gensheimer (9/4), Sellin (n.e.), Wiencek (4), Pekeler, Groetzki (6), Weinhold (2), Strobel (1), Schmidt, Kraus (2), Müller, Schöngarth, Böhm, Drux (2) 

Russland: Levshin, Grams; Pyshkin, Shishkarev (1), Kovalev (3/1), Evdokimov, Skopintsev, Atman (4), Gorbok (2), Kudinov, Chipurin (3), Dibirov (5), Dereven, Igropulo (6/3), Aslanyan, Zhitnikov (2)

Schiedsrichter: Kliko/Johansson

Siebenmeter: Deutschland: 4/4; Russland: 5/4 (Heinevetter hält Kovalev (2.))

Zeitstrafen: Deutschland: 7 (Wiencek (23.), Müller (27.), 2x Weinhold (35., 51.), Schmidt (41.), Strobel (50.), Kraus (60.)); Russland: 8 (Igropulo (7.), 2x Evdokimov (14., 17.), Pyshkin (25.), 2x Gorbok (31., 39.), Chipurin (38.), Dibirov (45.))

Zuschauer: ca. 1.200  (Lusail Multiporpose Arena, Doha (QAT))

Spielfilm: 1. HZ: 0:1, 1:3, 3:3 (10.), 3:5 (13.), 6:6 (16.), 6:8 (18.), 7:10, 8:12 (28.), 9:13. 

2. HZ: 11:13, 13:14 (34.),  14:14 (35.), 15:17 (38.), 17:17 (40.), 17:19 (41.), 19:19 (43.), 21:19 (45.), 24:21 (49.), 25:22, 25:24 (54.), 26:24 (56.), 27:26 (58.).

Dramatische Schlussphase

Die entscheidende Sekunde: Nach Atmans Fehlpass jubelt die DHB-Auswahl.

Gut, dass Lichtlein den freien Ball von Kovalev entschärfte – die DHB-Auswahl überstand diese Phase ohne Gegentreffer. Allerdings: Tibirov drehte den Ball wenig später zum 24:25 ins Netz – es blieb spannend, auch wenn Gensheimer einen Traum-Dreher versenkte. Doch nun machten die deutschen Spieler Fehler im Angriff - Russland verkürzte auf 26:27 - da waren noch 40 Sekunden zu spielen, die DHB-Auswahl hatte den Ball. Ein Stürmerfoul von Drux und eine Zwei-Minuten-Strafe für Kraus, der den Ball nach dem Pfiff nicht liegen ließ, sorgten erneut für Aufregung. Als Atman den Pass jedoch weit ins Aus spielte, kannte die Freude keine Grenzen mehr. Zweites Spiel, zweiter Sieg! "Wir haben einen großen Zusammenhalt in der Mannschaft, das hat man heute gesehen", sagte Carsten Lichtlein nach dem Spiel. "Der Erfolg gegen Polen hat uns viel Selbstvertrauen gegeben. Meine erste Parade war wohl etwas Besonderes, so etwas kann man nicht trainieren. Dabei würde man sich wahrscheinlich die Knochen brechen. Aber mit dem Adrenalin steckt man das weg."

KN: Russen fehlte ein Riese

Doha. Hätte die russische Nationalmannschaft einen Rechtsaußen mit einem Gardemaß von drei Metern, hätte sich das Team von Dagur Sigurdsson gestern Abend beim dramatischen 29:28 (9:13)-Sieg mit einem Remis begnügen müssen. Hätte. Weil Daniil Shishkarev aber bei einem Meter und 90 Zentimetern endet, konnte er den Pass seines Spielmachers Pavel Atman elf Sekunden vor dem Abpfiff in der Lusail-Arena nicht fangen – der Rest ging im Jubel der Deutschen unter, die bei der WM in Katar einen Bilderbuchstart (4:0 Punkte) erwischten.

"Jetzt kann ich es ja verraten", sagte Torhüter Carsten Lichtlein unmittelbar nach dem Abpfiff. "Ich hatte mit dem Wurf des Rechtsaußen gerechnet und und hätte dann die kurze Ecke zugemacht." Musste er nicht. Ehe der verirrte Ball auf der Tribüne gefunden wurde, pfiffen die überforderten Schiedsrichter Jasmin Kliko und Michael Johansson ab. Die Enttäuschten eilten zu Atman, der untröstlich darüber war, so ungenau gepasst zu haben. "Wir haben gezeigt, dass wir eine coole Truppe sind", sagte Patrick Wiencek nach einem besonders intensiven Arbeitstag.

Die Russen erwischten den besseren Start, standen in der Deckung stabil und gaben im Angriff der Langsamkeit eine neue Dimension. Immer dann, wenn die Deutschen sanft entschlummert waren, warfen Atman & Co doch. "Gegen Russland zu spielen, ist eine zähe Angelegenheit", sagte Patrick Groetzki. "Wir haben es anfangs nicht geschafft, ihre Angriffe zu unterbrechen." Und wenn, dann wussten die Deutschen mit dem Ball nicht viel anzufangen. Als Groetzki in der 26. Minute mit einem Gegenstoß zum 8:10 aus deutscher Sicht traf, hatte der Rückraum nur zweimal getroffen – zweimal in der Person des Kielers Steffen Weinhold.

Mit vier Toren lagen die Deutschen zur Pause zurück, sollte der glänzende WM-Auftakt gegen Polen (29:26) doch nur eine Eintagsfliege gewesen sein? Nein. Wie verwandelt kamen sie aus der Kabine und glichen innerhalb von fünf Minuten zum 14:14 aus. Für fünf Tore hatten sie im ersten Durchgang noch eine Viertelstunde benötigt. "Dagur hat in der Kabine offenbar die richtigen Worte gefunden", lobte Wiencek seinen Trainer. Was er gesagt hat, wollte er nicht verraten. Es wird das Wörtchen "Tempo" in seiner Rede vorgekommen sein, so viel steht fest. Wiencek traf nach wenigen Sekunden, Sergey Gorbok, der den Kieler regelwidrig stoppen wollte, kassierte eine Zeitstrafe - der Auftakt hätte für die deutsche Auswahl kaum besser sein können. Groetzki und Uwe Gensheimer, die Flügelzange der Rhein-Neckar Löwen, spürte den Rückenwind am deutlichsten, am Ende sollte sie 15 Tore geworfen haben. Eine beachtliche Zahl, zumal sie nur 18 Würfe dafür benötigten.

Spektakulär war der Groetzki-Treffer zum 27:24 (57.), als der Rechtsaußen sich bei seinem Flug kaum von der Außenlinie entfernte, und eine Lücke nutzte, die dem Ball jeweils nur einen Millimeter Spielraum ließ. Das Spiel schien entschieden, doch dann verkürzten Atman und Shishkarev mit einem Doppelschlag. Eine Achse, die in den letzten Sekunden doch noch einmal aus dem Lot geriet.

Für Sigurdsson machten am Ende die deutschen Fans den kleinen Unterschied aus. Eine Aussage, die zunächst verwunderte, waren in der mehr als 15000 Zuschauer fassenden Arena doch nur 600 Plätze besetzt. Allerdings hatte im Innenverhältnis der Fangruppen die deutsche die Nase klar vorne. "Sie waren ein großer Rückhalt", lobte Sigurdsson, der darauf hofft, dass sie morgen (19 Uhr) wiederkommen, wenn Vize-Europameister Dänemark der Gegner sein wird. Auch unter den Scheichs scheint das Handballfieber zu grassieren. Waren beim Polen-Spiel nur drei der 47 Sessel besetzt, schauten diesmal acht zu.

(Von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 19.1.2015)

 

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