KN: Die neue Freiheit des Domagoj D.

Weitere
Dienstag, 25.08.2015 // 14:19 Uhr

Dortmund/Kiel. Frei. Kein anderes Attribut könnte den Auftritt von Domagoj Duvnjak in der Dortmunder Westfalenhalle am Sonntagnachmittag treffender beschreiben. Freiheit, die der Kroate ausstrahlte. Freiheit, die er sich nahm. Bei THW-Trainer Alfred Gislason stand gestern nur individuelles Krafttraining am Vormittag auf dem Programm. Danach: frei. Zeit, bei dem 27-jährigen Regisseur nachzufragen.

Duvnjak wird zum THW-Regisseur

Von allen Seiten hatte es Lob gehagelt. "Überragend, wichtig, er hat sehr viel Kraft verbraucht", urteilte THW-Kapitän René Toft Hansen, der kurz vor dem Anpfiff noch den Einpeitscher bei jedem einzelnen seiner Mitspieler gegeben hatte. Jetzt müssten andere die Spiele entscheiden, hatte Hansen gefordert. Und Duvnjak hatte geliefert. "Diese überragende Leistung hat mich gewundert, denn Dule (Duvnjaks Spitzname, d. Red.) war vor dem Spiel krank, schlapp", sagte Gislason. Duvnjak selbst gab sich gestern gewohnt bescheiden. Den Sonnentag konnte er nicht mit Freundin Lucija in Düsternbrook genießen, die gerade in Kroatien weilt. Stattdessen erledigte Dule Termine und genoss das Gefühl des Sieges gegen Gummersbach: "Das war wichtig. Ja, ich war sehr müde vorher. Aber im Spiel ist das alles vergessen." Die Diskussion um den Weggang Jichas sei ihm "egal" gewesen. 2Das konnten wir nicht beeinflussen. Es ist schade, dass er weg ist. Als Sportler. Und als Mensch. Jetzt müssen wir alle mehr zusammenhalten und noch mehr Prozente geben."

Duvnjak bleibt bescheiden. Markige Worte, Anspruchsdenken sind nicht sein Ding. Und die neue Freiheit, seitdem Jicha den THW verlassen hat? Der Welthandballer von 2013 weicht aus. Nicht so sein Trainer: "Ich glaube, es ist eine positive Befreiung für ihn, dass das Thema Jicha jetzt abgeschlossen ist. Er geht irgendwie anders an die Sache heran. Überragende Spiele hatte er auch in der vergangenen Saison, als Filip verletzt war. Kam der dann wieder, hat Duvnjak die Führungsrolle sofort wieder abgegeben", so Gislason.

Am Sonntag war niemand da zum Abgeben in der Westfalenhalle. Also brach Duvnjak die Dezibel-Dominanz der VfL-Fans. Wieder und wieder nahm er sich die Freiheit und den Ball. Wieder und wieder hielt Carsten Lichtlein im Gummersbacher Tor. Dann verfinsterte sich das freundliche Gesicht mit dem Zwei-Wochen-Bart, und Duvnjak erlebte seine großen Minuten: 22:18 (43.), Gegenstoß zum 23:19 (45.), 24:19 (46.) und schließlich das 25:20 (47.) nach einem von ihm selbst abgefangenen Ball. Er war so frei und machte sich den VfL-Einlaufsong - Queens "I Want It All" - einfach zueigen.

"Ich bin sehr positiv, habe ein gutes Gefühl für die neue Saison – auch ohne Rasmus (Lauge, d. Red.), Aron (Palmarsson, d. Red.) und Filip." Jeder müsse jetzt eben "ein Stück Verantwortung übernehmen". Und in welcher Rolle sieht er sich selbst? "Joan (Canellas, d. Red.) und ich sind der verlängerte Arm vom Trainer auf dem Feld. Wir kommunizieren viel. Die Vorbereitung war gut, da sehe ich mich, da fühle ich mich wohl." Worte, die befreit klingen.

Auch mit Lucija fühlt sich Duvnjak wohl im Norden: "Nach 20 Tagen waren wir schon in Kiel angekommen." Am Anfang in Hamburg, als Duvnjak noch kein Deutsch sprach, sei es "nicht leicht" gewesen. Jetzt in Kiel ist das anders. Von Hochzeit und Familiengründung an der Förde ist indes noch nicht die Rede. Duvnjak lacht: "Langsam langsam!" Seine Bescheidenheit gibt er auch bei der letzten Frage nicht auf. Ob nach der Ära Jicha jetzt vielleicht die Ära Duvnjak bei den Zebras beginne? "Ich wäre glücklich, wenn ich mit dem THW alles gewinne. Genau wie Filip."

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 25.08.2015, Foto: Sascha Klahn)

 

Mehr zum Thema

Mit einer guten Atmosphäre und einer großen Portion Optimismus startet der THW Kiel mit dem DHB-Pokal-Erstrundenturnier am Wochenende in die Saison. "Wir wollen uns in der Meisterschaft für die Champions League qualifizieren und in beiden Pokal-Wettbewerben das Final Four erreichen", gab der Sportliche Leiter Viktor Szilagyi die Ziele für die Saison aus. Trainer Alfred Gislason äußerte sich bei...

14.08.2018

Drei Tage nach dem 31:22-Erfolg gegen Flensburg hat der THW Kiel auch das zweite von drei intensiven Testspielen gewonnen: Vor 8056 Zuschauern bei "Helden des Handballs" in der Hamburger Barclaycard-Arena besiegten die "Zebras" im Europa-Duell den spanischen Titelträger FC Barcelona mit 28:24 (15:11). Bester Torschütze der Partie, in der die Kieler über weite Strecken das Geschehen...

12.08.2018

Neumünster. Die neue 6:0-Deckung: läuft wie geschmiert. Die Abläufe im Angriff: sehenswert, jetzt schon. Die Harmonie im Innenblock: frappierend. Der erste Härtetest des THW Kiel am Donnerstagabend in Neumünster gegen die SG Flensburg-Handewitt verlief hervorragend. Die Protagonisten des Handball-Rekordmeisters versuchten nach dem 31:22 (siehe THW-Spielbericht) dennoch, die Euphorie zu bremsen.

11.08.2018

Herzogenaurach. Drei gelbe Reaktionsbälle - also unförmige, beulige Flummis, die widerspenstig in alle Richtungen wollen - prallen vom Boden ab. Vier Hände schießen in die Mitte, fuchteln hektisch ins gelbe Gewusel. Niklas Landin hat in jeder Hand einen, Andreas Wolff greift ins Leere. Mattias Andersson lacht. Der 40-Jährige ist neuer Torwarttrainer beim THW Kiel - und der Schwede holt so manchen...

11.08.2018

Der THW Kiel hat den Auftakt seiner intensiven Testspiel-Reihe bis zum Saisonstart klar gewonnen: Vor 2.800 Zuschauern in den ausverkauften Holstenhallen in Neumünster besiegten die Zebras die SG Flensburg-Handewitt mit 31:22 (14:8). Bester Torschütze war Lukas Nilsson, der in den ersten 30 Minuten glänzend Regie führte und fünf Mal traf.

09.08.2018

Herzogenaurach. In unbeobachteten Momenten im Training mutet Harald Reinkind an wie ein britischer Gentleman. Der Scheitel des 2,01-Meter-Mannes sitzt perfekt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, aufrechte Haltung, wacher Blick, im Bedarfsfall ein Lächeln so herzlich wie der Geirangerfjord tief ist. Reinkind war ein Löwe, ist jetzt ein Kieler Zebra beim THW Kiel. Warum? Darüber gehen die...

04.08.2018

34, 38, 35, 31 Grad - Herzogenaurach schwitzt. Und mit ihnen seit vier Tagen die Zebras, die in der tropische Hitze Einheit um Einheit absolvieren. Sprints, Ausdauerläufe, taktisches Training in der schwül-warmen Halle. "So heiß wie in diesem Jahr war es während des Trainingslagers noch nie", sagt Marko Vujin und nimmt einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche. "Und ich kann mich nicht daran...

02.08.2018

Herzogenaurach. Meistens lacht Gisli. Ein Sprint bei 36 Grad - Gisli lacht. Bankdrücken im Gym - Gisli lacht. Falsch abgebogen beim Warmlaufen - Gisli grinst. Das (etwas chaotische) Nesthäkchen der Zebraherde des THW Kiel heißt Gisli Thorgeir Kristjánsson. Gisli, der sympathische Junge aus Island, der nicht mehr nur "der Sohn von ..." sein möchte.

02.08.2018