Christian Dissinger legt Nationalmannschafts-Pause ein

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Dienstag, 20.09.2016 // 10:46 Uhr

Christian Dissinger wird in der aktuellen Spielzeit nicht mehr für die deutsche Handball-Nationalmannschaft spielen und seine Konzentration vollkommen auf den THW Kiel richten. Das hat der 24-jährige Rückraumspieler, der momentan nach einer schweren Verletzung bei den Olympischen Spielen an seinem Comeback im schwarz-weißen Trikot arbeitet, Bundestrainer Dagur Sigurdsson mitgeteilt.

"Es ist einfach zu viel"

"Ich spiele gerne für die Nationalmannschaft. Aber Handballer von den Topclubs haben ein unglaubliches Pensum zu absolvieren. Es ist zurzeit einfach zu viel für mich", erklärte Dissinger seinen Schritt. Der 2,02 Meter große Rechtshänder hatte sich in der vergangenen Saison gleich viermal bei Nationalmannschafts-Einsätzen schwer verletzt: Bei der EM im Januar verpasste der Halblinke die entscheidenden Spiele aufgrund einer Adduktorenverletzung, im März zog er sich im Training mit den "Bad Boys" einen Meniskusriss zu, im Juni erlitt er beim DHB-Lehrgang eine Muskelverletzung und bei den Olympischen Spielen ein Kompartmentsyndrom, an dessen Folgen Dissinger heute noch leidet. 

"Möchte starker Teil des THW sein"

Im vergangenen Jahr verpasste Christian Dissinger durch die Verletzungen ein Viertel der Saisonspiele des THW Kiel, und auch in dieser Spielzeit kam er bisher noch nicht zum Einsatz und wird noch wochenlang ausfallen. "Ich war von den vergangenen acht Monaten fünf verletzt. So kann es nicht weitergehen. Ich habe viel nachgedacht und mir diese Entscheidung nicht leichtgemacht", sagte der Europameister und Olympia-Bronzemedaillengewinner im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", und fügte an: "Ich möchte ein starker Teil des THW Kiel sein. Ich bin hier bis 2020 unter Vertrag und will mich so erfolgreich für den Klub einbringen, wie es die großen Generationen zuvor getan haben. Ich werde die WM in Frankreich Anfang 2017 definitiv verpassen. Ich weiß, dass es ein Risiko ist. Aber ich muss auch an meine Karriere denken und will vor 10 000 handballverrückten Kielern in unserer Halle am liebsten immer spielen."

KN: Dissinger zieht die Notbremse: Pause im Nationalteam

Kiel. Er ist Europameister, gewann Olympia-Bronze, doch in beiden Turnieren kapitulierte sein Körper. Jetzt ist er Vorreiter, stellt sich mutig der um sich greifenden Überbelastung im Handball. Christian Dissinger, Rückraumspieler des Rekordmeisters THW Kiel, teilte Bundestrainer Dagur Sigurdsson jetzt mit, dass er der Nationalmannschaft in dieser Saison nicht mehr zur Verfügung stehen werde. "70 bis 80 Pflichtspiele, immer Vollgas - es ist einfach alles zu viel geworden", sagt der erst 24-Jährige am Dienstag im Gespräch mit den Kieler Nachrichten.

Sigurdsson habe "wenig begeistert, aber sehr verständnisvoll" reagiert. Und Dissinger weiß, was diese Entscheidung für ihn bedeutet, hat lange nachgedacht, es sich nicht leicht gemacht. Er wird die Weltmeisterschaft im Januar in Frankreich verpassen und weiß gleichzeitig nicht einmal, ob er überhaupt eine realistische Chance auf eine Nominierung gehabt hätte. "Es schmerzt trotzdem, das wäre meine erste WM gewesen. Aber es ist fast utopisch, zu denken, dass ich dort eine gute Rolle hätte spielen können." Insgesamt dreimal musste sich Dissinger in Rio und Kiel wegen eines Kompartmentsyndroms operieren lassen, laboriert mit einer 30 Zentimeter langen Narbe am Bein an den Folgen, ist erst ins leichte Lauftraining eingestiegen. Vier bis fünf Wochen wird der Rückraum-Linke noch ausfallen – mindestens. Der Rest: "ungewiss". Zeit zum Nachdenken.

2011 und 2013 riss zweimal Dissingers Kreuzband, bei der EM im Januar folgte eine Adduktorenverletzung, vor den Olympischen Spielen ein Meniskussriss, dann das Aus in Rio de Janeiro. "Von den vergangenen acht Monaten war ich fünf verletzt. Das will ich meinem Körper nicht mehr zumuten." Das sagt ein 24-Jähriger mit gerade einmal 19 Länderspielen. Ein 24-Jähriger, der weiß: "Diese Verletzungen waren zwar auch Pech - aber nach englischen Wochen und überhoher Belastung kamen sie nicht von ungefähr." Eine Belastung, die besonders für die deutschen Klubs in der Champions League mörderisch ist: 34 Spiele in der Bundesliga, dazu Königsklasse (14-20 Spiele), DHB-Pokal (maximal sechs Spiele). Zu den maximal 60 Begegnungen im Verein kommen für die Nationalspieler nach der EM und Olympia in dieser Saison noch die WM, EM-Qualifikation und Test-Länderspiele hinzu, so dass die deutschen Nationalspieler bis zu 80 Matches pro Saison in den Knochen haben. "Es muss sich etwas ändern, das Niveau leidet, Verletzungen nehmen zu", sagt Dissinger. Er will sich auf den THW konzentrieren (sein Vertrag läuft bis 2020), will voll da sein für seinen Klub und die 10 000 in der Arena – "wie es die großen Generationen zuvor getan haben".

Ein Satz, der im Gespräch mit Christian Dissinger mehrfach fällt: "Es ist zu viel." Darum habe er - und nur er allein - die Notbremse gezogen. Druck vom THW habe es nicht gegeben. "Ich hätte mich da auch nie eingemischt", sagt Alfred Gislason. "Disse braucht erst einmal Stabilität, dann macht irgendwann auch die Nationalmannschaft wieder Sinn." 80 Spiele pro Saison, das sei, so Gislason, "mörderisch". Der Isländer zieht den Vergleich zur US-Profiliga NBA: "Dort sind es bis zu 100 Spiele, aber viel mehr Regeneration."

Dass ein 24-Jähriger eine solche Entscheidung "für seinen Arbeitgeber und seine Gesundheit" treffen müsse, findet THW-Geschäftsführer Thorsten Storm "erschreckend und schade". Aber nicht nur die Nationalmannschaft, sondern der gesamte Spielplan, der Dissinger zu seiner Entscheidung zwinge, sei schuld an der Misere: "Das fängt beim abgelehnten 16. Spieler an und geht über die vielen Spiele bis zur mangelnden Regeneration. Wir stehen voll hinter Christians Entscheidung, denn er ist ein sehr wichtiger Spieler für uns", so Storm.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 21.09.2016)

 

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