KN: Am 1. Juli treten die neuen Handball-Regeln in Kraft

Weitere
Mittwoch, 29.06.2016 // 12:31 Uhr

Kiel. Grünes Licht für die Blaue Karte, drei Angriffe, sechs Pässe, siebter Feldspieler - ab dem 1. Juli greifen fünf neue, vom Handball-Weltverband IHF eingeführte Regeln. Sie sind zum Teil vehement umstritten. Alfred Gislason, Trainer des Handball-Rekordmeisters THW Kiel, spricht gar von "Sabotage an unserer Sportart".

"Sabotage an unserer Sportart"

Siebter Feldspieler

Der Torwart kann auch in Zukunft durch einen siebten Feldspieler ersetzt werden, muss allerdings nicht mehr zwingend mit einem Leibchen gekennzeichnet sein. Ist er das nicht, darf jedoch kein Feldspieler den Torraum betreten. "Diese Regel kann die größte Veränderung bringen", sagte Jürgen Rieber, Schiedsrichterlehrwart des Deutschen Handball-Bundes (DHB), am Rande des Länderspiels Deutschland gegen Russland in Mannheim. Wechselt eine Mannschaft einen "Ersatztorwart" mit Leibchen ein, bleibt alles wie bisher, und dieser darf im Bedarfsfall auch ins Tor zurücklaufen. Tauscht sie den Torwart gegen einen Spieler ohne Leibchen aus, bleibt es der Mannschaft im Umkehrschluss auch selbst überlassen, welcher Spieler anschließend wieder das Feld verlässt. "Eine gefährliche Regel", findet THW-Coach Gislason. "Der Spieler, der am nächsten zur Bank steht, kann sofort wieder ausgetauscht werden. Alle Teams werden mit zwei Kreisläufern und zwei Außen spielen. Das macht es fast unmöglich, offensiv zu decken." Gislason hätte selbst die Leibchen-Regelung eher "komplett weggelassen". So könnten nun "komische Regeln den Handball ruinieren". Hier werde "mehr genommen, als dass es etwas verbessern würde", so Gislason. "Mannschaften, die mit viel Härte spielen, werden massiv bevorzugt. Insgesamt sehe ich eine Sabotage an unserer Sportart."

 

Blaue Karte

Zusätzlich zur Gelben und Roten können die Schiedsrichter künftig auch eine Blaue Karte zeigen als deutliches Zeichen für Mannschaften und Zuschauer. Die Blaue Karte - gezückt unmittelbar nach der Roten - signalisiert bei einem schweren Vergehen, dass eine schriftliche Stellungnahme in den Spielbericht aufgenommen wird und die Disziplinarkommission für weitere Maßnahmen (z.B. Sperre) verantwortlich ist.

 

Zeitspiel

Eine besonders umstrittene Regel: Nach der Warnung der Schiedsrichter (gehobener Arm) hat die vorgewarnte Mannschaft maximal sechs Pässe zur Verfügung, um auf das Tor zu werfen. Wenn der angreifenden Mannschaft ein Freiwurf zugesprochen wurde, wird die Anzahl der Pässe nicht unterbrochen. Das Zählen der Pässe erfolgt durch den Schiedsrichter. "Absurd, es obliegt weiterhin dem Gefühl der Schiedsrichter, wann die Warnung erfolgt", sagt Alfred Gislason, der eine 35-Sekunden-Wurfuhr "wie im Handball der früheren Sowjetunion" favorisiert hätte. Gislason bleibt skeptisch: "Die neuen Regeln wurden in der isländischen Liga getestet - alles andere als erfolgreich."

 

Verletzter Spieler

Eine weitere Regel, bei der Kampfgericht und Schiedsrichter zum Zählen gezwungen werden: Wird ein verletzter Spieler auf dem Spielfeld medizinisch behandelt, muss er das Feld anschließend für drei Angriffe seiner Mannschaft verlassen. Die IHF will so hollywoodreife Schauspielerei, um den Spielrhythmus zu unterbrechen, unterbinden. Die Drei-Angriffe-Pause gilt nicht, wenn der foulende Spieler mit Gelb, Rot oder einer Zeitstrafe bestraft wird, oder bei einem Kopftreffer gegen den Torwart. Als einzige der neuen Regeln gilt diese nicht im Amateur- und Jugendbereich.

 

Letzte 30 Sekunden

Diese Regel wurde in der abgelaufenen Saison bereits in der Bundesliga getestet: Begeht ein Abwehrspieler in den letzten 30 Sekunden eine grobe Regelwidrigkeit oder unterbindet regelwidrig einen Frei-, Ab-, An- oder Einwurf, erhält er eine Rote Karte und der Gegner automatisch einen Siebenmeter.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 29.06.2016, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

Mehr zum Thema

Mit einer guten Atmosphäre und einer großen Portion Optimismus startet der THW Kiel mit dem DHB-Pokal-Erstrundenturnier am Wochenende in die Saison. "Wir wollen uns in der Meisterschaft für die Champions League qualifizieren und in beiden Pokal-Wettbewerben das Final Four erreichen", gab der Sportliche Leiter Viktor Szilagyi die Ziele für die Saison aus. Trainer Alfred Gislason äußerte sich bei...

14.08.2018

Drei Tage nach dem 31:22-Erfolg gegen Flensburg hat der THW Kiel auch das zweite von drei intensiven Testspielen gewonnen: Vor 8056 Zuschauern bei "Helden des Handballs" in der Hamburger Barclaycard-Arena besiegten die "Zebras" im Europa-Duell den spanischen Titelträger FC Barcelona mit 28:24 (15:11). Bester Torschütze der Partie, in der die Kieler über weite Strecken das Geschehen...

12.08.2018

Neumünster. Die neue 6:0-Deckung: läuft wie geschmiert. Die Abläufe im Angriff: sehenswert, jetzt schon. Die Harmonie im Innenblock: frappierend. Der erste Härtetest des THW Kiel am Donnerstagabend in Neumünster gegen die SG Flensburg-Handewitt verlief hervorragend. Die Protagonisten des Handball-Rekordmeisters versuchten nach dem 31:22 (siehe THW-Spielbericht) dennoch, die Euphorie zu bremsen.

11.08.2018

Herzogenaurach. Drei gelbe Reaktionsbälle - also unförmige, beulige Flummis, die widerspenstig in alle Richtungen wollen - prallen vom Boden ab. Vier Hände schießen in die Mitte, fuchteln hektisch ins gelbe Gewusel. Niklas Landin hat in jeder Hand einen, Andreas Wolff greift ins Leere. Mattias Andersson lacht. Der 40-Jährige ist neuer Torwarttrainer beim THW Kiel - und der Schwede holt so manchen...

11.08.2018

Der THW Kiel hat den Auftakt seiner intensiven Testspiel-Reihe bis zum Saisonstart klar gewonnen: Vor 2.800 Zuschauern in den ausverkauften Holstenhallen in Neumünster besiegten die Zebras die SG Flensburg-Handewitt mit 31:22 (14:8). Bester Torschütze war Lukas Nilsson, der in den ersten 30 Minuten glänzend Regie führte und fünf Mal traf.

09.08.2018

Herzogenaurach. In unbeobachteten Momenten im Training mutet Harald Reinkind an wie ein britischer Gentleman. Der Scheitel des 2,01-Meter-Mannes sitzt perfekt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, aufrechte Haltung, wacher Blick, im Bedarfsfall ein Lächeln so herzlich wie der Geirangerfjord tief ist. Reinkind war ein Löwe, ist jetzt ein Kieler Zebra beim THW Kiel. Warum? Darüber gehen die...

04.08.2018

34, 38, 35, 31 Grad - Herzogenaurach schwitzt. Und mit ihnen seit vier Tagen die Zebras, die in der tropische Hitze Einheit um Einheit absolvieren. Sprints, Ausdauerläufe, taktisches Training in der schwül-warmen Halle. "So heiß wie in diesem Jahr war es während des Trainingslagers noch nie", sagt Marko Vujin und nimmt einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche. "Und ich kann mich nicht daran...

02.08.2018

Herzogenaurach. Meistens lacht Gisli. Ein Sprint bei 36 Grad - Gisli lacht. Bankdrücken im Gym - Gisli lacht. Falsch abgebogen beim Warmlaufen - Gisli grinst. Das (etwas chaotische) Nesthäkchen der Zebraherde des THW Kiel heißt Gisli Thorgeir Kristjánsson. Gisli, der sympathische Junge aus Island, der nicht mehr nur "der Sohn von ..." sein möchte.

02.08.2018