KN: Au Backe! IHF will Harz verbieten

Weitere
Dienstag, 23.08.2016 // 12:06 Uhr

Rio de Janeiro/Kiel. Handball ohne Harz? Mit dieser Idee sorgt Hassan Moustafa für Kopfschütteln im Welthandball. Der Präsident der Internationalen Handballföderation (IHF) kündigte an, die sogenannte "Backe", die zu jeder Zeit die Griffigkeit des Spielgerätes garantiert, weltweit zu verbieten. Spieler und Trainer äußern Kritik.

Handball-Weltverband erntet Sturm der Kritik

In einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten sagte Moustafa: "Wir werden die Regel erlassen, dass kein Harz mehr verwendet werden darf. Und diese Regel gilt dann für alle Spiele - von der Weltmeisterschaft bis zur Kreisliga und selbstverständlich auch für den Jugendbereich." Um den Spielern das Fangen des Balles auch weiterhin zu erleichtern, habe die IHF eine Partnerfirma beauftragt, einen Ball zu entwickeln, der auch ohne Harz gut haftet. Das Verbot sei aus gesundheitlichen Gründen nötig, vor allem aber, weil harzige Bälle die Hallenböden verschmutzten.

"Diese Begründung klingt für mich komplett an den Haaren herbeigezogen", sagt Rune Dahmke, Linksaußen beim deutschen Rekordmeister THW Kiel. "Das würde mehr kaputt machen als verbessern. Wir brauchen Harz für bestimmte Wurftechniken, zum Beispiel für Dreher." Er könne sich nicht vorstellen, dass ein neuer Ball das Harz ersetzen könne. "Harz ist besonders für die Kreisläufer wichtig. An ihnen wird ständig gerissen und gezerrt, sie fangen den Ball mit zwei oder drei Fingern." Für den Fall eines Verbotes prophezeit Dahmke eine negative Entwicklung. "Ich glaube, unser Sport würde dann deutlich unspektakulärer und unattraktiver", sagt der 23-Jährige. Die Reaktionen seiner Kollegen fallen ähnlich aus. "Wir können auch einfach noch mehr Regeln ändern und unseren Sport umbenennen!", schlägt Stuttgarts Mittelmann Michael Kraus auf Twitter vor. Und Ljubomir Vranjes, Trainer bei der SG Flensburg-Handewitt fragt: "Warum lebe ich noch nach 17 Jahren Handball?"

Das Gesundheits-Argument zieht auch bei Gert Adamski, Geschäftsführer des Handballverbandes Schleswig-Holstein, nicht. "Ich habe meinen Trainerschein mit 18 Jahren gemacht und bis heute keinen Spieler erlebt, der durch Harz Probleme hatte", sagt der 40-Jährige. Das Problem mit verklebten Sporthallen sei indes nicht von der Hand zu weisen. "Die Hallen sind meist in kommunaler Hand und werden nicht nur von Handballern genutzt, müssen also oft gereinigt werden", erklärt Adamski. "Das müssen dann die Vereine zahlen." Außerdem seien geeignete Reinigungsmittel oft aggressiv und griffen die farbigen Linien an. Dennoch findet er: "Backe gehört zum Spiel. Es wäre besser, eine Möglichkeit zu finden, die Reinigung in Griff zu bekommen."

Unter den Aktiven macht sich spürbar das Gefühl breit, die IHF sei dabei, den Handball kaputtzumachen. "Ich verstehe nicht, warum man unseren kompletten Sport umkrempelt", sagt Rune Dahmke. Erst im Juli waren fünf Regeländerungen - wie die Einführung eines siebten Feldspielers ohne Torhüterleibchen - in Kraft getreten, die zum Teil erhebliche Auswirkungen auf die Taktik haben. "Es gibt bestimmt Bereiche im Handball, in denen es sinnvoll wäre, Regeln zu ändern", so Dahmke. "Zum Beispiel bei Stürmerfouls. Aber ein Harzverbot gehört nicht dazu."

Zurückhaltender äußerte sich Bob Hanning, Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Handballbundes (DHB). "Wir wissen von den Bestrebungen der IHF. Den Entwicklungsprozess und die damit verbundenen Diskussionen werden wir aufmerksam verfolgen und begleiten. Grundsätzlich sind wir offen für technischen Fortschritt. Vieles, was heute Standard ist, hätten wir uns vor einigen Jahren nicht vorstellen können. Es wäre jedenfalls schön, wenn es einen Ball gäbe, der den Einsatz von Harz überflüssig machen könnte."

Laut IHF soll der Entwicklungsprozess des neuen Balles, in den der Weltverband bereits mehr als eine Million Dollar investiert hat, spätestens Ende 2017 abgeschlossen sein. Nach einer Testphase soll der IHF-Kongress der Regeländerung dann zustimmen, die für sämtliche Handball-Ligen weltweit bindend wäre.

(Von Merle Schaack, aus den Kieler Nachrichten vom 22.08.2016, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

In Kieler Hallen gilt bereits ein Harzverbot

In städtischen Sporthallen in Kiel herrscht ein grundsätzliches Harzverbot. Wird dagegen verstoßen, stellt die Stadt die Reinigung dem entsprechenden Verein in Rechnung. Einzige Ausnahme ist die Helmut-Wriedt-Halle, in der Jugendmannschaften des THW Kiel trainieren. Sie wird deshalb täglich durch einen externen Dienstleister maschinell gereinigt. Der THW beteiligt sich an den Kosten. Eine Reinigung kostet nach Angaben des TSV Altenholz, der seine Edgar-Meschkat-Halle je nach Bedarf von Harz befreien lässt, etwa 200 bis 250 Euro. Andere Vereine finden andere Lösungen. Rune Dahmke, der in der Jugend beim SV Mönkeberg spielte, erinnert sich: "Da wurde einmal im Monat von allen, die trainiert hatten, gemeinsam die Halle geputzt", erzählt der THW-Linksaußen.

 

Mehr zum Thema

Auch für die Nationalmannschafts-"Zebras" beginnt am Sonnabend der Urlaub nach einer langen, intensiven Spielzeit 2017/2018. Mit dem Abschluss des Handball-Jahres, den die DHB-Auswahl am Morgen mit einem weiteren Testspiel in Japan bestreitet, wird der große Saisonrückblick des THW Kiel veröffentlicht. Das 52 Seiten starke "ZEBRA Journal" wird am Sonnabend, 16. Juni, als kostenlose Beilage...

14.06.2018

Österreich hat es geschafft: Mit einem 31:26-Sieg im Rückspiel der WM-Play-offs gegen Weißrussland haben sich Nikola Bilyk & Co. für die WM in Deutschland und Dänemark qualifiziert. Auch Schweden, Norwegen, Island, Mazedonien, Ungarn und Russland buchten ihr WM-Ticket.  Deutschland und Dänemark sind als Gastgeber der Handball-Weltmeisterschaft, die vom 10. bis 27. Januar in München, Köln, Berlin,...

14.06.2018

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat das erste Testspiel auf ihrer Japan-Reise klar gewonnen: Am Mittwochmittag deutscher Zeit siegte die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop gegen die von seinem Vorgänger Dagur Sigurdsson betreute japanische Auswahl mit 37:24 (21:11). 

13.06.2018

Hamburg. Sie waren 2004 Europameister, 2007 Weltmeister, deutscher Meister, Pokalsieger. Der eine kennt Hamburg wie seine Westentasche, der andere war gern gesehener Gast. Henning Fritz, Ex-Torwart vom THW Kiel, und Pascal Hens sind Hamburgs Botschafter für die Handball-Weltmeisterschaft, die im Januar 2019 in Deutschland und Dänemark ausgetragen wird.

13.06.2018

Hamburg. Deutschlands Handballer wollen in Fernost beim ersten Wiedersehen mit ihrem Ex-Coach Dagur Sigurdsson zu einem verschworenen Team zusammenwachsen. Nach der enttäuschenden Europameisterschaft Anfang des Jahres sollen bei einer Japan-Reise die Grundlagen dafür geschaffen werden, dass es für die Auswahl im kommenden Jahr bei der Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark wieder besser...

13.06.2018

Zwei Jahre nach seinem offiziellen Abschiedsspiel in der Sparkassen-Arena kehrt Dominik Klein am 15. August erstmals zurück an die Stätte seiner größten Erfolge: Der 34-jährige Linksaußen, der in diesem Sommer seine unglaublich erfolgreiche Karriere beendete, wird gemeinsam mit Anett Sattler, dem sympathischen TV-Gesicht des Handballs, die große Saisoneröffnung des THW Kiel mit dem...

12.06.2018

Kiel. Spurlos ist die Saison, die dem Handball-Rekordmeister THW Kiel keinen Titel, dafür aber eine große Krise bescherte, nicht an Trainer Alfred Gislason vorübergegangen. Vor seinem Sommerurlaub spricht der 58-jährige Isländer über eine Spielzeit voller Probleme, eine menschliche Enttäuschung und die Zeit nach 2019, wenn er als Trainer des THW aufhört.

10.06.2018

Kiel. Für die Spieler des Handball-Rekordmeisters THW Kiel hat der Sommer noch nicht so richtig begonnen. Die Deutschen reisen mit der Nationalmannschaft nach Japan, während in Europa der Kampf um die verbliebenen neun Tickets für die Handball-Weltmeisterschaft 2019 entbrannt ist. THW-Coach Alfred Gislason hat sich indes - wie in den vergangenen Jahren - bereits am Montag in sein Haus in...

09.06.2018