KN: Bad Boys sind wieder im EM-Modus

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Montag, 15.08.2016 // 09:11 Uhr

Rio de Janeiro. Patrick Wiencek schleppte sich kreidebleich zum Mannschaftsbus. Wie ein Sieger sah der Kreisläufer der deutschen Handballer nun wirklich nicht aus. Und doch stand Wiencek wie kein Zweiter für den so wichtigen 28:25-Erfolg gegen Slowenien – und den erstmaligen Viertelfinal-Einzug einer deutschen Mannschaft bei Olympischen Spielen seit Silber 2004.

Heute letztes Vorrundenspiel gegen Ägypten

"Was die Spieler für das Weiterkommen tun, macht mich stolz", sagte Bundestrainer Dagur Sigurdsson und lobte explizit den unbändigen Einsatzwillen Wienceks. Der Kieler hatte die Nacht zuvor wegen einer Magen-Darm-Grippe kaum geschlafen, sich noch unmittelbar vor dem Spiel in der Kabine übergeben - und sich dann für das Team aufgeopfert.

Und so war es Sigurdsson nach dem dritten Sieg im vierten Spiel ein Anliegen, den besonderen Spirit seiner Mannschaft hervorzuheben. "Wir leben nicht von großen Stars", sagte der Isländer. Nach der überraschenden Niederlage gegen Gastgeber Brasilien hätte sich sein Team "nicht verrückt machen lassen" und "gezeigt, dass wir eine gute Mannschaft sind. Besser kann es nicht sein."

Auch DHB-Vizepräsident Bob Hanning sieht die Mannschaft auf dem "richtigen Weg". Das erste Ziel sei erreicht. "Der Kuchen steht auf dem Tisch, jetzt geht es um die Sahne darauf", sagte Hanning am Sonntag mit Blick auf das letzte Vorrundenspiel gegen Ägypten am heutigen Montag (16.30 Uhr MESZ). Verbandsoberhaupt Andreas Michelmann sprach Trainer Sigurdsson und seinem Team ein "großes Lob" aus.

Tatsächlich gaben die ad Boys eine eindrucksvolle Antwort auf den unerwarteten Dämpfer zwei Tage zuvor und zeigten sich vor allem in der Defensive stark verbessert. Angespornt von den spektakulären Reflexen ihres Keepers Andreas Wolff ließen die Europameister mit einer aggressiv-kompromisslosen Abwehrarbeit sogar Erinnerungen an die erfolgreiche EM aufleben.

"Wir holen uns unser gutes Gefühl vor allem über die Abwehr", sagte der Kieler Rückraumspieler Steffen Weinhold. Er machte im wichtigsten deutschen Mannschaftsteil einen "großen Fortschritt" im Vergleich zu den vorherigen Spielen aus: "Das stimmt mich zuversichtlich." Abwehrchef Finn Lemke gab für das Spiel gegen Ägypten eine klare Marschroute aus: "Sieg, Sieg, Sieg." Gelingt dies, winkt Platz eins als Belohnung. Doch der amtierende Afrikameister ist keine Laufkundschaft: In Rio bewies das Team von Trainer Marwan Ragab bereits seine neue Qualität, brachte erst die starken Slowenen an den Rand einer Niederlage (26:27), schlug Schweden mit 26:25.

Ein Schlüssel zum deutschen Erfolg ist Wolff, der seine bislang beste Vorstellung zeigte. Der Stammkeeper, der gegen Brasilien nur kurz auf der Platte gestanden hatte, brachte sein Team vor allem im zweiten Abschnitt mit wichtigen Paraden auf Siegkurs und erzielte per Fernwurf zudem zwei Tore - seine Turniertreffer Nummer drei und vier. "Das Spiel Pause hat ihm ganz gut getan. Jetzt ist er völlig im Turnier drin", sagte Delegationsleiter Hanning. Ins allgemeine Loblied ob der neuen Torjägerqualitäten seines Schlussmanns mochte er allerdings nicht einstimmen. Die neue Regel, nach der eine Mannschaft den Torhüter permanent gegen einen Feldspieler tauschen kann, sieht Hanning "sehr kritisch. Da bin ich überhaupt kein Freund von."

Auch auf Patrick Wiencek können die "Bad Boys" im letzten Vorrundenspiel zählen. "Patrick geht es schon viel besser, er konnte locker trainieren", sagte Teammanager Oliver Roggisch nach der Trainingseinheit am Sonntag. Er rechne fest mit einem Einsatz, so Roggisch, der wie der Bundestrainer ein Riesenlob an den Kieler aussprach. "Riesenrespekt! In diesem Zustand gehen wenige Sportler aufs Feld. Er hat sich für die Mannschaft gequält, nun hat er viel geschlafen und konnte schon wieder etwas Festes zu sich nehmen." Es ist also angerichtet für den nächsten Streich der deutschen Handballer.

(Von Christoph Stukenbrock, aus den Kieler Nachrichten vom 25.08.2016)

 

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