KN: Bundesweite Kritik an "kartoffeldeutscher Sehnsucht"

Weitere
Samstag, 13.02.2016 // 06:43 Uhr

Kiel/Berlin. Es ist ein Dilemma. Eigentlich wollten die Kieler Nachrichten Wolfram Eilenberger und seinem Beitrag auf "Zeit.de" ("Die Alternative für Deutschland") nicht mehr Aufmerksamkeit schenken als mit der unten stehende Glosse in der Ausgabe der Zeitung am Donnerstag ("Hättest du geschwiegen ..."). Der Philosoph und Fußball-Kolumnist hatte die Sportart Handball (und ihre Fans) in eine rechte Ecke gestellt, in der sie eine "kartoffeldeutsche Sehnsucht" bediene. "Blutnah und widerständig" sei der Handball. Oder anders: "Wenn Fußball Merkel ist, ist Handball Petry". Gemeint ist die AfD-Chefin Frauke Petry, die zuletzt mit umstrittenen Äußerungen über den Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Auch DHB zeigt sich empört

Nach Eilenbergers Herleitung über die ausnahmslos deutschen Vornamen der deutschen Europameister wusste man nicht, ob man nun lachen oder weinen oder dem Autor das Prinzip einer Nationalmannschaft erklären soll. Ob man ihm einen Blick in die Bundesliga, den erweiterten Nationalkader (Evgeni Pevnov hatte sich vor der EM verletzt) oder die Jugendabteilungen der Vereine empfehlen soll. Wir wollten schweigen, doch die Wellen schlagen einfach zu hoch.

Christian Ciemalla vom Handball-Portal "handball-world.com" beispielsweise entschied sich dafür, Wolfram Eilenberger eine eigene Kabinenpredigt als Replik zu halten. "Mensch, Wolfram: Kleiner Tipp, in Nationalteams gibt es oftmals nicht so viele Ausländer", heißt es da. Oder: "Du hast aus einigen oberflächlichen Betrachtungen eine abstruse 'gesellschaftlich-politische Alternative' konstruiert und die eine Sache vermissen lassen, die sportartübergreifend alternativlos ist: Respekt." Die "Welt" fragt sich: "Wer gerne Handball guckt, ist ein halber Nazi? Das dürfte besonders gut ankommen bei den Klubs, die seit ein paar Monaten nicht trainieren können, weil ihre Halle zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde." Der Deutsche Handball-Bund (DHB) äußerte sich auf seiner Facebook-Seite "empört". Facebook-User "Claus Diehl" fragt auf der Seite der Kieler Nachrichten: "Warum nimmt der Eilenberger nicht gleich den ganzen Wintersport aufs Korn?"

Den Wintersport lässt der "Zeit"-Autor zwar links liegen, setzt auf seinem Twitter-Account unter der Hashtag #ehrlichsein allerdings noch einen drauf, verweist auf die Sportarten Hockey und Volleyball und zählt die ausnahmslos deutschen Vornamen der Volleyball-Nationalspieler auf.

Während "Zeit.de"-Chefredakteur Jochen Wegner nun ankündigte, das Thema "Handball und Diversität" aufgrund der bundesweit um sich greifenden Kritik noch einmal aufgreifen zu wollen, sonnt sich Eilenberger via Twitter in den Reaktionen auf seinen diskursöffnenden "kalkulierten Tabubruch". Es bleibt ein Dilemma.

(Von Niklas Schomburg, aus den Kieler Nachrichten vom 12.02.2016, Foto: Sascha Klahn)

KN-"Einwurf": Hättest du geschwiegen...

Die Handball-Welt ist zu Recht erschüttert. Wolfram Eilenberger, Philosoph und Kolumnist für "Zeit Online", hat den EM-Titel zum Anlass genommen, statt über Fußball mal über Handball zu schreiben.

Und prompt seine Ahnungslosigkeit bewiesen. Der Handball sei die AfD des Sports, so Eilenberger, sozialdynamisch vor 30 Jahren stehen geblieben. Es gibt ja nicht mal Nationalspieler mit Migrationshintergrund! Das macht Wolfram an den deutschen Vornamen fest. Und der einzige Ausländer im Nationalteam (!) ist Isländer, das passe perfekt ins nordisch-arisierte Bild. Laut Eilenberger mögen die Deutschen Handball deshalb so gern, weil er so "kartoffeldeutsch" ist. Handball als Nazisport.

Diesen Mist muss und kann man gar nicht ernsthaft kommentieren. Es scheint, Eilenberger hat Angst. Davor, dass es wirklich egal ist, woher Menschen kommen. Und davor, dass der Handball dem Fußball einiges voraus hat. Fairness zum Beispiel. Maßnahmen gegen Homophobie. Ehrlichkeit. Armer Wolfram. Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben.

(Von Niklas Schomburg, aus den Kieler Nachrichten vom 11.02.2016)

 

Mehr zum Thema

Hannover/Kiel. Der erlösende Anruf für Christian Prokop kam am Montagnachmittag um kurz nach drei. Trotz des desolaten EM-Auftritts in Kroatien und interner Verwerfungen bleibt der Bundestrainer im Amt und soll die deutschen Handballer bei der Heim-WM 2019 zu einer Medaille führen. "Er war sehr erfreut über die Entscheidung", berichtete DHB-Sportvorstand Axel Kromer über das Telefonat mit Prokop....

20.02.2018

Kiel/Hannover. Heute entscheidet die Spitze des Deutschen Handballbundes (DHB) in einem Hannoveraner Flughafenhotel über die Zukunft von Bundestrainer Christian Prokop. Im Mittelpunkt des Handball-Gipfels steht das Ergebnis der Analyse des desaströsen EM-Abschneidens, die Sportvorstand Axel Kromer nach Informationen unserer Zeitung mittags dem zehnköpfigen DHB-Präsidium vorstellen wird. Alles...

19.02.2018

Der THW Kiel hat mit Christian Zeitz im Sommer 2016 eine schriftliche Vereinbarung über den Abschluss eines bis zum 30.06.2018 befristeten Spielervertrages geschlossen. Dieser zweijährigen Befristung entsprechend, haben der THW Kiel und Christian Zeitz gemeinsam das Spielrecht bis zum 30.06.2018 beantragt. Die Eingehung von befristeten Vertragsbeziehungen ist im Profisport üblich.

16.02.2018

Kiel. Lucas Firnhaber wird den THW Kiel am Saisonende verlassen und zum Zweitligisten TuSEM Essen wechseln. Der 20-jährige Rückraum-Linkshänder unterschrieb dort einen Vertrag bis 2020, das teilte der Revierklub am Donnerstag mit.

16.02.2018

Kiel. So ein paar Kilo im Arm - da strahlt Patrick Wiencek. Seit ein paar Tagen kann der 28-Jährige den kleinen Paul (geboren am 30. Januar) an sein Herz drücken. Und jetzt kommt auch noch die "Sportler des Jahres"-Trophäe hinzu. Da kommt der Abwehrchef des Handball-Rekordmeisters THW Kiel aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus: "Das ist eine Riesen-Ehre."

13.02.2018

Patrick Wiencek ist Kiels "Sportler des Jahres 2017"! Zum ersten Mal überhaupt wurde der Kieler Kreisläufer bei der prestigeträchtigen Abstimmung der Kieler Nachrichten zum beliebtesten Sportler der Landeshauptstadt gewählt. Mit 4318 Punkten setzte sich der 28-Jährige klar gegen seinen Teamkollegen Domagoj Duvnjak (3535) durch. Beide setzten damit eine Tradition fort: Zum 14. Mal in Folge gewann...

12.02.2018

Große Ehre für Domagoj Duvnjak: Der Kieler Spielmacher wurde von der Internationalen Handballföderation (IHF) für die Wahl zum "Welthandballer des Jahres 2017" nominiert. Bis zum 20. Februar haben Fans die Gelegenheit, ihre Stimme für "Dule" online auf der Seite der IHF abzugeben! Für Duvnjak ist es die ingesamt fünfte Nominierung in Folge, 2013 hatte der kroatische Nationalspieler den...

06.02.2018

Kiel. Die Nachwirkungen der Europameisterschaft beim deutschen Handball-Rekordmeister THW Kiel sind schlimmer als erwartet. Herrschte zu Wochenbeginn noch Vorfreude bei Trainer Alfred Gislason auf den Punktspielstart ins Jahr 2018, stellte sich jetzt heraus, dass Kapitän Domagoj Duvnjak für weitere zwei Wochen ausfällt. Die Zebra-Verantwortlichen üben darum scharfe Kritik am kroatischen Verband.

04.02.2018