KN: Er ist wieder da: Zeit für Disco!

Weitere
Donnerstag, 15.12.2016 // 10:00 Uhr

Kiel. Ein Abend mit Christian Dissinger: Ein kurzes Treffen im "Alten Mann" im Kieler Schifffahrtsmuseum, ein schneller Kaffee, dann geht es weiter zum Osteopathen. Einer dieser Wege, auf denen der 25-Jährige seit seiner schweren Verletzung unterwegs ist, zugezogen bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Dissinger absolvierte am vergangenen Sonntag im Spiel des THW Kiel gegen Magdeburg seine ersten sechs Minuten seit vier Monaten. Glücklos, egal, er ist wieder da und freut sich auf das Pokalspiel heute (19 Uhr) in seiner Heimatstadt Ludwigshafen gegen seinen Ex-Verein TSG Friesenheim.

Vier Monate Reha, auch auf ungewohnten Wegen

25 Jahre, das ist kein alter, das ist ein junger Mann, einer mit einer langen Verletzungs-Vita. Mit einer Adduktorenverletzung scheidet "Disse" bei der Europameisterschaft im Januar vorzeitig aus, kämpft sich zurück, wird vor Olympia durch einen eingeklemmten und angerissenen Meniskus im Knie zurückgeworfen. "Danach habe ich nach dreieinhalb Wochen wieder gespielt, habe mich fit gefühlt", sagt der 2,03 Meter große Rückraumriese heute. In Rio ist er wieder da. Der Rest ist eine Leidensgeschichte, die sich Kompartmentsyndrom nennt.

Geblieben ist nach drei Operationen eine 30 Zentimeter lange Narbe am linken Oberschenkel, sind durchtrennte Hautnerven, Taubheit, Kampf. "Ich habe das Bein vier bis fünf Wochen gar nicht belastet, musste mich wieder langsam herantasten", sagt Dissinger zuerst und schiebt dann diesen einen Satz hinterher, der das Gefühl der vergangenen Monate umreißt: "Zum Teil fühlte sich das gar nicht an wie mein eigenes Bein."

Nach zwei Monaten meldet sich der Kopf. Auch, weil der Druck von Außen immer größer wird. Drei bis sechs Monate Pause lautete die Anfangsprognose. Plötzlich Interviewanfragen. Herr Dissinger, wann spielen Sie eigentlich wieder? Dissinger bleibt ruhig, bleibt geduldig, macht es anders als vor den Olympischen Spielen, geht andere Wege. "Ich war offen für neue Einflüsse, hatte nur den Heilungsprozess im Blick." Einflüsse wie Shiatsu, Bach-Blütentherapie oder Osteopathie. Der Frust weicht, die Motivation kommt zurück aus dem Keller. "Zu dem Zeitpunkt waren diese Dinge genau richtig", sagt Dissinger, bei THW-Osteopath Jan Bock auf der Behandlungsliege. "Durch Reha und Aufbau und die damit einhergehende Belastung und Kompensation durch das gesunde Bein ist ein Ungleichgewicht entstanden", sagt Bock. "Ich arbeite daran, die gleichmäßige Funktionalität von Bewegungsapparat, Organsystem und Nervensystem wieder herzustellen."

Die vielen Wege des Christian Dissinger, seit vier Monaten in der Zuschauerrolle. Vier Monate, in denen die jungen Shootingstars Nikola Bilyk und Lukas Nilsson beim THW ins Scheinwerferlicht traten. Auch hier bleibt der 25-Jährige gelassen. "Konkurrenz war in der Reha kein Thema für mich. Die beiden entwickeln sich richtig gut, man muss ihnen Zeit geben. Beide werden ganz schön gehypt, sind aber ganz gelassene Typen, extrem reif." Keine Spur von Neid, Existenzangst. Vielmehr die gewachsene Reife eines oft verletzten Spielers, der weiß, wie schnell der nächste Rückschlag kommen kann.

Dissinger will helfen, wo er nur kann, wurde gegen Magdeburg zu einem extrem undankbaren Zeitpunkt eingewechselt. Die Kieler Felle schwammen Mitte der zweiten Halbzeit davon, Bilyk und Nilsson war der Zahn gezogen, ausgerechnet jetzt sollte Dissinger Akzente setzen. Riskantes Comeback, doch Alfred Gislason weiß, was er an seinem Schützling "Disco" hat: "Seine Rückkehr ist wichtig, mit ihm haben wir im Angriff eine eingespielte Sechs", sagt der Isländer.

Heute ist ein guter Tag für Christian Dissinger. Er spielt in seiner Geburtsstadt Ludwigshafen gegen die TSG Friesenheim, mit der er 2010 in die Erste Bundesliga aufstieg und dann im Oberhaus 65 Tore warf. "Ich war noch nie beim Final Four in Hamburg", sagt der ruhige Rheinpfälzer mit dem linken Bein, das wieder seines ist.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 14.12.2016, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

Mehr zum Thema

Ein ganzer Block extra für Studentinnen und Studenten: Für alle Heimspiele der Zebras im Europapokal stellt die Förde Sparkasse jeweils 80 Tickets kostenlos zur Verfügung. Handballbegeisterte Studierende können sich mit ihrem Studentenausweis die Tickets im Vorfeld der Spiele in der "Studiale" abholen - solange der Vorrat reicht. 

12.11.2018

Kiel. Die Saison ist in vollem Gange, den THW Kiel erwartet ein heißer Jahres-Endspurt mit wichtigen Spielen in Handball-Bundesliga, DHB-Pokal und EHF-Cup-Qualifikation und in der Liga beginnt sich allmählich das Wechselkarussell zu drehen. Auch die Zebras feilen an ihrer personellen Zukunft - in einer neuen Konstellation.

08.11.2018

Nikola Bilyk, Rückraumspieler des THW Kiel, hat sich beim 37:29-Auswärtssieg in Minden am Kapsel-Band-Apparat des rechten Sprunggelenks verletzt. Dabei wurde auch das Außenband in Mitleidenschaft gezogen. Dies wurde nach einer MRT-Untersuchung am Montag im „Mare Klinikum“ durch die medizinische Abteilung des Rekordmeisters diagnostiziert.

05.11.2018

Der Aufsichtsrat, die Gesellschafter und die gesamte THW-Familie trauern um Egon Beeck. Der langjährige Kommanditist der THW Kiel Handball-Bundesliga GmbH & Co. KG verstarb am 28.10.2018 im Alter von 81 Jahren.

03.11.2018

Graz. Alle Zebras kehrten mit der maximalen Ausbeute von vier Punkten von den ersten beiden Spieltagen der Qualifikation zur Handball-Europameisterschaft 2020 zurück.

30.10.2018

Pristina. Die letzte Pflichtaufgabe ist erledigt, jetzt kann die Heim-Weltmeisterschaft kommen: Die deutschen Handballer haben ihr EM-Qualifikationsspiel beim krassen Außenseiter Kosovo am Sonntag klar mit 30:14 (15:5) gewonnen und biegen nun auf die Zielgerade zur WM-Eröffnung am 10. Januar in Berlin ein. Kapitän Uwe Gensheimer und Franz Semper waren vor rund 2300 Zuschauern in Pristina mit...

29.10.2018

Wetzlar. Elf Wochen vor Beginn der Heim-WM nutzen die deutschen Handballer die Pflichtaufgaben in der EM-Qualifikation zum Testen unter Wettkampfbedingungen. Nach dem Schützenfest gegen Israel (siehe siehe Spielbericht) sollen die Abläufe morgen (19.30 Uhr/Sportdeutschland.TV) im Kosovo weiter verfeinert werden.

27.10.2018

Wetzlar. Lange nach Spielende machte Franz Semper am Mittwochabend in der Rittal Arena in Wetzlar Fotos mit Freunden und Familie, die allesamt Semper-Masken vor dem Gesicht trugen. Frech hatte sich der 21-Jährige vom SC DHfK Leipzig beim 37:21 der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB, siehe Spielbericht) gegen Handball-Zwerg Israel ins Bewusstsein der Fans gespielt. Bei der...

26.10.2018