KN-Interview mit Alfred Gislason: "Im ziemlich grünen Bereich"

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Sonntag, 03.01.2016 // 12:58 Uhr

Kiel. Halbzeit-Interview, gar nicht so einfach, einen Termin mit Alfred Gislason zu finden. Der 56-jährige Isländer hat auch über Weihnachten einen vollen Terminkalender. Spiele am 23. und 27. Dezember, Training am zweiten Weihnachtsfeiertag. Und am 28. Dezember geht’s direkt in die Heimat. "Wir können uns auf Island treffen", sagt Gislason, seit 2008 Trainer beim THW Kiel. Er meint das ernst, aber so kurzfristig ist Akureyri, Gislasons Heimatstadt im Norden der Insel, nicht zu erreichen. Stattdessen: Weihnachtsinterview in der Wellseer Trainingshalle vor der Abfahrt nach Köln (und vor der schweren Verletzung von René Toft Hansen), zwischen Hantelbank und Taktik-Tafel. Ehrlich eben.

Halbzeit-Interview über Risiken, Rückschläge und Probleme im Kader

Herr Gislason, waren Sie schon einmal "Seekrank in München"?

[lacht] Den neuen Roman von Hallgrimur Helgason habe ich schon, habe ihn aber noch nicht gelesen. Ich war im November in Kiel bei seiner Lesung. Wir haben danach gequatscht, er kennt sich sehr gut mit Handball aus. Mein Vater ist ein großer Fan, er kennt jedes Buch auswendig. "101 Reykjavík" ist natürlich großartig.

In "Seekrank in München" geht es auch um Heimweh. Ein Gefühl, das Sie in dieser Saison besonders begleitet?

Es gibt Momente, wenn wir wieder Ausfälle in unserem ohnehin sehr dünnen Kader haben - da frage ich mich mitten in der Nacht beim Video-Studium: Warum tust du dir das noch an? Aber es ist einfach ein schöner Beruf. Und dann sehe ich die Entwicklung von jungen Spielern - da gibt es auch sehr viele gebende Momente.

Im Pokal ausgeschieden, in der Champions League Mittelmaß, in der Bundesliga nach Stotterstart im Titelrennen zurück. Wie läuft’s bisher aus Ihrer Sicht?

Es war nicht zu erwarten, dass wir in der Champions League Gruppensieger werden. Wenn wir das Viertelfinale erreichen, werden wir im Rückspiel auswärts gegen ein sehr starkes Team um das Final Four kämpfen. Das wird schwer, ist aber nicht unlösbar. In der Bundesliga haben es die Jungs sehr gut gemacht. Enttäuschend war das Spiel in Göppingen. Und im Pokal wären wir natürlich gern in Hamburg dabei gewesen. Aber wir waren nicht gut genug. Es sind auch einfach so viele Ausfälle: Der Ausfall von Patrick Wiencek hat uns sehr getroffen, besonders in der Abwehr. Andere wie Joan Canellas hatten starke Leistungsschwankungen, wir mussten zwei neue Torhüter integrieren. Es ist ein sehr schwieriges Jahr. Unter den Bedingungen war die Mannschaft zum Teil sehr stark. Auch weil sich ein Neuling wie Christian Dissinger sehr schnell eingearbeitet hat. Insgesamt sind wir im ziemlich grünen Bereich.

Wie oft mussten Sie sich zu Saisonbeginn die Frage gefallen lassen: "Was willst Du denn mit dem Dissinger?"?

Saisonbeginn? Das hat erst vor vier Wochen aufgehört. Es macht mich schon etwas stolz, dass ich vielleicht doch ein wenig Ahnung von Handball habe.

Ist er für Sie der Aufsteiger der Saison?

Absolut. Er und Rune Dahmke. Disse wurde viel kritisiert, galt als Jungstar, galt als arrogant. Ich habe das nicht verstanden. Er wächst in eine Rolle hinein, die ihm keiner zugetraut hat. Diesen Weg müssen wir weitergehen, junge Leute aufbauen, anders können wir mit Mannschaften wie Paris, Veszprem, Barcelona oder Kielce nicht mithalten. Darum holen wir auch Nikola Bilyk. Er bringt fast die gleichen Bedingungen wie Dissinger mit, war bei der Jugend-EM bester Spieler.

Welches Gefühl wog stärker: der Ärger über Ihre höchste Bundesliga-Niederlage mit dem THW überhaupt (21:29 in Göppingen) oder die Genugtuung über eindrucksvoll demontierte Löwen (31:20)?

Göppingen war ein Tiefpunkt. Auch das Spiel in Paris ging mir auf die Nerven. Es war unmittelbar vor unserem überlebenswichtigen Spiel gegen Melsungen. Aber wenn es so läuft wie gegen die Löwen, macht es schon richtig Spaß. Wenn nur nicht immer wieder diese Rückschläge wären.

Rückschläge?

Da spielt der Erste der Liga gegen den Zweiten, und links und rechts kippen die Spieler verletzt um, weil die Belastung bei uns einfach doppelt oder dreimal so hoch ist wie bei anderen Bundesligisten oder Teams in Spanien oder Ungarn.

Darum wollen Sie, dass in Bundesliga-Spielen 16 Spieler statt 14 eingesetzt werden dürfen.

Es ist doch unverantwortlich, dass ein Großteil der Liga dagegen ist. Diese Fraktion - angeführt von Bob Hanning (Manager Füchse Berlin und DHB-Vizepräsident, d. Red.) - muss sich fragen lassen, ob sie für das Wohl des deutschen Handballs denkt. Ein Beispiel: Hätte ich 16 Spieler einsetzen dürfen, hätte Alexander Williams bestimmt in vier oder fünf Spielen mehr seine Einsatzzeiten bekommen.

Gegen die Löwen klappte es über weite Strecken auch ohne Ihre "Lebensversicherung" Domagoj Duvnjak. Hat der Kroate die Lücke, die Filip Jicha hinterließ, geschlossen?

So eine Lücke wird nie eins-zu-eins geschlossen. Er war auch letzte Saison, als Jicha und Palmarsson fehlten, schon stark, hat aber nach ihrer Rückkehr zurückgeschaltet. Jetzt ist es anders: Ich habe Dule vor der Saison zur Nummer eins auf der Spielmacher-Position gemacht. Das hat er angenommen, ist ein absoluter Führungsspieler.

Das hätte auch schiefgehen können. Darf ein Verein wie der THW Kiel auf so einem Personalkarussell ohne Plan B dastehen?

Es war ein Riesen-Risiko, Filip gehen zu lassen, das gebe ich zu. So ein Risiko sind wir zum ersten Mal eingegangen, und ich habe es mitgetragen. Andererseits wissen wir heute: Filip hätte bis jetzt eh kaum spielen können. Ja, wir hatten keinen Plan B. Hätte ich im März gewusst, dass Filip geht, hätte ich Lauge nicht gehen lassen. Aber ich brauchte ja auch eher einen Halblinken, außerdem war Lauge bei uns oft verletzt. Die Zeiten haben sich eben geändert. Die Kataris in Paris können alles kaufen, was sie wollen. Ein ähnliches Risiko bin ich in Magdeburg schon einmal eingegangen. Das hat mich später meinen Job gekostet. Wenn Patrick Wiencek sich nicht verletzt hätte, wäre das Risiko nicht so groß gewesen.

Dissinger und Dahmke heißen die Gewinner - ist Joan Canellas der Verlierer der Hinrunde?

Seit dem Ende der letzten Saison laborierte Joan an einer Schulterverletzung, von der er sich jetzt erst richtig erholt hat. Es mag aber auch sein, dass ihn meine Entscheidung, Duvnjak zur unangefochtenen Nummer eins zu machen, gekränkt hat.

Es gibt Gerüchte, Sie würden Canellas im Tausch gegen Palmarsson nach Veszprem abgeben...

Ich weiß, dass Aron in Ungarn nicht zufrieden ist. Und ja, ich wollte Aron gern zurück in Kiel haben. Aber ich glaube, das wird nicht möglich sein. Ich glaube, dass Aron heute weiß, was er in Kiel hatte. Es stimmt aber, dass wir noch jemanden für den Rückraum suchen.

Wie verbringen Sie den Jahreswechsel auf Island?

Zuerst bin ich einen Abend bei meinem Bruder, der ein Haus in der Nähe des Thingvellir-Tals am kältesten Fluss Islands hat. Danach bin ich mit meiner Frau Kara bei meinem Sohn Elfar (32) und den drei Enkeln in Akureyri. Adelheidur (25) ist nach ihrem Studium wieder in Kiel, Andri (21) studiert in Magdeburg.

(Das Interview führte Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 31.12.2015, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

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