KN: Phänomen Topmodel in der Nationalmannschaft

Weitere
Dienstag, 15.03.2016 // 08:55 Uhr

Berlin. 14 aus 25 - mindestens. Dagur Sigurdsson steht vor seiner womöglich schwersten Aufgabe als Handball-Bundestrainer. Er muss selektieren, muss die Europameister neu herunterbrechen, muss Germany's 14 next Olympia-Handballer aus einem großen Kreis von Kandidaten herausfiltern. Der Druck bis zu den Olympischen Spielen im August in Rio de Janeiro wird ins Enorme steigen. "Ich will unbedingt mit nach Rio", sagt der Kieler THW-Linksaußen Rune Dahmke und ist um Nüchternheit bemüht. "Jeder wird jetzt das Beste geben, das er hat. Und am Ende ist es die Entscheidung des Trainers."

Dagur Sigurdsson kann nur 14 Spieler für Olympia nominieren

Zugegeben, Parallelen zwischen Sigurdssons Kader-Zusammenstellung und dem inhalts- und seelenlosen Selektieren der Heidi K. zwischen werter und unwerter Oberflächlichkeit im TV-Format "Germany's next Topmodel" gibt es kaum. Eine schon: Auch wenn der isländische Europameister-Macher am Ende wahrscheinlich keine Fotos für seine "Bad Boys" austeilt, so wird er vermutlich schweren Herzens irgendwann im Juli Zu- und Absagen aussprechen müssen.

Und wenn man dem 42-jährigen "Eisblock" (DHB-Vizepräsident Bob Hanning) glaubt, der am Wochenende betonte, dass es für ihn keine Europameister mehr gebe, sondern nur noch gute und schlechte Leistungen, dann werden am Ende auch einige Goldjungs von Krakau ohne Ticket für die Copacabana dastehen. Am Ende eines ereignisreichen Lehrgangs in Berlin, der in einem Empfang bei Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Höhepunkt hatte, zeigte sich Sigurdsson zum ersten Mal seit dem Märchen von Polen angefressen: "Dieses ganze Gerede vom Casting und ob man es nun schafft oder nicht - das geht in die Köpfe. Das ist negativ, damit muss man jetzt klarkommen."

Zu selbstverliebt, zu abgehoben - das, was seine Spieler beim 24:26 gegen Katar im zweiten Duell in Berlin zeigten, ging Sigurdsson richtig auf die Nerven. Also wird er genau hinschauen. Hinschauen, was bei den nächsten Tests - am 1. April gegen Dänemark und am 3. April gegen Österreich - passiert. Hinschauen nicht nur bei seinen 18 Europameistern, aus deren Kreis sich der Hannoveraner Kai Häfner vielleicht verabschiedet hat: Am Freitag in Leipzig hatte sich Häfner beim Sieg gegen Katar einen Mittelhandbruch der linken Wurfhand zugezogen. Ist die #RoadToRio nun für den EM-Helden gesperrt? In den beiden Katar-Spielen waren auch Kapitän Uwe Gensheimer, Torwart Silvio Heinevetter, Patrick Groetzki, Michael Müller, Evgeni Pevnov, Manuel Späth und Paul Drux wieder auf den Casting-Laufsteg eingebogen.

Am Beispiel des 29-jährigen Gensheimer lässt sich das Phänomen Topmodel am besten sezieren. Hatte in Polen noch der Kieler Steffen Weinhold das Nationalteam mit überragenden Leistungen, Aufopferung und einem ruhigen Führungsstil gen Titel geleitet, stand Gensheimer in der Sekunde des märchenhaften Triumphes bereits wieder in erster Reihe und ließ sich nach dem Motto "Da bin ich wieder" auch bei der Kanzlerin die Rolle des aufdringlichen Klassenclowns nicht nehmen. Es gebe zwar, sagt Rune Dahmke, der sich mit dem vor der EM verletzt ausgefallenen Gensheimer die Linksaußen-Position teilt, "keine Sticheleien", keiner wolle "dem anderen die Show stehlen". Nur Gensheimer selbst, der einen "extra Olympia-Drive im Training" festgestellt hat, ist am Ende doch "primus inter pares", Erster unter Gleichen.

Der Rhein-Neckar Löwe sträubt sich gegen die Gefahr, als "Unvollendeter" am Ende der Saison nach Paris zu wechseln - nach verpasster EM-Teilnahme und womöglich ohne Meistertitel. Ärgster Konkurrent in der Laufsteg-Kategorie "Rampensau" ist derzeit Torwart Andreas Wolff. Dessen Ziele: Europameister, Weltmeister, Olympiasieger, Welthandballer. "Davon habe ist erst einen Titel erreicht", sagt Wolff. Warum also nicht OIympiasieger werden? "Gold ist keine Utopie", so das 25-jährige Kieler Zebra in spe, das sich selbst in Anlehnung an das neue Image der Nationalmannschaft als "Big bad Wolff" in Szene setzt.

Am Sonntag in Berlin bröckelte Wolffs Selbstbewusstsein für einen Moment. Angefasst sagte Wolff nach einer schlechten Darbietung: "Das geht mir schon sehr nahe, das ist eine verpasste Chance, sich für Olympia in Rio zu zeigen." Neben Wolff machen sich auch Carsten Lichtlein und Rückkehrer Silvio Heinevetter berechtigte Hoffnungen auf eine Nominierung. Für einen wird der Bundestrainer im Juli kein Foto haben.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 15.03.2016, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

Mehr zum Thema

Ein ganzer Block extra für Studentinnen und Studenten: Für alle Heimspiele der Zebras im Europapokal stellt die Förde Sparkasse jeweils 80 Tickets kostenlos zur Verfügung. Handballbegeisterte Studierende können sich mit ihrem Studentenausweis die Tickets im Vorfeld der Spiele in der "Studiale" abholen - solange der Vorrat reicht. 

12.11.2018

Kiel. Die Saison ist in vollem Gange, den THW Kiel erwartet ein heißer Jahres-Endspurt mit wichtigen Spielen in Handball-Bundesliga, DHB-Pokal und EHF-Cup-Qualifikation und in der Liga beginnt sich allmählich das Wechselkarussell zu drehen. Auch die Zebras feilen an ihrer personellen Zukunft - in einer neuen Konstellation.

08.11.2018

Nikola Bilyk, Rückraumspieler des THW Kiel, hat sich beim 37:29-Auswärtssieg in Minden am Kapsel-Band-Apparat des rechten Sprunggelenks verletzt. Dabei wurde auch das Außenband in Mitleidenschaft gezogen. Dies wurde nach einer MRT-Untersuchung am Montag im „Mare Klinikum“ durch die medizinische Abteilung des Rekordmeisters diagnostiziert.

05.11.2018

Der Aufsichtsrat, die Gesellschafter und die gesamte THW-Familie trauern um Egon Beeck. Der langjährige Kommanditist der THW Kiel Handball-Bundesliga GmbH & Co. KG verstarb am 28.10.2018 im Alter von 81 Jahren.

03.11.2018

Graz. Alle Zebras kehrten mit der maximalen Ausbeute von vier Punkten von den ersten beiden Spieltagen der Qualifikation zur Handball-Europameisterschaft 2020 zurück.

30.10.2018

Pristina. Die letzte Pflichtaufgabe ist erledigt, jetzt kann die Heim-Weltmeisterschaft kommen: Die deutschen Handballer haben ihr EM-Qualifikationsspiel beim krassen Außenseiter Kosovo am Sonntag klar mit 30:14 (15:5) gewonnen und biegen nun auf die Zielgerade zur WM-Eröffnung am 10. Januar in Berlin ein. Kapitän Uwe Gensheimer und Franz Semper waren vor rund 2300 Zuschauern in Pristina mit...

29.10.2018

Wetzlar. Elf Wochen vor Beginn der Heim-WM nutzen die deutschen Handballer die Pflichtaufgaben in der EM-Qualifikation zum Testen unter Wettkampfbedingungen. Nach dem Schützenfest gegen Israel (siehe siehe Spielbericht) sollen die Abläufe morgen (19.30 Uhr/Sportdeutschland.TV) im Kosovo weiter verfeinert werden.

27.10.2018

Wetzlar. Lange nach Spielende machte Franz Semper am Mittwochabend in der Rittal Arena in Wetzlar Fotos mit Freunden und Familie, die allesamt Semper-Masken vor dem Gesicht trugen. Frech hatte sich der 21-Jährige vom SC DHfK Leipzig beim 37:21 der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB, siehe Spielbericht) gegen Handball-Zwerg Israel ins Bewusstsein der Fans gespielt. Bei der...

26.10.2018