KN: Wer ist eigentlich Christian Dissinger?

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Dienstag, 05.01.2016 // 12:00 Uhr

Kiel. Frage Nummer eins, als er kam: Wer ist eigentlich Christian Dissinger? Frage Nummer zwei: Was will der THW Kiel mit Christian Dissinger? Ein halbes Jahr später ist der 24-jährige Rückraumspieler beim Handball-Rekordmeister der Überflieger der Saison. 

Disse hat sich nach einem holprigen Start durchgesetzt

Sein Spiel: im Ansatz selbstzerstörerisch, erinnert an den jungen Nikola Karabatic, damals in Kiel. Seine Art: angenehm, zurückhaltend. Disse, wie ihn seine Teamkameraden nennen, ist sensibel, aber kein Sensibelchen. Auf dem Feld scheint es, als könne er seinen Kopf ausschalten. Fahrkarten, auch reihenweise, hemmen ihn längst nicht mehr. Der gebürtige Ludwigshafener braucht das Vertrauen. Und er bekommt es, von seinem Trainer Alfred Gislason, von seinen Nebenleuten. Zwischen den Bauten an der Kieler Wasserseite pfeift der Wind. Dissinger wirkt geerdet. Eine Runde um die Hörn reicht, um den 2,02-Meter-Mann zu Wort kommen zu lassen.

 

Christian Dissinger...

... über seine Kritiker

"Am Anfang lief es nicht, das war merkwürdig. Dann hat es sich irgendwann gedreht", sagt Dissinger. Das Hinspiel bei den Rhein-Neckar Löwen Anfang Oktober wird für ihn zum Fiasko. Einwechslung, Fehler, zwei Minuten, Auswechslung, Höchststrafe. "Mein Wechsel nach Kiel stand nicht unter guten Vorzeichen, ich hatte in Lübbecke keine gute Saison gespielt. Ich konnte die Kritiker verstehen."

Drei Tage nach dem Mannheim-Malheur agiert Dissinger in Plock in der Champions League, als wäre nichts gewesen. Er wird zur echten Option im Abwehr-Innenblock, sorgt für Impulse im Angriff. An diesem 10. Oktober ist der Knoten geplatzt. "Ich habe meinen Kritikern bewiesen, dass ich mehr kann." Auch, weil er die Zeit bekommt, die er braucht. "Jetzt greift ein Rad in das andere." Die Bilanz: 107 Tore in 31 Spielen.

 

... über die Top-Form seines Lebens

Er habe, sagt Dissinger, auch vorher schon Höhen erlebt: Nach der U 21-WM 2011, bei der er zum "Wertvollsten Spieler" gekürt wurde, bis zu seinem ersten Kreuzbandriss. Oder, nachdem er vor der WM 2013 in den 28er Kader der Nationalmannschaft berufen wurde. "Ja, ich bin schon sehr gut in Form. Aber ich hoffe, dass es noch besser geht."

 

... über Filip Jicha und Pierre-Emerick Aubameyang

Dissinger ist Fan von Borussia Dortmund seit seiner Kindheit, obwohl man in Ludwigshafen eher zu Kaiserslautern oder Waldhof Mannheim tendiert. Aubameyang sei ein "verrückter Vogel, schnell und gut". Mit Filip Jicha hätte der 24-Jährige hingegen gern zusammengespielt. "Er verkörpert den perfekten Spieler. Schade, dass er weg ist."

 

... über seine Knie

Erst riss das Kreuzband im linken, dann im rechten Knie. "Heute spielt das keine Rolle mehr - seit mehr als zweieinhalb Jahren." Dissinger sagt aber auch: "Die aktuelle Belastung nimmt unmenschliche Formen an. Wir werden zu Maschinen ausgebildet."

 

... über Vertrauen

Wenn man es bekomme, so wie Dissinger von seinem Trainer Alfred Gislason, dann sei es "unglaublich wichtig, mit das Wichtigste, was es gibt". Dissinger spielt befreiter, offener, will das Vertrauen zurückgeben. "Alfred ist wichtig für mich, wir reden sehr viel." Dass Dissinger in Polen sofort wieder auf dem Feld stand, tat ihm gut. Wenn er erzählt, merkt man ihm das noch heute an.

 

... über Familie

Familie, das ist für das Einzelkind Mutter Sylvia. 2011 starb unerwartet sein Vater, vier Wochen zuvor war der Youngster ausgezogen, als 19-Jähriger in die Schweiz zu den Kadetten Schaffhausen gewechselt. Der Profi-Handballer und seine Mutter telefonieren oft. Über Weihnachten war Sylvia zu Besuch in Kiel. Völlig klar, dass der Sohn einen (kleinen) Weihnachtsbaum besorgt (und geschmückt) hatte. "Damals war es sehr schwierig für sie. Ich bin sehr glücklich, dass sie sich so gut gefangen hat." Nicht nur wegen dieses Satzes: Dissingers Mutter wird stolz sein auf ihren Sohn.

 

... über Schmerzen

Es wird gerissen, geschubst, geschlagen - und dennoch stößt Dissinger immer und immer wieder, zuweilen fast vertikal in die gegnerische Deckung. Sieht nach "Harakiri" aus, nach Aufopferung für sich selbst und die Mitspieler, nach Schmerzen. "Nein, nein, es geht wirklich mit den Schmerzen", sagt Dissinger. Und ergänzt: "Früher war ich sicher noch kopfloser, habe Aktionen gestartet, ohne nachzudenken. Mittlerweile weiß ich, wann ich auch mal zurückstecken muss." Dissinger sagt aber auch: "Ohne Schmerzen gibt es keinen Erfolg."

 

... über den Rhein und die Ostsee

Zu Hause sei das Wetter schöner, milder. "Aber die Ostsee ist natürlich viel schöner als der Rhein. Aber leider war ich erst zwei-, dreimal am Wasser. Trotzdem: Heimat ist Heimat, ich bin immer gern zu Hause."

 

... über Filme und Serien

"Früher habe ich mehr Filme geschaut. Zum Runterkommen, um nicht nur an Handball zu denken. Heute sind es eher Serien." Dissingers Favoriten: "The Walking Dead" oder "Homeland".

 

... über die Meisterschaft

Dissinger glaubt an die Titelverteidigung. "Weil wir zusammengewachsen sind, nachdem am Anfang noch viel Unruhe herrschte. Weil die Löwen in der Hinrunde auch Glück hatten und ich mir nicht vorstellen kann, dass sie die ganze Saison auf diesem Niveau weitermachen."

 

... über die EM im Januar

Europa- und Weltmeisterschaften sollten, so "Disse", im Sommer ausgetragen werden. "Ich werde bei der EM alles aufsaugen wie ein Schwamm und hoffe, ein gutes Turnier zu spielen. Ich will Spaß haben und jedes Spiel genießen."

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 02.01.2016, Foto: Archiv/Sascha Klahn)

 

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