Süddeutsche Zeitung: Kieler Getriebe - die Achse sticht heraus

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Freitag, 22.01.2016 // 09:12 Uhr

Ach, was waren das für Zeiten, als der Bundestrainer Heiner Brand bei jedem internationalen Handball-Turnier geschimpft hat über den Rekordmeister THW Kiel: tut nichts für den deutschen Nachwuchs, gibt einheimischen Spielern generell keine Chance, holt bloß die besten Ausländer, will immer nur selbst Titel und Trophäen gewinnen, nichts zum Erfolg der Nationalmannschaft beitragen. "Wenn du beim THW spielst, hast du normalerweise schon eine Weltkarriere hingelegt", sagt Kiels Linksaußen Rune Dahmke, "aber das hat sich geändert."

Deutsche Weltkarrieren made in Kiel

Zwei Hoffnungsträger des deutschen Handballs: Die beiden Kieler Christian Dissinger und Rune Dahmke

Egal, wie diese EM endet für das verletzungsbedingt verjüngte DHB-Team - mit dem Erfolg in der nervenaufreibenden Partie gegen Schweden hat sie ihr Potenzial demonstriert. Für die Heim-WM 2019 und Olympia 2020 in Tokio zeichnen sich prima Perspektiven ab. Und der THW Kiel wird dabei eine große Rolle spielen. "Es wird so sein, dass viele von den Spielern, auf die Deutschland setzt, künftig aus Kiel kommen", prophezeit THW-Manager Thorsten Storm.

Nach Wroclaw, dem früheren Breslau, hat er zwar nur drei Mann geschickt, die den THW nun im 16er-Kader von Bundestrainer Dagur Sigurdsson vertreten: die Rückraumspieler Steffen Weinhold (29, rechts) und Christian Dissinger (24, links) sowie den Linksaußen Dahmke, 22. Aber im Sommer wechselt der bei der EM bislang herausragende Torwart Andreas Wolff, 24, von der HSG Wetzlar nach Kiel; und bis dahin dürfte auch der deutsche Abwehrchef und Kreisläufer Patrick Wiencek, 26, von seinem Kreuzbandriss erholt sein. Bleiben alle gesund, dürften sie bei WM 2019 und Olympia 2020 die zentrale Längsachse bilden, quasi das Getriebe der Mannschaft. Bei der letzten EM-Teilnahme der DHB-Männer, 2012 in Serbien, waren die Kieler nur Randfiguren, Dominik Klein auf Links- und Christian Sprenger auf Rechtsaußen.

Berücksichtigt man noch, dass die Füchse Berlin gerade eine Querachse zusammenbasteln, dann kann die DHB-Auswahl künftig wohl auf zwei starke, vor allem aber eingespielte Blöcke bauen - so wie die Fußballer in den 70er-Jahren ihre Triumphe auf die Blöcke von Bayern München und Borussia Mönchengladbach gegründet haben. Die Berliner holen zur kommenden Saison Steffen Fäth, 25, aus Wetzlar; mit dem in Wroclaw verletzt fehlenden Paul Drux, 21, und dem Linkshänder Fabian Wiede, 21, können sie dann den gesamten Rückraum im DHB-Team bestücken.

Torhüter Wolff sticht heraus

Ab der kommenden Saison ein Zebra: DHB-Torhüter Andreas Wolff

Während Füchse-Manager Bob Hanning, gleichzeitig DHB-Vizepräsident für Leistungssport, seit jeher als Förderer von deutschen Talenten bekannt ist (er trainiert immer noch die A-Jugend), ist diese Entwicklung in Kiel neu. Manager Storm bestreitet allerdings, dass der THW seine Vereinsinteressen zugunsten des Verbandes zurückstellt. "Es freut uns natürlich, dass wir künftig die Achse der Nationalmannschaft stellen werden", sagt er: "Das war aber nicht das Kriterium bei der Auswahl der Spieler."

Der Klub sucht weiterhin europaweit nach Verstärkung, wie die am Dienstag bekannt gegebene Verpflichtung des schwedischen Jung-Nationalspielers Lukas Nilsson, 19, zeigt. Aber die finanziellen Rahmenbedingungen im europäischen Handball haben sich geändert, der THW Kiel ist nicht mehr Branchenkrösus. Paris, Barcelona, Veszprem, Skopje oder Kielce locken mittlerweile die Besten. "Man muss auf Spieler setzen, die sich noch weiterentwickeln, die erst noch werden wie Mikkel Hansen und Nikola Karabatic", sagt Storm, denn: "Die sind in Deutschland nicht mehr bezahlbar."

Also setzt der THW Kiel zwangsläufig mehr auf einheimische Talente wie Christian Dissinger, der nach zwei Kreuzbandrissen bereits abgeschrieben war, aber nach seinem Wechsel aus Nettelstedt in dieser Saison aufblüht. Auf solche wie das Eigengewächs Rune Dahmke, das Trainer Alfred Gislasson allmählich an internationales Spitzenniveau herangeführt hat.

Und auf solche wie den Torwart Andreas Wolff, der seinen Schritt von Wetzlar nach Kiel so begründet: "Ich muss mich auf ein internationales Niveau begeben und mich dort mit den Besten messen, wenn ich besser werden will." Das komme dann wiederum der Nationalmannschaft zugute, dass der Zwei-Meter-Mann künftig mit dem dänischen Weltklasse-Torwart Niklas Landin konkurrieren müsse, glaubt Thorsten Storm.

Dass Andreas Wolff schon jetzt ziemlich gut ist, hat er gegen Schweden bewiesen, nachdem er den glücklosen Routinier Carsten Lichtlein im Tor abgelöst hatte. "Er hat bis jetzt Super-Leistungen gebracht", lobte Bundestrainer Sigurdsson den EM-Neuling. 

Wolff selbst sagt: "Ich erhebe keinen Anspruch, die Nummer eins zu sein." Zumindest nicht jetzt in Wroclaw. Er kann warten, bis seine Zeit kommt, 2019, 2020. Carsten Lichtlein ist dann fast 40. Auch er wird irgendwann den Weg freimachen für die Kieler Achse.

(Von Joachim Mölter, aus der Süddeutschen Zeitung vom 20.01.2016, Foto: Sascha Klahn)

 

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