ZEBRA-Interview mit Thorsten Storm: "Sehr gute Perspektive"

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Sonntag, 18.09.2016 // 09:21 Uhr

Wie steht es um den THW Kiel? Das THW-Arena-Magazin ZEBRA traf Geschäftsführer Thorsten Storm in seinem Sommerurlaub auf Sylt. Ein Gespräch über hervorragende Perspektiven des Rekordmeisters und ungelöste Konflikte in der Gegenwart und Zukunft des deutschen Handballs.

Dieser Artikel ist im Arena-Magazin ZEBRA zum Heimspiel gegen Frisch Auf Göppingen erschienen

ZEBRA: Herr Storm, der THW Kiel vollzieht gerade einen Umbruch. Wo steht er heute?

THORSTEN STORM: Sportlich hat schon die vergangene Saison gezeigt, welcher Geist in dieser Truppe steckt, aber dass wir uns alles wieder neu und hart erarbeiten müssen. Es war zwar zweifelsohne eine ganz, ganz schwere Saison, aber unsere Jungs haben, auch ohne einen Titel gewonnen zu haben, bis zur letzten Sekunde gekämpft. Das ist uns am Wichtigsten.
Ich bin mir sicher, wenn uns nun nicht noch einmal eine solche Verletzungs-Seuche ereilt, dann werden wir im Jahr zwei unseres Umbruchs sehr viel Freude an dieser Mannschaft haben. Strukturell hat sich der gesamte Club ebenfalls neu aufstellen können. Mit der Star Orlen Gruppe gibt es den wichtigen neuen Hauptsponsor, und in der Infrastruktur zum Beispiel der Nachwuchsarbeit und dem neuen Trainingszentrum, das 2018 entstehen soll, beste Perspektiven.
Zudem wurden in den Media-Reichweiten bundesweit Rekordzahlen für den Handball erreicht. In den sozialen Netzwerken setzen wir und die Mannschaft hier stark auf die Kommunikation mit unseren Fans. Das geschieht alles nicht zufällig und stand auf der Agenda des THW Kiel ganz oben.

"Zuerst kommt der THW Kiel"

In den Dünen von Sylt traf sich die ZEBRA-Redaktion mit Thorsten Storm

Wie schwer war es, im Sommer immer wieder damit konfrontiert worden zu sein, dass der THW Kiel keinen Titel gewonnen hatte

Kurzfristig tut das immer weh, ansonsten wäre man im Sport verkehrt. Mittel- und langfristig wird der THW Kiel wieder seine sportlichen Ziele erreichen. Durch den kurzfristigen Abgang von Filip Jicha war es in der zurückliegenden Serie klar, dass in so kurzer Zeit kaum eine neue Führungspersönlichkeit das Ruder auf dem Spielfeld übernehmen wird. Als nach der Hälfte der Saison abzusehen war, welche Spieler uns alle ausfallen würden, war ein besseres Ende kaum möglich.

Nervt und schmerzt es trotzdem?

Es war doch auch in den zurückliegenden beiden Jahren sehr knapp. Einmal waren es zwei Tore, dann ein Punkt. Vielleicht waren die anderen einmal dran und haben die Situation genutzt und diesen Tick besser gespielt. Das muss man dann auch sportlich anerkennen. Aber dieser Schmerz muss auch anspornen und dazu führen, dass wir noch kreativer, aggressiver und egoistischer mit den Zielen des THW Kiel umgehen. Zuerst kommt der THW Kiel und dann alles andere.

"Haben Aron ein Angebot unterbreitet"

Alfred Gislason sagte in einem Interview mit den Kieler Nachrichten, Aron Palmarsson wäre nun das einzige Puzzleteilchen, was ihm noch fehlt. Wie ist die Mannschaft tatsächlich aufgestellt?

Natürlich würde Aron Palmarsson jeder Mannschaft der Welt helfen, auch dem THW Kiel. Fakt ist aber auch, dass er und sein damaliges Umfeld sich für einen Drei-Jahres-Vertrag in Veszprem entschieden haben. Als er uns signalisierte, dass er gerne zurückkommen möchte, haben wir ihm ein Angebot unterbreitet. Das war's. Mehr kann man dann auch nicht tun. Unsere Mannschaft ist top besetzt, und ich bin mir sicher, dass Alfred und die Mannschaft auf dem richtigen Weg sind. Dass wir durch eine schwierige Saison-Startphase gehen, ist allen Beteiligten nach nur einer Woche Vorbereitungszeit klar. Das müssen wir so gut wie möglich durch noch mehr persönlichen Einsatz kompensieren.

"Solche Typen brauchen wir"

"Hei darauf, in Kiel zu spielen": Die fünf Neuzugänge des THW

Glauben Sie, dass wir derzeit den Beginn einer neuen Ära erleben, in der die Spieler wieder langfristig in Kiel bleiben?

Das hoffen wir. Alle, die jetzt in Kiel sind, sind heiß darauf, hier zu spielen. Sie alle wollen in Kiel Titel gewinnen. Andreas Wolff, Raul Santos, Nikola Bilyk oder Lukas Nilsson - diese Spieler haben alle noch zehn oder 15 Jahre Handball vor sich und spielen bereits heute schon auf einem sehr hohen Niveau. Unsere Aufgabe ist es, diesen Kern mit weiteren Spielern wie Niklas Landin, Domagoj Duvnjak, Steffen Weinhold oder auch Niclas Ekberg zu halten. Diese Verträge haben wir teilweise bereits langfristig abgeschlossen. Mit Niklas Landin werden wir auch bald sprechen. Wenn es uns gelingt, diese Akteure längerfristig an uns zu binden, und die Spieler nicht durch den Terminwahn kaputtgehen, dann ist der THW Kiel blendend aufgestellt.

Wie schwer fällt es heute, Spieler vom THW Kiel zu überzeugen?

Von diesem Klub geht nach wie vor eine einzigartige Faszination aus. Einen vergleichbaren Mythos wird man in der Handballwelt nirgendwo anders finden. Nichtsdestotrotz arbeiten wir in Parallelwelten. Eine harmonierende Mannschaft organisiert man nicht von heute auf morgen. Tolle, passende Spieler muss man erst finden. Immer den aktuell besten Spieler irgendwo rauskaufen, machen heute zumeist andere Vereine in Europa, die wirtschaftlich oft anders mit Verträgen umgehen. Die Spieler, die wir jetzt haben, haben sich ganz bewusst für den THW Kiel und eine Stadt entschieden, in der der Handball gelebt wird. Und solche Typen brauchen wir auch. Und dass Geld wichtig, aber längst nicht alles ist, das haben wir gerade mit der Rückkehr von Christian Zeitz erlebt.

 

"Eine Riesen-Fangemeinde in der Welt"

Für welche Werte steht der THW Kiel?

Für Tradition, aber eben auch Leidenschaft und dafür, immer wieder über den Tellerrand hinaus nach vorne zu denken. Der THW Kiel ist ein Botschafter des Handballs in ganz Europa. Eine Riesen-Fangemeinde des Clubs ist über die ganze Handballwelt verteilt. Es ist ein Mythos. Die Fans bleiben immer. Und die Spieler sind Profis, die hoffentlich lange bleiben, aber irgendwann immer einen Nachfolger haben werden.

Der THW Kiel hat es sportlich zunehmend schwerer, sich mit Europas Besten zu messen…

Wir treten natürlich in allen Wettbewerben an, um zu gewinnen. Aber das ist in der Champions League inzwischen deutlich schwerer geworden. Nicht, weil wir schlechter sind, sondern weil wir als deutsche Mannschaft in der Bundesliga ganz einfach eine viel zu hohe Belastung haben, wenn wir alle Wettbewerbe bis zum Ende spielen. Wenn wir zum VELUX EHF Final4 nach Köln reisen, haben wir gegenüber der Konkurrenz fast die doppelte Anzahl an schweren Spielen auf dem Buckel. Letztlich haben wir mit der Bundesliga und der Champions League zwei konkurrierende Systeme, die nie einen Konsens finden werden. Ich glaube mittlerweile jedenfalls nicht mehr an eine Lösung.

"THW bildet Gerüst der Nationalmannschaft"

Drei von aktuell fünf Nationalspielern aus Kiel: Steffen Weinhold, Christian Dissinger und Rune Dahmke

Nicht einmal die 18 Bundesliga- Klubs sind sich einig … 

Die Bundesliga möchte die stärkste Liga der Welt sein, aber uns laufen zunehmend die Stars davon, weil die Belastung für die deutschen Champions-League-Clubs hier schlicht zu groß ist und viele Spieler sich dieser nicht mehr unterwerfen wollen. Stattdessen verdienen sie woanders sogar mehr bei deutlich weniger Aufwand. Für die Nicht-Champions-League-Starter in der Bundesliga ist es dagegen eher interessant, dass die Liga spannend ist. Wenn die Top-Mannschaften müde sind, wenn sie bei den "Kleinen" antreten müssen, können sie leichter geschlagen werden. Deswegen ist aus meiner Sicht auch der viel diskutierte Antrag auf eine Erhöhung von 14 auf 16 spielberechtigte Akteure in jedem normalen Bundesliga-Spiel, so wie es international überall üblich ist, abgelehnt worden.

Wie enttäuschend ist das?

Sehr enttäuschend für die Protagonisten, die sich diesen Terminstress mit Nationalmannschaft, Champions League und Bundesliga antun. Es wird diesen Spielern einfach nicht gerecht. Aber es war natürlich schwer, eine Mehrheit zu generieren, weil von 18 Bundesligisten und der gleichen Anzahl an Zweitligisten eigentlich nur drei Mannschaften betroffen sind. Und insofern schaut jeder Verein nur auf sich selbst. Im Umkehrschluss ist es allerdings so, dass die Mannschaften, die in der Champions League unterwegs sind, auch viel für die Nationalmannschaft tun. Schließlich bildet der THW Kiel mittlerweile das Gerüst der deutschen Nationalmannschaft und tut gegenüber früheren Zeiten sehr viel für den deutschen Handball.

"Ich glaube nicht an einen Konsens"

Wird denn überhaupt ernsthaft gemeinsam an einer Lösung gearbeitet?

Dieses Problem ist lange bekannt. Wir haben viel getan. Von einer Abgabe aus Europapokal-Einnahmen angefangen bis hin zu der Bereitstellung von Top-Arbeitsplätzen für deutsche Nationalspieler auf höchstem Niveau. Spiele ich nur in der Bundesliga, werde ich auch mit der Nationalmannschaft international keine Titel gewinnen. Wenn die Nationalspieler einen Nikola Karabatic oder einen Mikkel Hansen erst bei einer Weltmeisterschaft das erste Mal treffen, dann gibt's wahrscheinlich das große Flattern. So aber ist es der Fall, dass sie über ihren Arbeitgeber - und das ist der THW Kiel oder ein anderer Champions-League-Teilnehmer - über das Jahr verteilt gesehen mehrfach gegeneinander spielen und sich mit diesen Topspielern messen. Und all das führt dazu, dass sich die deutschen Nationalspieler verbessern. Das wird gerne genutzt und genommen, aber andererseits wird den Spielern, die all dies leisten, nicht geholfen. Weil man einfach nur nehmen möchte und selbst nicht bereit ist, zu geben. Deswegen glaube ich nicht an einen Konsens.

"Egoistischer die Ziele des THW verfolgen"

Thorsten Storm warb in Japan für den Handball und den THW Kiel

Läuft die Liga Gefahr, ihren Status als stärkste Liga der Welt zu verlieren?

Es ist eine sehr ausgeglichene Liga. Aber ob hier auch die stärksten Mannschaften Europas spielen, möchte ich mittlerweile in Frage stellen. Man sieht ja, wie die Champions League ausgeht. Wir haben ganz sicher Topspieler und im Idealfall auch das Zeug dazu, auch diese zu gewinnen. Aber dafür bedarf es in Deutschland ein Stück weit auch einer Solidargemeinschaft. Und die haben wir im Moment leider nicht. Wir müssen - und damit meine ich besonders unsere Spieler - egoistischer die Ziele des THW Kiel verfolgen. Uns wird niemand helfen. In erster Linie muss es um unsere Gemeinschaft hier in Kiel gehen. Um den Verein, der auch unser Arbeitgeber ist. Den müssen wir schützen. Dann erst kommen andere sportliche Themen wie die Nationalmannschaften. Wenn man fit ist und alle Spiele absolvieren kann, dann geht auch das. Ansonsten muss man sich in den wenigen Pausen erholen.

Ist die Bundesliga unter diesen Umständen für den THW Kiel denn noch interessant?

Die Bundesliga ist unsere Basis, unser tägliches Brot, davon ernähren wir uns alle. Aber wie aktuell in Japan versuchen wir, auch neue Wege zu gehen und den Spagat zwischen nationalen und internationalen Interessen zu vollziehen. Aber es wird immer unser Ziel bleiben, die deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Nur müssen wir immer neue Wege finden, um wirtschaftlich mit Mäzenaten-Clubs oder zum Beispiel Paris mit Unterstützung aus Qatar mitzuhalten. Aber dafür treten wir ja an.

"Wir haben Meilensteine geschaffen"

In den Dünen von Sylt traf sich die ZEBRA-Redaktion mit Thorsten Storm

Werden Sie diese Ansprüche auch in Zukunft erfüllen können?

Parallel zu dem sportlichen Umbruch haben wir Meilensteine in der Klub-Strategie und in den Rahmenbedingungen geschaffen. Insgesamt sind wir im Sponsorenumfeld neben der starken Basis unserer Region zudem viel breiter und auch nationaler aufgestellt. Mit star hat der THW Kiel für die kommenden drei Jahre den ersten Hauptsponsor nach den Provinzial gewinnen können. Zudem haben wir den Vertrag mit unserem Ausrüster adidas zu tollen Bedingungen langfristig um weitere fünf Jahre verlängert. Und adidas hat gezeigt, wie wichtig ihnen der THW Kiel ist. Außerdem haben wir endlich die Weichen für ein eigenes Trainingszentrum gestellt, das uns optimale Rahmenbedingungen garantieren wird. Der THW Kiel ist für die Zukunft also bestens gerüstet.

(Interview und Fotos: Sascha Klahn/Aus dem THW-Arena-Magazin ZEBRA)

 

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