ZEBRA Journal: Die Titelhamster auf Diät

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Donnerstag, 23.06.2016 // 15:05 Uhr

13. Die erste Saison des THW Kiel ohne großen Titel seit 13 Jahren. 13 schwere Verletzungen vom Kreuzbandriss bis zum Handbruch. Alfred Gislason bemühte immer wieder das Wort von der "Bastelarbeit". Bastelarbeit, die der Trainer des THW Kiel in dieser Saison auf beispiellose Art zu bewältigen hatte. Sechs Akteure mussten im Verlauf dieser Spielzeit "über Nacht" nachverpflichtet, integriert werden. Allein nach der Europameisterschaft wurden die Zebras einem umfassenden Makeover unterzogen. Allen Bemühungen zum Trotz: Für einen Titel reichte es nicht. Dass der THW in Bundesliga und Champions League trotzdem fast bis zum letzten Spieltag im Titelrennen mitmischte, ist das eigentliche Wunder.

Zum ersten Mal seit 2003 erlebte der THW Kiel eine Saison ohne Trophäe

Dieser Artikel ist im ZEBRA Journal der Kieler Nachrichten erschienen

Am Anfang stand die Akte Jicha, der Abgang des Weltstars, der eine Lücke riss. Jicha, Palmarsson, Lauge gingen, und dem THW fehlte irgendwie Plan B. Strategische Fehler auf diesem rasanten Personalkarussell bildeten eine unglückliche Allianz mit nie da gewesenem Pech. Die Verantwortlichen - Geschäftsführer Thorsten Storm und Trainer Alfred Gislason - sprachen von einem Umbruchjahr, dem Jahr eins nach dem tschechischen Welthandballer. Doch warum sich so lange hinter dem Abgang Jichas verstecken? Schließlich war es auch das Jahr eines Domagoj Duvnjak. Der kroatische Spielmacher leistete Übermenschliches. Nicht auszudenken, was ohne die vielen Verletzungen unter dem Zepter des Ausnahmekönners möglich gewesen wäre.

Immer wenn die Zebras wieder aufstanden, warf sie die nächste Verletzung zurück, trafen Nacht-und-Nebel-Verpflichtungen auf dem schwarz-weißen Gleis des Verschiebebahnhofs ein. Insgesamt tummelten sich 23 Spieler im Kader. Alles lässt sich damit gewiss nicht erklären. Nicht die frühe, desolate Niederlage in Göppingen, nicht das klare Pokal-Aus im Viertelfinale gegen Flensburg. Schnell war der erste "Pott" dahin, die Meisterschaft in weite Ferne gerückt. Aber Spiele gegen Veszprem, Szeged, Barcelona oder das Final Four in der Champions League zeugten von der Kieler DNA, lieferten den Beweis: Das Kieler Immunsystem war noch nicht ganz am Boden. Das Halbfinale als beste deutsche Mannschaft in der Königsklasse, diesen existenziellen Fight bis in die Verlängerung hinein, werden die Fans so schnell nicht vergessen.

Eine Saison ohne Titel. Na und!? 2003, Magnus Wislander war gerade erst gegangen, war in der Kieler Krise eine neue Ära bestenfalls zu erahnen. Das ist in diesem Jahr anders. Storm und Gislason haben die Weichen für die Zukunft frühzeitig gestellt, Achsen-Spieler wie Duvnjak, Dissinger,Weinhold, Dahmke langfristig an den Verein gebunden. Für die Zukunft stehen auch die Neuzugänge: Deutschlands bester Torwart Andreas Wolff, die Super-Talente Lukas Nilsson und Nikola Bilyk, Linksaußen Raul Santos. Und vielleicht kehrt Aron Palmarsson, der verlorene Sohn, an die Förde zurück. Die neue Ära wird ohne Dominik Klein eingeläutet. Mit ihm geht der letzte Champions-League-Sieger von 2007, Gesicht der Mannschaft, Publikumsliebling, Teil des Sieger-Gens. Ist es richtig, ihn gehen zu lassen, nicht langfristig in das Umfeld der Zebras einzubinden? Vielleicht lässt sich diese Frage erst am Ende der kommenden Ära beantworten - in 13 Jahren? 

(Von Tamo Schwarz, aus dem ZEBRA Journal der Kieler Nachrichten vom 18.06.2016, Foto: Sascha Klahn)

 

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