ZEBRA Journal: Hier bitte nicht mehr zusteigen

Weitere
Samstag, 25.06.2016 // 15:12 Uhr

Die Personalplanung des THW glich in der vergangenen Saison einem Flickenteppich. Dreizehnmal fielen Spieler verletzungsbedingt für mindestens vier Wochen aus. Sechsmal reagierte der THW mit Nachverpflichtungen. Die Ankünfte und Abfahrten am Bahnhof THW. 

Dieser Artikel ist im ZEBRA Journal der Kieler Nachrichten erschienen

Das erste Überraschungs-Ticket nach Kiel löste Erlend Mamelund. Kurz vor Saisonbeginn hatte Kapitän Filip Jicha sich für ein Last-Minute-Angebot des FC Barcelona entschieden und eine große Lücke im linken Rückraum hinterlassen. Die sollte der 31-jährige Norweger zumindest in Teilen stopfen. Eine SMS vom ehemaligen Kieler Co-Trainer Ole Viken, ein Anruf von Alfred Gislason - und Mamelund, der sich als Wirtschaftsprüfer und Spieler für Haslum HK in der norwegischen Heimat eingerichtet hatte, war wieder mittendrin im Profigeschäft. In Kiel wurde der 1,97 Meter große Rechtshänder zum Abwehrspezialisten. "Es ist das erste Jahr in meinem Leben, in dem ich beinahe nur in der Abwehr spiele. Aber es macht Spaß", sagt er.

Schließlich wurde er sogar Kandidat für die Wahl zum besten Abwehrspieler der Champions-League-Saison. Die Rückfahrt in sein altes Leben trat er nach Saisonende wie geplant und mit guten Erinnerungen im Gepäck an. "Es ist schade, dass es mit der Meisterschaft nicht geklappt hat", sagte er. "Aber auch so war es ein gutes Jahr, in dem ich viele tolle Momente hatte und viel gelernt habe."

Igor Anic buchte sein Rückfahrticket in die Bundesliga durch den Kreuzbandriss von Patrick Wiencek. Der Franzose, der bereits von 2007 bis 2010 ein Zebra war, half von Oktober bis Juni am Kreis aus. Aus Nantes reiste er direkt nach Mannheim, um im Spitzenspiel gegen die Rhein-Neckar-Löwen sein Comeback zu geben. In 38 Spielen erzielte der zweifache Familienvater 48 Tore für den THW. Außerdem machte er sich bei Fans und Teamkollegen einen Namen als Youtuber. Auf dem Videoportal dokumentiert er seinen Alltag mit Training, Reisen und Familienaktivitäten. Sein Wunsch, in Deutschland zu bleiben, ging nicht in Erfüllung. Fortan wird er für Saran HB, Erstliga-Aufsteiger in Frankreich, spielen.

Der dritte Kreuzbandriss innerhalb eines Jahres riss erneut ein Loch am THW-Kreis. Kapitän René Toft Hansen hatte es erwischt. So wurde Ilija Brozovic vom Kreisläufer mit Existenzängsten beim insolvenzbedrohten HSV Hamburg zum fünften Mann am Kreis, der in dieser Saison beim THW unter Vertrag stand. Der Kroate bekam einen Kontrakt bis 2017, spielte sich sofort in die erste Reihe und stabilisierte die Abwehr. Als Patrick Wiencek zurückkehrte, harmonierte das Duo auf Anhieb im Mittelblock. "Sie haben gespielt, als würden sie sich ewig kennen", schwärmte Alfred Gislason.

Den Europameister-Titel der Deutschen bezahlte der THW mit Verletzungen von Steffen Weinhold (Muskelbündelabriss im Adduktorenbereich) und Christian Dissinger (Muskelfaserriss). Zeitgleich wurde dem schon seit Jahren am Rande der Insolvenz balancierenden HSV Hamburg die Lizenz entzogen. Dener Jaanimaa, 26-jähriger Halbrechter und seit Saisonbeginn in Hamburg, sortierte Angebote. Eines kam aus Katar. "Da ging es um richtig, richtig viel Geld", sagt der Este. Aber: "Mein Herz hat 'Nein' gesagt." Beim THW sagte es "Ja". Seitdem ist Jaanimaa bei den Zebras der Mann für Überraschungsmomente. Meist bereichert er das Spiel mit schnellen Antritten und einer schwer durchschaubaren Wurfauswahl.

Aber ein bisschen Wahnsinn ist bei "Danger" auch immer dabei. "Manchmal wissen weder Alfred noch ich, was ich gerade mache", scherzt er. Offenbar stört Gislason das nicht. Im Mai verlängerte Jaanimaa seinen auslaufenden Vertrag bis 2017.

Auch im linken Rückraum brauchte der THW Anfang Februar noch Verstärkung. Er fand sie in Blazenko Lackovic. Der 35-Jährige, der schon in Flensburg und Hamburg gespielt hatte, kam vom mazedonischen Top-Klub Vardar Skopje und erhielt einen Vertrag bis 2017. "Ich hätte nicht gedacht, als Handballer noch einmal nach Deutschland zurückzukehren", sagte er. "Ich freue mich richtig auf das Zusammenspiel mit meinem Freund Dule (Domagoj Duvnjak, d. Red.)." Dazu kam es bislang nur in der Liga. In der Champions League war Lackovic nicht spielberechtigt, da er dort bereits für Vardar aufgelaufen war. Auch ihn erwischte das Verletzungspech. Bei seinem Debüt zog er sich eine Knieprellung zu, im Mai brach er sich den Mittelhandknochen.

Am letzten Spieltag hieß es auch Abschied nehmen am Bahnhof THW. Als Durchgangsstation erwies er sich für Joan Cañellas und Rogerio Ferreira. Die beiden Zimmerkollegen auf Auswärtsfahrten reisen nach Skopje weiter. Cañellas, der in seiner zweiten THW-Saison nicht an Duvnjak auf der Spielmacherposition vorbei kam, sagte: "Ich wollte viele Jahre bleiben. Aber ich bin clever genug, zu erkennen, wenn irgendwo nicht mehr mein Platz ist." Ferreira konnte sich in einem Jahr an der Förde nicht durchsetzen. Der 22-jährige Kreisläufer folgt Cañellas zu Vardar Skopje. Verabschiedet wurden außerdem Nikolas Katsigiannis, der nach seinem einjährigen Zwischenstopp in Kiel nach Erlangen zurückkehrt, Nachwuchs-Torwart Dominik Plaue, Torsten Jansen (beide HSV Hamburg) und Dominik Klein (HBC Nantes).

(Von Merle Schaack, aus dem ZEBRA Journal der Kieler Nachrichten vom 18.06.2016)

 

Mehr zum Thema

Mit Beginn der Saison 2019/2020 ist das Ostsee Resort Damp (ORD) neuer Partner des deutschen Handball-Rekordmeisters THW Kiel. "Wir freuen uns, mit dem Ostsee Resort Damp einen klasse Partner an unserer Seite zu wissen. Regional verwurzelt, national und international eine starke Marke: Das trifft auf beide Partner zu und ist die Basis einer spannenden Zusammenarbeit, von der beide Seiten...

25.06.2019

Während im Hintergrund noch fleißig Blumenkränze geflochten wurden, eröffnete Moderator Gerhard Müller die Talk-Reihe zur Kieler Woche in der KN-Medienlounge am Olympiahafen in Schilksee mit einem besonders prominenten Gast: Er sprach mit Viktor Szilágyi, Sportlicher Leiter des THW Kiel, über die Zukunft der Zebras, blickte aber auch auf die vergangene Saison zurück. 

24.06.2019

Während der Kieler Woche ist Schilksee das sportliche Mekka der größten Segelveranstaltung der Welt. Während auf dem Wasser um Medaillen gekämpft wird, ist auch an Land eine Menge los. Einer der Hotspots im Olympiahafen ist in jedem Jahr die KN-Medienlounge. In dem 100 Quadratmeter großen Zelt der Kieler Nachrichten trifft man sich täglich von 10 bis 20 Uhr zum Schnacken, für Aktionen und...

21.06.2019

EHF-Pokal-Gewinner in eigener Arena, elfter DHB-Pokalsieg in Hamburg und in der Meisterschaft bis zuletzt für Spannung gesorgt: Der THW Kiel hat eine äußerst erfolgreiche Saison hinter sich. Mit mehr als 5000 Fans feierte der deutsche Rekordmeister und -pokalsieger auf dem Rathausplatz diese Spielzeit, die nun auch Schwarz auf Weiß mit einem interessanten Rückblick gewürdigt werden wird. Das 52...

20.06.2019

Nach dem letzen Saison-Spiel, der Feier auf dem Rathausplatz und den folgenden EM-Qualifikationsspielen mit den Nationalmannschaften konnten die Zebras endlich ihren wohlverdienten Urlaub antreten. Bereits am 15. Juli versammelt Trainer Filip Jicha die Mannschaft des THW Kiel wieder um sich - dann beginnt die Vorbereitung auf die neue Spielzeit.

19.06.2019

Marko Vujin konnte leider aus gesundheitlichen Gründen beim letzten Saisonspiel nicht in der Halle sein. Trotzdem verneigt sich Kiel vor der Nummer "41" und hofft darauf, Marko alsbald persönlich in der Sparkassen-Arena verabschieden zu können.

17.06.2019

22 Jahre lang hat Alfred Gislason (59) in der Bundesliga gearbeitet, zuletzt elf Jahre als Trainer des THW Kiel. Mit den Zebras gewann der Isländer 20 Titel. Am Sonntag stand er beim 30:26 gegen Hannover-Burgdorf zum letzten Mal in Kiel an der Seitenlinie. Bis ins neue Jahr will Gislason Pause machen, dann eine Nationalmannschaft übernehmen. Im Interview spricht er über den Abschied aus Kiel,...

14.06.2019

Er ist ein Vulkan im Tor: Wohl kaum ein Torwart spielt derart emotional wie Andreas Wolff. Nach drei Jahren im Trikot des THW Kiel verabschiedet sich Deutschlands Nationaltorwart Nummer eins in Richtung Polen, wo er zukünftig für Kielce auflaufen wird.

13.06.2019