Deutschland zittert sich zum WM-Auftaktsieg

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Freitag, 13.01.2017 // 20:29 Uhr

Auftaktsieg für die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der WM 2017 in Frankreich. Gegen Ungarn spielten die Bad Boys eine bärenstarke erste Halbzeit und führten kurz vor der Pause bereits mit sieben Toren Vorsprung. Doch es sollte noch einmal eng werden, Ungarn schnupperte im zweiten Durchgang mehrfach am Ausgleich. Der Europameister behielt aber kühlen Kopf und setzte sich - dank der 13/8 Treffer von Kapitän Uwe Gensheimer und 14 Paraden von Silvio Heinevetter - schließlich mit 27:23 (16:11) durch.

Gensheimer wieder dabei

Kapitän Uwe Gensheimer, der aufgrund des Todes seines Vaters die letzten Tage der Vorbereitung verpasst hatte, war rechtzeitig zum WM-Auftakt ins Team zurück gekehrt. Daher musste THW-Linksaußen Rune Dahmke ebenso auf der Bank Platz nehmen wie Vereinskollege Andi Wolff. Patrick Wiencek indes spielte von Beginn an am Kreis und bildete zusammen mit Finn Lemke den Mittelblock der deutschen 6:0-Deckung.

Und das DHB-Team startete verheißungsvoll: Kai Häfner erzielte den ersten Treffer, während Keeper Silvio Heinevetter sogleich die ersten zwei Würfe der Magyaren entschärfte. Zwar traf Ungarns Kapitän Laszlo Nagy wenig später zum Ausgleich, der Linkshänder von MKB Veszprem sollte aber im weiteren Spielverlauf keine größere Rolle mehr spielen. Denn aus einer kompakten Abwehr heraus rissen die Bad Boys die Partie schnell an sich. Nach einem weiten Heinevetter-Pass traf Gensheimer per Gegenstoß zum 4:2, und auch die erste Drei-Tore-Führung (8:5, 17.) ging auf das Konto des Kapitäns. Dieser konnte sein Torekonto auch dank vieler Strafwürfe weiter nach oben schrauben, die Paul Drux, Häfner und Co. sich erarbeiteten.

Furioser Zwischenspurt

Bis zum 8:7 durch Gabor Ancsin konnte Ungarn noch einigermaßen mithalten, doch dann erwischte der Europameister seine beste Phase: Während Silvio Heinevetter in den folgenden neun Minuten nur zweimal hinter sich greifen musste, erhöhten Gensheimer, Groetzki und Häfner bis kurz vor der Pause bis auf 16:9. Dann allerdings bekam Drux die erste Zeitstrafe, und in Überzahl konnte Ungarn bis zum Pausenpfiff zumindest noch auf 16:11 verkürzen.

Deutschland verschläft Wiederanpfiff

Paul Drux versucht sich gegen Gabor Ancsin durchzusetzen.

Nach dem Seitenwechsel verkürzte Zsolt Balogh, der mittlerweile mit Gabor Csaczar und Iman Jamali den Rückraum der Ungarn bildete, schnell auf 16:12. Das Team von Trainer Xavi Sabate hatte nun wieder Blut geleckt, zumal sich Wiencek und Häfner weitere Zeitstrafen abholten und der deutsche Angriff nun einer viel offensiver raustretenden Deckung entgegen sah. So war der einst komfortable Vorsprung trotz einiger weiterer Heinevetter-Paraden bereits fast aufgebraucht, als Csaszar in der 38. Minute zum 16:15-Anschluss durch die deutsche Abwehr marschierte.

Ausgleich nicht zugelassen

Erst Kai Häfner gelang es, die insgesamt neunminütige deutsche Torflaute zu stoppen. Fortan entwickelte sich ein Krimi, in dem es den Ungarn aber nicht gelingen sollte, den Spielstand auszugleichen. Gensheimer, der sich zu Beginn des zweiten Durchgangs ebenfalls zwei Fahrkarten erlaubt hatte, fand wieder in seinen Rhythmus zurück und erzielte die wichtigen Treffer zum 18:16 und 19:17. Doch es blieb spannend, Zubai verkürzte in der 54. Minute auf 22:21.

Deutschland behält Nerven

Andreas Wolff und Rune Dahmke ballen auf der Bank die Fäuste.

Aber das DHB-Team behielt die Nerven: Erneut holte Drux per Durchbruch einen Strafwurf heraus, den Gensheimer zum 23:21 verwandelte. Als Lekai dann den Ball vertändelte und Häfner mit seinem sechsten Treffer auf 24:21 erhöhte, war der erste Drei-Tore-Vorsprung seit langer Zeit eingetütet. Doch Ungarn verkürzte noch einmal, zwei Treffer von Lekai brachten das 25:23. 77 Sekunden vor Schluss nahm Bundestrainer Dagur Sigurdsson seine letzte Auszeit. Dann bekam Wiencek die Chance, alles klar zu machen, scheiterte zwar an Roland Mikler, doch der Ball blieb in deutscher Hand. Nach einer rüden Attacke von Ligetvari gegen Fäth - folgerichtig mit der roten Karte bedacht - sorgte letztlich Gensheimer vom Siebenmeterstrich für die Entscheidung.

Am Sonntag gegen Chile

Die ersten zwei Punkte in der Vorrundengruppe C sind somit eingefahren, am Sonntag schon kann der Europameister nachlegen. Um 14:45 Uhr (live im Internetstream auf http://handball.dkb.de/) treffen die Bad Boys auf Chile, das seinen Auftakt überraschend mit 32:28 gegen Weißrussland gewann. Im dritten Spiel der Gruppe C treffen am Abend Domagoj Duvnjaks Kroaten gegen Saudi-Arabien an.

Statistik: Deutschland - Ungarn 27:23 (16:11)

Deutschland: Heinevetter (1.-60., 14/1 Paraden), Wolff (n.e.); Gensheimer (13/8), Lemke, Wiencek, Reichmann (n.e.), Fäth (1), Groetzki (4), Häfner (7), Dahmke (n.e.), Kühn (1), Ernst, Pieczkowski (1), Kohlbacher, Drux

Ungarn: Fazekas (1.-30, 5 Paraden), Mikler (31.-60. und bei zwei Siebenmetern, 7 Paraden); Balogh (3), Schuch, Csaszar (3/1), Harsanyi (1), Ligetvari, Nagy (1), Jamali (3), Zubai (2), Banhidi, Szollosi, Juhasz (3), Ancsin (1), Bödö (3), Lekai (3)

Schiedsrichter: Nachevski/Nikolov (Mazedonien)
Siebenmeter: 8/8:2/1 (Heinevetter hält Csaszar)
Zeitstrafen: 6:4 Minuten (Drux, Wiencek, Häfner - Jamali, Schuch)
Rote Karte: Ligetvari (Ungarn)
Spielverlauf: 1:0, 1:1, 2:2, 2:2 (6.), 4:2, 4:3, 5:3, 5:4 (10.), 6:4, 6:5, 8:5 (18.), 8:7 (20.), 12:7, 12:8 (25.), 14:8, 14:9, 16:9, 16:11; 16:15 (38.), 17:15, 17:16 (44.), 18:16, 18:17, 19:17, 19:18, 20:18, 20:19 (50.), 21:19, 21:20, 22:20, 22:21 (54.), 24:21, 24:22, 25:22, 25:23, 27:23.
Zuschauer: 5000 (Kindarena, Rouen (FRA))

KN: Immer wieder Gensheimer

Rouen. Erste Halbzeit: hui! Zweite Halbzeit: pfui! Und sonst noch? Gensheimer, immer wieder Gensheimer. Die deutsche Handball-Nationalmannschaft ist mit einem anfangs bärenstarken, am Ende unnötig zittrigen 27:23 (16:11) in die Weltmeisterschaft in Frankreich gestartet. Ein Spiel vor 5000 Zuschauern in der Kindarena von Rouen, das nur phasenweise Spaß machte. Aber keine Panik! Zur Erinnerung: Das Wintermärchen, das 2016 mit dem Europameistertitel endete, hatte sogar mit einer Niederlage gegen Spanien begonnen.

Am Freitagabend beeindrucken die "Bad Boys" von Bundestrainer Dagur Sigurdsson zunächst gehörig. Nicht in den ersten zehn zähen Minuten, in denen die Partie hin- und herplätschert, bis zum 6:5 (12.) alles offen ist. Sondern in der Art und Weise, wie die deutsche Mannschaft dann die Kontrolle über das Geschehen an sich reißt. Zugegeben, dass Ungarns ewiger Superstar Laszlo Nagy Mitte der ersten 30 Minuten verletzt passen muss, spielt Sigurdsson in die Karten. Der stellt um, beordert Julius Kühn für Patrick Wiencek in den Abwehr-Innenblock und für Paul Drux in den (halblinken) Rückraum. 8:5 (18.), 12:7 (25.), 16:9 (29.) - Deutschland spielt stabil, gelassen, europameisterhaft. Besonders einer: Kapitän Uwe Gensheimer. Nach dem überraschenden Tod seines Vaters war der Linksaußen erst am Donnerstag wieder zur Mannschaft gestoßen, zeigt sich im WM-Auftaktspiel mental stark, verwandelt acht von acht Siebenmetern und benötigt 15 Versuche für am Ende insgesamt 13 Tore - überragend. Im Tor spielt sich Silvio Heinevetter, der 60 Minuten lang den Vorzug vor dem Kieler Andreas Wolff bekommt (Sigurdsson: "Das ist nur ein Gefühl für den Moment"), nach einer tollen Parade gegen Nagy (3.) so richtig in WM-Form und sagt später: "Noch ist die Abstimmung mit der Abwehr nicht bei 100 Prozent."

Nach der Pause zerfasert dann alles. Die Suche nach Lösungen läuft allzu oft ins Leere, defensiv wie offensiv. So wird der Rückraum zur größten Baustelle: Nur drei Tore gelingen den Rechtshändern (Fäth, Kühn, Pieczkowski). Ihnen bleibt die "Gänsehaut" (Julius Kühn) beim Anblick dessen, was Uwe Gensheimer weiter auf das Spielfeld zaubert. Von zwei Fehlversuchen und zwei technischen Fehlern lässt sich der Wahl-Franzose nicht beeindrucken, stemmt sich mit wichtigen Toren zum 18:16 (45.) und 19:17 (46.) gegen die aufkommenden Ungarn, die mit ihrer 4:2-Deckung auf den Halbpositionen weit herauskommen, den Wirkungskreis einer deutschen Auswahl stören, die ohne Ball in Bewegungslosigkeit erstarrt. Gensheimer, immer wieder Gensheimer - der Ex-Löwe wird als bester Spieler der Partie ausgezeichnet. Und am Ende ist da zum Glück auch noch Kai Häfner auf Halbrechts mit dem wichtigen, vorentscheidenden 25:22 (58.) und Silvio Heinevetter im Tor. Der Schlussakkord gebührt wieder Uwe Gensheimer, der den Ball im leeren ungarischen Tor versenkt. Freitag, der 13. Januar, sein 13. Treffer, was für eine Show!

"Wir haben uns nach der Pause zu viel Stress gemacht, wollten eigentlich so weiterspielen wie in der ersten Halbzeit", sagt THW-Kreisläufer Patrick Wiencek. "In der zweiten Halbzeit hat unser Angriffsmotor einfach nur gestottert, die Bewegung hat gefehlt", ergänzt Kai Häfner. Was zählt, "ist nur der Sieg, auch wenn wir ein paar Probleme hatten", weiß der Kieler Rune Dahmke, der nach Magen-Darm-Problemen nicht zum Einsatz kam. Darum hieß es an diesem Freitagabend auf Linksaußen auch: Gensheimer, immer wieder Gensheimer.

(Von Timo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 14.01.2017)

 

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